mini|hochkant|Ausgabe von Malina des Suhrkamp Verlags
Malina ist ein 1971 veröffentlichter Roman der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Malina ist der am häufigsten interpretierte Prosatext der Autorin und führte wochenlang die Bestsellerliste an. Es ist der einzige Roman Bachmanns, der zu ihren Lebzeiten erschien.
Aufbau und Inhalt Der Roman beginnt mit einem Personenverzeichnis, in dem jedoch nur ein Teil der Figuren aufgeführt sind. Es folgen ein Vorkapitel und drei Kapitel. Die Legende der Prinzessin von Kagran ist grafisch hervorgehoben und bildet einen weiteren, integrierten Abschnitt.
Im Vorkapitel wird die Wahl von Zeit und Ort begründet. Die Ich-Erzählerin, Malina und Ivan werden als fiktive handelnde Figuren eingeführt und der Beginn der Bekanntschaft der Ich-Figur mit Malina erzählt. Die Dreiecksbeziehung zwischen den drei Hauptfiguren, zeichnet sich ab. Schon hier gibt es mit der Beschreibung des Ortes einen Hinweis auf eine fiktive Textebene: Die Gasse, in der die drei Protagonisten leben, das „Ungargassenland“, ist ein zugleich realer und fiktiver Ort, „weil sie nur in mir ihren Bogen macht“.Ingeborg Bachmann: Todesarten-Projekt. Kritische Ausgabe. Vier Bände in fünf Bänden. Herausgeber: Monika Albrecht, Dirk Göttsche, Robert Pichl (Leitung). Band 3.1., Piper Verlag, München, Zürich 1995, ISBN 3-492-04993-1.
Im ersten Kapitel Glücklich mit Ivan erzählt die Ich-Figur von ihrer Beziehung zu Ivan, einem gebürtigen Ungarn, der in der Finanzbranche tätig ist. In seiner Nähe will sich die Erzählerin glücklich und geborgen fühlen. Zweimal hilft Ivan der Ich-Figur, zu einer Ganzheit zurückzufinden, die auf nicht geklärte Weise verloren gegangen ist; einmal geht es dabei um den Weg aus einer körperlichen Schwäche, das andere Mal um die Bewältigung einer Sprachkrise. So versucht der Haupttext des Kapitels, die heilende Kraft der Liebe zu zeigen. Parallel wird aber immer eine andere Textebene immer deutlicher, auf der die Liebe scheitert. Diese negative Entwicklung hat ihre Ursachen in „klaren geschlechtlichen Hierarchien sowie der Selbstaufgabe und ‚selbstgewählten Unmündigkeit‘ der Ich-Figur“: „Ich lebe in Ivan. / Ich überlebe nicht Ivan.“ Ivan zieht sich zunehmend zurück, Malina wird immer wichtiger.
Im kursiv gedruckten Märchen von der Prinzessin von Kagran, das in das erste Kapitel eingebettet ist, rettet ein Fremder im langen schwarzen Mantel zweimal eine Prinzessin. Am Schluss aber denkt er sich die erste Todesart aus und tötet die weibliche Figur mit einem Dorn ins Herz.
Im zweiten Kapitel Der dritte Mann erzählt die Ich-Figur Malina 35 Traumsequenzen, in denen die Ich-Figur von einer Vaterfigur getötet, gequält oder auf andere Weise zum Verstummen gezwungen wird. In den Dialogszenen zwischen den Träumen versucht Malina, die Träume (psycho-)analytisch zu bearbeiten, indem Deckerinnerungen aufgelöst werden und das Ich erkennt, was sich in den Träumen verbirgt. Dabei beharrt Malina darauf, dass die richtige Deutung nur von ihm kommen könne, nicht von der Ich-Figur („Nein, nein, du weißt es eben nicht […], du verwechselst sogar deine Leben.“)
Das dritte Kapitel Von letzten Dingen besteht aus zahlreichen Dialogen zwischen der Ich-Figur und Malina. Dabei wird Malina immer dominanter, die Ich-Figur wird ihrer selbst immer unsicherer: Sie verfügt nur über fremde Erinnerungen und Geschichten. Malina bewegt das Ich sogar dazu, den Anspruch auf ein Ich aufzugeben. Die Ich-Figur übergibt Malina die Geschichten, bewegt sich in einen Riss in der Wand und verwandelt sich in ein stummes Es: „es kann nicht mehr schreien, aber es schreit doch: Ivan!“ Am Ende vernichtet Malina die persönlichen Gegenstände der Ich-Figur und teilt dem anrufenden Ivan mit, dass es in dieser Wohnung keine Frau (mehr) gebe. Die Erzählinstanz beendet ihren Text mit „Es war Mord.“
Figurencharakteristik und Figurenkonstellation Im Mittelpunkt der Handlung steht die Beziehung der namenlosen erzählenden Ich-Figur zu Malina und Ivan. Die Ich-Erzählerin bewohnt mit Malina eine Wohnung in der Ungargasse 6 in Wien. In der Ungargasse 9 lebt Ivan, der heimliche Liebhaber der Ich-Figur. Malina arbeitet als Militärhistoriker, ist ruhig und ordentlich und für die Protagonistin immer verfügbar.
