Unter Bildungsbenachteiligung wird verstanden, dass bestimmte Gruppen von Kindern oder Erwachsenen im Bildungssystem weniger Möglichkeiten haben, ein Bildungsziel zu erreichen, als andere. Meist geht es beim Gebrauch dieses Begriffes um die geringeren Chancen von Menschen unterschiedlichen Geschlechts oder mit weniger persönlichen, sozialen, finanziellen und kulturellen Ressourcen beim Erwerb von Bildung, die trotz formaler Chancengleichheit vorhanden ist. Von Bildungsbenachteiligung spricht man unabhängig davon, ob die Ursache durch vorsätzliche oder bewusste Diskriminierung zustande kommt oder nicht. Entscheidend sind statistisch belegbare Nachteile dieser Gruppen beim Erreichen von Bildungszielen.
Mit Bildung und dem Ausbau des Bildungssystems war in der Vergangenheit häufig die Hoffnung verbunden, soziale Ungleichheiten abzubauen. Dass Chancengleichheit nicht hergestellt wurde, haben die französischen Soziologen Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron schon in den 1960er Jahren gezeigt.Bourdieu, Pierre; Passeron, Jean-Claude: Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Stuttgart: Klett 1971.
Ursachen und Folgen der Bildungsbenachteiligung Soziale Herkunft Bildungsbenachteiligung nach der sozialen Herkunft bedeutet, dass der Bildungserfolg eines Kindes von Schulabschluss, Berufsposition und Einkommen der Eltern abhängt. Angehörige der sogenannten „unteren“ sozialen Schichten:
nehmen ab dem Alter von zwei Jahren eine andere Entwicklung ihrer Sprache und Intelligenz als Menschen aus „privilegierten“ Schichten,z. B. Greg. J. Duncan, Jeanna Brooks-Gunn, Pamela Kato Klebanov: Economic Deprivation and Early Childhood Development. In: Child Development. 63 (1994), S. 219–248. bekommen weniger Voraussetzungen mit, sich Schulwissen anzueignen,Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen (2002): Die bildungspolitische Bedeutung der Familie – Folgerungen aus der PISA-Studie. Stuttgart: Kohlhammer besuchen bei gleichen Grundfähigkeiten in Ländern mit gegliedertem Schulsystem weniger anspruchsvolle Schulen. Bei Einflüssen der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg wird zwischen primären Herkunftseffekten und sekundären Herkunftseffekten unterschieden. Primäre Herkunftseffekte beziehen sich darauf, dass Kinder aus sozial privilegierten Familien in der Schule bessere Leistungen haben als Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Sekundäre Herkunftseffekte verweisen demgegenüber auf den Sachverhalt, dass Kinder mit unterschiedlicher sozialer Herkunft auch bei gleichen Leistungen unterschiedliche Schulformen besuchen: Bei gleichen Leistungen besuchen Kinder aus sozial privilegierten Familien häufiger höhere Schulformen als Kinder aus sozial benachteiligten Familien. mini|Theoretisches Modell zu vermittelnden Mechanismen zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg Bei der Entstehung von Leistungsunterschieden nach der sozialen Herkunft wirken verschiedene Faktoren zusammen. Eine wichtige Erklärung ist darin zu sehen, dass die Sozialisation von Kindern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft unterschiedlich verläuft. Das Zusammenwirken verschiedener Sozialisationseinfüsse wird im theoretischen Modell zu vermittelnden Mechanismen zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg von Max Nachbauer dargestellt. Das Modell beschreibt den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Lernerfolg als einen mehrschrittigen Mediationsprozess. Demnach verfügen Familien mit höherem sozialen Status über mehr ökonomische, persönliche und soziale Ressourcen als Familien mit niedrigerem sozialen Status (soziologische Kapitalarten nach Pierre Bourdieu). Die Unterschiede in den familiären Ressourcen führen dazu, dass Kinder je nach sozialer Herkunft unterschiedliche Lernumwelten erfahren. Es können Unterschiede bei familiären Lernumwelten (z. B. Erziehungsstil), bei frühpädagogischen Einrichtungen (z. B. Besuch einer Kinderkrippe), bei Schulen (z. B. besuchte Sekundarschulform), bei schulbezogenen Einrichtungen (z. B. Nutzung von privater Nachhilfe), bei Freizeiteinrichtungen (z. B. Besuch einer Musikschule) und bei Gleichaltrigengruppen (z. B. Zusammensetzung des Freundeskreises) bestehen. Die Unterschiede in den erfahrenen Lernumwelten gehen damit einher, dass Kinder je nach sozialer Herkunft unterschiedliche Lernaktivitäten ausführen und dadurch unterschiedliche Fachkompetenzen erwerben.
