Mitglieder der Aktionsgruppe Banat Albert Bohn Rolf Bossert Werner Kremm Johann Lippet Gerhard Ortinau Anton Sterbling William Totok Richard Wagner Ernest Wichner Die Autoren Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner standen der Aktionsgruppe nahe, waren aber Mitglieder des Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn in Timișoara, in dem nach 1975 auch die meisten früheren Angehörigen der Aktionsgruppe mitwirkten.
Die Aktionsgruppe Banat war ab 1972 eine literarische Gruppe von Schülern und Studenten in Timișoara (), Sozialistische Republik Rumänien. Sie wurde 1975 durch die Staatsbehörden des Landes aufgelöst.
Entwicklung Die Aktionsgruppe Banat nahm ihren Ursprung am Lyzeum von Sânnicolau Mare (), wo die dortige Deutschlehrerin Dorothea Götz einen Literaturkreis ins Leben gerufen hatte.Anton Sterbling: Einige subjektive Anmerkungen zur „Aktionsgruppe Banat“. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik: 40 Jahre Aktionsgruppe Banat, 2. April 2012 (→ online) Die neun Gründungsmitglieder Albert Bohn, Rolf Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Richard Wagner, Ernest Wichner teilten von Beginn an eine gemeinsame Lebenswelt. Sie entstammten der dörflichen Sozialisation der deutschen Minderheit im Banat und waren alle zwischen 1951 und 1955 geboren. Mit Ausnahme von Sterbling und Ortinau, die zur Gründungszeit Gymnasiasten waren, absolvierten sie ein Germanistikstudium an der Universität Timișoara (später West-Universität).Technische Universität Chemnitz, Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010, S. 16 (→ ; PDF; 638 kB)
Gemäß Anton Sterbling war der offizielle Rahmen, in dem sich der Literaturkreis bewegte, „das Selbstgeschriebene, das uns immer wichtiger wurde“, „zunächst auf der Schülerseite der Neuen Banater Zeitung und dann auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften“, „später in der Studentenbeilage Universitas“.Neue Banater Zeitung, Sonderbeilage Universitas: Am Anfang war das Gespräch. Erstmalige Diskussion junger Autoren. Standpunkt und Standorte., Nr. XXX, 2. April 1972, S. 5 Namensgeber der Gruppe war Horst Weber, damaliger Redakteur und Rezensent der Zeitung Die Woche aus Hermannstadt (), der die Diskussionsgruppe „eine Aktionsgruppe junger Schriftsteller“ bezeichnete. Die Lesungen der literarischen Gruppe fanden in den Räumen des Studentenkulturhauses der West-Universität statt.
Laut eigener Schilderung wurden im Herbst 1975 drei Mitglieder der Gruppe (Totok, Ortinau, Wagner) und der Literaturkritiker Gerhardt Csejka bei einem Besuch im Grenzgebiet unter dem Vorwand verhaftet, das Land verlassen zu wollen. In tagelangen Verhören durch den rumänischen Geheimdienst Securitate wurde ihnen neben versuchter Grenzverletzung auch ein „Überschreiten der Grenzen der Dichtkunst“ vorgeworfen, wobei die Gruppe auch mit der Baader-Meinhof-Bande verglichen wurde. Die staatlichen Organe gaben ihnen zu verstehen, dass man „diese literarische Spaßguerilla nicht mehr länger hinnehmen“ wolle. Zur Bekräftigung der Drohung wurde William Totok verhaftet und verbrachte acht Monate in Untersuchungshaft.“Ernest Wichner (Hrsg.): Ein Pronomen ist verhaftet worden. Die frühen Jahre in Rumänien – Texte der Aktionsgruppe Banat. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992, S. 247, hier S. 10Eckard Grunewald: Berichte und Forschungen – Jahrbuch des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im Östlichen Europa. Band 11, München, 2003, S. 156, (→ online) Wagner, Ortinau und Csejka wurden nach einer Woche wieder aus der Haft entlassen. Das anfangs verhängte Veröffentlichungsverbot wurde kurz darauf wieder aufgehoben und die konfiszierten Mitgliedsbücher der Rumänischen Kommunistischen Partei (PCR) wieder zurückgegeben.”Frankfurter Rundschau, Dieter Schlesak: Kulturpolitik mit Polizeieinsatz, 10. Juli 1976 Totok, der bereits 1971 aus dem kommunistischen Jugendverband Uniunea Tineretului Comunist (UTC) ausgeschlossen wurde, war kein Mitglied der PCR.Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik: Entlarvung 2 – demascare 2, 7. September 2012 (→ online) Alle Mitglieder wurden zu verschiedenen Zeiten zum Verhör bei der Securitate einbestellt; alle wurden gegängelt, manche sogar verprügelt.
