Als Ungarnwälle bezeichnet die Burgenforschung eine Gruppe meist größerer frühmittelalterlicher Burgwallanlagen in Süd- bzw. Südwestdeutschland, Sachsen und einigen anderen Gebieten. Die Burganlagen entstanden als Reaktion auf die Ungarneinfälle am Ende des Frühmittelalters, die von 899 bis zur Schlacht auf dem Lechfeld 955 dauerten.

Geschichtlicher Hintergrund mini|Rekonstruktion einer typischen größeren Ungarnschutzburg nach dem Vorbild der Haldenburg bei Schwabmünchen (Roger Mayrock, 2001) mini|Das doppelte Hauptwallsystem der Birg bei Hohenschäftlarn (Oberbayern) mini|Die Wallkrone des Hauptwalles der Pfarrerschanze bei Todtenweis mini|Der etwa acht Meter hohe Wall der Vorburg der Haldenburg bei Schwabmünchen mini|Der möglicherweise nachungarnzeitliche Frontwall des Burgstalls Siebnach südlich der Haldenburg mini|Der Runde Berg bei Bad Urach. Hier konnten einige magyarische Dornpfeilspitzen geborgen werden mini|Der Gräbelesberg bei Albstadt

Die Wehranlagen entstanden im 9. und 10. Jahrhundert als Truppenstützpunkte und Schutzburgen für die Bevölkerung. 926 kam es zu einem erneuten, verheerenden Ungarneinfall, nachdem die Steppenreiter bereits erstmals 899 Bayern angegriffen hatten. König Heinrich I. erließ deshalb auf dem Wormser Reichstag eine Burgenordnung, in der die Anlage zahlreicher großer Burganlagen beschlossen wurde. Einige der Burgen wurden neu geplant, meist wurden jedoch ältere Wallanlagen ausgebaut und modernisiert. Zusätzlich ordnete der König die Befestigung bisher schutzloser Städte und Märkte an, es entstand rasch ein dichtes Netz militärischer Stützpunkte und Fluchtburgen in den gefährdeten Gebieten. Allerdings waren einige Burgwälle natürlich bereits vor dieser Zeit angelegt worden, so etwa in Eichstätt und St. Gallen.

Gleichzeitig wurde mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Panzerreiterei begonnen; das bisherige Volksheer und die wenigen berittenen, meist adeligen Krieger konnten der Bedrohung alleine keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzen. Beim Aufbau dieser Reitertruppe konnte man auf karolingische Traditionen zurückgreifen, bereits Karl Martell hatte die Mauren in der Schlacht von Tours und Poitiers mit Hilfe einer solchen gepanzerten Elitetruppe besiegt.

Das alte Volksheer bestand hauptsächlich aus Freien, die den östlichen Reiterkriegern als Fußkämpfer hoffnungslos unterlegen waren. Der Aufbau einer schwergepanzerten Reiterei war eine grundlegende Neuerung, welche die gesellschaftliche und politische Entwicklung Mitteleuropas deutlich veränderte. Die Ausrüstung der Elitekrieger war extrem teuer, die wenigen altadeligen Geschlechter konnten die „Ritter“ nicht allein aus ihren Reihen stellen. Also versah der Adel die Krieger mit einem Lehen, das die wirtschaftliche Absicherung des Panzerreiters gewährleisten konnte. Hierzu wurde auch Klostergut säkularisiert; bevorzugt wurden die Ländereien der von den Ungarn zerstörten Klöster eingezogen und an die Vasallen (Ministerialen) weitergegeben. Später entwickelten sich aus diesen Anfängen der Dienstadel und das mitteleuropäische Rittertum.

Heinrich I. gelang gegen hohe Tributzahlungen die Aushandlung eines zehnjährigen Waffenstillstandes. In dieser Zeit wurden zahlreiche, teilweise riesige Landesburgen und auch unzählige, kleinere Wallbefestigungen angelegt und die Panzerreitertruppe aufgebaut. 933 stellte man die Tributzahlungen vor Ablauf des Waffenstillstandes ein. Als Antwort kam es zu erneuten Angriffen, vorwiegend auf sächsisches und thüringisches Gebiet. Die Angreifer wurden hier jedoch bereits von den Reichstruppen erwartet. Die Bevölkerung war überwiegend evakuiert worden, die großen Landesburgen konnten als ideale Truppenstützpunkte der neuen, gepanzerten Elitetruppe dienen. Die Ungarn wurden durch zwei deutsche Heeresgruppen an der Werra und der Schlacht bei Riade in die Flucht geschlagen; die schwere Reiterei hatte ihre Bewährungsprobe gegen die östlichen Steppenreiter bestanden. Die Niederlagen beeindruckten die Ungarn so sehr, dass es bis zum Tod Heinrichs I. zu keinen weiteren Überfällen auf ostfränkisches Gebiet kam. Später kam es jedoch zu zahlreichen erneuten Übergriffen, die erst durch die vernichtende Niederlage der Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg beendet werden konnten.

