Murphy ist der Titel eines 1938bei Routledge publizierten Romans des irischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Samuel Beckett. Erzählt wird die tragikomische Beziehung des Solipsisten Murphy und der Prostituierten Celia im Kontrast zu einer absurden Detektivgeschichte. Die deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven erschien 1959.Samuel Beckett: „Murphy“. Rowohlt Hamburg, 1959.
Überblick London ist der Treffpunkt der sechs irischen Protagonisten, die hier ihre Beziehungsprobleme und Konflikte austragen. Im Mittelpunkt des Romans steht die tragisch-groteske Geschichte Murphys, eines introvertierten, an Aktivitäten und am Leben der Gesellschaft desinteressierten jungen Mannes, und seiner Freundin Celia, die sich als Waisenkind durch Prostitution ernähren muss und von einer echten Liebesbeziehung und einem bürgerlichen Leben träumt. Während Murphys kurzer Londoner Zeit verläuft sein Weg konsequent auf die körperliche Auslöschung zu. Zeitlich parallel und als Gegenpol dazu entwickelt sich eine komödienhafte, turbulente Detektivgeschichte: Ein Corker Quartett um Professor Neary sucht nach Murphy. Beide Handlungsstränge treffen sich am Ende des Romans. → Kapitelübersicht Murphy meditiert in seinem Schaukelstuhl und erinnert sich an seine Studentenzeit in Cork. Celia spricht mit ihrem Großvater über ihre Beziehung zu Murphy. Murphy und Celia interpretieren sein Horoskop unterschiedlich in Bezug auf ihre Lebenskonzepte. In Dublin erzählt Professor Neary seinem ehemaligen Schüler Wylie von seiner Liebe zu Miss Counihan, die immer noch auf eine Nachricht ihres Freundes Murphy aus London wartet. Celia stellt Murphy ein Ultimatum und dieser findet eine Arbeitsstelle in einer Psychiatrie. Der Erzähler beschreibt Murphys Geist-Welt-Problem. Das Corker Quartett sucht mit unterschiedlichen Motiven Murphy in London. Murphy zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, während Celia im Hyde-Park ihren Großvater sucht. Murphy findet seine Erfüllung im Umgang mit den Patienten der Psychiatrie. Die vier Corker haben Celias Wohnung gefunden und warten dort auf Murphy. Murphy spielt mit Mr. Endon seine letzte Partie Schach und stirbt bei einem Zimmerbrand. Celia und die Corker identifizieren Murphy und Cooper verstreut versehentlich seine Asche. Celia arbeitet wieder als Prostituierte und beobachtet den davonfliegenden Drachen ihres Großvaters im Hydepark.
Murphy-Handlung Murphys und Celias Lebensvorstellungen Die Titelfigur ist ein junger solipsistischer Individualist. Nachdem er die Universität in Cork im Februar verlassen hat und nach London gegangen ist, führt er dort ohne Beruf und Stellung ein unstetes Leben. Er glaubt, wie seine Freundin Celia ihrem Großvater erzählt, „dass die Zukunft Großes für ihn bereithält“. Finanziell unterstützt wird er von seinem Onkel Quigley, einem „in Holland lebenden begüterten Tunichtgut“, der ihm die Miete bezahlt. Mit Hilfe zu hoch angesetzter, von seiner „Hausdame“, der Vermieterin, gegen eine Provision gefälschter Mietrechnungen bleibt ihm etwas Geld übrig, z. B. für einen Konzertbesuch: „Diese prächtige Einrichtung gestattet ihm, sozusagen nach Belieben dahinzusiechen, sie erwies sich jedoch für einen noch so bescheidenen Hausstand als unzulänglich.“ Aber er kann vom Onkel nicht noch mehr fordern, weil er fürchtet, dass dieser seine Zahlungen ganz einstellt: „Soll ich die Hand, die mich darben lässt, beißen […] damit sie mich erdrosselt?“ Sein Lebensunterhalt wird mit Celias durch Prostitution verdientem Geld finanziert: „Celia gab jeden Penny aus, den sie verdiente, und Murphy verdiente keinen Penny.“ (Kap. 2)
