mini|Fragment mit den Gesichtszügen Datinis mini|Statue Francesco Datinis vor dem Palazzo Pretorio in Prato, geschaffen von Antonio Garella (1863–1919) im Jahr 1896 Francesco Datini oder Francesco di Marco Datini (* um 1335 in Prato; † 16. August 1410 ebenda) war ein toskanischer Fernhändler, Bankier, Tuchproduzent und Spekulant. Die von ihm gegründete und über Jahrzehnte ausgebaute Gesellschaft agierte vor allem im westlichen Mittelmeer, aber auch in England, Flandern und auf der Krim, und führte in einer Art Holding zahlreiche weitere Gesellschaften. Diese Struktur bevorzugten vor allem die toskanischen Großhändler, aber nur wenige wagten sich auf das Gebiet der Banken oder gar der Spekulation auf Wechsel.
Berühmt wurde Datini zum einen durch eine bis heute bestehende Stiftung für die Armen seiner Geburtsstadt Prato, zum anderen dadurch, dass ein großer Teil seiner Korrespondenz erhalten geblieben ist – insgesamt über 150.000 SchreibenFederigo Melis zählte über 152.000 Schreiben (F. Melis: Aspetti della vita economica medievale, Siena 1962, S. 30–32.), davon allein 11.000 Privatbriefe.Die Überlieferung ist allerdings bei weitem nicht vollständig. So erhielt und bewahrte Datini zwar rund 6.000 Briefe aus Venedig, doch nur wenige Dutzend Gegenschreiben sind erhalten (vgl. Eleanor Congdon: Datini and Venice. News from the Mediterranean Trade Network, in: Dionisius A. Agius, Ian Richard Netton (Hrsg.): Across the Mediterranean Frontiers. Trade, Politics and Religion, 650–1450, Turnhout: Brepols 1997, S. 157–171, hier: S. 161f.) Sie ist die Basis für eines der bedeutendsten wissenschaftlichen Institute zur Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters – und sie ermöglicht tiefe Einblicke in den Alltag. Datini wurde von Johannes Fried (2009) als „vielleicht der berühmteste mittelalterliche Kaufmann“ bezeichnet.Johannes Fried: Das Mittelalter: Geschichte und Kultur, München, 3. Auflage 2009, S. 401.
Leben Francesco di Marco Datini wurde 1335 als eines der vier Kinder des Schankwirts Marco di Datino und der Monna Vermiglia im toskanischen Prato geboren. Über die Eltern ist wenig bekannt. Sie hatten vier Kinder, lebten in der Nachbarschaft Porta Fuia und besaßen etwas Land in der Nähe von Prato, das seit mindestens 1218 in Familienbesitz war. Mindestens einmal verkaufte der Vater zusammen mit seinem Sohn Francesco Fleisch auf dem Markt von Prato.John Reader: Cities, London: William Heinemann 2004, S. 93.
Als kaum 13-Jährigen machte ihn die Große Pest zur Vollwaise. Darüber hinaus starben seine Geschwister Nofri und Vanna. Francesco selbst hatte schon ein Testament aufsetzen lassen, das vom 1. Juni 1348 datiert.In englischer Übersetzung bei Joseph Patrick Byrne: The Black Death, Westport, Connecticut 2004, S. 170f. Inzwischen auch digital verfügbar. Zahlreichen Prateser Kirchen wollte er darin kleine Beträge zur Lesung von Messen für seine Seele überlassen, darunter San Piero in seiner Geburtsgemeinde Porta Fuia. Er selbst wollte in San Francesco in Prato beigesetzt werden.
Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Stefano wurde er zunächst für dreizehn Monate bei einer Verwandten aufgenommen. Sie kamen unter die Vormundschaft des Piero di Giunta del Rosso, eines Tuchmachers und -färbers. Die eigentliche, in der Erinnerung Francescos liebevolle Aufnahme fanden die Brüder bei Piera di Pratese Boschetti. Dann ging er als Lehrling ins benachbarte Florenz, wo er in zwei Läden arbeitete. Die Lehre bestand üblicherweise darin, dass die Jungen zunächst in den Verkauf und die interne Organisation des Ladens eingeführt wurden. Eine spezifische Organisation der Lehre, wie sie später entwickelt wurde, gab es noch nicht.