Einige ihrer Mitglieder traten dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis (zuvor Literaturkreis Nikolaus Lenau) in Timișoara bei; so auch die mit ihnen befreundeten Autoren Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner, die nicht Mitglieder der Aktionsgruppe waren. Andere zogen sich aus dem Literaturbetrieb zurück, einige stellten Anträge zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.Die Zeit, Fokke Joel: Drangsaliert von der Securitate, 19. November 2010 (→ online)
mini|links|hochkant|Nikolaus Berwanger Die Lage spitzte sich für die verbleibenden Autoren zu, als Nikolaus Berwanger, der sich in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Rumänischen Journalistenrates für die jungen Autoren eingesetzt hatte, im Herbst 1984 von einer Auslandsreise nach Deutschland nicht mehr nach Rumänien zurückkehrte.Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, Elke Sabiel: Einen Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur gibt es nicht, denn sie schreiben noch heute, 12. Mai 2012 (→ online) Die verbliebenen Mitglieder des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises stellten bis auf Werner Kremm Anträge zur endgültigen Ausreise nach Deutschland. Einige verloren darauf ihren Arbeitsplatz; ihre Arbeiten wurden in Rumänien nicht mehr veröffentlicht. Den Ausreiseanträgen wurde zwischen 1985 und 1987 stattgegeben.
Vier der neun Gründungsmitglieder – Lippet, Ortinau, Wagner, Wichner – sind bis heute in Deutschland schriftstellerisch tätig. Bohn zog sich in Deutschland aus der literarischen Szene zurück. Kremm verblieb in Rumänien und arbeitet dort als Journalist; Totok ist als Journalist in Deutschland tätig; Sterbling arbeitet als Professor für Soziologie und Pädagogik in Deutschland. Rolf Bossert wurde zwei Monate nach seiner Ausreise in einem Aussiedlerheim in Frankfurt am Main leblos unter seinem geöffneten Zimmerfenster aufgefunden. Die Umstände seines Todes blieben weitgehend ungeklärt.Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa: Kurzbiographien von Schriftstellern, Übersetzern und Literaturwissenschaftlern, Rolf Bossert (→ )
Programm Das Programm der Aktionsgruppe war zunächst von ästhetischer, aber auch politischer Natur. Die Mitglieder behandelten ähnliche Themen und betonten gemeinsame Auffassungen und ihre Zusammengehörigkeit. Die Autorengruppe war vom grundlegenden Motiv der rumänien-deutschen Literatur geprägt. Die Autoren waren einerseits sprachlich an den deutschen Kulturraum angebunden, andererseits thematisch durch den rumänischen Alltag dominiert. Die Gruppe eröffnete Auftritte mit dem Gedicht Engagement. Der kollektive Text kann als ein Leitfaden der Autoren angesehen werden und stellt einen Appell an das Publikum und die Autoren dar. Der Lyrik kam den Mitgliedern der Gruppe mehr als eine ästhetische Funktion zu; sie sollte den Leser zu Handlungen veranlassen. Die Mitglieder waren durch die von den meisten gemeinsam verbrachte Schul- und Studienzeit, ihre Auffassungen über Funktion und Wirkungsstrategie der Texte, die nüchterne Sprache und das politische Engagement verbunden.Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik: 40 Jahre Aktionsgruppe Banat, 2. April 2012 (→ online)
Die Gruppe verstand sich als Solidargemeinschaft von Schreibenden und bekannte sich zum Marxismus.Peter Motzan: Denn Bleiben ist Nirgends. Der Lyriker Werner Söllner im Kontext seiner Generation, 2011 (→ ; PDF; 1,1 MB) Ihre literarischen Vorbilder waren Bertolt Brecht, die rumäniendeutsche Dichterin Anemone Latzina und DDR-Autoren wie Volker Braun und Rainer Kirsch. Weiterer Einfluss ging von der Beat Generation, der Wiener Gruppe und der 68er-Bewegung aus. Bevorzugte Themen waren die Auseinandersetzung mit der politischen Realität – dem Verlangen nach Systemreform von innen nach der Dialektik bei Marx und Engels – und der Tradition der Banater Schwaben.
