mini|Karl Korsch Karl Korsch (* 15. August 1886 in Tostedt in der Lüneburger Heide; † 21. Oktober 1961 in Belmont, Massachusetts, Vereinigte Staaten) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, Jurist, Politiker, Landtags- und Reichstagsabgeordneter, Minister und Hochschullehrer. Er gilt neben Georg Lukács, Ernst Bloch und Antonio Gramsci als bedeutendster Erneuerer einer marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Leben und Wirken

Familie Karl Korsch war ein Sohn des Stadtschreibers Carl Korsch und dessen Ehefrau Therese, geborene Raikowski,Hermann Weber: Korsch, Karl. In: Deutsche Biographie, auf: deutsche-biographie.de beide evangelisch-lutherisch geprägt. Karl hatte fünf Geschwister, einen Bruder und vier Schwestern. Die Familie des Vaters bewirtschaftete seit mehreren Generationen einen Gutshof im westpreußischen Friedland. Das Ehepaar übersiedelte nach der Heirat nach Tostedt, Kreis Harburg, Preußen, und von dort später ins fränkisch geprägte thüringische Meiningen, wo der Vater als Bankbeamter arbeitete und zuletzt als Bankdirektor fungierte.Korsch, Karl, geb. am 15.08.1886 in Tostedt, Kreis Harburg (Pr.). In: Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten, reichstag-abgeordnetendatenbank.de

Karl Korsch heiratete 1913 die römisch-katholische Hedwig Francisca Luisa Gagliardi, genannt Hedda (1890–1982), die er in Jena kennengelernt hatte.Karl Korsch: Revolutionary Theory. Douglas Kellner (Ed.), University of Texas Press 1977. ISBN 978-0-292-75739-4, S. 5–6, 24–25, 27, 31–32, 47, 64, 69–71, 102, 112, 170, 291, 295 Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor, Sybille (1915–1996, verh. Escalona), genannt „Billchen“, und Barbara Maria (* 30. März 1921; † 26. März 2017 in Santa Monica, Kalifornien, USA).Barbara Korsch Ward M.D. 1921–2017. In: Los Angeles Times; legacy.com Hedda Korschs evangelisch-lutherische Mutter Marie Pauline Adelheid Gagliardi (* 2. April 1858 in Berlin; † 10. August 1928 in Berlin-Charlottenburg), geb. Dohm,Heiratsurkunde Ernesto Francesco Antonio Gagliardi und Marie Pauline Adelheid Dohm, Standesamt Berlin, Nr. 486, 15. Juni 1888; als Trauzeugen sind verzeichnet: für den Bräutigam der Bildhauer Max Klein, für die Braut deren Schwager, der Bankdirektor Hermann Rosenberg (1847–1917) war eine Tochter des Redakteurs, Schriftstellers und Übersetzers Friedrich Wilhelm Ernst Dohm (geboren als Elias Levy) und dessen Ehefrau, der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Hedda Korschs römisch-katholischer Vater Ernesto Francesco Antonio Gagliardi (* 14. April 1854 in Chieri, Piemont, Italien; † 9. Juli 1933 in Berlin) war Journalist bzw. Redakteur und firmierte später als Schriftsteller.Geburtsurkunde Hedwig Francisca Luisa Gagliardi, Standesamt Schöneberg, Nr. 692/1890

Schule und Studium mini|Das Gymnasium Bernhardinum in Meiningen besuchte er von 1898 bis zum Abitur 1906 mini|Während seiner Studienzeit besuchte Karl Korsch regelmäßig Versammlungen im Volkshaus Jena Karl Korsch besuchte zunächst in seinem Geburtsort die Volksschule. Nachdem die Familie nach Obermaßfeld umgezogen war, besuchte Karl Korsch ab 1898 das Gymnasium Bernhardinum in Meiningen, wo er 1906 das Reifezeugnis erhielt. Neben der Schullektüre studierte Karl Korsch philosophische Werke, wozu ihn sein Vater ermutigt hatte. Im Unterschied zu diesem, einem Leibnizianer, betrachtete sich der Sohn zu dieser Zeit als Kantianer.

