Die funktionale Grammatik oder engl. functional grammar (FG) ist eine linguistische Theorie, die Ende der 1970er Jahre von Simon C. Dik in Amsterdam entwickelt wurde, ausdrücklich als Gegenmodell zum Standardmodell der Transformationsgrammatik von Noam Chomsky. Nach dem Tod Diks 1995 wurde die Theorie vor allem durch seinen Mitarbeiter Kees Hengeveld fortentwickelt und ist in ihrer heutigen Form der ursprünglichen Formulierung noch sehr nah. Seit 2004 wird die Theorie unter der Bezeichnung Functional Discourse Grammar (FDG) vor allem durch Kees Hengeveld und Lachlan Mackenzie weiterentwickelt (Hengeveld & Mackenzie 2008).
Zentrale Annahmen über Sprache
Die zentrale Annahme Diks über Sprache ist ihr zweckgebundener Charakter als Mittel zur Kommunikation. Dik rückt damit die Funktion der Sprache in den Mittelpunkt. In diesem Sinne ist die Bezeichnung Functional Grammar zu sehen: Ein sprachliches Modell, das von der Funktion der Sprache statt von ihrer äußeren Form ausgeht. Mit dieser zentralen Annahme fordert Dik eine Abkehr von der früher häufig angewandten heuristischen Reduktion der Pragmatik. Konkret ist jedoch in der Behandlung der Pragmatik bei Dik nicht die allgemeine Pragmatik im Sinne von Sprechakten und Sprache als Handlung gemeint, sondern der Bereich der Diskurspragmatik, im Wesentlichen also das Verhältnis der Informationsstruktur eines sprachlichen Ausdrucks zu seiner Realisierung, etwa bei der Behandlung von Topik und Fokus (Dik 1991:267ff.).
Der von Dik beschriebene Grammatikformalismus ist in diesem Sinne pragmatikbasiert. Die nächst wichtigste sprachliche Ebene ist aus Diks Sicht die Semantik, die, selbst von der Pragmatik beeinflusst, ihrerseits Einfluss auf die Syntax hat. Ein Beispiel für eine solche Beeinflussung der Syntax wäre etwa eine Aktiv-Passiv-Alternation, die von den semantischen Rollen der Mitspieler in der Äußerung bestimmt wird und in diesem Sinne semantisch motiviert ist.
Zugleich ist FG ein formales Modell, da es Methoden der formalen Semantik (etwa Prädikatenlogik) verwendet und den Anspruch der Implementierbarkeit als Computerprogramm und damit der Testbarkeit erhebt.
Grundlegende Eigenschaften der funktionalen Grammatik Als Grammatiktheorie ist die funktionale Grammatik eine allgemeine Theorie über die grammatische Organisation natürlicher Sprachen. Ihre wichtigsten Kennzeichen sind: Sprache wird vornehmlich als Instrument sozialer Interaktion gesehen Als solches ist v. a. die Pragmatik von Bedeutung. Syntax und Semantik sollten innerhalb der Pragmatik analysiert werden. Die Hierarchie zwischen diesen drei Analyseebenen ist deutlich: Am wichtigsten ist für die funktionale Grammatik die Pragmatik, ihr untergeordnet ist die Semantik, welcher wiederum die Syntax untergeordnet ist. Es existiert weder eine „autonome“ Syntax, noch eine „autonome“ Semantik. Das angestrebte Grammatikmodell soll den unten näher beschriebenen Formen der Adäquatheit genügen. Für den Aufbau der funktionalen Grammatik werden vor allem drei verschiedene Arten von funktionalen und relationalen Begriffen verwendet: Semantische Funktionen kodieren verschiedene Rollen, die die Teilnehmer an einem Sachverhalt einnehmen können (Agens, Patiens, Recipiens usw.) Syntaktische Funktionen präsentieren alternative Perspektiven auf die Präsentation von Sachverhalten (Subjekt, Objekt) Pragmatische Funktionen geben die Verteilung von Information an, welche von der jeweiligen Situation abhängig ist (Topik, Fokus) Sprachliche Ausdrücke werden zunächst aufgrund von abstrakten Prädikationsmustern beschrieben, die mittels im Lexikon aufgenommener Prädikationsmuster aufgebaut werden. Ausdrucksregeln bestimmen anschließend Form und Ordnung der Konstituenten, welche für den jeweiligen sprachlichen Ausdruck grundlegend sind. Bestimmend sind dabei die kategorialen und funktionalen Eigenschaften innerhalb der Prädikation. Die funktionale Grammatik vermeidet strukturverändernde Transformationsregeln.
