Die Aktionsart (auch als Handlungsstufe, Phasenbedeutung, Situationsaspekt, Situationssorte, lexikalischer Aspekt bezeichnet) ist ein Begriff aus der Sprachwissenschaft für eine Klassifikation von Verben, die sich aus der unterschiedlichen Verlaufsweise und Begrenzung des bezeichneten Geschehens ergibt. In erster Linie handelt es sich um Bedeutungsklassen, ihnen können u. U. aber auch Formklassen entsprechen.
Die Aktionsart bezieht sich, in den Worten der Duden-Grammatik,Duden – Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 8. Auflage. ( = Duden, Band 4). Bibliographisches Institut, Mannheim 2009, ISBN 978-3-411-04048-3, S. 408. „auf Zusammenhänge zwischen dem vom Verb bezeichneten Geschehen oder Sachverhalt und dem Verlauf der Zeit“, muss hierbei aber vom Aspekt unterschieden werden. Während der Aspekt eine morphologisch-grammatische Erscheinung ist, gehört die Aktionsart in den Bereich der Wortbedeutung einzelner Verben.Bernd Kortmann: The Triad „Tense-Aspect-Aktionsart“. Problems and possible solutions. In: Carl Vetters (Hrsg.): Perspectives on aspect and Aktionsart. Belgian journal of linguistics, 6., Ed. de l'Univ. de Bruxelles, Brüssel 1991, S. 9–27. Die Bezeichnungen Situationsaspekt oder lexikalischer Aspekt für Aktionsart sind also missverständlich und müssen vom reinen Aspekt (grammatischen Aspekt, manchmal auch Perspektivenaspekt) abgegrenzt werden.Carola S. Smith: The Parameter of Aspect. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht 1991 ist ein Beispiel für eine Differenzierung zwischen „Situationsaspekt“ (situation aspect) und Perspektivenaspekt (viewpoint aspect).
Die Aktionsart eines Verbs charakterisiert unter anderem den Verlauf, die Ausdehnung und das Ergebnis eines Vorgangs. Beispiel: Er suchte sein Auto zwanzig Minuten lang. ?? Er fand sein Auto zwanzig Minuten lang wieder. Der erste Beispielsatz ist akzeptabel, man kann ein Auto „eine gewisse Zeit lang suchen“, hingegen kann man ein Auto nicht „stundenlang finden“. Der Grund der Inakzeptabilität hängt mit der inhärenten zeitlichen Struktur des durch das Verb ausgedrückten Ereignisses zusammen. Während „suchen“ ein zeitlich ausgedehntes Ereignis versprachlicht, drückt das Verb „wiederfinden“ ein punktuelles Ereignis aus. Dies zeigt sich dann auch an der Unvereinbarkeit mit einem durativen Zeitadverbial.
Auch wenn die Aktionsart eines Verbs lexikalischer Natur ist, kann sie dennoch durch morphologische Mittel am Verb signalisiert werden (es handelt sich dann aber um Wortbildung, nicht um Flexion), oder sie kann unmarkiert sein und allein aus der Verbbedeutung hervorgehen. Das Deutsche verfügt durch seine Verbalpräfixe über ein lexikalisches Mittel, um zu einem Verbstamm Varianten mit verschiedener Aktionsart zu bilden: So bezeichnet „verblühen“ das Ende der Situation „blühen“ (also eine egressive Aktionsart) oder „loslaufen“ das Einsetzen der Handlung, die als „laufen“ bezeichnet wird (ingressive Aktionsart); „blühen“ und „laufen“ an sich sind hingegen durative Verben.Thea Schippan: Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Niemeyer, Tübingen 1992, ISBN 3-484-73002-1, S. 46. So werden Aktionsarten in der Verbbedeutung ausgedrückt; Aspekte dagegen sind grammatikalisiert und werden durch Kontraste zwischen Verbformen (also im Verbalparadigma) ausgedrückt. Das Deutsche hat im angegebenen Sinne Aktionsarten, wie auch die Beispiele zeigen, aber keinen Aspekt.
Es gibt Analogien zur Aktionsart im Bereich der Substantive, nämlich in der Unterscheidung zwischen zählbaren Substantiven und Massenausdrücken (etwa Stoffnamen). So kann ein Substantiv für ein abgegrenztes Objekt stehen, etwa „Apfel“ oder für ein homogenes Aggregat, z. B. „Apfelmus“. Dieser Kontrast verhält sich ähnlich wie der zwischen dem punktuellen Verb „finden“ und dem durativen „suchen“.
