Die Charidschiten () oder Chawāridsch () waren eine religiös-politische Oppositionsbewegung des frühen Islams, die nach der Ermordung des dritten Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān im Jahre 656 entstand. Sie unterstützten während der ersten Fitna zunächst den vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib, wandten sich aber nach der Schlacht von Siffin von ihm ab, als sie sahen, dass er sich bei seiner Auseinandersetzung mit seinem Herausforderer Muʿāwiya ibn Abī Sufyān auf ein Schiedsgericht einlassen wollte.
Ende des 7. Jahrhunderts spaltete sich das Charidschitentum in zahlreiche Untergruppen auf, so die radikalen Azraqiten, die Nadschadāt, die Sufriten und die gemäßigten Ibaditen. In der Umayyaden- und Abbasiden-Zeit war das Charidschitentum in der Dschazīra mit Mossul, in Oman und im Hadramaut sowie in verschiedenen Gebieten des Maghreb und Chorasan verbreitet. Außerdem errichteten in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts die sufritischen Charidschiten in Sidschilmasa an der Transsahara-Handelsroute in das Reich von Ghana ein eigenes Herrschaftsgebiet.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 128, Zeile 5–8. Von den verschiedenen charidschitischen Untergruppen besteht allein das gemäßigte Ibaditentum mit Anhängern in Oman, Nordafrika und an der ostafrikanischen Küste bis heute fort. Die Ibaditen der Gegenwart betrachten sich selbst allerdings nicht mehr als Charidschiten, sondern als Gruppe, die in Opposition zu den radikalen Strömungen innerhalb des Charidschitentums entstanden ist.Vgl. Lutz Berger: Mit den Waffen des Islams gegen Zionisten und Anthropomorphisten. Die politische Relevanz mittelalterlicher Theologie im ibāditischen Islam der Gegenwart. In: Die Welt des Islams 48, 2008, S. 222–239. Hier S. 229f. und Muḥammad Nāṣir Bū Ḥaǧǧām: Tauḍīḥ makānat al-Ibāḍīya min al-ḫawāriǧ. As-Sīb 1993.
Name und Alternativbezeichnungen Nach Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. ca. 935) erklärt sich der Name Chawāridsch damit, dass sie gegen ʿAlī auszogen.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 127, Zeile 16 – S. 128, Zeile 1. Ibn Manzūr zufolge wurden sie deswegen so genannt, weil sie sich von den Menschen abwandten (li-ḫurūǧihim ʿan an-nās).Ibn Manẓūr: Lisān al-ʿArab. Dār Ṣādir, Beirut 1955–1956. Reprint Qom 1984. Bd. II, S. 251a, Zeile 16. Digitalisat Der Name al-Chāridschīya als Sektenbezeichnung findet sich so auch bei al-Aschʿarī.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 128, Zeile 5.
Allerdings waren Chawāridsch und al-Chāridschīya immer nur Fremdbezeichnungen. Die Angehörigen der Bewegung selbst bezeichneten sich meist als . Al-Aschʿarī erklärt damit, dass sie sagten: „Wir haben unsere Seelen im Gehorsam Gottes verkauft.“ Damit hätten sie gemeint, dass sie ihre Seelen für das Paradies verkauft hätten.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 128, Zeile 3f. Dies entspricht dem Prinzip des Schirā', das bei ihnen eine tragende Bedeutung hatte. Nach ihrem ersten Lager in Harūrā' nahe Kufa wurden die Charidschiten auch Harūrīya genannt. Ein weiterer Name für sie war al-Māriqa (die Abweichler). Im Gegensatz zu den anderen Bezeichnungen lehnten sie diesen Namen jedoch ab, weil sie sich nicht als „Abweichler von der Religion“ (māriqa min ad-dīn) betrachteten.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 127, Zeile 14f.
Manche arabische Autoren verwenden den Begriff „Charidschiten“ nicht nur für eine historische religiös-politische Gruppierung, sondern auch allgemein für rebellisch eingestellte Muslime. So wird nach der Definition asch-Schahrastānīs jeder, „der sich gegen einen rechtmäßigen Imam auflehnt, den die Gemeinde mit Uebereinstimmung anerkannt hat, Charidschit genannt, gleichviel ob die Auflehnung in den Tagen der Sahāba gegen die rechtgeleiteten Imame geschah oder gegen die Imame der nachfolgenden Zeit.“aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal. 1842, Bd. I, S. 85. – Deutsche Übers. Th. Haarbrücker. Bd. I, S. 128.
