mini|Historische Bilddokumente zeigen Aussehen und Spielweise der Instrumente und unterstützen so das Verständnis Alter Musik. Fresko von Lattanzio Gambara, um 1560. mini|Spieltechnik der Doppelflöte und der Knickhalslaute in einem Fresko von Simone Martini, 1312–1317 in der Basilika San Francesco, Assisi.

Alte Musik bezeichnet europäische Musikstile aus verschiedenen Epochen vor der eigentlichen klassischen Musik. Alte Musik reicht vom frühen Mittelalter über die Musik der Renaissance bis zum Spätbarock, also etwa zum Jahr 1750. Gelegentlich wird auch der lateinische Ausdruck Musica antiqua und international der englische Begriff Early Music verwendet.

Aufführung und Aufnahmen Alter Musik sind im Wesentlichen eine Domäne spezialisierter Musiker und Ensembles, da besondere historische Musikinstrumente und viel Fach- und Praxiswissen über Musikgeschichte, Instrumentenkunde, Spielweisen, Stimmungssysteme etc. vorliegen müssen, um herauszufinden, wie die Musik früherer Epochen geklungen haben könnte.

Die Versuche der Rekonstruktion stützen sich auf Bilddokumente und Notentexte (siehe Notationen). Alte Musik wurde in England fast lückenlos von Generation zu Generation weiter überliefert. Dennoch veränderte sich die Musik durch den Vorgang des Weitergebens (Tradierens).

Durch die sorgfältige und aufwändige Editionsarbeit von Musikhistorikern, Musikwissenschaftlern und Musikverlagen im 19. und 20. Jahrhundert ist im 21. Jahrhundert ein großer Teil von Kompositionen der Alten Musik der Forschung, dem Konzertleben sowie der allgemeinen Musizierpraxis wieder zugänglich geworden und für die Zukunft gesichert.

Zeitlicher Ablauf, Überblick und die Problematik von Gliederungen mini|Alte und teilweise vergessene Instrumententypen und -formen werden in der Alten Musik wieder neu bewertet und in die Musizierpraxis eingebracht mini|Bereits 1888 begann man in Berlin, das Instrumentarium der Alten Musik zu sammeln; hier ein Serpent aus dem Musikinstrumenten-Museum Berlin

Alte Musik spannt sich vom frühen Mittelalter zum späten Barockzeitalter. Sie setzt sich aus einer Kette sehr verschiedener Musikepochen und unterschiedlicher, auch häufig regional zu differenzierenden musikalischen Schulen zusammen. Dabei lässt sie sich folgendermaßen grob untergliedern:

Musik des Mittelalters Monophonie und Gregorianischer Choral Ars antiqua Minnesang Notre-Dame-Schule Ars nova Trecento Ars subtilior

Musik der Renaissance Franko-flämische Musik Florentiner Camerata Römische Schule Venezianische Mehrchörigkeit Venezianische Schule Englische Madrigalschule Englische Virginalisten

Musik des Barock Frühbarock (etwa 1600 bis 1650), unter italienischer Dominanz; Seconda pratica Bologneser Schule Neapolitanische Schule letzte Englische Virginalisten Clavecinisten Hochbarock (etwa 1650 bis 1710) Spätbarock (etwa 1710 bis 1750), mit Tendenz zur Vereinigung regionaler Stile und Übergang zu Frühklassik; Mannheimer Schule

Hugo Riemann lehnte den Renaissancebegriff als musikgeschichtlichen Epochenbegriff ab und nutzte stattdessen einen Stilbegriff, nämlich „Musik des durchimitierenden a cappella-Stils“. Dementsprechend nannte Riemann die barocke Musik die „Musik des Generalbasszeitalters“.Werner Keil: Musikgeschichte im Überblick. UTB 2012, S. 17.

Auch Ludwig Finscher verwendete in seinem Handbuch der Musikgeschichte von 1989 den Begriff der Renaissancemusik nicht. Er sprach stattdessen von der „Musik des 15. und 16. Jahrhunderts“. Arnold Feil vermied gleichfalls in seiner Musikchronik von 2005 bewusst den Begriff Renaissance, weil „die Musikgeschichte ... keine Renaissance wie die anderen Künste“ kennt.Arnold Feil, Metzler Musik Chronik vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart und Weimar 1993, 2., erweiterte Auflage 2005, Seite 89, ISBN 3-476-02109-2