Einige der großen Wallanlagen wurden noch kürzere Zeit als Sitze von Grafen oder Vögten weiterbenutzt und ausgebaut, viele aber verlassen und vom Wald überwuchert. Einige hochmittelalterliche Burgen nutzen die ungarnzeitlichen oder ursprünglich älteren Wallanlagen als zusätzliche Annäherungshindernisse, so etwa die Burg Kallmünz in der Oberpfalz oder die Karlsburg über Karlstadt in Unterfranken.

Burgbann und Burgwerk Der kurzfristige Ausbau der großen Ungarnschutzburgen mit ihren weitläufigen Erdwerken war nur durch eine straffe Organisation möglich. Alle heerbannpflichtigen Freien konnten auch zum Burgwerk herangezogen werden. Diese burgbannpflichtigen pagenses wurden durch die Grafen aufgeboten und eingesetzt. Das eigentliche Burgwerk mussten natürlich die Knechte und Hörigen der Freien erbringen. Die optimates, also der reiche Hochadel, wurden direkt vom König aufgeboten. Die zu erbringende Arbeitsleistung bemaß man nach dem Grundbesitz des Burgwerkpflichtigen. Jeder Gruppe (Dörfer, Hundertschaften) oder jedem burgwerkpflichtigen Einzelnen wurde ein Arbeitsabschnitt nach dem „Fußmaß“ zugewiesen.

Burgbann und Burgwerkspflichten waren bereits lange vor den Ungarnstürmen und nicht nur im ostfränkischen Gebiet verbreitet. Der König konnte den Burgbann regional auch an den Hochadel abtreten oder von der Burgwerkpflicht befreien. Gelegentlich sind Burgwerkpflichten noch bis in die frühe Neuzeit belegbar. Besonders in Krisenzeiten wie den Ungarnstürmen war die Burgwerkpflicht mit einem Zufluchtsrecht verbunden. Die Erbauer der Wallanlagen durften also auch selbst mit ihren Angehörigen in der Wehranlage Schutz suchen.

Die meisten der zahllosen kleineren, oft sehr gut erhaltenen Dorfschutzburgen wurden hingegen wohl weitgehend in Eigeninitiative durch die Dorfgemeinschaften errichtet. „Bauernburgen“ sind also nicht etwa generell eine spätmittelalterliche Erscheinung, wie einige Forscher heute annehmen. Hierbei dürfte der Burgbann durch die Grundherren nicht immer vollständig beachtet worden sein.

Der Chronist Widukind von Corvey berichtet von agrarii milites, welchen die Aufsicht über die fertigen Burganlagen übertragen wurde. Es handelte sich hier offenbar um jeweils neun Mann, von denen einer sich hauptsächlich um die Instandhaltung und Bemannung der Wallanlage kümmerte. Die anderen acht mussten den Burgmann mitversorgen und ihn so von den Pflichten der täglichen Feldarbeit entlasten. Im Angriffsfall hatten sich allerdings alle agrarii milites an der Verteidigung zu beteiligen.

Die neuere Forschung geht davon aus, dass diese agrarii milites freie Bauern waren, nicht etwa Unfreie oder gar berittene Ministeriale. Zu den Pflichten der Neunergruppen gehörte auch die Bevorratung der Burg. Die freien Wehrbauern wohnten in der Regel nicht innerhalb der Wälle, sondern bewirtschafteten eigene Höfe im Umfeld. Nur der eigentliche Burgmann dürfte zumindest gelegentlich innerhalb der Burganlage gelebt haben. Die Angaben Widukinds beziehen sich allerdings vornehmlich auf den ihm bekannten sächsischen Bereich.

