mini|hochkant=1.8|Die bekannte Pyramide ist eine Interpretation von Maslows Bedürfnishierarchie. Die Maslowsche Bedürfnishierarchie, bekannt als Bedürfnispyramide, ist ein sozialpsychologisches Modell des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908–1970). Es beschreibt auf vereinfachende Art und Weise menschliche Bedürfnisse und Motivationen (in einer hierarchischen Struktur) und versucht, diese zu erklären. Das Modell wird in der Fachwelt kritisch diskutiert. Es könnte von den Blackfoot-Indigenen inspiriert gewesen sein: Maslow hatte kurz vor der Verfassung seines Werkes mehrere Wochen bei ihnen verbracht.Maslow im Blackfoot-Reservat 1938

Allgemeine Bedeutung Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der humanistischen Psychologie, in der eine Psychologie seelischer Gesundheit angestrebt und die menschliche Selbstverwirklichung im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts untersucht wird, wobei er sich gegen die Verabsolutierung quantifizierender Modelle und Methoden in der Psychologie wandte. Durch seine vereinfachende Darstellung einer Bedürfnishierarchie erlangte er weitreichende Bekanntheit.

Maslows Bedürfnishierarchie fand Eingang in andere Wissenschaften. Das Thema „menschliche Bedürfnisse“ kann fachübergreifend in den Sozialwissenschaften, in der Theologie oder in der Philosophie behandelt werden. Insbesondere wurde das Modell in den Wirtschaftswissenschaften populär bzw. an den Schnittstellen von Wirtschaft und Psychologie (siehe auch Wirtschaftspsychologie). Hier untersuchen u. a. die Verkaufspsychologie oder das Marketing das Kaufverhalten von Personen und Organisationen.

Geschichte und theoretischer Hintergrund Die erste Idee zu seinem Modell veröffentlichte Maslow 1943 unter dem Titel A Theory of Human Motivation im Psychological Review.Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In: Psychological Review. 1943, Vol. 50 #4, Seite 370–396. Später entwickelte er sein Modell in seinen Büchern Motivation and Personality (1954) und Farther Reaches of Human Nature (posthum 1971) weiter, ergänzte und erweiterte es.

Menschenbild und psychologische Schulen Als erste dezidiert moderne psychologische Schulen entwickelten sich die Psychoanalyse (Ende des 19. Jahrhunderts; Sigmund Freud) und der Behaviorismus (Anfang des 20. Jahrhunderts; John B. Watson). Beide gingen von einem eher pessimistischen, negativen bzw. gestörten oder defizitären Menschenbild aus. Ähnliches gilt auch für die Ethologie (Vergleichende Verhaltenswissenschaft) jener Zeit. Der Mensch wurde animalistisch auf Triebe (Triebtheorie) und Reflexe (Konditionierung, Black-Box-Modell) reduziert.

Maslow lehnte diese Schulen, ihr Menschenbild und ihre Untersuchungsansätze ab. Vielmehr war er der Ansicht, dass Menschen als grundsätzlich gut angesehen werden können (vgl. zu dieser grundsätzlichen Fragestellung die Philosophische Anthropologie). Der Mensch sei in seiner Ganzheit nicht durch niedere Triebe gesteuert, sondern werde „durch ein angeborenes Wachstumspotential angetrieben“, um sein höchstes Ziel – die Selbstverwirklichung – zu erreichen (optimistische Sicht). Seine Arbeiten sowie die von Carl Rogers und Charlotte Bühler bildeten die Grundlage für eine neue Schule der humanistischen Psychologie („dritte Kraft“). Einen ähnlichen Ansatz findet man später in der Positiven Psychotherapie von Nossrat Peseschkian und der positiven Psychologie (Ende des 20. Jahrhunderts).

Obwohl das Verhalten von Tieren oder das neurotischer Menschen demnach nicht als zentraler Ausgangspunkt zur Erklärung menschlichen Verhaltens verwendet werden sollte, erkannte Maslow die Erscheinungsformen extremen Verhaltens an und bezog sie in seine Überlegungen mit ein:

Schon in seiner ersten Arbeit von 1943 begann er mit dem Versuch, eine positive Theorie der Motivation zu entwerfen. Sie sollte allen Anforderungen einer Theorie gerecht werden und alle bis dahin bekannten Tatsachen (klinisch beobachtbare wie auch experimentelle) erklären können. Seine eigenen Erkenntnisse bezog er allerdings hauptsächlich aus der klinischen Erfahrung. Maslow selbst bezeichnet seine Theorie als holistisch-dynamisch, da in ihr Ansätze des amerikanischen Funktionalismus (James und Dewey), des Holismus (Wertheimer, Goldstein), der Gestaltpsychologie und der Psychoanalyse (Freud, Adler) zu einer Synthese zusammengefasst sind.Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In: Psychological Review. 1943, Vol. 50 #4, Seite 370.