Selbst die herkömmliche Abfolge und Aneinanderreihung wie Mittelalter – Renaissance – Barock – Klassik – Romantik bleibt nach Arnold Feil „für die Musik ja doch (eine) geborgte Reihe“, dazu „von merkwürdiger Inkonsequenz. Jede Bezeichnung ist woanders hergeholt, keine passt ihrer Herkunft nach zur andern, keine läßt sich mit der andern vergleichen“.Arnold Feil, Musik als Geschichte, in: Metzler Musik Chronik vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart und Weimar, 2., erweiterte Auflage 2005, Seite 850, ISBN 3-476-02109-2 „Die Vorstellung vom Gänsemarsch der Stile ist unausrottbar“.Arnold Feil, Überlegungen zur Epochenbezeichnung, in: Metzler Musik Chronik vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart und Weimar, 2., erweiterte Auflage 2005, Seite 305, ISBN 3-476-02109-2 Sie müssten, „so glaubt man allgemein, aufeinander folgen wie die Epochen der Erdgeschichte aufeinander folgen, die die Naturwissenschaften und die Evolutionstheorie uns vorstellen. Aber die Kunst als ein Phänomen des Geistes entwickelt sich nicht in vergleichbar natürlichen Prozessen“. Manche Musikwerke entstehen im selben Jahrhundert und bleiben dennoch durch eine Welt von den andern getrennt.

Ähnlich praktizieren die Veranstalter der Tage Alter Musik Regensburg inzwischen eine begriffliche und sachliche Aufweitung: Definition Alte Musik auf der Homepage https://www.tagealtermusik-regensburg.de, abgerufen am 24. August 2025

Oft wird deshalb die Musikgeschichte im 21. Jahrhundert durch die Geschichtsschreibung, etwa bei Richard Taruskin, einfach nur noch in Jahrhunderte gegliedert.Bspw. Richard Taruskin: Oxford History of Western Music. Oxford University Press 2005.

Entwicklung des Begriffes der Alten Musik Der Begriff Alte Musik im Mittelalter Bereits im Mittelalter gab es eine Unterscheidung zwischen „Alter“ und „Neuer Musik“. Ab 1320 wurde der nun überwundene Musikstil als Ars antiqua (‚alte Kunst‘ bzw. ‚Musik‘) bezeichnet und die fortan komponierte neue Musik, die Ars nova, als Überwindung dieses alten Stils gefeiert.

Alte Musik und die bürgerliche Musikkultur des 19. Jahrhunderts Mit dem Entstehen des bürgerlichen Konzertlebens um 1800 begann sich ein Repertoire herauszubilden, das die vorklassische Musik weitgehend außer Acht ließ und sich auf die gerade neu entstehenden Kompositionen konzentrierte. Die Haltung der breiten bürgerlichen Musikkultur dieser Zeit fasste Eduard Hanslick in den Worten zusammen: „Für unser Herz beginnt sie [die Musik] mit Mozart, gipfelt in Beethoven, Schumann und Brahms.“zitiert im Artikel „Historismus“ im Onlinelexikon https://www.musiklexikon.ac.at/, abgerufen am 19. August 2022

Die Werke Johann Sebastian Bachs wurden nach seinem Tod 1750 zwar von anderen Komponisten studiert, aber nicht mehr für ein breites Publikum aufgeführt. Die Aufführung der Matthäuspassion durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 gilt als Beginn einer breit angelegten Bach-Renaissance. Seither werden Bachs Werke auch wieder von einer musikalischen Öffentlichkeit geschätzt.

Die Romantik und der Historismus spielten eine wesentliche Rolle dabei, dass sich die Faszination für Musik vergangener Epochen auch in der Musikpraxis niederschlug. Immer wieder haben sich Komponisten an bedeutenden Vorgängern abgearbeitet. Auch die Musikwissenschaft bemühte sich um systematische Überblicke. Beispielhaft seien wegweisende Monographien von Wilhelm Joseph von Wasielewski zur Geschichte der europäischen Instrumentalmusik genannt, in denen die Wurzeln in der Alten Musik gesucht und dargestellt werden. Dazu gehört Die Violine und ihre Meister. (Leipzig 1869), Die Violine im XVII. Jahrhundert und die Anfänge der Instrumentalcomposition (Bonn 1874) und die Geschichte der Instrumentalmusik im XVI. Jahrhundert (Berlin 1878).

Im Musikleben aber hatten die Aufführungen der Musik vergangener Epochen ansonsten keine Rolle gespielt, da man sie jeweils als überholt ansah.

Alte Musik im Kontext des 20. Jahrhunderts Alte Musik möglichst mit historisch korrektem Klangbild aufführen zu können, ist – mit Ausnahme von England – in Europa erst wieder ein Anliegen des 20. Jahrhunderts.