Die Mitglieder sahen sich als „intellektuelle Gruppe junger Provokateure. Dieses Selbstverständnis wurde nicht zuletzt bestärkt durch die Identifikation“ „mit dem Lebensgefühl der westlichen Jugendkultur“; sie sahen sich als „antirumäniendeutsche Provakateure und westlich-orientierte Intellektuelle“. „Eine offene, realitätsverändernde Regimekritik war nicht Zielstellung der Aktionsgruppe Banat.“Technische Universität Chemnitz, Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010, S. 37, 41, 61 (→ ; PDF; 638 kB)
Nach der Auflösung der Aktionsgruppe besprachen die verbleibenden Mitglieder ihre Texte im Literaturkreis „Adam-Müller-Guttenbrunn“, wobei es auch zu polemischen Auseinandersetzungen zwischen jüngeren und älteren Mitgliedern kam. Die Autoren unternahmen Lesereisen in Banater Ortschaften. In Gesprächen wurde auch auf die Tätigkeit von „Denunzianten eingegangen, auf deren Hinweise unter anderem die Securitate 1982 Hausdurchsuchungen bei Horst Samson und William Totok“ vorgenommen hatte. Das Verhältnis der Gruppe zu Nikolaus Berwanger war zwiegespalten. Dieser versuchte zwar den Kreis zu fördern, jedoch gingen die Ansichten über Literatur auseinander, was sich zum Beispiel dadurch ausdrückte, dass Berwanger den „Hofdichter“ Franz Johannes Bulhardt in den Guttenbrunn-Kreis einladen wollte. Diese Umstände führten zum Austritt einiger Mitglieder aus dem Kreis, was die Securitate zu dem Versuch animierte die Gruppe zu spalten.Landsmannschaft der Banater Schwaben, Peter Kottler: Vierzig Jahre „Aktionsgruppe Banat“, 9. Juni 2012 (→ )
Bewertung Die Einordnung der Mitglieder der Aktionsgruppe Banat als Dissidenten und Verfolgte ist umstritten.
Sarah Langer bezeichnete rückblickend in ihrer Arbeit Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur die Aktionsgruppe Banat als eine der wichtigsten Dissidentengruppen Rumäniens der 1970er Jahre, die auch anderssprachige Autoren aus dem Banat beeinflusste.Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010 (→ ; PDF; 638 kB)
Die Autorin Claire de Oliveira beschreibt Dissidenz mit Blick auf die Aktionsgruppe als jede Form des Widerstands gegen die totale Instrumentalisierung der Sprache durch das kommunistische Regime, die Infragestellung der Alltagssprache, die Bestätigung der Zugehörigkeit zu einer Minderheit, sowie die Weigerung an dem offiziellen Diskurs durch die Nutzung von Dialekt und Nicht-Engagement teilzunehmen.Claire de Oliveira: La poésie allemande en Roumanie: entre hétéronomie et dissidence, 1944-1990, Volume 32 of Contacts. Série 3, Etudes et documents, P. Lang, 1995, ISBN 3-906754-17-0, S. 375, hier S. 176–223
Der siebenbürgische Literaturhistoriker und Journalist Horst Schuller Anger wies die Bezeichnung „Dissidenz“ wie auch die Begriffe „Opposition“ und „Widerstand“ im Vergleich mit oppositionellen Gruppen in anderen sozialistischen Staaten als irreführend zurück und fand den Begriff „Verweigerung“ eher zutreffend.Raluca Cernahoschi-Condurateanu: The Political, the Urban, and the Cosmopolitan: The 1970s generation in Romanian-German Poetry, August 2010, S. 270, hier S. 49, in englischer Sprache (→ ; PDF; 1,2 MB)
Richard Wagner weist darauf hin, dass die Aktionsgruppe nicht politisch oppositionell gewesen sei, sondern literarisch. Erst im Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis hätten die Autoren dann mehr „die klassische Form von Dissidenz“ betrieben.Richard Wagner/Christina Rossi: Poetologik. Der Schriftsteller Richard Wagner im Gespräch, Wieser Verlag Klagenfurt 2017, S. 41–42.