mini|Mangbetu-Mutter mit Säugling, Kongo, zwischen 1929 und 1937, Tropenmuseum, Amsterdam

Als Schädeldeformation (Schädeldeformierung, Schädelverformung; Kopfdeformation,Meyers kleines Lexikon. 9. Auflage, 2. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig 1933, S. 1258. künstliche KopfdeformitätGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1971, 4. Ordner (Hyperm–Mel), ISBN 3-541-84004-8, S. K 206.) bezeichnet man sowohl die reversible als auch die irreversible Verformung des Schädels. Diese entsteht meist dadurch, dass auf den noch weichen Säuglings- beziehungsweise Kinderschädel entweder über längere Zeit eine einseitige leichte Belastung (z. B. durch immer gleiche Schlafposition)L. C. Argenta, L. R. David, J. A. Wilson, W. O. Bell: An increase in infant cranial deformity with supine sleeping position. In: J Craniofac Surg. 7(1), Jan 1996, S. 5–11. oder kurzfristig eine starke Belastung (z. B. durch engen Geburtskanal, Geburtszange) einwirkt. Schädeldeformationen sind sowohl in der Medizin als auch in der Ethnologie ein geläufiger Begriff.

Mindestens bis ins 20. Jahrhundert, in milden Formen möglicherweise noch heute, wurden Schädeldeformationen auch künstlich vorgenommen. Diese Eingriffe mussten, um keinen allzu großen gesundheitlichen Schaden hervorzurufen, in der frühen Kindheit, meist durch EinschnürungenBrockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1992, 19. Band, ISBN 3-7653-1119-7, S. 257. oder Bandagieren, hervorgerufen werden. Dabei wurde jedoch das starke Hervortreten der Augen bemerkt.Shane R. Tubbs, E. George Salter, W. Jerry Oakes: Artificial Deformation of the Human Skull: A Review. In: Clinical Anatomy. 19. Jahrgang, 2006, S. 372–377. Während der Völkerwanderungszeit waren solcherlei Deformationen auch zwischen Mitteleuropa und Zentralasien verbreitet. Sie wurde von reiternomadischen Stämmen auf der Flucht vor den Hunnen westwärts getragen und dort von germanischen Völkern übernommen.István Kiszely geht davon aus, dass die völkerwanderungszeitliche Sitte der Schädelverformung im Europa des 5. Jahrhunderts zumeist bei Bevölkerungsgruppen wie Ostgoten, Alanen, Sarmaten und Quaden vorkommt. Besiegte reiternomadische Gruppen wurden von den nach Europa eindringenden Hunnen teils assimiliert und gehörten zum hunnischen Stammesverband, teils gingen vor den Hunnen flüchtende reiternomadische Gruppen mit germanischen Kriegereinheiten ein Bündnis ein. Die frühen Funde hochgeformter Schädel im Osten Europas sind älter als die frühesten Hinweise auf die Hunnen in diesem Raum. Aus Gräberfeldern der Hunnen sind zudem kaum Funde deformierter Schädel bekannt. Vgl. István Kiszely: The Origins of Artificial Cranial Deformation in Eurasia from the Sixth Millenium B. C. to the Seventh Millenium A. D., in: BARIntSer, 50. Jahrgang, Oxford 1978.

Medizin Schädeldeformationen (in der Medizin auch Schädelasymmetrie) können aus verschiedenen Gründen entstehen: Zum einen können sie als Geburtsfolge bei zu starker Einwirkung einer Geburtszange oder bei zu engen Geburtswegen auftreten. In diesem Fall ist die Deformation meist nur vorübergehend.

Eine Schädelasymmetrie kann auch durch stärkere Einwirkungen auf den Schädel über eine längere Zeit, z. B. durch falsches und einseitiges Liegen, verursacht werden.

Im dritten Fall ist die Schädeldeformation eine Folge angeborener oder in den ersten Monaten erworbener Gehirnveränderungen. Diese sind meist dauerhaft. Dazu zählen: Wasserkopf (Hydrocephalus) Großköpfigkeit (Makrozephalie) Kleinköpfigkeit (Mikrozephalie) Turmschädel (Turrizephalus, PyrgocephalusHerbert Volkmann (Herausgeber): Kurt Hoffmann (Bearbeiter): Medizinische Terminologie. 35. Auflage, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, S. 1054.)