Schon in den Hinweisen des Verlages zur Erstausgabe ist festgehalten, dass die Ich-Figur und Malina nicht etwa – wie im Personenverzeichnis angegeben – zwei Protagonisten darstellen, sondern zwei Seiten einer Figur. Die beiden Aspekte entsprechen den klassischen Zuschreibungen an Frauen und Männer: die subjektiv-emotionale Seite ist in der Ich-Figur angesiedelt, die objektiv-rationale in der männlichen Figur Malina. Auch der als männlich gelesene Ivan wurde von Teilen der Literaturwissenschaft als personalisierter Anteil der Hauptfigur interpretiert. Unter dieser Voraussetzung geht es in dem Roman auf einer offensichtlichen Ebene zwar um eine klassische Dreiecksgeschichte, auf einer anderen aber um das Geschehen in der Psyche einer einzigen Figur.
Ivan ist gebürtiger Ungar, „geht einer geregelten Arbeit nach“ und ist in der Finanzbranche tätig. Béla und András sind seine Kinder. Ivan sagt: „Ich liebe niemand. Die Kinder selbstverständlich ja, aber sonst niemand.“ Dies beschreibt parallel seine Haltung zur Ich-Erzählerin: Er duldet ihre Anwesenheit, ist jedoch gelangweilt, „Ivan hält sich die Hand vor den Mund, damit ich nicht merken soll, daß er gähnt“. Mit ihrer großen Sensibilität und ihren Emotionen kann er nicht umgehen.
Die Protagonistin besitzt einen „österreichische[n] Paß, ausgestellt vom Innenministerium. Be-glaubigter Staatsbürgerschaftsnachweis. Augen br., Haare bl., geboren in Klagenfurt“. Anders als Ivan erfährt sie die gemeinsame Beziehung nicht als Fluch, sondern als Segen. Er ist der Grund ihres Überlebens. „Als Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.“ Doch Ivan „heilt“ nicht, er zerstört die Existenz der Ich-Erzählerin. Von Beginn an ist die Protagonistin dem dominanten Mann unterworfen und entwickelt eine Abhängigkeit gegenüber dessen Wertschätzung, Zeit und Aufmerksamkeit. Mit jeder Demütigung und Ablehnung verliert sie ein Stück ihrer Identität, bis psychische Probleme unausweichlich sind. Dennoch beschreibt das Ich Ivan und sich als „die konvergierende Welt.“
Die Beziehung zwischen Malina und der Ich-Erzählerin wird als dissonant geschildert. Auch hier liegt eine deutlich definierte Vorstellung von Machtverhältnissen und Geschlechterrollen innerhalb der Partnerschaft vor. Aussagen wie „Ich war allerdings von Anfang an unter ihn gestellt“ oder „Ich war auch Malinas Geschöpf“ unterstreichen die untergeordnete Stellung die Ich-Erzählerin. Sie ist der Meinung, Malina und sie seien, „weil wir eins sind: die divergierende Welt“.
Weitere Figuren sind einige Mitglieder der Wiener Gesellschaft und Familienmitglieder der Ich-Erzählerin. Ihr Vater nimmt eine hervorgehobene Stellung ein. Diese anderen Figuren könnten, so ein Teil der Literatur, ebenfalls als Aspekte der Ich-Figur gelesen werden; bei der Haushälterin Lina weist schon der Name auf einen Teilaspekt von Ma–lina hin. Es wurde daher in der Literatur bereits die Hypothese zur Diskussion gestellt, der Roman könne insgesamt als Auflösung einer Figur in ihre Facetten verstanden werden.