Untersuchungsmethode Entsprechend seinem Menschenbild studierte Maslow „nur ausgewählte Persönlichkeiten“ (z. B. Albert Einstein, Jane Addams, Eleanor Roosevelt oder Frederick Douglass) mit weithin bekannten und bezeugten, dazu stabilen Profilen. Er bezog also bewusst keine psychisch gestörten oder auch nur labile bzw. unreife Personen in seine Untersuchung mit ein.Anmerkung, Zitat: the study of crippled, stunted, immature, and unhealthy specimens can yield only a cripple psychology and a cripple philosophy. Abraham Maslow: Motivation and Personality. Harper, New York 1954, ISBN 0-06-041987-3, S. 236.

Maslow wusste um die mangelnde empirische Überprüfung seiner Studien, beschrieb deren Erkenntnisse für ihn persönlich aber als so erleuchtend und bereichernd, dass er sie trotz der methodologischen Mängel veröffentlichte.

In einer Zusammenarbeit mit E. Raskin und D. Freedman wurde eine über 2 Jahre angelegte Studie begonnen, die aber abgebrochen werden musste. Als Teilnehmer hatte man das gesündeste Prozent der Studentenpopulation gewählt. – von Willard Mittelman (abstract)Abraham Maslow: Motivation and Personality. 3. Auflage. 1987, Seite 150.

Um den vagen Begriff der Selbstverwirklichung etwas zu präzisieren, stellte Maslow ein Kollektiv aus 60 Personen zusammen, von denen er meinte, diese hätten sie erreicht. Hierbei handelte es sich zum größten Teil um historische Persönlichkeiten und Personen der Zeitgeschichte. Da diese jedoch schwerlich zu Testzwecken herangezogen werden konnten, sondern lediglich Fremd- und Selbstzeugnisse vorlagen, mussten Gelegenheitsgespräche, Interviews und vereinzelt auch Tests benutzt werden. Eine einheitliche Auswertung war somit unter diesen methodologischen Voraussetzungen nicht zu leisten. – Artikel über die Bedürfnisstruktur

Die „Bedürfnispyramide“ und alternative Darstellung mini|hochkant=1.5|Dynamische Darstellung der Bedürfnishierarchie – Überlappungen sind dabei möglich und zu einem Zeitpunkt oft mehrere Bedürfnisse (aus verschiedenen Kategorien) aktiv. Die Darstellung der Maslowschen Bedürfnishierarchie in Form einer starren Pyramide wird Maslow fälschlich zugeschrieben; sie war zwar in Maslows Todesjahr 1970 bekannt,F. Divesta: Educational Psychology: Instruction and Behavioral Change. Irvington Pub, Later Printing edition, April 1970, ISBN 0-89197-133-5, S. 151. ist jedoch eine Interpretation seiner Arbeit durch andere.T. Bridgman, S. Cummings, J. Ballard: Who Built Maslow’s Pyramid? A History of the Creation of Management Studies’ Most Famous Symbol and Its Implications for Management Education. In: Academy of Management Learning & Education. Vol. 18, No. 1, 2019, S. 81–98. Die Darstellung der Pyramide geht mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Veröffentlichung von Charles McDermid von 1960 zurück.C. D. McDermid: How money motivates men. In: Business Horizons, 3(4), 1960, S. 93–100. Auch Werner Correll wird diese Darstellung zugeschrieben.Thomas Breyer-Mayländer: Einführung in das Medienmanagement: Grundlagen, Strategie, Führung, Personal. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-27594-1, S. 149.

