mini|Feuerprobe des Prinzen Siyawasch: Illustration von Riza-yi Musavvir, MS St. Petersburg, Dorn 333, f. 265v, von 1651

Als Keuschheitsprobe bezeichnet man Verfahren zur Prüfung oder zum Beweis dafür, dass eine Person ihre Keuschheit, verstanden als Jungfräulichkeit, geschlechtliche Enthaltsamkeit oder eheliche Treue, bewahrt hat.

Keuschheitsprobe und Jungfräulichkeitsprüfung Keuschheitsproben umfassen medizinische, magische und – in der Form des Gottesurteils – rechtliche Verfahren. Sie sind als kultische oder rechtliche Praxis, Element des Volksglaubens oder Motiv der Sage und Literatur in vielen Kulturen verbreitet und gehen einher mit je eigenen physiologischen, moralischen und religiösen Vorstellungen, insbesondere auch mit kulturell geprägten Vorstellungen von den Geschlechterrollen von Mann und Frau.

Für die Prüfung vorehelicher Unberührtheit wurde in älteren Kulturen, wie zum Teil noch heute, nach Blutfluss als Folge des ersten ehelichen Geschlechtsverkehrs gesuchtVgl. 5. Buch Mose, Kap. 22, 13–20, wonach die Eltern einer Frau, der von ihrem Mann vorehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen wird, den Ältesten eine „Decke“ als Beweis der Jungfräulichkeit vorweisen sollen oder man suchte durch Beschauen und Betasten des Unterleibes nach Merkmalen wie Schwellung und Weichheit des Uterus, die in der antiken und mittelalterlichen Medizin als typische Auswirkungen des Geschlechtsverkehrs auf den weiblichen Körper galten.Kathleen Coyne Kelly: Performing Virginity and Testing Chastity in the Middle Ages (2000), Kap. I

Daneben finden sich jedoch auch vielfältige andere Verfahren, bezeugt als reale Praxis oder zumindest als Glaubens- oder Erzählmotiv, die geschlechtliche Enthaltsamkeit – sei es vor der Ehe und insofern als Jungfräulichkeit im engeren Sinn, oder während der Ehe (eheliche Treue) oder auch unabhängig von einer Ehe – beweisen oder widerlegen sollten. Sie erscheinen oft als ein Sondertyp der Unschulds- oder Wahrheitsprobe, bei der eine Person durch Gottesurteil oder Magie in ihrer Schuld erwiesen oder als Lügner überführt werden soll. Und sie verbinden sich zum Teil mit der Vorstellung, dass Keuschheit oder Jungfräulichkeit mit besonderen Fähigkeiten einhergeheBernhard Kummer: Jungfrau. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band IV (1932), Sp. 841–854; Eugen Fehrle: Keuschheit. ebenda Sp. 1291–1303. und sich deshalb am Besitz dieser Fähigkeiten auch die Keuschheit oder Jungfräulichkeit dieser Person erkennen lasse.

Beispiele Das 4. Buch Mose schreibt vor, dass eine Frau, die von ihrem Mann der Untreue verdächtigt wird, von einem Priester mithilfe einer Beschwörung und eines Trankes „bitteren, fluchbringenden Wassers“ geprüft werden soll: Ist sie unschuldig, so wird der Trank ihr nicht schaden, ist sie dagegen schuldig, so wird „ihr der Bauch schwellen und die Hüfte schwinden (…), und es wird die Frau zum Fluch werden unter ihrem Volk“. (4. Buch Mose, Kap. 5, 11–28)

mini|Sita, Heldin des indischen Ramayana, erduldet die Feuerprobe (Mughal von ca. 1600) Der Traktat Kethuboth (Von der Ehelichung) des Babylonischen Talmuds erzählt, dass Rabbi Gamaliel II. den Unterschied zwischen einer Jungfrau und einer Nichtjungfrau riechen konnte, indem er sie auf ein Fass mit Wein setzte: bei einer Nichtjungfrau ging der Weingeruch „durch“ (nämlich durch den Mund). Als positiven Nachweis vorehelicher Unberührtheit soll er dieses Verfahren bei einer neuvermählten Frau sogar nachträglich durchgeführt haben, die von ihrem Mann des vorehelichen Geschlechtsverkehrs verdächtigt wurde, weil dieser nach dem eigenen Geschlechtsverkehr mit ihr kein Blut gefunden hatte. (engl. Online-Version), die Deutung, dass der Weingeruch bei der Nichtjungfrau speziell am Mund gerochen wurde, stammt von Raschi, vgl. ebenda