Bei der beabsichtigten, in der Völkerkunde und den historischen Wissenschaften beobachteten Deformierung ging man bis vor wenigen Jahren davon aus, dass es keine negativen Folgen für die Gesundheit der Betroffenen gebe. Es scheint jedoch, als seien diese häufiger von bestimmten Krankheiten betroffen. Zu den Folgeerscheinungen zählen etwa das häufigere Vorstehen der oberen Zahnreihe, eine Arthrose der Kiefergelenke und die Verengung der Augenhöhlen.L. Jozsa, I. Pap: Pathological alterations on artificially distorted skulls. In: Annales Historico – Naturales Musei Nationalis Hungarici. 84, 2006, S. 189–194.

Geschichte und Ethnologie mini|hochkant|Kopf einer Prinzessin der Amarna-Zeit Ägyptens (18. Dynastie), Quarzit, Neues Museum, Berlin mini|Schädel von der Halbinsel Krim, der im 19. Jahrhundert fälschlicherweise den Awaren zugeschrieben wurde

Die ältesten Deformationen sind an Neanderthalerschädeln in Shanidar (43.000 v. Chr.) zu beobachten.Erik Trinkaus: Artificial Cranial Deformation in the Shanidar 1 and 5 Neandertals. In: Current Anthropology. 23, 2, 1982, S. 198 f. Allerdings wurden hieran Zweifel geäußert.K. W. Alt: Die artifizielle Schädeldeformation bei den Westgermanen. In: M. Mednikova: Artificial deformation of human head in Eurasian past, Opus: Interdisciplinary Investigation in Archaeology. Institute of Archaeology RAS 5, Moscow 2006, S. 115–126. Als gesichert gelten hingegen entsprechende Funde aus der Jungsteinzeit. Italienische und ungarische Funde belegen die Sitte vor bis zu 10.000 Jahren. Die ältesten Funde stammen aus dem 9. Jahrtausend v. Chr.,A. Yu. Khudaverdyan: Cranial deformation and torticollis of an early feudal burial from Byurakn, Armenia. In: Acta Biologica Szegediensis. 56, 2, 2012, S. 133–139, hier: S. 137. wobei Funde aus dem Kaukasus und der Ukraine wesentlich später erscheinen als Funde im Nahen Osten.

Als noch älter gilt eine andere Form der Schädelmanipulation, die Eröffnung eines Loches im Schädel, die sogenannte Trepanation. Als weitere Manipulation im Kopfbereich erschien das Entfernen der Schneidezähne, das während der Jungsteinzeit in ItalienJohn Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy. Cambridge University Press, 2007, S. 38. und in NordafrikaLouise T. Humphrey, Emmy Bocaege: Tooth Evulsion in the Maghreb: chronological and geographical patterns. In: African Archaeological Review. 25, 2008, S. 109–123. während des Ibéromaurusien fassbar ist (Schädel Hattab II, Nordmarokko, 8900 ± 1100 BPPeter Mitchell, Paul Lane (Hrsg.): The Oxford Handbook of African Archaeology. Oxford University Press, 2013, S. 434.).

Von der Antike bis zum frühen Mittelalter Der griechische Arzt Hippokrates berichtet im 5. Jahrhundert v. Chr. von dem Volk der Makrokephaloi, das seinen Kindern nach der Geburt erst mit der Hand und später mit Bandagen den Kopf deformiert. Er glaubte, diese einmal vorgenommene Manipulation sei erblich, wie Blauäugigkeit.Georg Wöhrle, Jochen Althoff (Hrsg.): Biologie. Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in der Antike. Band 1 (Biologie), Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 978-3-515-07389-9, S. 68 f. Kurt Pollak vermutete ein Bedürfnis nach äußerlicher Unterscheidbarkeit der „Vornehmen“ „von den übrigen Menschen“.Kurt Pollak: Wissen und Weisheit der alten Ärzte. Econ, 1968, S. 48. Archäologisch kann nur in Einzelfällen eine höhere soziale Stellung anhand der Grabausstattung belegt werden. Schädelverformungen gab es auch auf Kreta.

mini|Deformierter Schädel einer Alamannin der Völkerwanderungszeit mini|Deformierter Schädel einer jungen Frau, wahrscheinlich einer Alanin, Museum von Yverdon

Die meisten beabsichtigten Schädeldeformierungen in Eurasien stammen aus dem 1. bis 7. Jahrhundert. Als Ursprungsort wird Zentralasien angenommen, wo sie sich im 1. Jahrhundert belegen lassen. Ethnisch werden sie den Hunnen zugewiesen.