Vorstellungen über Grammatik
Grundlegender Aufbau des Grammatikformalismus
Der Grammatikformalismus der FG besteht im Wesentlichen aus der Beschreibung abstrakter Ausdrücke, der Underlying Clause Structures (UCS), die schrittweise aus Prädikaten und Termen gebildet werden und die durch Ausdrucksregeln zu konkreten sprachlichen Äußerungen in Bezug gesetzt werden oder diese erzeugen.
Aufbau der Underlying Clause Structure
Prädikate
Die UCS werden aus Prädikaten und Termen gebildet. Einige elementare Prädikate und Terme sind Teil des Lexikons, andere werden aus diesen elementaren Prädikaten und Termen erstellt (durch predicate formation und term formation). So wäre das Prädikat für throw back ein aus den elementaren Prädikaten für throw und back abgeleitetes Prädikat. Alle Prädikate und Terme zusammen bilden den Fundus (fund) einer Sprache.
Prädikate sind Ausdrücke für Eigenschaften oder Relationen. Es handelt sich hier um Prädikate im Sinne der Prädikatenlogik, nicht um die grammatische Relation des Prädikates aus der lateinischen Schulgrammatik. In diesem Sinne sind nicht nur Verben Prädikate, sondern alle Inhaltswörter einer Sprache. So ist „haus(x)“ etwa ebenso ein Prädikat wie „schlagen(x,y)“.
Ein Unterschied der Prädikate in der FG zur klassischen Prädikatenlogik ist die Verwendung sogenannter Restriktoren. Wenn in der FG Prädikate zusammengesetzt werden, geschieht dies durch die Verwendung dieser Restriktoren, geschrieben als „:“, etwa in der Form „japanisch(x):buddhistisch(x)“. Dies lässt sich paraphrasieren mit „Die Menge der x, für die gilt: x ist japanisch, eingeschränkt auf die Menge der x, für die gilt: x ist buddhistisch“. Die entsprechende prädikatenlogische Form wäre „japanisch(x) & buddhistisch(x)“, wobei das „&“ ein prädikatenlogisches „UND“ ist. Der entsprechende Sachverhalt ist in beiden Fällen gleich. Der Unterschied besteht darin, dass das prädikatenlogische „&“ umkehrbar ist, dass also „japanisch(x) & buddhistisch(x)“ äquivalent ist zu „buddhistisch(x) & japanisch(x)“. Bei den Restriktoren ist dies nicht der Fall und sie sind damit in der Lage, den Unterschied der sprachlichen Äußerungen Der japanische Buddhist und Der buddhistische Japaner zu erfassen (Dik 1997, Kap. 6.2).
Prädikate sind stets Teil eines Prädikatrahmens, der die Eigenschaften des Prädikats beschreibt. Ein Beispiel für den Prädikatrahmen eines transitiven Verbs wäre etwa:
throw[V](x1:<animate>(x1))Agent (x2:<concrete>(x2))Goal (x3)Direction
Zunächst erscheint die Wortform (throw), anschließend die Wortart (V). Im Folgenden sind die Argumentpositionen des Verbs beschrieben. Das Argument in der Mitspielerposition mit der semantischen Rolle des Agens muss belebt (animate) sein, der vom Sachverhalt betroffene Mitspieler (Goal, allgemein hat sich für die Rolle, die Dik Goal nennt, die Bezeichnung Patient bzw. Patiens durchgesetzt), hier der geworfene Gegenstand, muss konkret (concrete) sein und das dritte Argument (mit der semantischen Rolle Location) unterliegt keiner solchen Selektionsbeschränkung.
Zu solchen nuklearen Prädikaten können nun die fakultativen sogenannten Satelliten hinzukommen, die Positionen einnehmen, die nicht vom Prädikatrahmen spezifiziert werden, etwa zu einer zeitlichen Präzisierung des Prädikats mit Hilfe von Wörtern wie gestern oder bald. Einen solchen um Satelliten erweiterten Prädikatrahmen nennt Dik einen erweiterten Prädikatrahmen (extended predicate frame).