Im indischen Epos Ramayana, in der Fassung des Dichters Valmiki, entstanden vor dem 2. Jh. nach Christus, wird Sita, die Tochter der Erde und Gattin des göttlichen Königs Rama, von dem Dämonenkönig Ravana geraubt und gefangen gehalten. Als Rama nach ihrer Befreiung an ihrer ehelichen Treue zweifelt und es ablehnt, sie wieder als Gemahlin anzunehmen, wählt sie das Mittel der Feuerprobe, um ihre Treue zu beweisen oder andernfalls in den Tod zu gehen. Sie lässt einen Scheiterhaufen errichten, umschreitet erst Rama und dann den Scheiterhaufen, ruft die göttliche Allwissenheit als Zeugen an und begibt sich schließlich ins Feuer. Ihre Tugend ist jedoch so glühend, dass selbst der Feuergott Agni davon versengt wird, der Sita dann unversehrt an Rama zurückgibt.Linda Hess: Rejecting Sita: Indian Responses to the Ideal Man's Cruel Treatment of His Ideal Wife. In: Journal of the American Academy of Religion. 67,1 (1999), S. 1–32; Cristiano Grottanelli: The King's Grace and the Helpless Woman: A Comparative Study of the Stories of Ruth, Charila, Sita. In: History of Religion. 22,1 (1982), S. 1–24.

Laut Pausanias (2. Jh.) mussten die Priesterinnen einer Göttin in der achaischen Stadt Bura ab dem Zeitpunkt ihrer Ernennung Keuschheit bewahren und durften zuvor auch nicht mit mehr als einem Mann verheiratet gewesen sein. Zum Beweis, dass sie darüber die Wahrheit sagten, mussten sie einen Becher Stierblut trinken, das sich bei einer Lüge in tödliches Gift verwandelte.Pausanias, Periegesis, VII, 25, 13 in französischer Übersetzung von Abbé Gédoyn (1731, édition de 1794)

Achilles Tatios (Ende 2. Jh.) lässt gegen Ende seines Romans Leukippe und Kleitophon (X, 7 ff.) die beiden Heldinnen Leukippe und Melite ihre Keuschheit jeweils in einem Gerichtsverfahren beweisen. Die Ehebrecherin Melite beweist erfolgreich die Wahrheit ihres Schwures, dass sie ihren Ehemann nicht während dessen Abwesenheit betrogen habe (tatsächlich hatte sie ihn erst nach seiner Rückkehr betrogen), indem sie mit einem Amulett um den Hals, auf dem ihr Schwur geschrieben steht, in ein Wasser steigt, das einem Unschuldigen nur bis zum Schenkel, einem Meineidigen aber bis zum Hals reicht. Die Keuschheit der tugendhaften Leukippe wiederum wird erprobt mithilfe einer Höhle, in der sich die Syrinx des Gottes Pan befindet: wird eine Jungfrau dort eingeschlossen, so hört man die Syrinx erklingen, und der Eingang der Höhle öffnet sich der Jungfrau von selbst, die bekränzt mit Fichten heraustritt. Fällt die Probe hingegen negativ aus, so hört man stattdessen einen Schrei, und wenn die Priester die Höhle drei Tage später öffnen, so ist die Probandin nicht mehr zu finden.Franz Boll: Zum griechischen Roman. In: Philologus. 66 (1907), S. 1–15, hier S. 11–15 zu den Quellen.

mini|Claudia Quinta: Aus der Handschrift einer französischen Übersetzung von Boccaccios De mulieribus claris, 15. Jh. Claudia Quinta, eine römische Matrone, die in den Ruf der Unkeuschheit geraten war, soll im Jahr 204 v. Chr. ihren Ruf durch einen Beweis übermenschlicher Kraft wiederhergestellt haben. Als der heilige Stein der Kybele auf dem Tiber nach Rom verschifft werden sollte und das Schiff wegen Trockenheit an der Tibermündung auf Grund lief, soll sie ein Gebet an die Göttin gerichtet und das Schiff dann eigenhändig aus der Sandbank befreit haben.Woldemar Görler: Tiberaufwärts nach Rom: ein Thema und seine Variationen. In: Klio. 75 (1993), S. 228–243, hier S. 236 ff.