Schädeldeformationen sind im 5. und 6. Jahrhundert gelegentlich an Grabfunden der von den Hunnen unterworfenen oder beeinflussten Völker wie den Goten, Gepiden (in diesen Fällen bis in das 6. Jahrhundert), Thüringern, Alamannen, Franken (bei den letzten beiden eher selten, 7. Jahrhundert), Bajuwaren (mindestens 20 Schädel an 7 Fundstellen, vor allem am Reihengräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße an einem Mann und 10 Frauen), Heruler, Langobarden und Burgundern nachweisbar. Der 1925 von Friedrich Holter publizierte deformierte Schädel der Frau von ObermöllernFriedrich Holter: Das Gräberfeld bei Obermöllern aus der Zeit des alten Thüringen (= Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. Band 12. Heft 1). Landesanstalt für Vorgeschichte, Halle 1925. gehört zu den typischen meist weiblichen Deformationen. Dabei wurde der Kopf mit fest geschnürten Bandagen vom Kindesalter an in eine längliche Form gebracht.

2006 waren in Deutschland 64 Funde mit nachweislichen Schädeldeformationen bekannt, aus der Schweiz 15 und aus Frankreich 43. Die frühesten Gräber lassen sich in Österreich in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts datieren, während deformierte Kinderschädel vom Ende des 5. oder aus dem 6. Jahrhundert nicht mehr nachgewiesen sind. Auch in Ungarn nahm die Zahl der deformierten Kinderschädel nach der Mitte des 5. Jahrhunderts drastisch ab. Am Fundplatz Wien-Mariahilfer Gürtel ließ sich belegen, dass die Sitte etwa im Laufe des letzten Drittels des 5. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Zwar hängt dies wohl mit dem Ende des Attila-Reiches ab 453 zusammen, denn bei Kindern verschwindet die Sitte schon früher. Doch der Brauch, die Verstorbenen ohne Keramikbeigaben zu bestatten, belegt eine Siedlungskontinuität vom 5. bis zum 7. Jahrhundert.Bendeguz Tobias, Karin Wiltschke-Schrotta, Michaela Binder: Das langobardenzeitliche Gräberfeld von Wien-Mariahilfer Gürtel. Mit einem Beitrag zur künstlichen Schädeldeformation im westlichen Karpatenbecken. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 57. Jahrgang, 2010, S. 279–337. (online)

Mittels Isotopenuntersuchungen ließ sich zeigen, dass die Betroffenen meist ortsfest lebten. Es handelte sich demnach nicht um Zugewanderte, die etwa durch Ehekontrakte von anderen Stämmen in das Fundgebiet gelangt waren. Damit konnte wahrscheinlich gemacht werden, dass es sich um Nachahmungsprozesse der nomadischen Kultur durch die germanischen Gruppen handelte.M. Schweissing, G. Grupe: Local or nonlocal? A research of strontium isotope ratios of theeth and bones on skeletal remains with artificial deformed skulls. In: Anthropologischer Anzeiger. 58. Jahrgang, 2000, S. 99–103. Joachim Werner nahm als erster an, dass die Sitte durch die Hunnen verbreitet wurde.J. Werner: Beiträge zur Archäologie des Attila-Reiches. Bayerische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Kl. Abhandl. N. F., München 1956, S. 13–18. Doch ein Teil der Individuen mit Schädeldeformation ernährte sich anders als der Durchschnitt der lokalen Bevölkerung. Sie konsumierten Getreidesorten, die in Mitteleuropa nicht heimisch waren. Untersuchungen an einer Frau aus Burgweinting (Regensburg) ergaben, dass sie sehr wahrscheinlich mütterlicherseits asiatischer Abstammung war, jedoch nach der Strontiumisotopie eine lokale Signatur aufweist.Bendeguz Tobias, Karin Wiltschke-Schrotta, Michaela Binder: Das langobardenzeitliche Gräberfeld von Wien-Mariahilfer Gürtel. Mit einem Beitrag zur künstlichen Schädeldeformation im westlichen Karpatenbecken. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 57. Jahrgang, 2010, S. 279–337, hier: S. 299.

Oft, so mutmaßte man, hatte die Schädeldeformation eine soziale Bedeutung und war der Oberschicht vorbehalten. Die anhand ethnologischer Vergleiche gezogene Schlussfolgerung, es habe sich um Angehörige adliger Gruppen gehandelt, ließ sich anhand der oftmals bescheidenen Grabausstattungen nicht bestätigen. Hier sind wohl eher Assimilationsprozesse an eine zeitweilig als überlegen erachtete Kultur in Betracht zu ziehen.

Neuzeit mini|hochkant|„Toulouse-Deformität“