Hygelac ist die Figur des im altenglischen Heldenepos Beowulf vorkommenden Königs der Gauten, dessen königlicher Sippe der Held des Epos, Beowulf, angehört. Der als Onkel und väterliches Vorbild Beowulfs fungierende Hygelac ist im Beowulf die einzige historisch überlieferte Figur, sie gibt dem Epos eine reale Dimension. Die mit Hygelac verknüpften historischen Ereignisse und Personen stimmen mit den anderen Überlieferungen überein. Ein historischer Kern gilt für das Epos Beowulf somit als bewiesen.

Die Geschichtsforschung identifiziert Hygelac (rekonstruiertes Urgermanisch: *Hugilaikaz) mit dem von Gregor von Tours bezeugten "Dänenkönig" Chlochilaicus, der zwischen den Jahren 516 und 522 in Gallien einfiel und dort starb. Ebenso wird Hygelac mit dem Rex Getarum im Liber Monstrorum in Verbindung gebracht.

Leben und Position Im altenglischen Heldenepos Beowulf wird König Hygelac dem Volksstamm der GautenVgl. Geata, Geaten und Götaland zugerechnet. Das Land der Gauten ist neben dem Königssitz Heorot das zweite geographische Zentrum im Beowulf. Es werden jedoch kaum Details zu den Gauten angeführt; der Dichter konnte offensichtlich davon ausgehen, dass diese dem Publikum wohlbekannt waren.

Beowulf ist der Sohn von Ecgþeow und Hygelacs Schwester, das heißt Hygelac ist Beowulfs Onkel. Hygelac, der dritte Sohn des Gautenköngis Hreðel und mit Hygd, der Tochter Haereds verheiratet, hat die Brüder Herebeald und Hæþcyn. Aus der Ehe mit Hygd stammt der Sohn Heardred und eine Tochter, die mit Eofor verheiratet ist.

Die Gauten sind oft in Auseinandersetzungen mit den Schweden verwickelt. Ihr Höhepunkt ist die Schlacht am Rabenholz um 510,Vgl. Beowulf, Vers 2922 ff. an der Hygelac zusammen mit seinem Bruder Hæþcyn teilnimmt. Bei einer Attacke Hæþcyns wird die Gattin des Schwedenkönigs Ongenþeow gefangen genommen. Als sein Bruder in Hrefnesholt mit den Schweden kämpft, kommt Hygelac einen Tag zu spät, als dass er ihn retten könnte: Hæþcyn wird von den Schweden getötet. Doch gelingt es Hygelac, die überlebenden Gauten, die vom Schwedenkönig Ongenþeow belagert werden, zu befreien. Die Schweden fliehen in eine Festung, dort werden sie überwältigt und ihr König Ongenþeow von Eofor erschlagen. Nach dem Tod seines Bruders wird Hygelac König der Gauten.

Später unternimmt Hygelac, mit Beowulf als Gefolgsmann, eine Wikingerfahrt nach Friesland bis zum Niederrhein und von dort zur Nordseeküste, vor deren Erreichen er von den Franken geschlagen wird, wobei er den Tod findet. Dieser Zug gegen die fränkischen Friesen oder Franken, der erste dokumentierte Zug der Wikinger in Westeuropa überhaupt, gilt als historische Tatsache.Vgl. Hygelac fungiert im Beowulf-Epos als mutiger, kriegerischer König, dem es jedoch an Weitsicht und Klugheit mangelt, womit er nicht als Idealkönig gelten kann.

Wikingerfahrt nach Friesland Hygelacs Beutezug nach Friesland wird von der Geschichtsforschung nach dem Bericht in Gregor von Tours' Historia Francorum auf um 521 datiert.Vgl. Fred C. Robinson: The Tomb of Beowulf and the other Essays on Old England. Wiley 1993, ISBN 0-631-17328-5. Der Historiker John Haywood datiert den Zug auf 528. Diese Wikingerfahrt ist die einzige Angabe im Beowulf, die sich historisch verifizieren lässt. Im Epos wird von einem zunächst erfolgreichen Raubzug erzählt, der dann – mit der Ermordung Hygelacs und dem Sieg der Hetware – für die Gauten in einem Fiasko endet. Weiter wird von Beowulfs Rache für Hygelacs Tod und seiner anschließenden schwimmenden Flucht berichtet. In der Nachhut erschlägt Beowulf den Feldzeichenträger Daeghrefn, den Mörder Hygelacs, und kehrt mit reicher Beute zu den Gauten zurück. Als Belohnung bieten ihm die Gauten den verwaisten Thron Hygelacs an.

