mini|hochkant=1.6|Bipolare Staatenwelt in der Phase des Kalten Krieges mit der westlichen Welt () und dem Ostblock ( und )

Westliche Welt (auch Erste Welt; ) ist in der Geopolitik und Entwicklungstheorie ein politisches Schlagwort, das Staaten mit einem weitgehend homogenen Kulturraum, hoher Industrialisierung und marktwirtschaftlichen Wirtschaftsstrukturen umfasst. Die Abgrenzung ist uneinheitlich.

Allgemeines Historisch gewachsen ist die Einteilung der Welt in Morgenland und Abendland. Die Begriffe westliche Welt, (der) Westen, westliche Hochkultur oder auch Abendland (Okzident) können je nach Kontext verschiedene Bedeutungen haben. Der Begriff des „Westens“ bzw. des „Abendlandes“ entstand als Pendant zum „Morgenland“, das Martin Luther in seiner Bibelübersetzung zuerst gebrauchte, und wurde von Kaspar Hedio 1529 in die deutsche Sprache eingeführt.

Die politische Teilung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg hat zur Bildung von konfrontierenden und konkurrierenden Staatenbündnissen militärischer und wirtschaftlicher Art beigetragen, die zu den Sammelbegriffen Ostblock und in der OECD zusammengeschlossenen „westlichen“ Industriestaaten geführt hat. Die Staaten des Ostblocks verbündeten sich im Warschauer Pakt (militärisch) und im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (wirtschaftlich), sie waren oder sind Diktaturen, und ihr Wirtschaftssystem war oder ist auf Zentralverwaltungswirtschaft ausgerichtet. Von den westlichen Staaten der OECD gehörte ein Teil der NATO (militärisch) und der Europäischen Union (politisch-wirtschaftlich) an, ihre Demokratien wählten die Marktwirtschaft aus.

Begriffsinhalt Die Staaten der westlichen Welt haben gemeinsam, dass sie die Bürger- und Menschenrechte garantieren, nach Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Gewaltenteilung, Individualismus und Toleranz streben und die liberale Demokratie praktizieren.

Die Staaten, für die „Westliche Welt“ verwendet wird, befinden sich auf mehreren Kontinenten. Dazu zählen unter anderem die meisten Länder Europas, Nordamerikas, Australien und Neuseeland oder auch Israel und Japan. Sie alle sind Demokratien mit Marktwirtschaft und in internationalen Organisationen vertreten.

Historische Einteilungen Um zu definieren, was typisch für die westliche Gesellschaft und Kultur ist, muss man den Kontext verstehen. Die Definitionen von Westen unterscheiden sich je nach Zeit und Kontext. Es ist nicht immer klar, welche Definition benutzt wird.

Hellenisch Die antiken Griechen übernahmen von den Alten Ägyptern die Unterscheidung in Ordnung und Chaos, machten dies jedoch nicht innerhalb von Reichsgrenzen fest, sondern anhand der Sprache als Gegensatz zwischen Sprecher des Griechischen und den Barbaren. Herodot unterschied die griechischen Poleis und ihre Kolonien von Kreta und besonders dem Alten Ägypten im Süden, den entfernt griechischen Stämmen der Thraker und Makedonen im Norden, unter anderem den Phöniziern im Osten sowie im Westen zahlreiche Völkerschaften, besonders Kelten, jedoch blieb er in seiner Schilderung der Völker im Westen vage.Reinhold Bichler, Herodots Welt. Der Aufbau der Historie am Bild der fremden Länder und Völker, ihrer Zivilisation und ihrer Geschichte, Gruyter, Berlin, 2014, S. 73. Der Konflikt an der Westgrenze des Perserreiches führte zu einer Frontstellung zwischen der Polis Athen und dem Achämenidenreich. Die Athener betrachteten die Perserkriege des frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. nicht als Konflikt zwischen Ost und West, sondern als Konflikt zwischen Demokratie und Despotie.