Der Begriff „Alte Musik“ gewann allgemein seit den Reformbewegungen der 1920er Jahre an Bedeutung, als im Zuge der Belebung der historischen Aufführungspraxis verstärkt Nachbauten von originalen Instrumenten angefertigt und verwendet wurden. Die Altmusik-Bewegung verstand sich als Kontrast und Korrektiv zum herkömmlichen Konzertrepertoire. Die Klanglichkeit der Alten Musik, egal wie sie aufgefasst wurde, stand auf jeden Fall im scharfen Kontrast zur spätromantischen Tonalität und Fülle der Klangfarben.

Zum Begriff der Alten Musik entwickelte sich der Gegenbegriff Neue Musik, der 1919 von Paul Bekker geprägt wurde.Paul Bekker: Neue Musik In: Gesammelte Schriften. 3. Band. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / Berlin 1923, S. 85–118 (Wikisource) Bekker setzte sich fortan für deren erste Wegbereiter ein: Gustav Mahler, Franz Schreker, Arnold Schönberg und Ernst Krenek.Brockhaus Riemann Musiklexikon. Band 1. (1998), ISBN 3-254-08396-2, S. 123

Alte Musik drängte Musikwissenschaftler, die Grundlagen derselben wieder zu verstehen. Rudolf von Ficker schrieb beispielsweise seine musikwissenschaftliche Dissertation 1913 an der Wiener Universität bei Guido Adler über die Die Chromatik im italienischen Madrigal des 16. Jahrhunderts. Knud Jeppesen wurde 1922 ebendort bei Adler über das Thema Die Dissonanzbehandlung in den Werken Palestrinas promoviert. Der Däne wurde sodann Verfasser des systematischen Lehrwerkes Kontrapunkt. Lehrbuch der klassischen Vokalpolyphonie.

Alte Musik im Kontext des 21. Jahrhunderts In der Neuausgabe der Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG 1999–2007; 27 Bände) sucht man vergeblich einen Artikel „Alte Musik“. Freilich wurden in Artikeln wie „Historismus“ und „Aufführungspraxis“ Aspekte der Alten Musik abgehandelt – aber dennoch: ,Bernhard Morbach: EINE VITALE ALTERNATIVE – EIN BLICK AUF 40 JAHRE ALTE MUSIK IN DEUTSCHLAND, Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion, August 2011, abgerufen am 23. September 2022 stellte Bernhard Morbach für die Situation im 21. Jahrhundert fest. Morbach vermutet weiter:

Wiedergewinnung historischer Instrumente für die Musikpraxis mini|Eine Laute, Teil eines Ölgemäldes von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahre 1533 mini|Emil Telmányi zeigt Albert Schweitzer seinen Rundbogen (1954) mini|Der Trompeter Ludwig Güttler mit einem im 20. Jahrhundert noch Bachtrompete genannten Instrument

Einige Musikinstrumente waren bis zum 19. Jahrhundert und auch schon früher außer Gebrauch geraten und konnten im 20. Jahrhundert im Zuge der Neubewertung und Neuentdeckung Alter Musik für die Musikpraxis wiedergewonnen werden. Die Originalklang-Bewegung nahm ihren Anfang 1905 in München. Damals entstand das erste deutsche Ensemble, das sich um eine möglichst stilgetreue Interpretation Alter Musik auf historischen Instrumenten bemühte: die Deutsche Vereinigung für Alte Musik.Über die Originalklangbewegung https://www.br-klassik.de/, abgerufen am 22. August 2022

Wieder neu gewonnene Instrumente für die Alte Musik Zink Der Zink war beispielsweise fast unbekannt geworden. Seit den späten 1970er Jahren erfuhr dieses Instrument eine intensive Wiederbelebung im Zuge der Neuentdeckung der Alten Musik. Heute gibt es wieder Zinkenisten und zugleich Instrumentenbauer, die Instrumente herstellen, die denen aus der Blütezeit des Zinken ebenbürtig sind.

Bassetthorn, Dulzian, Kortholt, Krummhorn, Pommer, Rankett, Schalmei, Serpent, Ähnlich liegen die Dinge bei Blasinstrumenten wie Bassetthorn und Serpent. Otto Steinkopf baute als erster im 20. Jahrhundert eine Anzahl von Renaissance- und Barockinstrumenten. Er kopierte Krummhörner, Kortholte, Rankette, Dulziane, Schalmeien und Pommern, und Zinken, darüber hinaus auch Barockfagotte und Barockoboen. Er gilt als ein „Nestor der Wiederbelebung historischer Holzblasinstrumente“.Hermann Moeck: Otto Steinkopf †. In: Tibia, 2/1980, S. 117 f.