Gewöhnlicher Plünderungswille wird als der Grund für Hygelacs Überfall angeführt, jedoch wird der Überfall von der Forschung auch als ein bewusstes Eingreifen in den Kampf um die Macht im Westen Europas interpretiert, der zwischen dem Ostgoten Theoderich dem Großen und den Franken geführt wurde.Vgl. Godfrid Storms: The Significance of Hygelacs Raid. In: Nottingham Medieval Studies 14. 1970, S. 3–26. Im Bericht über die Wikingerfahrt nach Friesland werden vier Stämme angeführt, gegen die Hygelac kämpfte: die Franken, Friesen, Hetware und Hugas. Mit welchen Volk die Hugas zu identifizieren sind, ist unklar. Im Beowulf-Epos existieren nur wenige geographische Angaben.

Im Allgemeinen wird das Rheindelta als Ort des Überfalls angesehen. Hygelacs Schiffe sind wohl durch das Kattegatt und dann die Nordseeküste entlang gefahren. Offenbar gelangten sie durch die Zuidersee schließlich in die IJssel.Vgl. Francis P. Magoun: The Geography of Hygelacs Raid on the Land of the West Frisian and Hætt-ware, ca. 530 A. D. In: English Studies 34. 1953, S. 160–163; vgl. Godfrid Storms: The Significance of Hygelacs Raid. In: Nottingham Medieval Studies 14. 1970, S. 3–26. Nach dem Überfall entkamen Hygelacs Gefolgsleute leicht auf der Waal wieder Richtung Nordsee.Vgl. Godfrid Storms: The Significance of Hygelacs Raid. In: Nottingham Medieval Studies 14. 1970, S. 3–26. Hygelac selbst wartete jedoch zu lange, er wurde von den Hetware überwältigt und getötet. Hygelac wurde auf einer der Inseln nahe Friesland begraben.Vgl. (online)

Historische Quellen Der im Beowulf erwähnte Überfall Hygelacs auf das Land der frankischen Friesen wird von der Geschichtsforschung mit dem gleichen Beutezug identifiziert, von dem Gregor von Tours in der Historia FrancorumGregor von Tours, Historia Francorum 3,5; vgl. Kemp Maloune: Hygelac. In: English Studies 21. 1939, S. 108–109. berichtet. Der Dänenkönig Chlochilaicius unternahm einen Beutezug zu den Friesen, der durch das Eingreifen des designierten austrasischen Thronfolgers TheudebertTheudebert war damals noch nicht König, sondern Feldherr unter seinem Vater Theuderich I. mit der Niederlage und dem Tod Chlochilaicius' endete. Ian N. Wood sieht in der Gleichsetzung von Chlochilaich mit Hygelac einen historischen Vorgang,Vgl. Ian. N. Wood: The Merovingian Kingdoms 450-751. Harlow 1994, S. 50, 269. den Morten Axboe mit der von Prokopios und Jordanes hervorgehobenen Machtstärke des im 6. Jahrhundert auftretenden Dänenvolks weiter bekräftigt.Vgl. Morten Axboe: Danish Kings and Dendrochronology. In: G. Ausenda (Ed.): After Empire. Woodbridge 1995, S. 217 f.

Die Historia Francorum, die um 576 niedergeschrieben wurde, ist die früheste Quelle, die von diesem Überfall berichtet. Im Jahr 1817 nahm Nikolai GrundtvigRGA Nikolai Grundtvig als erster den Chlochilaicius der Historia Francorum als mit dem Hyelac im Beowulf identisch an und datierte so die Geschehnisse im Beowulf-Epos zwischen die Jahre 515 bis 530.

Auch im anonymen Liber Historiae Francorum, das um 727 geschriebenVgl. Curt Weibull: Die Geaten des Beowulf-Epos und die dänischen Trelleburgen. In: Humaniora 10. 1974, S. 8–25. und auch unter dem Namen Gesta Regum Francorum bekannt wurde, ist Hygelac als Chochilaicus überliefert.Handschrift c. 19 mit Hygelac als Chochilaicus; vgl. Jane Acomb Leake: The Geats of Beowulf. Wisconsin 1967, S. 121–127. Ebenso ist die Figur Hygelac aus dem Liber Monstrorumidentisch mit dem De Monstris et de Belluit; verfasst im 8. Jahrhundert; enthaltene Namensform Huiglauc bzw. Hunclac, aus Snorri Sturlusons Ynglinga sagaHandschrift c. 22 enthält die Namensvariante Hugleikr sowie aus den Gesta Danorum des Saxo GrammaticusEnthält die Namensvariante Huglec. bekannt.