Die Pyramidendarstellung verleitet vor allem zu einer „allzu statischen Sicht“ auf Maslows dynamisches Modell. Das hat denn auch zu vielen Missverständnissen und unbegründeter Kritik geführt. Eklatantes Beispiel solch einer Fehlinterpretation ist etwa die Annahme, die Bedürfniskategorien seien streng diskret angeordnet und eine Bedürfniskategorie müsse erst zu 100 % befriedigt werden, bevor die nächste Kategorie von Bedürfnissen motivierend wirken könne. Häufig reicht jedoch schon ein Befriedigungsgrad von 70 % oder weniger aus, um das nächsthöhere Bedürfnis in den Vordergrund treten zu lassen. Der empfundene Sättigungsgrad variiert zudem stark mit den individuellen Erwartungen.Georg Schreyögg, Jochen Koch: Grundlagen des Managements: Basiswissen für Studium und Praxis. Gabler Verlag, 2., überarb. u. erw. Aufl. 2010, ISBN 3-8349-1589-0, S. 197/198. Manche LehrbücherBeispiel: Personalführungslehre: Grundlagen, Funktionen und Modelle der Führung (UTB) oder Motivation und Handeln (Springer). benutzen daher dynamische Darstellungen in Anlehnung an Krech, Crutchfield & Ballachey (1962, S. 72/77).

Beschreibung der Bedürfnishierarchie Prinzip Die Bedürfnishierarchie ist ein Inhaltsmodell der Motivation (kein Prozessmodell); sie beschäftigt sich mit Inhalt, Art und Wirkung von Motiven. Ferner wird eine Taxonomie von Motiven geboten und bestimmt, die angibt, nach welchen Gesetzmäßigkeiten welche Motive verhaltensbestimmend werden.

Maslow stellte fest, dass manche Bedürfnisse Priorität vor anderen haben. Luft und Wasser brauchen wir zum Beispiel dringender als ein neues Auto. Den Versuch, eine konkrete (Rang-)Liste von Bedürfnissen aufzustellen, hält Maslow allerdings für nicht zielführend.Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In: Psychological Review. 1943, Vol. 50 #4, Seite 370: 8. Lists of drives will get us nowhere for various theoretical and practical reasons. und Thus it seems impossible as well as useless to make any list of fundamental physiological needs for they can come to almost any number one might wish, depending on the degree of specificity of description. Deshalb ordnete er Bedürfnisse zunächst nach fünf größeren Kategorien, beginnend mit den grundlegendsten physiologischen bis hin zu den kognitiv und emotional hoch entwickelten humanen Bedürfnissen (physiological needs, safety needs, love needs, esteem needs, needs for self-actualization).

Anschließend nimmt er eine weitere Unterteilung der ersten vier Kategorien in Defizitbedürfnisse (oder Mangelbedürfnisse) und der letzten in Wachstumsbedürfnisse (oder unstillbare Bedürfnisse) vor, mit der Begründung, die Nichtbefriedigung bestimmter Bedürfnisse – der Defizitbedürfnisse – könne physische oder psychische Störungen zur Folge haben (z. B. Sicherheit – Angst, sozialer Kontakt – emotionale Störungen). Wachstumsbedürfnisse hingegen könnten nie wirklich befriedigt werden, allerdings ebenso psychische Störungen oder Minderwertigkeitskomplexe auslösen.

Nur so lange ein Bedürfnis unbefriedigt ist, aktiviert und beeinflusst es das Handeln. Dabei wird das Handeln weniger von innen angetrieben (»pushed«) als von den Befriedigungsfolgen angezogen (»pulled«).Jutta Heckhausen, Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. Springer, Berlin/Heidelberg, 4., überarb. u. aktualisierte Auflage (16. August 2010). ISBN 3-642-12692-8, Seite 59. Mit zunehmender Befriedigung eines Bedürfnisses nimmt also dessen motivierende Kraft ab (wenn man nicht mehr durstig ist, versucht man beispielsweise nicht mehr zu trinken).

Die Idee der Bedürfnishierarchie als solche war schon vor Maslow bekannt, z. B. im Werk von Lujo Brentano,Lujo Brentano: Versuch einer Theorie der Bedürfnisse. München 1908, Neudruck in: ders.: Konkrete Bedingungen der Volkswirtschaft. Metropolis, Marburg, S. 86–158, ISBN 3-89518-401-2. der sechs Ebenen der Bedürfnisbefriedigung unterschied.

Die „klassischen“ fünf Ebenen 1. Physiologische Bedürfnisse rand|rechts|rahmenlos|420x420px Hierzu zählt Maslow (1943) alle Grundbedürfnisse, die zum Erhalt des menschlichen Lebens erforderlich sind wie Atmung, Wasser, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung und physiologische Homöostase. Dabei unterscheidet er hier eine Gruppe von Elementarbedürfnissen (Mineralien, Hormone, Vitamine usw.), die der Körper selbst reguliert.Vergleiche dazu das Homöostase-Konzept in Walter B. Cannon: The wisdom of the body. W.W. Norton & Co, New York 1932.

2. Sicherheitsbedürfnisse