Im zweiten Kapitel wird die Vorgeschichte erzählt: Celia hat mit vier Jahren Irland verlassen. Ihre Eltern kamen bei einem Feuer auf dem Kreuzfahrtschiff „Morro Castle“ 1930 ums Leben. Seither muss sie als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdienen.Ihre Körpermaße werden am Anfang des 2. Kapitels aufgelistet, sie entsprechen denen der Venus von Milo in Becketts „Whoroscope Notebook“. Ihre Bezugsperson ist ihr altersschwacher Großvater Willoughby Kelly. Er wohnt in Tyburnia, nördlich des Hyde-Parks. Dorthin fährt er täglich mit seinem Rollstuhl und trifft sich mit seinen Freunden zum Drachenflug. (Kap. 8)
In der Johannis-Nacht im Juni sah Celia beim Gang durch ihr Revier in West Brompton zufällig Murphy, der mit einer Sternenkarte den Himmel beobachtete. Celias Gemütszustand in dieser Lebensphase wird deutlich an einer Bemerkung des Erzählers, als sie vor ihrem Zusammentreffen auf die Themse zugeht: „Celias Ziel war klar: das Wasser. Die Versuchung hineinzugehen, war mächtig, aber sie schob es beiseite.“ Celia sprach Murphy an, sie verliebten sich ineinander, er machte ihr einen Heiratsantrag und sie begannen eine Beziehung. Sie erhofft sich ein von Murphys Arbeit finanziertes bürgerliches Leben ohne Prostitution. Als sie ihrem Großvater im September, bevor sie ihrem Freund sein Horoskop bringt, von ihrer Beziehung und ihrer Planung erzählt, warnt sie dieser vor Illusionen, denn er glaubt nicht an eine Wandlung Murphys. Sie jedoch will ihr Glück erzwingen und meint, „mit vereinten Kräften würden sie es sicher schaffen, ein wenig zu verdienen.“ Nach dem Gespräch verabschiedet sie sich von Mr. Kelly: „Nun habe ich niemanden mehr, dachte Celia, es sei denn Murphy.“ (Kap. 2)
Celia hat nach fast fünf gemeinsamen Monaten mit Murphy, von Juni bis Oktober, nachdem sich nichts in ihrem Sinn geändert hat, ihm das Ultimatum gestellt, entweder er suche sich Arbeit oder sie beende die Beziehung. Sie will aus Murphy, dem Solipsisten, einen „Weltmann“ machen. Er ist jedoch mit dem bisherigen Zustand recht zufrieden und sieht die „Antinomien der freier Liebe“ aus seiner egozentrischen Perspektive, nämlich „dass eine Arbeitsverpflichtung für einen noch so geringen Lohn unausbleiblich die zumindest vorläufige Vernichtung des sichtbaren Universums für seine Geliebte zur Folge haben würde. […] War sie nicht reichlich alt für so eine Umstellung?“ Sie dagegen möchte ihre Arbeit als Prostituierte aufgeben und will ihm eine konventionell- normale Rollenverteilung schmackhaft machen: „Dann wird es nichts mehr geben, das mich von dir ablenkt“ (Kap. 5). Das klingt für ihn eher wie eine Drohung. Er dreht Celias Forderung um, wenn er arbeiten müsse, sei ihre Liebe zu Ende, denn er hätte dann keine Zeit mehr für seine Lieblingsbeschäftigung, dem permanenten Meditieren. Nach einiger Zeit der Trennung bietet Murphy Celia an, die Entscheidung von einem Horoskop abhängig zu machen.
Murphys Schaukelstuhl Vor dem Hintergrund dieser existentiellen Situation beginnt der Roman. Der Protagonist hat sich in seinem schattigen Zimmer in West Brompton nackt an einen Schaukelstuhl gefesselt und schaukelt sich in Trance, um das Gefühl zu haben, sein Geist habe sich von seinem Körper getrennt: „Er brachte den Stuhl bis zum äußersten ins Schaukeln, dann ruhte er aus. Allmählich versank die Welt, die große Welt, in der Quid pro quo„dies für das“. Rechtsgrundsatz und ökonomisches Prinzip, nach dem eine Person, die etwas gibt, dafür eine angemessene Gegenleistung erhalten soll. feilgeboten wurde[…] zugunsten der kleinen, wie es im sechsten Kapitel beschrieben ist, wo er sich selbst lieben könnte.“ (Kap. 1) Eingeblendet in sein Schaukeln sind seine Erinnerungen an Gespräche mit dem Corker Professor Neary, dem Pythagoreer, der eine Harmonie mit dem Kosmos anstrebt. Er lehrte Murphy die Harmonie zwischen Leib und Seele, die Symmetrie zwischen den Extremen. Murphy konnte jedoch die Spaltung in sich zwischen Innen- und Außenwelt nicht überwinden, trennte sich von seinem Lehrer und fuhr nach London. Zurück ließ er seine Geliebte Miss Counihan, die seither vergeblich auf Briefe von ihm wartet.