Wälle Die großen Ungarnschutzburgen unterscheiden sich deutlich von älteren, prähistorischen oder frühgeschichtlichen Befestigungsanlagen. Viele dieser Burgen könnten heute noch innerhalb weniger Tage in einen verteidigungsfähigen Zustand versetzt werden, so gut sind die Erdwerke erhalten. Die Wälle sind zwischen 6 und 15 m hoch, auch die Gräben erreichen entsprechende Tiefen. Die Anlagen liegen oft auf Hügelspornen und werden durch mächtige Hanggräben zusätzlich gesichert. Ein besonderes Kennzeichen sind die gewaltigen Erdwälle, die die Angriffsseite in der Art späterer Schildmauern schützen. Diese Frontwälle werden ebenfalls als Ungarnwälle bezeichnet; der Begriff bezeichnet also entweder die ganze Wallanlage, oder auch nur den großen Hauptwall. Manchmal liegen vor den tiefen Gräben der Frontwälle noch ausgedehnte Vorburgen, die nach der Beseitigung der Ungarngefahr gelegentlich unvollendet blieben. Vor dem äußeren Wall wurden oft ausgeklügelte Annäherungshindernisse angelegt, etwa Wolfsgruben und Baumverhaue. Bei einigen Anlagen, besonders im Augsburger Umland, haben sich auch aufgeschüttete Erdriegel erhalten, die senkrecht vor dem Außengraben angelegt wurden. Diese Erdrippen (Reitergassen) waren sicherlich mit Dornengestrüpp bepflanzt oder durch angespitzte Holzpfähle bewehrt. Die magyarischen Reiter konnten so nicht direkt am Graben entlang galoppieren und die Verteidiger mit den Pfeilen ihrer Reflexbögen beschießen. Auch Fußkämpfer wurden so längere Zeit vom Sturm der Wälle abgehalten und konnten leichter mit Steinen und Bögen bekämpft werden. Die Anlage der Wallburgen trägt so in spezieller Weise der besonderen Kampfweise der Ungarn Rechnung.

Die beeindruckenden Wälle sind in der Regel reine Erdschüttungen, sie sind also nicht durch den Versturz von Holz/Erde- oder Steinmauern entstanden. Die meisten Wallkronen trugen wohl nur Palisaden, sonstige Aufbauten stammen meist aus späterer Zeit. Die Wall- und Grabenböschungen sind sehr steil, nach innen überhöhen die Wälle die Burgplateaus um mehrere Meter.

Neben den großen Landesburgen (firmitates) entstanden zahlreiche kleinere Schutzburgen (munitiones) der Dorfgemeinschaften und einzelner Grundherren. Die charakteristischen Merkmale der großen Burgwälle finden sich hier in reduzierter Form wieder. Widukind von Corvey spricht beispielsweise von solchen kleineren Burgen auf der rechten Lechseite; tatsächlich tragen dort mehrere Wallanlagen deutliche ungarnzeitliche Züge. (Burgstall Burgadelzhausen, Pfarrerschanze und Eselsberg bei Thierhaupten, Vorderer Schlossberg Mering u. a.).

Neben der Haldenburg gilt im weiteren Umkreis des Lechfeldes besonders die Birg bei Hohenschäftlarn (Landkreis München) als Idealfall eines Ungarnwalles. Das weitläufige Bodendenkmal veranschaulicht alle typologischen Merkmale einer solchen Wallanlage, wie sie bereits von Wilhelm Schneider definiert wurden.

Die Abschnittsbefestigung liegt auf einem, von Steilhängen geschützten Geländesporn über der Isar. Dem acht bis zehn Meter hohen Hauptwall ist ein – etwa vier bis fünf Meter tiefer – Doppelgraben mit Mittelwall vorgelagert. Vor dem Wallsystem sind im Gelände noch mehrere Reihen kurzer Erdrippen erkennbar. Vor diesen Reiterannäherungshindernissen liegt noch ein niedriger, wohl frühgeschichtlicher Erdwall. Um die Westseite der etwa 85.000 Quadratmeter umfassenden Wallanlage läuft der typische Hanggraben, der wie bei den meisten ähnlichen Anlagen heute weitgehend zu einer Berme verflacht ist.

Die Birg diente wahrscheinlich als Refugium des nahen Klosters Schäftlarn, bot aber auch der Bevölkerung der umliegenden Dörfer genügend Raum. In zeitgenössischen Urkunden ist von einem oppidum apud sceftilarii die Rede. Die Wallanlage war auch als Truppensammelplatz geeignet. Wenige Kilometer nordwestlich haben sich auf dem östlichen Hochufer die ausgedehnten Erdwerke einer weiteren vor- bis hochmittelalterlichen Burg erhalten. Auch diese Römerschanze wird wieder durch ein mächtiges, frühmittelalterliches Wallsystem geschützt.

Dorn- und Baumverhaue als Annäherungshindernisse Zahlreiche der erhaltenen Schutzburgen waren wahrscheinlich im Vorfeld oder auf den Wällen durch Dornenhecken oder Baumverhaue gesichert. Ältere Wallanlagen konnten so mit relativ wenig Aufwand wieder verteidigungsbereit gemacht werden. Zur Anlage solcher einfacher Verteidigungseinrichtungen eigneten sich besonders die Hagebuche, die rasch neue Äste austreibt oder der Weiß- und Schwarzdorn.