mini|Illustration der 68er-Bewegung im Haus der Geschichte in Bonn mini|hochkant|Malen von Transparenten im Architektur-Gebäude der TU Berlin im Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze, Mai 1968 mini|Transparente am Architektur-Gebäude der TU Berlin im Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze, Mai 1968

Die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre war eine linksgerichtete gesellschaftskritische politische Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Sie entstand parallel zu anderen Studentenprotesten in den USA und Westeuropa, die als 68er-Bewegung zusammengefasst werden.

Sie strebte eine umfassende Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft als Beitrag zur Emanzipation aller Menschen von kapitalistischer Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung mit antiautoritären Mitteln an und bezog sich dabei auf den Neomarxismus der Frankfurter Schule und Neuen Linken, die sich von den herkömmlichen Politikkonzepten der Sozialdemokratie und des Realsozialismus abgrenzten. Wesentliche Teilziele waren eine effektive außerparlamentarische Opposition gegen die Große Koalition von 1966, der Kampf gegen deutsche Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg, den Einfluss des Axel-Springer-Verlags, die „Entfaschisierung“ der Polizei nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg bei der Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin, eine tiefgreifende Hochschul- und Bildungsreform. Übergreifende Ziele waren die sexuelle Selbstbestimmung und eine antiautoritäre Erziehung. Stärker als die verwandten Bewegungen anderer Staaten klärte die westdeutsche Studentenbewegung über die Zeit des Nationalsozialismus auf und forderte eine vollständige Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft und einen konsequenten Antifaschismus.

Sie verfehlte viele ihrer Nah- und Fernziele, erreichte aber einige soziale Reformen und einen längerfristigen kulturellen Wertewandel. Sie trug zum Wahlsieg der sozialliberalen Koalitionsregierung von 1969 bei und beeinflusste viele Neue Soziale Bewegungen. Mit dem Attentat auf den Wortführer der Bewegung Rudi Dutschke am 11. April 1968 begann ihr Zerfall, aus dem die unterschiedlichen autoritär-zentralistischen K-Gruppen und linksterroristische Gruppen (Bewegung 2. Juni, Rote Armee Fraktion) hervorgingen. Was ihre Bedeutung für die Gegenwart ausmacht, wird kontrovers diskutiert.

Entstehung „Kampf dem Atomtod“ und Ostermärsche Die westdeutsche Studentenbewegung hatte keine direkten historischen Vorläufer. Deutsche Studenten hatten sich teilweise im Vormärz (1815–1849) für parlamentarische Demokratie engagiert und sich an der Märzrevolution 1848/1849 beteiligt. Die Mehrheit der deutschen Intelligenz gehörte seither jedoch zur politischen Rechten, die gegen die Demokratie- und Arbeiterbewegung stand.Gerhard Bauß: Die Studentenbewegung der sechziger Jahre. Köln 1977, S. 16.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten westdeutschen Studenten apolitisch oder konservativ eingestellt. Der Marshallplan und das „Wirtschaftswunder“ begünstigten die von der Bundesregierung unter Konrad Adenauer (CDU) betriebene Westintegration der Bundesrepublik und überholten so die auf Blockfreiheit und baldige deutsche Wiedervereinigung zielenden politischen Alternativkonzepte der SPD. Zwar stießen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ab 1955 und die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen ab 1958 auf erheblichen Widerspruch und führten erstmals zu einer westdeutschen außerparlamentarischen Opposition. Doch die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ verlor schon 1959 ihre Stoßkraft, als sich die Hauptinitiatoren SPD und DGB aus der Organisation zurückzogen. Infolge ihrer Wahlniederlagen wandte sich die SPD im Godesberger Programm 1959 endgültig vom Marxismus ab und suchte als gemäßigte Volkspartei neue Wählerschichten. Teile des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), dem damaligen Hochschulverband der SPD, lehnten diesen Kurswechsel ab, setzten ihre Anti-Atom-Proteste fort und arbeiteten dabei auch mit Anhängern der seit 1956 verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zusammen. Das verschärfte den Konflikt mit der SPD, der 1961 zum Ausschluss des SDS führte.Tilman Fichter: SDS und SPD. Parteilichkeit jenseits der Partei. Westdeutscher Verlag, Opladen 1988, ISBN 3-531-11882-X, S. 17f. und 246–354; Hans Karl Rupp: Außerparlamentarische Opposition in der Ära Adenauer. Pahl-Rugenstein, Köln 1980