Zur Begriffsgeschichte Die Begriffe „Aspekt“ und „Aktionsart“ (auch Art der Handlung, Zeitart) wurden im 19. Jahrhundert für ähnliche Phänomene, teilweise sogar synonym gebraucht. Ursprünglich war der Begriff „Aktionsart“ von Karl Brugmann (1885)Karl Brugmann: Griechische Grammatik. 4., verm. Auflage. Beck, München 1913 (1. Aufl. 1885). geprägt worden.Aspekt und Aktionsart (Zeitart,Verbalcharakter). Krifka/Hock: Aspekt und Zeitkonstitution WS 2002/2003 Er ersetzte den von Georg Curtius geprägten Begriff der „Zeitart“.Roland Harweg: Studien zum Verbum und seinem Umfeld. Band 7: Sprache – Kommunikation – Wirklichkeit. LIT Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-643-12597-2, S. 224.
Im Jahr 1908 formulierte der Slawist Sigurd Agrell (1881–1937) erstmals eine Differenzierung der beiden Begriffe: Diese Definition fand weite Verbreitung in der Slawistik; als Ersatz für die Verwendung von Aktionsart für die semantische Grundbedeutung eines Verbs schlug der Slawist Alexander Issatschenko 1962 den Begriff Verbalcharakter vor.Alexander Isatschenko: Die russische Sprache der Gegenwart. Halle (Saale) 1962. In der übrigen Linguistik wurde der Begriff Aktionsart jedoch weiterhin zur Kennzeichnung sowohl für die „semantische“ Aktionsart, die einem Verb innewohnt, als auch (besonders in der Altphilologie) für die Klassifikation der semantischen Unterschiede verschiedener Konjugationsformen verwendet.Karl Bayer, Josef Lindauer: Lateinische Grammatik. 1974, ISBN 3-87488-635-2. WendtHeinz F. Wendt: Das Fischer Lexikon – Sprachen. Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-24561-3. beispielsweise unterscheidet die durch subjektive Anschauung festgelegten Aspekte von den objektiv verlaufenden Aktionsarten und verweist zum Beispiel auf die gelegentliche Realisierung auch des Aspekts in zwei verschiedenen Wörtern in den slawischen Sprachen.
In der neueren Linguistik verbreitete sich schließlich die Unterscheidung Aspekt als grammatikalischer Begriff der Flexionsmorphologie und Syntax vs. Aktionsart als lexikalischer Begriff der Derivationsmorphologie und zur semantischen Klassifizierung von Verben.Bernd Kortmann: The triad „tense – aspect – Aktionsart“. Brüssel 1991. Gelegentlich wurde sogar vorgeschlagen, den Begriff Aktionsart ganz fallen zu lassen und nur zwischen der „grammatikalischen Kategorie Aspekt“, „aspektualer Klassifikation von Verben“ und „aspektualen Verben“ zu differenzieren.Hans-Jürgen Sasse: Aspect and Aktionsart. Brüssel 1991. Die Diskussion um die Verwendung des Begriffs Aktionsart ist heute noch nicht abgeschlossen.
In Abgrenzung zum Begriff Aspekt verwendet die englische Sprache neben aktionsart gelegentlich auch manner of action, im Spanischen verwendet man clase de acción o modo de acción, das Polnische spricht von rodzaj czynności, der französische Begriff caractère de l’action hat sich nicht durchsetzen können.
Übersicht über die Aktionsarten Die Fachbegriffe für die Aktionsart sind nicht immer genau voneinander abgegrenzt und variieren je nach sprachwissenschaftlicher Fachrichtung. Auch die Kriterien für die Abgrenzung der Aktionsarten voneinander sind umstritten; manchmal können sich auch Kategorien überlappen. Die folgende Übersicht orientiert sich an Metzler.