Titel Der Name Malina wurde auf unterschiedliche Weise gedeutet. Vorgeschlagen wurde die anagrammatische Ableitung aus anima und/oder animal. sowie die deutsche Übersetzung von Himbeere aus einer slawischen Sprache. In der russisch-jiddischen Variante der Gaunersprache wird Malina für Versteck benutzt. Außerdem steht es für geheime Aufenthaltsorte in Ghettos. Damit rückt der Name in den Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das Verhältnis zwischen der Ich-Figur und Malina lässt sich vor diesem Hintergrund nicht mehr nur als eindeutige Opfer-Täter-Beziehung deuten: Malina könnte auch das Versteck des Ich sein, „sein Schutzraum und seine Undercover–Identität“. Der Buchtitel steht, so Herrmann, als Verschlüsselung der Aufforderung, „das Verdeckte hinter dem Offensichtlichen zu suchen“.
Gattung Die Gattung von Malina lässt sich schwer mit formalen Kriterien bestimmen. Bachmann bevorzugte die Bezeichnung Buch gegenüber Roman. Im Titel wird Malina zwar als Roman bezeichnet, doch die Auflistung der Figuren am Anfang ist typisch für das Drama. Auf diese Gattung verweisen auch die Einheit des Ortes („Wien“) und Zeit („heute“). Bestimmte Textteile werden als Legenden bezeichnet und grafisch hervorgehoben, sie lassen sich jedoch eher als Märchen lesen. Am Ende des Romans lassen musikalische Vorgaben für Tempo, Lautstärke, Ausdruck und Gefühle die Dialoge zum Teil zu Duetten werden. Auf diese Weise sind jedoch nur die Texte der Ich-Figur markiert.
Erzähltheoretische Faktoren
Erzählsituation Von Anfang an sind erzählendes und erzähltes Ich nicht scharf getrennt.
Gerade das Ende des Romans hat eine Vielfalt von Interpretationen und unterschiedlichste Ansichten darüber hervorgerufen, wer in Malina erzählt. Bereits in den Frankfurter Vorlesungen hatte Bachmann sich mit den unterschiedlichen Ich-Konzeptionen im modernen Erzählen auseinandergesetzt. Die Frage „Wer spricht?“ wurde in der Literatur über den Roman verschieden beantwortet. So wurde zum einen argumentiert, das weibliche Ich spreche „über den Tod hinaus oder gegen ihn an“. Dagegen wurde die Position vertreten, Malina sei vor allem nach dem Verschwinden der Ich-Figur in der Wand der Sprecher. Doch auch der Text selbst wurde als mögliche erzählende Instanz angesehen: Die weibliche Figur schweige und verschwinde mit all ihren Personal- und Possessivpronomina, doch ein „männlich-paternaler Text“ schreibe sich fort. Möglich erschien es der Sekundärliteratur auch, dass sich die übergeordnete Erzählposition vollständig aufgelöst habe und ein multiperspektivisches Erzählen zurückgeblieben sei; die Feststellung, aus welcher Perspektive gerade erzählt werde, sei unmöglich geworden. Der Roman wurde auch als Ausdruck einer Erzähl- und Lebenskrise gelesen und autobiografisch gedeutet. Nach dieser Lesart wird der letzte Teil von Malina keiner Instanz innerhalb des Textes, sondern der Autorin zugeschrieben.
Das Erzählen der Ich-Figur wird auf mehrfache Weise behindert. Zum einen ist ihre Erinnerungsfähigkeit und damit auch ihre Erzählkompetenz gestört. Malina führt dies auf die traumatischen Gewalterfahrungen mit dem Vater zurück, die in Träumen wiederkehren. Zum anderen wird die weibliche Ich-Figur durch Redeverbote behindert: Sie schreibt an einem Todesarten-Projekt, doch Malina und Ivan greifen massiv ein. Die Ich-Instanz macht dafür ausschließlich männliche Figuren verantwortlich, nämlich Malina und Ivan sowie in den Traumpassagen den Vater.
Die schreibende Ich-Figur bestreitet zwar jede Möglichkeit zu erzählen, nähert sich jedoch im Lauf des Textes scheinbar ihrer eigenen „dunklen Geschichte“. Offengelegt wird diese jedoch auch am Ende nicht. Vielmehr händigt die Ich-Figur alle ihre „Wortscherben“ an Malina aus: „Übernimm du die Geschichten, aus denen die große Geschichte gemacht ist. Nimm sie alle von mir.“ Malina zerreißt das Erbe der Ich-Figur und wirft es weg. Die feministische Rezeption sah darin eine Kritik an der Verdrängung von Autorinnen und ihren Leistungen durch Männer. Doch nach Bachmanns Äußerungen hatte sich die Ich-Figur als „subjekt und unbrauchbar“ erwiesen. Von daher zeige Malinas Vernichtung, so Britta Herrmann, „die radikale Überwindung einer verworfenen Erzählposition“.
Zeitstruktur