mini|Marienkirche, Husum, 1833, Ansicht vom Marktplatz aus mit Westfassade und Turm Die evangelisch-lutherische Marienkirche in Husum, erbaut von 1829 bis 1833 nach Entwürfen des dänischen Staatsbaumeisters Christian Frederik Hansen, gilt als eines der Hauptwerke des Klassizismus in Schleswig-Holstein.

Vorgängerbau

mini|Gotische Marienkirche, 1807 abgebrochen Husum war bis zum 14. Jahrhundert ein unbedeutendes Dorf im Kirchspiel Mildstedt. Nach den Landverlusten der Großen Mandränke 1362 lag der Ort direkt am Meer und nahm langsam an Größe und Bedeutung zu. 1431 erhielt der Flecken das Recht auf eine eigene Kapelle.Thomas Friedrichsen: Husumer Geschichten. Husum 2005, S. 14. Doch gehörte die 1436 fertiggestellte Heilig-Kreuz-Kapelle anfangs noch zum Kirchspiel Mildstedt und wurde erst 1448 selbständige Pfarrkirche mit dem Patrozinium der Gottesmutter Maria. Nach mehreren Ausbauten und Erweiterungen, vor allem durch den Anbau des gotischen Chores, der 1510 fertiggestellt war, war die Marienkirche einer der größten Sakralbauten des Landes. Der Herzog und spätere König Friedrich I. ließ auf seine Kosten den „fürtrefl.“ Turm errichten.Johann Laß: Sammelung einiger Husumischen Nachrichten. Zweyte Fortsetzung. Flensburg 1752, S. 14. Die Turmspitze wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach durch Sturm und Blitzschlag geschädigt und in neuer Form wiederaufgebaut.Johann Laß: Sammelung einiger Husumischen Nachrichten. Zweyte Fortsetzung. Flensburg 1752, S. 15 f. Der zuletzt fast hundert Meter hohe Turm hatte einen steilen Achteckhelm und war von einer barocken Laterne bekrönt. Abbruch der alten Marienkirche

Ende des 18. Jahrhunderts zeigte sich eine erhebliche Baufälligkeit: Der auf einer Endmoräne errichtete Bau wies wegen der unterschiedlichen Bodenverdichtungen der einzelnen Bauteile zunehmend Risse auf. Der Turm neigte sich nach Westen.Uwe Iben: Die alte St.-Marien-Kirche in Husum. In: Häuser und Plätze in Husum, S. 1–8, hier speziell: S. 2–4. Trotz Plänen, die nach Abriss des Chores und des einsturzgefährdeten Turmes zumindest den Erhalt des ältesten, mittleren Teils der Kirche vorsahen, wurde sie 1807–09 gänzlich abgerissen, was als „einer der größten Verluste in der Architekturgeschichte Schleswig-Holsteins“ angesehen wird.Dietrich Ellger, in: Heinz Rudolf Rosemann (Hrsg.): Niedersachsen, Hansestädte, Schleswig-Holstein, Baudenkmäler. Reclams Kunstführer, Deutschland, Band 5, 4. Auflage, Stuttgart 1971, S. 332. 1813 wurde der Magistrat deswegen von der Regierung in Kopenhagen gerügt.Uwe Iben: Die alte St.-Marien-Kirche in Husum. In: Häuser und Plätze in Husum, S. 1–8, hier speziell: S. 5. Ein ähnliches Schicksal erlitt die auf das 12. Jahrhundert zurückgehende Bartholomäuskirche in Neumünster: Auch sie wurde 1828–34 durch einen von Hansen entworfenen, der Husumer Kirche eng verwandten Vicelinkirche ersetzt.

Ehemalige Ausstattung Mit Ausnahme eines gemalten Epitaphs und des bronzenen Taufbeckens wurde die Ausstattung der gotischen Kirche nach 1807 versteigert und verstreut. Ein spätgotischer geschnitzter Flügelaltar von etwa 1510Heinrich Brauer u. a.: Die Kunstdenkmäler des Kreises Husum. Berlin 1939, S. 239–241. befindet sich seit 1834 in der St.-Jakobikirche in Schwabstedt. Die katholische St.-Knud-Kirche in Friedrichstadt erhielt sechs barocke Schnitzfiguren von der 1635 von der Herzogswitwe Augusta gestifteten Kanzel.