Sprache Bernstein verglich Sprachstichproben von Personen aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse. Auch bei Konstanthaltung der Intelligenz zeigten sich Unterschiede in Satzlänge, Wortlänge und Pausenlänge. Die Sätze von Arbeitern waren kürzer, sie benutzten kürzere Wörter und ließen kürzere Pausen zwischen zwei Wörtern (vermutlich, weil der kleinere Wortschatz weniger Auswahlmöglichkeiten bietet und somit die Wortwahl beschleunigt).Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 486.
Arbeiter reden weniger über Raum, Zeit und kausale Kontingenz – das beinhaltet Diskussionen über mögliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge von Geschehnissen in der Lebenswelt der Arbeiter. Die Sprache der Arbeiter ist sozio-zentriert, das heißt, dass sie über die Dinge reden, die für soziale Gruppen, denen sie angehören, relevant sind. Akademiker dagegen reden eher über abstrakte Dinge ohne persönlichen Bezug. Auffällig ist, dass diese Unterschiede im frühen Kindesalter noch nicht so ausgeprägt sind. Sie werden jedoch im Verlauf der Entwicklung immer ausgeprägter, und am ausgeprägtesten sind sie im Erwachsenenalter.Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 487.
Auch konnte gezeigt werden, dass ein Wort für Personen aus verschiedenen Schichten verschiedene Bedeutungen haben kann. Oerter untersuchte Studenten von Pädagogischen Hochschulen und stellte dabei fest, dass sie – je nachdem, welcher Schicht ihre Eltern angehörten – unter einem Wort ganz Verschiedenes verstanden. Ein großer Unterschied bestand hier zwischen zwei Gruppen: 1. Gruppe: Kindern von Handwerkern und Selbstständigen ohne Abitur 2. Gruppe: Kinder von Beamten und Angestellten. Studenten aus diesen zwei Herkunftsgruppen stellen sich ganz unterschiedliche Dinge unter einem Wort vor. Am größten waren die Unterschiede beim Wort „tüchtig“. Handwerkerkinder dachten dabei in der Regel an Eigenschaften, die mit Weltgewandtheit und Dominanz zu tun haben. Angestellten- und Beamtenkinder dagegen dachten an Eigenschaften, die mit körperlicher Leistungsfähigkeit und Charakterfestigkeit zu tun hatten. Folgende Antworten wurden am häufigsten auf die Frage, was tüchtig bedeutet, gegeben:
Studenten wurden gefragt: „Was bedeutet ‚tüchtig‘?“Kinder von Handwerkern* sagtenKinder von Angestellten und Beamten sagtenSie sagten: „‚Tüchtig‘ bedeutet…“* freundlich * höflich * gesellig * geschickt im Umgang mit anderen Menschen * draufgängerisch * sich durchsetzend * ehrgeizig * kräftig * robust * gesund * ehrlich * ordnungsliebend * aufrecht Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 488 * Handwerkerkinder = Kinder von Handwerkern und Selbständigen ohne Abitur
Kognitive Entwicklung Bei Kindern aus allen sozialen Schichten zeigt sich im Verlauf der ersten 15 Monate die gleiche Entwicklung der Sprache, des Geistes und des Sozialverhalten. Es gibt einen kleinen Unterschied: Arbeiterkinder sind im Alter von 15 Monaten in ihrer motorischen Entwicklung etwas weiter. Die Gründe dafür sind nicht geklärt.Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 339. Oerter schlussfolgert: „Kinder aus allen Berufsschichten und sozialen Gruppenweisen wiesen im Mittel zu allen gemessenen Zeitpunkten innerhalb der ersten 15 Monate das gleiche Intelligenzniveau auf […]. Das Ergebnis ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass bereits mit sechs Jahren gravierende Gruppenunterschiede vorhanden sind.“ Im Alter von 24 Monaten zeigen sich bereits Unterschiede zu Gunsten der Kinder aus den Mittelschichten. Bei diesen kann nun ein größerer Wortschatz gemessen werden. Mit drei Jahren ist der Wortschatz von Mittelschichtskindern schon dreimal so groß, wie der von Kindern aus der Unterschicht. Download am 26. Dezember 2007.