Avignon Schon als 15-Jähriger ging Datini nach Avignon, wo er zunächst als Botenjunge arbeitete. Bald leitete er als Faktor eine Filiale seines Ziehvaters. Damit war er, anders als die Lehrlinge, an den Gewinnen beteiligt. Datini war, wie die meisten Händler, nicht an ein bestimmtes Gewerbe gebunden. Er machte in Avignon mit Luxuswaren und WaffenLuciana Frangioni: Armi e mercerie fiorentine per Avignone, 1363–1410, in: Studi di storia economica toscana nel Medioevo e nel Rinascimento in memoria di Federigo Melis, Pisa 1987, S. 145–171. gute Geschäfte, bei deren Abwicklung ihm die Anwesenheit einer großen florentinischen Händlerkolonie sehr zustattenkam, die sowohl über Kontakte zum päpstlichen Hof als auch zu weltlichen Potentaten verfügte. Darüber hinaus verfügte sie über Beziehungen zu den Waffenfabrikanten, die beispielsweise um Mailand herum ansässig waren. Daher tauchen in den Quellen Kettenhemden, Handschuhe, Helme ebenso auf wie Armbrustbolzen.
1353 holte er seinen jüngeren Bruder Stefano nach, wobei er das 138 Lire umfassende Erbe seines Vaters antrat. 1354 erwarb Piero di Giunta für seinen Ziehsohn ein kleines Häuschen in Prato. Über die nächsten Jahre ist praktisch nichts bekannt, außer dass Datini sich ab April 1359 für wenige Monate in Prato aufhielt, bevor er am 15. Juli nach Avignon zurückkehrte.
Ab 1361 war er, zusammen mit Niccolò di Bernardo, einem Neffen seiner Ziehmutter, und einem weiteren Toskaner, im Waffengeschäft zwischen Mailand und Avignon tätig. Von 1363 bis 1367 gehörte er als Partner zu dessen Unternehmen, doch wenige Jahre nach 1363 mietete er zusammen mit seinem Partner eine erste bottega, womit die beiden einen eigenen Laden besaßen. Für die Übernahme des Warenbestandes zahlten sie dem Vormieter Giovanni di Lotta 900 Florin, darüber hinaus als eine Art Ablösesumme weitere 300.Enrico Bensa: Francesco di Marco da Prato, Mailand 1928, S. 75.
miniatur|Das ehemalige Haus Datinis in Avignon, Rue Puits-des-Boeufs Fünf Jahre später war er bereits zum Sozius in verschiedenen Handelskompanien aufgestiegen. So gründete er im Oktober 1367 mit dem Florentiner Toro di Berto eine Gesellschaft, die bis 1373 bestand – und die besonders dann florierte, wenn der Papst in Avignon war. Diese Datini-di-Berto-Gesellschaft ist die erste Gesellschaft des Mittelalters, deren Buchhaltung fast vollständig erhalten geblieben ist.Auf diesem Bestand liegt der Schwerpunkt der Arbeit von Franz-Josef Arlinghaus: Von der Notiz zur Bilanz, die teilweise publiziert worden ist, allerdings unter anderem Titel (s. Literatur).
1367 eröffnete Datini sein erstes eigenes Geschäft in der Loge des Cavaliers an der Ecke Rue la Mirallerie und la Lancerie (heute Rue du Puits-des-Bœufs und Place de l’Horloge). Im Haus befanden sich ein Warenlager und ein Verkaufsladen, ein Wechseltisch sowie eine Taverne. Damit war seine Gesellschaft eine der ersten, die von einer päpstlichen Bulle vom 18. März 1368 profitierten, die ausländischen Stoffhändlern die Ansiedlung an den Ufern der Sorgue und der Durance erlaubte.Michel Hayez: Éviter la récession économique, souci des papes Urbain V et Grégoire XI au départ d’Avignon, in Avignon au Moyen Âge, textes et documents, Avignon 1989, S. 97f. Die zunächst auf drei Jahre geschlossene Gesellschaft wurde 1370 verlängert. Allerdings war Datini hierin der schwächere Partner, denn von den 2.500 Florin, die beide Partner einbrachten, musste er sich die Hälfte von Tuccio Lambertucci borgen, mit dem er schon früher zusammengearbeitet hatte. Lambertucci wurde damit zum stillen Teilhaber. Zudem waren die ersten drei Jahre bis 1370 eine durchaus schwierige Phase, da sich Papst Urban V. nicht in Avignon, sondern in Rom aufhielt. Damit halbierten sich die Gewinne der Gesellschaft und sie stiegen erst mit der Rückkehr des Papstes wieder an.Federigo Melis: Aspetti della vita economica medievale, Siena 1962, S. 135ff.