Terme
Der zweite wesentliche Bestandteil einer Underlying Clause Structure (UCS) sind neben Prädikaten die Terme. Formal sind Terme die Argumente der Prädikate, semantisch sind es Ausdrücke, die Entitäten referenzieren (Genau genommen schreibt Dik (1991:255), dass Terme den Adressaten instruieren, eine Entität zu identifizieren, die dem Profil des Terms entspricht). Beispiele für Terme wären Das Haus oder Die lila Plastiktüte. Es existieren nur sehr wenige elementare Terme, so sind lediglich Eigennamen und Personalpronomina als elementare Terme vorhanden, andere Terme, wie Die lila Plastiktüte werden aus Prädikaten erstellt. Terme sind also die Entitäten, die durch ein Prädikat zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Eine Prädikation, die zwei Terme (the garden und the dog) enthält, wäre z. B.:
present: (definite singular x1:garden [N])Location (definite singular x2:dog [N])
Ebenen in der UCS
Innerhalb der Underlying Clause Structure (UCS) werden in Form von Funktionen drei verschiedenen Ebenen unterschieden:
Äußerungssituation: Ebene der pragmatischen Funktionen wie Topik und Fokus. Mitspielerebene: Ebene der semantischen Funktionen wie Agens und Goal (Patiens). Ebene der Perspektive: Ebene der syntaktischen Funktionen Subjekt und Objekt.
In diesem Sinne nehmen einzelne Elemente einer sprachlichen Äußerung auf den verschiedenen Ebenen verschiedene Kategorien an. In dem Satz Peter kauft ein Eis etwa ist Peter zugleich Agens, Topik und Subjekt, während Eis zugleich Goal (Patiens), Fokus und Objekt ist.
Der sprachliche Ausdruck, der durch die Ausdrucksregeln auf die UCS
present: (definite singular x1:garden [N])Location(definite singular x2:dog [N])
bezogen (oder in einer Implementierung des Formalismus auch aus der UCS erzeugt) werden kann, ist so noch nicht eindeutig. Der UCS entspricht etwa die Äußerung The dog is in the garden. In einer bestimmten Äußerungssituation (etwa in einer Aufzählung der für einen Einbruch zu überwindenden Hindernisse) wäre aber folgende Äußerung denkbar, die ebenfalls mit der UCS übereinstimmt: There is the dog in the garden. Dieses Beispiel verdeutlicht die Möglichkeiten, die eine Berücksichtigung der pragmatischen Ebene bietet, denn durch die Kennzeichnung des Aufzählungscharakters ist es möglich, die beiden sprachlichen Äußerungen in der zugrunde liegenden Struktur zu unterscheiden (Dik 1997, Kap. 8.7.2).
Die Unterscheidung der Ebene der semantischen Rollen, d. h. der Mitspieler und der syntaktischen (grammatischen) Relationen ermöglicht die Beschreibung syntaktischer Alternationen wie der Passivierung ohne dass dabei die eine Form aus der anderen abgeleitet werden müsste. So gibt es in einem Aktivsatz eine Übereinstimmung von Subjekt und Agens, während bei einer Übereinstimmung von Subjekt und Goal (Patiens) in der UCS dieser ein Passivsatz entspräche.
Operatoren auf Prädikationen
Wenn wie beschrieben die Terme in die Prädikatrahmen eingesetzt wurden, haben wir eine Prädikation, die die vollständige Proposition oder den Sachverhalt (State of Affair, SoA) des Satzes enthält, jedoch noch nicht weiter spezifiziert ist. Dazu werden nun Operatoren auf die gesamte Prädikation angewandt, etwa in der Underlying Clause Structure (UCS) oben der Operator „present“, der selbst wieder als ein Prädikat mit der vollen Prädikation als Argument gesehen werden kann. Ebenso werden in diesem Schritt Operatoren zum Modus (etwa Interrogativ oder Deklarativ) eingefügt.
Diese nun voll spezifizierte Prädikation wird schließlich mit Hilfe von Ausdrucksregeln zu Form, Reihenfolge und Intonation spezifiziert und damit zu einer konkreten sprachlichen Äußerung in Bezug gesetzt (bei der Beschreibung) bzw. in eine solche umgewandelt (bei der Generierung).
Zusammenfassung des Grammatikformalismus
Es handelt sich damit bei FG um ein monostratales Modell, da zwar zwischen den Underlying Clause Structures (UCS) und den sprachlichen Ausdrücken unterschieden wird und diese durch Ausdrucksregeln aufeinander bezogen werden, jedoch werden keine verschiedenen Ebenen angenommen, auf denen konkrete sprachliche Äußerungen stehen, so sind etwa keine syntaktischen Derivationsmechanismen vorhanden. In diesem Sinne findet die Bildung der sprachlichen Äußerungen schrittweise innerhalb einer Prozesskette, auf einer einzigen Ebene statt.