Von 1906 bis 1909 studierte Karl Korsch Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München, an der Universität Genf, an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und an der Sächsischen Gesamtuniversität zu Jena.Utz Maas: Korsch, Karl. In: Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945, zflprojekte.de

In Jena begründete er im Sommersemester 1908 zusammen mit Julius Frankenberger die Freistudentenschaft (auch: Finkenschaft, Wildenschaft) neu.Meike G. Werner: „Bilder zukünftiger Vollendung“ – Der freistudentische Serakreis 1913 in den Tagebüchern und Briefen von und an Wilhelm Flitner. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Band 38, Heft 2, S. 479–513 ; . Er gilt als eine der führenden Persönlichkeiten innerhalb der freistudentischen Bewegung, die sich gegen die Korporierten stellte und somit frei jeglicher Korporation darstellte. Dabei ging es auch um studentischen Widerstand gegen eine sich abzeichnende Fokussierung des Studiums auf reine Qualifizierung für spezifische Berufsbilder. Dabei unterhielt er beispielsweise enge Kontakte zu Rudolf Carnap, Hans Reichenbach und Karl Wittfogel.

Als Redakteur fungierte Karl Korsch bei der Jenaer Hochschulzeitung, in der er mit zahlreichen Beiträgen durch marxistische Argumentation eine explizit politische Linie vertrat. Daneben suchte er Versammlungen im Volkshaus Jena auf.

Nach seinem ersten juristischen Staatsexamen absolvierte Karl Korsch von 1909 bis 1910 ein Referendariat in Meiningen. Danach promovierte er 1910 bei Heinrich Gerland an der Sächsischen Gesamtuniversität zu Jena mit einer Dissertation über Die Anwendung der Beweislastregeln im Zivilprozeß und das qualifizierte Geständnis zum Doctor iuris (Dr. iur.).Karl Korsch: Die Anwendung der Beweislastregeln im Zivilprozeß und das qualifizierte Geständnis. Walter de Gruyter, Berlin 1911. Reprint: 2020, ISBN 978-3-11-117432-7, degruyter.com

Im Januar 1912 zog Karl Korsch auf Empfehlung der Jenaer Sächsischen Gesamtuniversität nach London, um dort juristische, ökonomische und politische Studien zu betreiben, und arbeitete als wissenschaftlicher Assistent bei Maximilian Joseph Ernst Schuster (* 7. Juli 1850 in Frankfurt am Main;Geburtsurkunde Maximilian Joseph Ernst Schuster, Standesamt Frankfurt am Main, Nr. 639/1850, S. 380 † 10. Dezember 1924 in London). Während dieser Zeit wurde er Mitglied der sozialistischen Fabian Society.

Militärzeit mini|Karl Korsch, um 1914 1910/1911 leistete Korsch in Meiningen beim 2. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 32 seinen Wehrdienst ab. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 kehrte Korsch nach Deutschland zurück und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Vom 1. August 1914 bis zum 1. Dezember 1918 war er an der Front. Im August 1914 wurde er nach pazifistischen Äußerungen vom Offiziersrang Leutnant der Reserve zum Unteroffiziersrang eines Vizefeldwebels degradiert. Er wurde zweimal schwer verwundet, mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet und bis zum Oberleutnant befördert. Zum Ende des Krieges radikalisierte sich Korsch zunehmend zum überzeugten Sozialisten und Kriegsgegner.

Novemberrevolution 1918 gehörte Korsch zu den Mitbegründern des Arbeiter- und Soldatenrats in Meiningen. 1919 war er zeitweise Mitglied der Sozialisierungskommission für den Kohlenbergbau in Berlin, schloss sich im Juni desselben Jahres der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an und gehörte dort zu deren linken Flügel, der sich auf dem Parteitag in Halle 1920 für den Zusammenschluss mit der KPD aussprach. Er vertrat dabei eine leninistische Linie und wurde für die KPD insbesondere propagandistisch aktiv.Entgegen Erich Gerlachs Darstellung, Die Entwicklung des Marxismus …, S. 18, betont Michael Buckmiller, dass Korsch damals die vorbehaltlose Zustimmung zur Vereinigung gefordert habe. Nach Gerlachs eigener Darstellung äußerte Korsch erst 1941 Zweifel. Demzufolge stimme nicht, dass Korsch 1920 „gewisse Vorbehalte bezüglich der 21 Aufnahmebedingungen der Komintern“ artikuliert habe. Zitiert nach: Michael Buckmiller: Marxismus als Realität. In: Claudio Pozzoli (Hrsg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung. Band 1: Über Karl Korsch. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1973. S. 36 f.