Murphys Geist Im 6. Kapitel erklärt der auktoriale Erzähler Murphys psychisch-existentielle Situation: Sein Geist ist ein geschlossenes System, eine isolierte Innenwelt, aber er hat körperliche Bedürfnisse und muss deshalb immer wieder Beziehungen zu Frauen eingehen, die sich in ihn verlieben und ihn binden wollen. Er kann dagegen die Gesellschaft der Menschen und ihren Betrieb nicht ertragen und löst sich immer wieder aus Beziehungen, z. B zu Neary und Miss Counihan. Durch das Schaukeln erreicht er einen Schwebezustand und hat Fluggefühle. Dies ist eine Art mystischer Vertiefung, eine Kontemplation oder ein Trancezustand mit Glücksgefühlen, mit dem Höhepunkt der absoluten Freiheit und der Körper-Geist-Kongruenz. Murphy sucht durch das Horoskop die günstigen Faktoren zu ermitteln und dies auf übernatürliche Determination, bzw. kosmische Konstellationen zurückzuführen. So sieht er in der Zufallskette, wie er zu der Arbeit in der Psychiatrie kam, eine höhere Vorherbestimmung.
Murphys Arbeitssuche Nach dem Gespräch mit ihrem Großvater besucht Celia am 12. September Murphy in seiner Wohnung, um ihm das Horoskop von Pandik Suk zu bringen (Kap. 3). Sie findet ihn auf dem Boden unter seinem Schaukelstuhl, aus dem er nach einem Flugerlebnis und einem Herzanfall gestürzt ist. Celia deutet die widersprüchlichen Aussagen des HoroskopsHang zum Nichtstun. Warnung vor Überanstrengung einerseits, aber Empfehlung, nach Harmonie zu streben, Verlangen, sich irgendeiner Beschäftigung zu widmen mit dem glücksbringenden Datum Oktober 1936 andererseits in ihrem Sinn und setzt sich diesmal mit einem Ultimatum durch, sie würde sich von ihm trennen und sich ein neues Revier für ihre Arbeit suchen. (Kap. 3)
Celia sucht als erstes ein von ihrem Revier entferntes neues Umfeld und mietet von ihrem ersparten Geld ein Zimmer in der Brewery Road in Pentonville. (Kap. 5) Von hier aus schickt sie Murphy jeden Morgen, mit Fourpenny für ein Mittagessen ausgestattet, zur Arbeitsuche, sitzt dann im Schaukelstuhl, lässt sich von der Hausdame Miss Carridge Tee servieren und empfängt ihren Geliebten mit einem Abendessen. Doch dieser treibt sich ohne ehrliche Bemühungen in der Gegend herum und bewirbt sich nur in Büros, wo er keine Chance hat, eingestellt zu werden. Durch Tricks, Kritik am Tee usw. versucht er etwas einzusparen und damit eine Busfahrt zu finanzieren. Am Freitag, dem 11. Oktober, trifft er einen alten Bekannten: Austin Ticklepenny, Kneipenpoet aus Dublin und bekannter Säufer. Dieser kam zur Entziehungskur in die Londoner Psychiatrie „Magdalen Mental Mercyseat“. Als Gegenleistung arbeitete er als Helfer und wurde nach seiner Heilung als Wärter angestellt. Da er die Arbeit mit den Psychopathen nicht mehr ertragen kann, sucht er für sich einen Ersatz. Murphy ist sofort zur Übernahme bereit.
Es ist ein Schicksalstag für Celia und Murphy mit Vorzeichen: Der im Stockwerk über ihnen wohnende und ständig unruhig herumlaufende alte Mieter hat sich mit seinem Rasiermesser die Kehle durchgeschnitten und Celia tauscht ihr Zimmer im ersten Stock gegen sein kleineres. Mit Miss Carridge einigt sie sich über die Miete: Die Rechnung an den Onkel soll den gleichen Betrag aufweisen wie bisher. Da das kleinere Zimmer billiger ist, zahlt Miss Carridge die Differenz, abzüglich einer Provision, an Celia aus. (Kap. 7) Am Abend teilt ihr Murphy mit, dass er bei der Suche nach „Ihrer Arbeit“ erfolgreich war, er vermisst ihre Begeisterung darüber und erzählt ihr nicht, um welche Arbeit es sich handelt. Der Erzähler kommentiert: „Er liebte sie immer noch genug, um sie gelegentlich mit Vergnügen leiden zu lassen“. Indirekt bereitet er die Trennung durch seine Schuldzuweisung vor: „Die Arbeit ist Deine Schuld“. Er werde vermutlich einige Zeit nicht nach Hause kommen: Auf ihre Befürchtung, dass er sie für immer verlässt, entgegnet er zwar, wenn er dies vorhätte, würde er seinen Schaukelstuhl gleich mitnehmen. Doch genau das geschieht am nächsten Tag, während Celia ihren Großvater im Hyde Park sucht. Ohne eine Nachricht über seinen Arbeitsort in der Psychiatrie zu hinterlassen, verschwindet er.