Lernmotivation Oerter geht in seinem Buch Moderne Entwicklungspsychologie von der Annahme aus, dass Kinder aus der Unterschicht in ihrem Lernverhalten stärker auf Lob und Anerkennung reagierten als Kinder aus der Mittelschicht. Kinder der Mittelschicht hingegen hätten eine intrinsische Motivation und Freude an der Aufgabe selbst, weniger an der Anerkennung, so Oerter.Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 150.
Zudem käme es darauf an, wie ein Kind gelobt werde. Edward Zigler und Paul Kanzer berichten, dass Kinder aus der Arbeiterklasse eher auf personenbezogenes Lob, Akademikerkinder aber eher auf leistungsbezogenes Lob reagierten.Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 109. Als personenbezogenes Lob gelten z. B. „gut!“ (in der Originaluntersuchung: „good!“) und „ausgezeichnet!“ (Originaluntersuchung: „fine!“). Als leistungsbezogenes Lob gelten „richtig!“ („right!“) und „korrekt!“ („correct!“).Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Verlag Ludwig Auer, Donauwörth 1970, S. 107.
Arme Kinder in der Schule Ruby Payne vertritt die These, dass das Aufwachsen in Armut wichtige Auswirkungen auf den Charakter habe. Um in der Armut zu überleben, müssten arme Kinder non-verbal sein und auf Sinneseindrücke sofort reagieren. In der Schule jedoch sei dies ein Nachteil für sie. Die Schule sei eine Mittelklasseinstitution: hier sei es wichtig, Gedanken verbalisieren zu können, abstrahieren zu können und voraus zu planen – Fähigkeiten, die arme Kinder erst erlernen müssten.Ruby Payne: A Framework for Understanding Poverty. aha! Process, 2006, ISBN 1-929229-68-2. Download am 12. Dezember 2007. Laut Walter Mischel haben arme Kinder weniger Selbstkontrolle und streben eher nach sofortiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Dies sei schlecht, da in der Mittelschichtsinstitution Schule Selbstkontrolle eine wichtige Rolle spiele.San Francisco Chronicle: download am 16. Dezember 2007.
Donna Beegle ist der Meinung, dass arme Familien und wohlhabendere Familien in verschiedenen Kulturen leben. In armen Familien herrsche eine orale Kultur. Für Mitglieder der oralen Kultur sind Sinneserfahrungen wichtig. Charakteristika der oralen Kultur sind Spontaneität, Orientierung an der Gegenwart, Betonung von Emotionen und die Fähigkeit, das „große Ganze“ zu sehen. In wohlhabenden Familien dagegen herrsche die Schriftkultur. Hier werden Selbstdisziplin, die Fähigkeit zum Aushalten des Zahlungsaufschubes, die Fähigkeit, strategisch vorzugehen und zu planen, die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und Schritte zu ihrer Erreichung zu unternehmen, technische Fähigkeiten und analytische Fähigkeiten geschätzt.Donna Beegle: (PDF; 59 kB) Download am 16. Dezember 2007.
Angehörige unterer Bevölkerungsschichten haben aus verschiedenen Gründen Nachteile beim Erwerb von Bildung. Zu diesen gehören:
Der familiäre Hintergrund: Bildungsniveau der Eltern, deren Erfahrungen im Bildungssystem, Motivation zum Lernen, passiver vs. aktiver Lebensstil. Von zentraler Bedeutung ist die Aneignung, Einverleibung (Inkorporation) und der Besitz von kulturellem Kapital.