Römisches Reich Der Mittelmeerraum wurde von den Römern vereint, aber es blieben Unterschiede zwischen der westlichen Hälfte des Reiches, in der hauptsächlich Latein gesprochen wurde, und der urbanisierten östlichen Hälfte, wo Griechisch die Lingua franca war. Im Jahre 286 teilte der römische Kaiser Diokletian das römische Reich in zwei Regionen auf, von denen jede von einem Augustus und einem Caesar (der Tetrarchie) verwaltet wurden. Die westliche Reichshälfte transformierte sich am Ende des 5. Jahrhunderts zu mehreren germanisch-romanisch Reichen, die die Grundlage für die weitere staatliche Entwicklung Westeuropas wurden. Das heute byzantinisch bezeichnete Kaisertum im Osten hielt sich bis zum Ende des Mittelalters.

Christentum Im 4. Jahrhundert war das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden. Im Westen überdauerte die kirchliche Organisation vielerorts den Verfall der staatlichen Organisation in der ausgehenden Spätantike und blieb über die Grenzen der frühmittelalterlichen germanischen Nachfolgestaaten hinweg bestehen. Die Führung dieser Westkirche fiel an den Papst (den Patriarchen von Rom), der sich mit der Kaiserkrönung des fränkischen Königs Karl des Großen endgültig der Kontrolle des Kaisers in Konstantinopel entzog. Die Führung der Ostkirche fiel faktisch an den Patriarchen von Konstantinopel, nachdem die anderen Patriarchate wegen der islamischen Expansion an Bedeutung verloren hatten. Beide Kirchen entwickelten sich im Mittelalter getrennt und missionierten den vorher nicht zum römischen Reich gehörenden Norden Europas, und zwar die Westkirche den Nordwesten und die Ostkirche den Nordosten Europas. 1054 kam es mit dem Großen Schisma zum offiziellen Bruch von West- und Ostkirche, und 1204 eroberten fränkische Kreuzritter Konstantinopel während des Vierten Kreuzzugs und vertieften dadurch diesen Gegensatz.

Atlantische Revolutionen

Kalter Krieg Während des Kalten Krieges wurde die Erde im Zuge der bipolaren Blockbildung in drei „Welten“ aufgeteilt. Die westliche Welt wurde bis auf wenige Ausnahmen zum Synonym für die kapitalistische „Erste Welt“ oder „Freie Welt“. Ihr gehörten die NATO-Mitglieder und andere Verbündete der USA an. Zur „Zweiten Welt“, auch Ostblock genannt, gehörten die Länder des Warschauer Pakts unter dem Einfluss der Sowjetunion. Die Dritte Welt bestand aus den blockfreien Staaten, die die bipolare Dynamik des Ost-West-Konfliktes ablehnten. Zu den Gründungsstaaten gehörten sowohl ehemalige afrikanische und asiatische Kolonien der westlichen Welt wie Ägypten, Indien und Indonesien, als auch europäische Staaten wie Zypern, Malta, sowie das antistalinistische Jugoslawien.

Es gab einige Staaten, die nicht in dieses Schema passten, darunter die Schweiz, Schweden und Irland, die sich für die Neutralität entschieden. Finnland stand unter dem Einfluss der UdSSR, blieb aber politisch neutral und war weder kommunistisch noch Mitglied des Warschauer Paktes oder des RGW. Als Österreich 1955 eine unabhängige Republik wurde, geschah dies unter der Bedingung, neutral zu bleiben, aber als ein Staat westlich des Eisernen Vorhangs stand es unter dem Einfluss der USA. Die Türkei war Mitglied der NATO, wurde aber nicht als Teil der Ersten oder westlichen Welt angesehen. Spanien trat erst 1982, kurz vor dem Ende des Kalten Krieges und nach dem Tod des autoritären Diktators Franco, der NATO bei.

Griechenland und Portugal waren wie die Türkei NATO-Mitglieder, wurden aber erst als Teil des Westens anerkannt, nachdem sie die Demokratie eingeführt und während der 1970er Jahre ihre Wirtschaft an die Standards der Ersten Welt angeglichen hatten. Australien und Neuseeland sowie später Israel wurden keine NATO-Mitglieder, aber wegen ihrer Demokratie, des hohen Lebensstandards und der europäischen Kultur Teile der Ersten Welt.

Nach dem Kalten Krieg Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Begriff „Zweite Welt“ nicht mehr gebraucht und „Erste Welt“ bezog sich nun auf die demokratisch, finanziell und industriell entwickelten Länder, die zum größten Teil mit den USA verbündet waren. Als „Dritte Welt“ bezeichnete man nun die armen, nicht industrialisierten Entwicklungsländer. Der Begriff „westlich“ verlangt demnach also weniger eine geographische als eine kulturelle und ökonomische Definition.