Durativ (lateinisch: durare, „dauern“, andere Bezeichnungen Aterminativ, Kontinuativ, Kursiv) bezeichnet eine Situation, deren zeitliche Ausdehnung unbestimmt ist und einen gewissen Zeitraum andauert. Delimitativ (lateinisch: delimitatus, „abgeschwächt“) beschreibt einen Vorgang, der eine gewisse Zeit andauert, zum Beispiel russisch: читать (tschitat') „lesen“, почитать (potschitat') „ein bisschen lesen“, „anlesen“. Kontinuativ (englisch: auch continuous) drückt einen gerade verlaufenden Vorgang aus. In manchen Sprachen ist hierfür eine Aspekt-Kategorie verfügbar, in romanischen Sprachen und im Deutschen gibt es aber Konstruktionen wie dabei sein, etwas zu tun, die kein entwickelter grammatischer Aspekt sind. In einer anderen Bedeutung bezeichnet Kontinuativ auch eine Kategorie der Fortsetzung, z. B. „weiterreden“. Siehe hierzu auch die Darstellung des Adverbs „noch“ im Artikel Temporaladverbial #Phasenadverbiale. Perdurativ (lateinisch: perdurare, „andauern“) beschreibt einen dauernden Vorgang oder Zustand mit Abschluss, Beispiel russisch: спать (spat') „schlafen“, проспать всю ночь (prospat' wsju notsch') „die ganze Nacht über schlafen“, „durchschlafen“. Iterativ (lateinisch: iterare, „wiederholen“, auch Frequentativ, Repetitiv, Multiplikativ) bezeichnet einen Vorgang, der aus einzelnen Wiederholungen zusammengesetzt ist; zum Beispiel „(5 Minuten lang) klopfen“. Inkrementiv (lateinisch: incrementum, „Wachstum“) bezeichnet einen zunehmenden Prozess, Beispiel span. fue comprendiendo „war zunehmend verstehend“. Atelisch (griechisch: α- un-, nicht; τέλος Ziel, Ende) Verben, die Zustände oder Relationen bezeichnen, oder auch dynamische Vorgänge, Prozesse, oder Aktivitäten, die aber keinen Kulminations- oder Endpunkt bezeichnen, „blühen“, „wohnen“, „träumen“
Punktuell (Punktativ) fasst Aktionsarten zusammen, die einen abgeschlossenen, plötzlichen Vorgang oder den Anfangs- oder Endpunkt eines Vorgangs bezeichnen Momentan bezeichnet einen einmaligen, momentan ablaufenden Vorgang. Semelfaktiv (lateinisch: semel, einmal; facere, machen) bezeichnet einen singulären, einmaligen Vorgang, der wiederholbar wäre, zum Beispiel (einmal) klopfen Ingressiv (lateinisch: ingressum, „begonnen“, auch Initiv) bezeichnet den Beginn einer Handlung, man wendet die Aufmerksamkeit auf den Ausgangspunkt der Handlung, welche als ganzheitliches, in sich geschlossenes Geschehen aufgefasst wird (Beginn), Beispiel italienisch avevo „ich hatte (durativ)“: „ich besaß“ vs. ebbi „ich hatte (ingressiv)“: „ich bekam“. Imminentiell (lateinisch: imminentia, das Bedrohende): drückt unmittelbar bevorstehende Handlungen aus (Vorbereitung). Inchoativ (lateinisch: incoativum, „anfangend“, englisch: inceptive, auch Inzeptiv) bezeichnet den allmählichen Beginn einer Handlung, Beispiel altgriechisch: (eraō) „ich liebe“, (erasthēn) „ich verliebte mich“; „losrennen“ Evolutiv (lateinisch: evolutum, „entwickelt“) bezeichnet die Anfangsphase eines Vorgangs bzw. die Entwicklung zu dem Vorgang, dt. aufkeimen zu keimen Mutativ (lateinisch: mutare, (ver)ändern, auch Transformativ) kennzeichnet eine Zustandsveränderung, Beispiel erkranken ~ krank werden Egressiv (lateinisch: egressum, hinausgegangen, auch Effektiv) bezeichnet das Ende eines Vorgangs (Vollendung), Beispiel deutsch: verblühen zu blühen Resultativ oder Konklusiv (lateinisch: resultatum, „Ergebnis“) bezeichnet das den Vorgang beschließende Ende oder Ergebnis eines Vorgangs (Vollendung), Beispiel (griechisch thnēskein, durativ) „(im) sterben (liegen)“, τεθνηκέναι (tethnēketai, resultativ) „(gestorben und nun) tot sein“, „erklimmen“ Finitiv (lateinisch: finire, „enden“) bezeichnet das (auch plötzliche) Ende eines Vorgangs, Beispiel dt. verschwinden zu schwinden. Kompletiv (lat. completus, vervollständigt) bezeichnet das Zuendeführen eines Vorgangs, Beispiel russ. писать (pisat') „schreiben“, дописывать (dopisyvat') „fertigschreiben“ Distributiv (lat. distribuere „verteilen“) beschreibt das Ergebnis einer sich mehrfach vollzogenen Handlung, Beispiel russ. болеть (bolet') „leiden“, „krank sein“, переболеть (perebolet') „nacheinander krank sein“ Gnomisch (griechisch (gnōmē), „Meinung“, „Erkenntnis“) bezeichnet eine abgeschlossene, mehrfach vollzogene Handlung in Hinblick auf ihre allgemeingültige, sprichwörtliche Bedeutung, Beispiel: „Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen“. Telisch (griechisch: Ziel, Ende) sind Verben dann, wenn sie Tatbestände eines über eine gewisse Zeit hinweg andauernden Ereignisses mit einer Anfangs- oder Endphase ausdrücken. Oder die Folge sachlich zusammenhängender Ereignisse darstellen. Wenn sie Ereignisse mit einem natürlichen (Anfangs-)Endpunkt beschreiben.
Aktionsarten, die den Grad der Intensität oder andere qualitative Funktionen ausdrücken