Berufliches Wirken mini|Neue Zeitung (Jena), 13. August 1920, Beilage, S. 1 Im Jahr 1919 habilitierte sich Korsch an der juristischen Fakultät in Jena. Seine im Oktober 1919 eingereichte Habilitationsschrift über Recht und Rechtsschutz im englischen Zivilprozeß ist nicht erhalten, lediglich die beiden Habilitationsgutachten.Michael Buckmiller (Hrsg.): Karl Korsch – Gesamtausgabe, Rätebewegung und Klassenkampf. Band 2. Europäische Verlagsanstalt 1980, ISBN 3-434-00302-9, S. 563–566. In Jena lehrte er zunächst als Privatdozent. Ende August 1923 wurde er gegen den Willen von Fakultät und Universitätsleitung zunächst zum außerordentlichen, ab 1. Oktober dann zum persönlichen ordentlichen Professor für Zivil-, Prozess- und Arbeitsrecht berufen.Matthias Steinbach: Das verschlossene Tor der Universität. Karl Korsch (1886–1961). In: Matthias Steinbach, Michael Ploenus (Hrsg.): Ketzer, Käuze, Querulanten – Außenseiter im universitären Milieu. Bussert & Stadeler, Jena / Quedlinburg 2008. ISBN 978-3-932906-84-8, S. 288–299

Zusammen mit seiner Ehefrau, Martin Luserke, Paul Reiner und Karl August Wittfogel war Karl Korsch 1920 als Lehrer einer Räteschule der Jenaer Arbeiterschaft vorgesehen. Lehrer und Kursteilnehmer mussten einer sozialistischen Partei angehören (siehe Zeitungsartikel rechts).Neue Zeitung (Jena), 13. August 1920, 2. Jahrg., Nr. 177, Beilage, S. 1. Im Mai des Jahres 1923 nahm er an der Marxistischen Arbeitswoche teil, als deren geistiger Urheber er gelten kann.Michael Buckmiller: Die „Marxistische Arbeitswoche“ 1923 und die Gründung des „Instituts für Sozialforschung“. In: Willem van Reijen, Gunzelin Schmid Noerr (Hrsg.): Grand Hotel Abgrund. Junius, Hamburg 1988, S. 141–182 (Zitatstelle: S. 156)

Vom 16. Oktober bis zum 12. November 1923 war Korsch Staatsminister für Justiz im thüringischen Regierungskabinett Frölich II, einer Koalition aus SPD und KPD (siehe auch: Deutscher Oktober), bis die KPD-Minister durch ihren Rücktritt der durch Notverordnung von Reichspräsident Friedrich Ebert drohenden Reichsexekution zuvorkamen. Zu seinen Mitarbeitern zählte Paul Reiner.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 82 Nach der militärischen Besetzung Thüringens musste Korsch zeitweise untertauchen, weil er zur Bildung proletarischer Hundertschaften aufgerufen hatte.Michael Buckmiller: Marxismus als Realität. In: Jahrbuch Arbeiterbewegung, Nr. 1, Über Karl Korsch, Claudio Pozzoli (Hrsg.), Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 55

Im Februar 1924 wurde Korsch in den Thüringer Landtag gewählt, im Juli rückte er in den Reichstag nach, gab daraufhin sein Landtagsmandat auf und wurde auch bei den Reichstagswahlen im Dezember 1924 wiedergewählt. Im Mai 1924 übernahm er die Funktion des Herausgebers des theoretischen KPD-Periodikums Die Internationale und nahm im Sommer 1924 am 5. Weltkongress der Komintern in Moskau teil.

Der Versuch Korschs, im Mai 1924 in Jena eine Antrittsvorlesung zu halten und an die Universität zurückzukehren, scheiterte. Die neue Landesregierung, eine Koalition aus DVP, DNVP und Thüringer Landbund, verweigerte ihm die Ausübung seines Lehrauftrages, beließ ihm aber Rechte und Titel eines ordentlichen Professors. Im August 1925 entschied eine Kammer in zweiter Instanz zu seinen Gunsten gegen das Land Thüringen, das ihm 1924 seine Professur entzogen hatte, so dass er wieder in seine Rechte eingesetzt werden musste.

Am 30. April 1926 wurde Korsch aus der KPD ausgeschlossen. In Berlin formte sich um Korsch ein Zirkel, an dem u. a. Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Susanne Leonhard teilnahmen, der über die kommunistische Theorie diskutierte. Korsch unterhielt zudem eine Verbindung zur oppositionellen Gruppe Sapronow-Smirnow innerhalb der KPdSU (siehe auch: Erklärung der 46).

Durch das nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im April 1933 erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde Korsch entlassen.

Theoretiker der unabhängigen Linken