Im März 1373 übernahm Datini die Leitung einer eigenen FirmaLa firma ist im Italienischen heute die Unterschrift. Diese ist im kaufmännischen Bereich aus dem Händlerzeichen, meist in Verbindung mit einem Kreuz, hervorgegangen. Eine allgemeine Bezeichnung für ein Unternehmen gab es noch nicht, doch ist die Bezeichnung „Firma“, die die Rolle des Kopfes des Unternehmens betont, in der Forschung gebräuchlich. Die moderne Bezeichnung „Unternehmen“ täuscht eine überpersonale Kontinuität vor, die es so nur äußerst selten gab. Wenn es sie gab, wie etwa im Fall der Familiengesellschaften in Venedig (s. Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig), dann auf der Grundlage der engen Verwandtschaft unter Brüdern, die ohne Vertrag als Gesellschafter galten., die ohne das Kapital anderer auskam. 1374 konnte er ein zweites Haus erwerben, eine bella chasa et boteglia.
Ab 1376 wurde die Situation der über tausendköpfigen italienischen Händlerkolonie in Avignon äußerst schwierig. Das hing mit der Absicht des dort residierenden Papstes zusammen, nach Rom zurückzukehren, was bald zu Konflikten in Italien führte, in die auch Florenz verstrickt wurde. Obwohl sich die Florentiner Kolonie in Avignon bis 1381 auflöste, zögerte Datini angesichts des Krieges, nach Prato zurückzukehren. Dieser Krieg kostete die Florentiner allein zwei Millionen Florin und brachte ihnen den päpstlichen Bann ein – eine Katastrophe für den Handel der Stadt, der damit fast lahmgelegt wurde. Nur zwei Tage nach dem teuer erkauften Friedensschluss brach am 24. Juni 1378 ein Aufstand der von Kriegsabgaben überforderten unteren Volksschichten los. Bis zum 31. August herrschten die Ciompi, die Wollkämmer; sie forderten zusammen mit anderen Handwerkern der Tuchindustrie zu einem Viertel die Beteiligung an der Regierung und die Bildung neuer Zünfte. Als keine unmittelbare Verbesserung ihrer Lebensbedingungen erreicht wurde, die Tuchproduktion sich nicht, wie erhofft, erhöhen ließ und die Bewegung auseinanderfiel, brach der Aufstand zusammen.
Datini, der 1376 Mona Margherita di Domenico Bandini geheiratet hatte, eine 19-jährige Florentinerin aus niederem Adel, konnte nicht unberührt von diesen Vorgängen bleiben. Sein Schwiegervater, Domenico Bandini, war schließlich 1360 als Aufstandsführer in einer früheren Erhebung hingerichtet worden. Auch dies dürfte die Rückkehr der Datini verzögert haben.
Noch 1382, kurz vor seiner Rückkehr nach Prato, gründete Datini eine bis 1400 bestehende Handelskompanie in Avignon und übernahm deren Leitung. Als Partner nahm er Boninsegna di Matteo und Tieri di Benci auf. Gewinn und Verlust wurden in diesen Gesellschaften entsprechend der Einlage von Geldanteilen und der geleisteten Arbeit aufgeteilt. Die Dauerhaftigkeit dieses und anderer Zusammenschlüsse sollte kennzeichnend für seine Geschäftstätigkeit werden, wie im Übrigen für die toskanischen Gesellschaften insgesamt.
Prato mini|Der Stadtpalast der Datini und Sitz des Datini-Archivs