Zuerst identifizierte Jacob Grimm den Huiglauc oder Hunclac des Liber Monstrorum.Vgl. Kemp Maloune: Hygelac. In: English Studies 21. 1939, S. 108–109. Im Liber Monstrorum wird von einem König der Geten berichtet, der einen Beutezug in das Land der Attuarii (Hattuarien)Vgl. Hetware des Beowulf: siehe Vers 2363 bis 2916. unternahm. Die Attuarii waren zu dieser Zeit ein nordseegermanischer Stamm, der unter dem Schutz des merowingischen Königs zwischen Unterrhein und Zuidersee siedelte.Vgl. Gwyn Jones: Kings, Beats and Heroes. London 1972. Hygelac selbst blieb an Bord seines Schiffes, wo er von Theudeberts fränkischen Truppen überfallen und getötet wurde. Sein riesenhafter Leichnam wurde auf einer der Inseln nahe Friesland in der Rheinmündung bestattet.

Im Beowulf und im Liber Monstrorum kommt Hygelac als Gaute vor, doch sowohl in der Historia Francorum als auch in den Gesta Danorum wird er als Däne bezeichnet.Vgl. Jane Acomb Leake: The Geats of Beowulf. Wisconsin 1967, S. 121–127; vgl. Adelaide Hardy: Historical Perspective and the "Beowulf-Poet". In: Neophilologus 63. 1979, S. 430–440. Die übereinstimmenden Berichte vom Überfall und Tod Hygelacs in den fränkischen Quellen und im Beowulf verweisen zweifellos auf dasselbe historisch verifizierbare Ereignis. Die skandinavischen Quellen, welche von Hygelac handeln – die Gesta Danorum und die Ynglinga saga – berichten jedoch nichts über Hygelacs Wikingerfahrt zu den Franken.

Außer dem Huglec bei Saxo kommt in der skandinavischen Literatur kein weiterer Gaute vor. So ist es zweifelhaft, ob die Gauten im Beowulf ein reales Volk waren, das dann im Dunkel verschwand, oder ob sie nie existierten bzw. mit den Dänen identisch sind.Vgl. Jane Acomb Leake: The Geats of Beowulf. Wisconsin 1967, S. 121–127.

Das im Liber Historiae Francorum genannte, jedoch in der älteren Historiografie des Gregor von Tours nicht erwähnte Schlachtgebiet wird wegen seiner offenbar rezeptiven Abhängigkeit vom Beowulf – insoweit die geografische Zuverlässigkeit betreffend – kontrovers diskutiert. Richard A. Gerberding resümiert dahingehend, dass eher dem Verfasser des Liber H. F. das angelsächsische Epos zugänglich gewesen sein dürfte als dem Dichter das fränkische Geschichtswerk.Vgl. Richard A. Gerberding: A Critical Study of The Liber Historiae Francorum. Dissertation, University of Oxford 1982, S. 82–86. Neben den erzählerischen deuten allerdings sämtliche historische Kontextmerkmale vielmehr auf einen niederrheinisch-friesischen Bereich als, wie etwa von Walter A. Goffart als anachronistisches Gestaltungsmerkmal befürwortet, die z. B. in den Annales sancti Amandi zum Jahr 715 vermerkte Invasion quando Saxones vastaverunt terram Chatuariorum; ein Gebiet, das andere karolingische Quellen als burgundisches pago Athoariorum oder, wie im Liber H. F., als pago Attoarius bezeichnen.Vgl. Walter A. Goffart: Hetware and Hugas: Datable Anachronisms in Beowulf. In: Colin Chase (Hrsg.): The Dating of Beowulf. Toronto 1981, S. 87.

Namenkundliches Hygelac, dessen Name in Alliteration zu einigen Namen seiner Verwandten steht (Hreðel, Herebeald, Hæþcyn und Heardred), ist die einzige historisch verifizierbare Person im Beowulf. Sein Name ist historisch, nicht fiktiv. Dennoch weist der Name Hygelac eine narrative Bedeutung auf, da er mit dem Charakter Hygelacs korrespondiert. Der zweigliedrige germanische Name enthält das Erstglied hyge (altenglisch "Gedanken, Herz, Seele") und als Zweitglied lac (altenglisch "Spiel, Kampf, Verwirrung").

Die Komponente -lac ist ein übliches Namenselement, zum Beispiel gibt es die Namen Cuthlac, Ealac, Hadulac mit dieser Komponente, doch muss -lac hier nicht immer dieselbe Bedeutung tragen. Nach læc (altenglisch "Fehlen"), hugr (altisländisch "Sinn, Herz, Wunsch") und leikr (altisländisch "Spiel, Sport") kann der Name Hygelac als "Gedankenspiel" oder "Gemütskampf" oder "Fehlen des Gewissens" interpretiert werden. Er entspricht somit Hygelacs Charakter, wie er im Beowulf geschildert ist.Vgl. Robert Earl Kaske: Hygelac and Hygd. In: Studies in Old English Literature in Honour of Arthur G. Brodeur. 1963, S. 200–206; vgl. Fred C. Robinson: The Significance of Names in Old English Literature. In: Anglia 86. 1968, S. 52–57.