Weltpolitische neue Konstellationen relativierten den Systemkonflikt zwischen den Staaten der NATO und denen des Warschauer Pakt und stellten zunehmend auch den parteiübergreifenden Antikommunismus in der Bundesrepublik der 1950er Jahre in Frage.Gerhard Bauß: Die Studentenbewegung der sechziger Jahre. Köln 1977, S. 17 Der jährliche Ostermarsch der Rüstungsgegner hielt die Perspektive einer Zukunft ohne Massenvernichtungswaffen und Krieg wach. Äußere Anstöße kamen auch von antikolonialen Befreiungsbewegungen, der Bürgerrechtsbewegung und den Students for a Democratic Society in den USA, den intellektuellen Zirkeln der britischen und französischen Neuen Linken und den Situationisten, die die Gruppe Subversive Aktion (ab 1963) beeinflussten.Ingrid Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA. 5. Auflage, München 2017, S. 17f.

Durch veränderte Konsum- und Freizeitangebote und den enormen Einfluss der Popkultur auf die Lebenswelten junger Menschen seit den 1950er Jahren hatte bereits um das Jahr 1960 eine dynamische Modernisierung der westdeutschen Gesellschaft begonnen, die zu einer tiefgreifenden Transformation von Mentalitäten, Werten und auch Geschlechterbildern vor allem bei der Jugend geführt hat. Dieser allgemeine gesellschaftliche Aufbruch zu Beginn der 1960er Jahre war die Voraussetzung für die 68er-Bewegung und nicht erst ihr Resultat. Er war bei allen gesellschaftlichen Schichten und politischen Richtungen angekommen.

„Ungesühnte Nazijustiz“ und Unabhängigkeit des SDS

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war 1949 als Jugendorganisation der SPD entstanden und sah Aufklärung über den Nationalsozialismus, seine Ursachen und Verbrechen als eine seiner Hauptaufgaben an. Als 1959 die Verjährung eines Großteils dieser Verbrechen bevorstand, führten SDS-Ortsgruppen die von einigen Studenten der Freien Universität Berlin (FU), um Reinhard Strecker, vorbereitete Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" bundesweit durch. Damit übernahm der SDS Verantwortung für die Strafverfolgung von ehemaligen NS-Juristen, die er als Anstoß für eine umfassende Vergangenheitsbewältigung verstanden wissen wollte. Auch nachdem die SPD die Initiatoren ausschloss, setzten sie die Ausstellung fort. Diese gilt als ein Entstehungsfaktor der Studentenbewegung.Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der 'Vergangenheitsbewältigung' in Deutschland: Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3. Auflage, transcript, Bielefeld 2015, ISBN 3-8376-2366-1, S. 178f. Im Herbst 1961 schloss die SPD-Führung den SDS aus der Partei aus. Dieser entwickelte sich fortan zur führenden, parteiunabhängigen Organisation der westdeutschen Studentenbewegung.