In der Älteren Edda (9.–11. Jh.) erzählt das dritte Gudrun-Lied (Guðrúnarkviða in þriðja), dass Gudrun von Herkia, einer Magd und früheren Geliebten König Atlis, bei Atli verleumdet wird, ein Verhältnis mit Herzog Dietrich zu haben. Zum Beweis ihrer Unschuld führt Gudrun auf eigenes Verlangen eine Kesselprobe durch, indem sie mit der bloßen Hand Steine aus einem heiligen Kessel mit siedendem Wasser herausholt, den zuvor der „Fürst der südlichen Sachsen“ für diese Probe geweiht hat. Als Gudrun zur Freude Atlis' die Probe besteht, ohne sich zu verbrennen, muss Herkia ihrerseits die Gegenprobe antreten, verbrüht sich den Arm und wird zur Vergeltung für ihre falsche Anklage im Moor hingerichtet.

Das zwölfte Buch der Könige des persischen Dichters Firdusi († 1020) erzählt die Geschichte des Prinzen Siyawasch, der den Verführungsversuchen der Sudebah, einer der Frauen seines Vaters Kai Kawus, widersteht und daraufhin von ihr der Vergewaltigung beschuldigt wird. Der König glaubt zunächst, durch Beriechen der Kleider der beiden die Unschuld seines Sohnes feststellen zu können, wird aber in seinem Urteil wieder wankend und befiehlt schließlich eine Feuerprobe, die diesmal der Mann und nicht die Frau zu bestehen hat. Hundert Karawanen schaffen das Holz für zwei gewaltige Scheiterhaufen herbei, die mit einem schmalen Durchlass nebeneinander errichtet und von zehn Männern angezündet werden. Siyawasch, mit goldenem Helm gerüstet, weiß gekleidet und wie für ein Begräbnis mit Kampfer gesalbt, besteigt sein schwarzes Ross Shabrang und vermag nach einem Gebet an den göttlichen Richter unversehrt zwischen den beiden Feuern hindurchzureiten. Sudebah wird daraufhin auf Verlangen des Volkes zum Tod durch Hängen verurteilt, aber auf Bitten Siyawasch' begnadigt, der trotzdem die Gunst seines Vaters nicht wieder dauerhaft erringen kann.Arthur George Warner/Edmond Warner: The Shahnama of Firdausi. Kegan Paul, Trench, Truebner and Co, London 1909, Band II, S. 200–225 (), zu Parallelen des Stoffes vgl. Stephen Beler: The Diffusion of the Book of Sindbad. In: Fabula. 28, 1–2 (1987), S. 34–58, bes. S. 41 ff.

Nach Darstellung der Annalen des Klosters von Winchester (13. Jh.) musste Emma, die Mutter Eduard des Bekenners, sich noch im Jahr 1043, also mit 56 Jahren, in der Kirche des hl. Swithun von Winchester vor ihrem Sohn und dessen Magnaten einer Feuerprobe unterziehen, um sich und Bischof Ælfwine von Winchester von dem Vorwurf einer unzüchtigen Beziehung reinzuwaschen. Hierzu musste sie, so soll es ihr Ankläger Robert von Jumièges gefordert haben, barfuß neun Schritte hintereinander über neun glühende Pflugscharen tun – vier zu ihrer eigenen Reinwaschung und fünf zur Exkulpierung des Bischofs –, und zwar ohne zu straucheln, jeweils mit vollem Fuß auftretend, und ohne die geringste Verbrennung davonzutragen. Mit der Hilfe Gottes und des hl. Swithun, der ihr in der Nacht zuvor beim Gebet erschienen war, soll Emma die Probe so mühelos bestanden haben, dass sie selbst gar nichts davon bemerkte, sondern anschließend fragte, warum man sie denn aus der Kirche herausbringe, ohne dass sie ihre Probe hätte ablegen dürfen.Annales monasterii de Wintonia. In: Henry Richard Luard (Hrsg.): Annales monastici. (= Rerum britannicarum medii aevi scriptores, 36). Band II. Longmann, London 1865, S. 20–24. Dem Typ nach handelt es sich um ein auch aus Rechtsquellen bekanntes iudicium vomerum ignitorum (Gottesurteil durch glühende Pflugscharen), wie es unter anderem auch Bestandteil der Legende der heiligen Kunigunde wurde.Matthias Wemhoff: Kunigunde, empfange die Krone. Bonifatius-Verlag, Paderborn 2002, S. 85 ff.