Entstehung Protest in Siffīn gegen das geplante Schiedsgericht Entstehungshintergrund des Charidschitentum ist der Zerfall der muslimischen Gemeinschaft nach der Ermordung von ʿUthmān ibn ʿAffān in zwei Lager, von denen eines den Schwiegersohn des Propheten ʿAlī ibn Abī Tālib in Kufa unterstützte und das andere Muʿāwiya I., der als ehemaliger syrischer Gouverneur Uthmans und sein Verwandter die Bestrafung seiner Mörder forderte. Als es im Frühsommer 657 bei Siffīn am oberen Euphrat zu einer militärischen Konfrontation der beiden Lager kam und zu einem bestimmten Augenblick die Anhänger Alis militärisch die Oberhand gewannen, griff Muʿāwiya zu einer List. Er schickte eine Schar Syrer in das Lager ʿAlīs, die an die Spitzen ihrer Lanzen Koranexemplare befestigt hatten und mit lauter Stimme riefen, man solle einen Waffenstillstand gewähren und die Entscheidung dem Urteil des heiligen Buches überlassen. Als ʿAlī der Einsetzung eines Schiedsgerichtes zustimmte, das über das Verhalten ʿUthmāns, die Schuld an dessen Tod und damit indirekt auch die Rechtmäßigkeit seines eigenen Kalifats entscheiden sollte, stieß dies bei einem Teil seiner Anhänger auf Ablehnung. Mit Verweis auf Koranverse, die den Kampf gegen Rebellen gebieten, meinten sie, dass gerade ein solches Schiedsgericht unrechtmäßig sei, weil es nur ein menschliches Urteil fällen könne, während sie den Ausgang der Schlacht als Gottesurteil verstanden. Noch während sie in Siffīn waren, erhoben einige von ihnen in Anlehnung an koranische Formeln (vgl. z. B. Sure 12:40) den Ruf: „Die Entscheidung/Herrschaft steht allein Gott zu!“ (lā ḥukma illā li-Llāh).Vgl. Brünnow: Die Charidschiten unter den ersten Omayyaden. 1884, S. 13–15.
Die Muhakkima, Auszug nach Harūrā' Diesen Leuten, die wegen ihrer Parole auch genannt wurden, schlossen sich auf dem Rückweg nach Kufa noch einige andere an. Als ihre Anzahl auf mehrere tausend angewachsen war, zogen sie sich in einen in der Nachbarschaft von Kufa gelegenen Ort namens Harūrāʾ zurück und sagten sich von der Herrschaft ʿAlīs los. Offenbar verbanden sie mit ihrer Parole theokratische Vorstellungen, denn sie verkündeten, dass man den Treueeid (Baiʿa) allein auf Gott leisten dürfe. Sie betonten außerdem das koranische Prinzip des Gebieten des Rechten und Verbieten des Unrechten und forderten, dass ein Konsultativgremium den neuen Führer der Gemeinschaft wählen sollte. Um die Leute von Hārūrāʾ zur Aufgabe ihres Widerstandes zu bewegen, nahm Alī mit ihren Anführern Verhandlungen auf. Aus dem, was über diese Verhandlungen überliefert ist, geht hervor, dass die Leute von Hārūrā die Tötung von Uthman, von Talha und az-Zubair bei der Kamelschlacht sowie der Anhänger von Muʿāwiya als rechtmäßig ansahen und von einem Schiedsgericht erwarteten, dass ihnen die Berechtigung für ein Vorgehen gegen diese Personen abgesprochen werden sollte.Vgl. Brünnow: Die Charidschiten unter den ersten Omayyaden. 1884, S. 15–17.