Weitere Anstöße zur bundesdeutschen Aufarbeitung der NS-Verbrechen gaben der Eichmann-Prozess in Israel ab 1961, die Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main ab 1963 und die Verjährungsdebatte des Bundestags von 1965. Zur Studentenbewegung gehörige Autoren griffen die Thematik auf, so Rolf Hochhuth mit dem Schauspiel „Der Stellvertreter“ (1963) und Peter Weiss mit dem Dokumentationstheater „Die Ermittlung“ (1965).Rainer Eckert, Bernd Faulenbach: Auf dem Weg zur Zivilgesellschaft? Mythos und Realität der 60er und 70er Jahre in Ost und West. Klartext, 2003, ISBN 3-89861-180-9, S. 56. Die Fischer-Kontroverse beim Berliner Historikertag 1964 betraf zwar die Kriegsschuldfrage zum Ersten Weltkrieg, trug aber zum Durchbruch sozialgeschichtlicher Betrachtungsweisen in der deutschen Geschichtswissenschaft bei. Fortan rückte die Kontinuität deutscher Eliten von der Gründung des Deutschen Reiches 1871 bis zur Gegenwart in deren Fokus. Die Studentenbewegung gab dieser neuen Sicht eine Massenbasis.Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte: Große Kontroversen nach 1945. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49473-0, S. 49 Seit 1964 lösten Autoren der Studentenbewegung die in den 1950er Jahren dominierende Totalitarismus-Theorie durch ökonomisch-marxistische Faschismustheorien ab.Stephan Alexander Glienke: Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus. Wallstein, 2008, ISBN 3-8353-0249-3, S. 197 1968 machte der SDS die Tätigkeiten von Bundespräsident Heinrich Lübke in der NS-Zeit zum öffentlichen Thema.Peter Dohms, Johann Paul: Die Studentenbewegung von 1968 in Nordrhein-Westfalen. Rheinlandia, 2008, ISBN 3-938535-53-9, S. 81f.

Spiegel-Affäre

Im Oktober 1962 wurden Redakteure des Nachrichtenmagazins Der Spiegel wegen eines kritischen Berichts zur Bundeswehr verhaftet, nachdem Oberst von der Heydte sie wegen Landesverrats angezeigt und schließlich der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof Haftbefehle erlassen hatte. Dagegen bildeten sich rasch breite anhaltende Proteste zur Verteidigung der Pressefreiheit. Auch viele Studenten demonstrierten gegen die Verletzung von Grundrechten durch die Bundesregierung und verlangten gemeinsam mit der Gruppe 47 und dem PEN-Zentrum Deutschland den Rücktritt von Strauß. Der SDS initiierte eine bundesweite Unterschriftensammlung dazu und erklärte die Affäre mit den geplanten Notstandsgesetzen zum Beispiel für gefährliche autoritäre Tendenzen in der Bundesrepublik. Die damaligen Studentenproteste gelten als Vorläufer der späteren Kampagne gegen den Springer-Verlag, der aus APO-Sicht die Pressefreiheit mit übergroßen Marktanteilen und antidemokratischer Massenmanipulation bedrohte.Dae Sung Jung: Der Kampf gegen das Presse-Imperium: Die Anti-Springer-Kampagne der 68er-Bewegung. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 3-8376-3371-3, S. 47–59.

Aktivitäten in Universitätsstädten

In den 1950er Jahren wurden betont freizeitorientierte bürgerliche Jugendliche von der Elterngeneration als „Halbstarke“ abgewertet und autoritär eingeschränkt. Am 21. Juni 1962 entwickelten sich im Münchner Ortsteil Schwabing aus einer Anzeige wegen Ruhestörung gegen Straßenmusiker fünftägige Straßenkämpfe zwischen Jugendlichen und Polizei. Viele Studenten der benachbarten Ludwig-Maximilians-Universität München beteiligten sich daran. Diese „Schwabinger Krawalle“ gelten oft als Ende der Adenauer-Ära und Auftakt der Studentenbewegung, zumindest als frühes Zeichen für das damalige Protestpotential in der jüngeren Generation, die sich gegenüber staatlichen und elterlichen Autoritäten selbstbestimmte Freiräume zu erkämpfen bereit war. Die Proteste zielten ansatzweise bereits darauf, die Polizei zu demokratisieren und ihre von obrigkeitsstaatlichen Konzepten bestimmte Ausbildung zu reformieren.Gerhard Fürmetz (Hrsg.): Schwabinger Krawalle: Protest, Polizei und Öffentlichkeit zu Beginn der 60er Jahre 1962. Klartext, 2006, ISBN 3-89861-513-8, S. 25–57

Literatur