Von Hans Brüggemann, einem der bedeutendsten gotischen Bildschnitzer, der zwischen 1514 und 1523 in Husum lebte, ist eine Skulpturengruppe des heiligen Georg als Drachentöter aus der Marienkirche in das Dänische Nationalmuseum Kopenhagen gekommen. Vom ebenfalls von Brüggemann geschaffenen, signierten und auf 1520 datierten Sakramentshaus, „dessen Werth man aber verkannte“,Johannes von Schröder: Topographie des Herzogthums Schleswig. Schleswig 1837, Bd. 1, S. 425. ist nur das Bildwerk eines Laute spielenden EngelsBild: Engel auf der Laute spielend. In: Bildwerke der Christlichen Epochen. Berlin 1966, Kat. Nr. 387, S. 78, Abb. 63. erhalten und in der Skulpturensammlung der Berliner Museen ausgestellt.

An der Außenwand eingemauert ist der Grabstein von Joachim Danckwerth (1606–1656) und dessen Ehefrau Clara, der ursprünglich deren Gruft innerhalb der Kirche bedeckt hatte. Danckwert war ein hochrangiger Gottorfer Hofbeamter, Besitzer von Hoyerswort und Bruder von Caspar Danckwerth, dessen Neue Landesbeschreibung der zwei Herzogtümer Schleswig und Holstein er zu großen Teilen finanzierte. Der Stein wurde schon zu Lebzeiten des Ehepaares angefertigt. Die Sterbedaten fehlen.

Architektur

mini|Ansicht von Südost Der ab 1812 von Hansen, dessen Vater aus Husum stammte, projektierte und 1829–33 realisierte Neubau ist nur etwa halb so groß wie sein gotischer Vorgänger, so dass vor der Westfassade Raum für den heutigen Marktplatz entstand. Durch Georadarmessung wurde 2006 festgestellt, dass ihre Ausrichtung um etwa 3° nach Südwesten von der der alten Kirche abweicht. Trotzdem wurde teilweise das alte Fundament weiterverwendet.Uwe Iben: Die alte St.-Marien-Kirche in Husum. In: Häuser und Plätze in Husum, S. 1–8, hier speziell: S. 1 f.

Aus dem rechteckigen, in gelbem Backstein ausgeführten Baukörper ragt auf der dem Markt zugewandten Westseite ein Turm auf, der in den Untergeschossen nur als rustizierter Risalit aus der Front vortritt. Durch seine Achse führt der mit Pilastern und Giebel gerahmte Haupteingang. Eine mit Kupfer gedeckte, zylindrische Kuppelhaube bekrönt den Turm. Die Zweigeschossigkeit der Durchfensterung an den Längsseiten ist durch den Emporeneinbau begründet.

Das Innere des flach gedeckten Saalbaus wird von der Doppelreihe dorischer Säulen bestimmt. Sie tragen ein schweres Gebälk, hinter dem sich die Emporen verbergen. Die Längserstreckung des ursprünglich ungestört klassizistischen Raumes wird heute im Westen durch die 1900 eingezogene und 1962 verlängerte Orgelempore reduziert.Die historischen Fakten zu den Abschnitten Vorgängerbau, Architektur und Ausstattung folgen der Darstellung bei Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Hamburg, Schleswig-Holstein. München 1994, S. 335–352. Seine Farbigkeit hatte man 1984 entsprechend der ursprünglichen Fassung (warmes Beige, granitrote Säulen) rekonstruiert, doch bei der Renovierung 2021 ist man zu dem zwischenzeitlich bevorzugten reinen Weiß zurückgekehrt.Die Aussagen zur ursprünglichen Farbigkeit beruhen auf den Angaben im Dehio-Handbuch von 1994. Ein neueres Faltblatt der Kirchengemeinde hält dagegen die aktuelle, nur minimal abgetönte Weißfarbigkeit für ursprünglich.

Von 2000 bis 2013 wurde das Innere der Marienkirche in sieben Etappen, je nach Finanzlage der Gemeinde, wieder ihrem Originalzustand angenähert. Die Arbeiten mit einem Gesamtvolumen von 300.000 Euro umfassten auch einen Rückbau der Orgelempore auf ein Joch (2012) sowie eine vollständige Erneuerung der Elektrotechnik einschließlich eines neuen Heizsystems und eines abweichenden Beleuchtungskonzepts (2013): Statt an Ketten befestigten Lampen erhellen seither überwiegend in die Decke eingelassene LED-Leuchten und -Scheinwerfer den Raum, verstärken dadurch aber zugleich den durch die vergoldeten stilisierten Sterne hervorgerufenen Eindruck der Decke als Himmel.St. Marien in neuem Gewand: Transparent und fast schwebend. In: Husumer Nachrichten. 2. November 2013, abgerufen am 20. April 2022.