Der Auszug nach Nahrawān und der Aufstand gegen ʿAlī miniatur|Der Nahrawan-Kanal auf einer Photographie aus dem Jahr 1909 Offenbar gelang es ʿAlī, einige Leute von Hārūrā mit seiner Herrschaft zu versöhnen und zur Rückkehr in sein Lager zu bewegen. Allerdings kam es im Frühjahr 658 zu einem zweiten Auszug der Unzufriedenen, als klar wurde, dass ʿAlī an der Abhaltung des Schiedsgerichts festhalten wollte. Dieser Auszug, an dem sich drei- oder viertausend Menschen beteiligten, führte zum Nahrawan-Kanal östlich des Tigris. Im Kampf wurden sie Schabath ibn Ribʿī angeführt. Dann leisteten sie am 21. Schawwāl 37 (= 1. April 658) ʿAbdallāh ibn Wahb ar-Rāsibī den Treueid.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 128, Zeile 13–15. Von ʿAlī forderten sie das Eingeständnis, dass er mit seiner Zustimmung zum Schiedsgericht eine Sünde und einen Akt des Unglaubens begangen habe, und forderten weiter die Rücknahme seiner Entscheidung. Der Fanatismus der Angehörigen dieser Gruppierung manifestierte sich in einer Anzahl von terroristischen Aktionen. Sie erklärten bald nicht nur ʿAlī und ʿUṯmān für Ungläubige, sondern auch alle diejenigen, die ihnen in dieser Auffassung nicht zustimmten. Personen, die ʿUthmān und ʿAlī nicht verfluchen wollten, wurden grausam ermordet. Diejenigen Menschen, die sich an dem Auszug nach an-Nahrawān beteiligten, werden in den arabischen Quellen als Chawāridsch (sg. ) bezeichnet, was im Deutschen mit dem Begriff „Charidschiten“ wiedergegeben wird.Vgl. Brünnow: Die Charidschiten unter den ersten Omayyaden. 1884, S. 17–20.
Die Größe der charidschitischen Armee schwoll immer weiter an. ʿAlī, der zunächst einer Konfrontation mit den Charidschiten aus dem Weg gegangen war, um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, war aufgrund der zunehmenden Aggressivität dieser Gruppe gezwungen, gegen sie vorzugehen. Nachdem es ihm gelungen war, einige von jenen, die nach an-Nahrawān gezogen waren, zurückzugewinnen, unternahm er im Mitte Juli 658 einen Angriff auf die Übriggebliebenen und richtete am Kanal von Nahrawān ein Massaker unter ihnen an. Dabei wurde auch ʿAbdallāh ibn Wahb ar-Rāsibī getötet.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 129f. In der Zeit zwischen September 658 und Februar 659 kam es zu einer ganzen Reihe charidschitischer Aufstände gegen ʿAlī.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 130f. Im Januar 661 wurde er schließlich durch den Charidschiten ʿAbd ar-Rahmān ibn Muldscham al-Murādī, der das Gemetzel von an-Nahrawān damit rächen wollte, ermordet.Vgl. Brünnow: Die Charidschiten unter den ersten Omayyaden. 1884, S. 20–24.
Verfolgung und Aufspaltung Unter den umayyadischen Kalifen Muʿāwiya I. (reg. 661–680) und Yazid I. (reg. 680–683) fanden weitere charidschitische Aufstände statt,Madelung: Religious Trends in Early Islamic Iran. 1988, S. 56. doch ließen die beiden Kalifen die Charidschiten brutal verfolgen. Ihre Statthalter im Irak, Ziyād ibn Abī Sufyān (665–673) und sein Sohn ʿUbaidallāh ibn Ziyād (673–683), sollen 13.000 von ihnen getötet haben.C.F. Robinson: “ʿUbayd Allāh ibn Ziyād” in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. X, S. 765b. Bis zu dieser Zeit waren die Charidschiten eine einigermaßen homogene Gemeinschaft. Eine Änderung trat ein, als ʿUbaidallāh nach dem Tod Yazids 683 die Gefängnisse öffnete und 400 Charidschiten freiließ.Vgl. Brünnow: Die Charidschiten unter den ersten Omayyaden. 1884, S. 55. Mehrere von ihnen zogen nach Mekka, um den dortigen Kalifen Abdallah ibn az-Zubair zu unterstützen, doch wandten sie sich von ihm ab, als sie sahen, dass er ihre politischen Ansichten nicht teilte. Einige von ihnen, unter ihnen Nāfiʿ Ibn al-Azraq, leisteten Widerstand, als Ibn Zubair 683 einen Gouverneur in Basra einsetzen wollte.
mini|Die Herrschaftsgebiete der Azraqiten und Nadschadāt um ca. 686 (in Gelb) Ibn al-Azraq wurde zwar schon recht bald im Kampf getötet, doch weigerten sich seine Anhänger, den Kampf aufzugeben, und zogen sich mit einer großen Anzahl nach Chusistan zurück. Dort zogen diese Azraqiten, wie die Anhänger Ibn al-Azraqs genannt wurden plündernd und brandschatzend durch das Land. Muslime, die in ihren Ansichten von ihnen abwichen oder die sich weigerten, ihnen zu folgen, wurden einschließlich ihrer Kinder und Frauen getötet. Diese Praxis wurde istiʿrād genannt. Nur diejenigen wurden verschont, die die Azraqiten aktiv unterstützten.