Afrikanische Historiker können von westlichen Einflüssen durch europäische Staaten, die im Norden liegen, und dem westlichen Staat Südafrika im äußersten Süden sprechen. Australien und Neuseeland sind englischsprachige, westliche Staaten, die südlich von Ostasien liegen. Internationale Firmen aus den USA können als fremde Einflüsse in Europa betrachtet werden, aber als westlich bezeichnet werden, wenn ihre Präsenz in Asien gesehen (und manchmal kritisiert) wird. Ökonomisch können die in Ostasien gelegenen Staaten Japan, Südkorea, Republik China (Taiwan) und Singapur sowie das Gebiet Hongkong als westlich oder Erste Welt angesehen werden, obwohl sie kulturell nicht-westlich bleiben. Die ehemaligen Ostblock- und blockfreien Staaten in Europa (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien und Kroatien) haben sich durch ihre kulturellen und geschichtlichen Wurzeln sowie durch ihre heutige Außenpolitik den westlichen Ländern durch Beitritte zur NATO und/oder der EU angeschlossen.

Heute unterscheiden sich die Menschen in ihren Definitionen der westlichen Welt und die verschiedenen Definitionen überlappen sich nur teilweise. Es gibt nicht-westliche Industrieländer, nicht alle westlichen Länder sind NATO-Mitglieder usw.

Moderne Einteilungen Eine weitere Klassifizierung, die mit der Westlichen Welt identisch ist, wird als „Erste Welt“ () bezeichnet. Hierzu gehören die global als „Norden“ bezeichneten Industriestaaten und OECD-Mitgliedstaaten. Sie schafft eine Rangfolge, denn sie teilt weiter ein in „Zweite Welt“, „Dritte Welt“ und „Vierte Welt“.

Der Ost-West-Konflikt war Kerninhalt des Kalten Krieges, einer nicht-militärischen dogmatischen Konfrontation von „Kapitalismus und Kommunismus“. Der Nord-Süd-Konflikt wiederum trennte die Industriestaaten der Nordhalbkugel und Australien von den Entwicklungs- und Schwellenländern der Südhalbkugel. Eine gleiche geografische Einteilung ist der Globale Norden und Globale Süden; beide Klassifizierungen stammen von der Weltbank, ebenso wie die Einteilung in erste, zweite Welt usw.

Eine weitere Kategorie ist die „islamisch-arabische Welt“, mit der nicht politisch-wirtschaftliche, sondern religiöse Gemeinsamkeiten des Islam im Nahen und Mittleren Osten umschrieben werden. Es handelt sich um sehr heterogene Staaten, in denen der Islam inzwischen mehr als 73 Erscheinungsformen aufweist, „die einander nicht unbedingt anerkennen bzw. die zum Teil miteinander in Konflikt stehen“.Hamid Reza Yousefi/Ina Braun, Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen, 2005, S. 37 ff.; ISBN 3-88309-140-5.

Mehr historische Bedeutung kommen der „Neuen Welt“ und ihrem Pendant „Alte Welt“ zu. Zur ersteren gehörten nach seiner Entdeckung Amerika, zur letzteren die übrigen Kontinente außer Australien. Die ehemaligen Kronländer Österreich-Ungarns (Tschechien, Slowakei, Slowenien, Kroatien und Ungarn) werden ebenfalls zur westlichen Welt gezählt. Diese Staaten wurden sehr stark durch die mitteleuropäische Kultur geprägt. Dies spiegelt sich heute noch im alltäglichen Leben der Gesellschaft und Geschichte dieser Länder wider, obwohl Ungarn, Tschechien und die Slowakei von 1945 bis 1990 Teil des Ostblocks, sowie Slowenien und Kroatien Bestandteil von Jugoslawien und damit Teil der blockfreien Bewegung waren.

Eine besondere Konnotation aus chinesischer Sicht besaß die von Mao Zedong im Februar 1974 vorgestellte „Theorie der drei Welten“. Zur „ersten Welt“ gehörten die ehemaligen Supermächte USA und Sowjetunion, „Zweite Welt“ waren die übrigen Industrieländer in West und Ost, unter der „Dritten Welt“ wurden die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas unter Führung Chinas subsumiert.