Der Sanierungsprozess wurde von 2019 bis 2021 fortgesetzt durch einige besonders staubträchtige Maßnahmen im Doppeltreppenhaus, an der Westlünette sowie im Kirchturm, die vor dem Einbau der neuen Klais-Orgel abgeschlossen werden mussten.Barbara Barten: Erst die Bauarbeiten, dann die Musik. In: Kirchengemeinde Husum (Hrsg.): Klang, Raum, Ewigkeit. Die Klais-Orgel in St. Marien Husum. Husum 2021, S. 37–38.

Ausstattung mini|Empore und Ostlünette (2022) mini|Decke und Emporen in Richtung Westen (2024) Die Säulenreihe im Inneren führt den Blick auf die Kanzel über dem Altar, der von einer ionischen Pilasterädikula gerahmt wird. Der monumentale, halbrunde Wandausschnitt darüber (die „Ostlünette“) enthielt ursprünglich die Orgel.

Aus der alten Kirche wurde, abgesehen von einem gemalten Pastorenepitaph (1576), nur die 1643 gestiftete Bronzetaufe in den Neubau übernommen.. Der vergoldete Bronzeguss des Rotgießers Lorenz Karsten nach Modellen, die der Husumer Snitger Berend Cornelissen schnitzte, erinnert in seiner Disposition an mittelalterliche Taufbecken. Vier sitzende Evangelisten bilden die Trägerfiguren des eigentlichen Beckens, dessen Wandung Reliefs der Taufe Christi und der Apostel sowie des Wappens des stiftenden Amtsverwalters Marcus Lüders bedecken.

Orgeln Über die Orgelgeschichte der Marienkirche insbesondere vor dem Ersatz des gotischen durch das klassizistische Gebäude ist bislang (Stand: 2021) wenig bekannt.Hans-Martin Petersen: Eine kleine Genese. In: Kirchengemeinde Husum (Hrsg.): Klang, Raum, Ewigkeit. Die Klais-Orgel in St. Marien Husum. Husum 2021, S. 20–23. Diese Wissenslücke schmerzt besonders im Hinblick auf das Instrument, das dem bislang prominentesten Marienkirchenorganisten zur Verfügung stand: Nicolaus Bruhns.

Entsprechend dem allgemein erlahmten Interesse an Orgelmusik im Gefolge von Aufklärung, Französischer Revolution und Säkularisierung sah auch Christian Frederik Hansen als Architekt der jetzigen Kirche nicht mehr viel Raum und vor allem keinen exponierten Platz für eine Orgel vor: Das erste kleine Werk befand sich daher unsichtbar in der Ostlünette aufgestellt, direkt über Altar und Kanzel.

Nachdem im Zuge von Romantik, Historismus und kirchenmusikalischer Erneuerung Orgelmusik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber wieder größere Bedeutung erlangte, erhielt auch die Marienkirche ein entsprechendes neues Instrument: Marcussen & Søn aus Apenrade lieferte 1900 eine bereits am orchestralen Klangideal orientierte Orgel mit pneumatischer Traktur, für die im Westen sogar eigens eine einjochige Empore errichtet und die Westlünette verschlossen wurde.

Kleuker-Orgel (1963–2016) mini|Prospekt mit Rückpositiv der Kleuker-Orgel von 1963 Durch die Zäsur des Ersten Weltkriegs setzten sich jedoch bald auch im Bereich der Kirchenmusik Gegenbewegungen zur Romantik durch: Sing- und Orgelbewegung propagierten eine Rückbesinnung auf Musik sowie Orgelbau des 17. und 18. Jahrhunderts und forderten in den Kirchen auch mehr Platz für vokale wie instrumentale Kantoreien. Daher wurde die Marcussen-Orgel 1963 durch ein von dem Orgelbauer Detlef Kleuker aus Brackwede erbautes neobarock ausgerichtetes Instrument ersetzt. Zugleich wurde damals die Westempore um ein zweites Joch erweitert.

Die in Husum ansässige Orgelbauwerkstätte Lothar E. Banzhaf ergänzte diese Orgel – nach einer Einzelspende der Husumer Ehrenbürgerin Irene Thordsen – 1996 um ein Echowerk ohne eigene Klaviatur und tauschte ein höherliegendes Register des Pedalwerks durch eine Grundstimme aus. Ende Oktober 2016 wurde sie aufgrund umfangreicher technischer Probleme – u. a. wurde ihre Elektrik statt der zugelassenen 24 noch immer mit 78 Volt betrieben – stillgelegt,Stadtkirche in Husum wird umfangreich saniert. Abgerufen am 18. April 2022. im März 2019 demontiert und zur Wiederaufstellung nach Warschau verbracht. Ihre Disposition lautete zuletzt:Husum, St. Marien. Abgerufen am 18. April 2022.