mini|Dietrich-Eckart-Freilichtbühne, Berlin 1939
Als Thingplätze oder Thingstätten werden Freilichttheater bezeichnet, die zwischen 1933 und 1935 für die Thingspiele im Rahmen der Thingbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet und später auch für politische Kundgebungen verwendet wurden. Die Namensgebung nimmt Bezug auf germanische Thingstätten.
Absicht und Gestaltung
mini|Feierlichkeiten bei der Segeberger Höhle in Bad Segeberg (um 1937)
Thingspiele sollten hauptsächlich ein emotionales und ethisches Aufgehen des Einzelnen in Heimat und Volksgemeinschaft erleben lassen. Deswegen wurden als Thingstätten vor allem landschaftlich beeindruckende Plätze gewählt: stimmungsträchtige Partien umgeben von Wäldern, an Gewässern, in Hügel oder natürliche Felsen eingebettet, an Ruinen oder anderen Spuren der örtlichen Geschichte. Thingspiele waren chorische Massentheaterstücke mit vielen Statisten, was Platz erforderte. Typisch waren die runde, einem Amphitheater ähnelnde Form und Zu- und Abgänge durch den Bühnenraum, über die die Akteure an den Zuschauern vorbei zur Bühne kamen. Die Architektur sollte den „Spielraum für ein kollektives Auftreten schaffen und die räumliche Trennung von Schauspielenden und Publikum aufheben.“Evelyn Annuß: Volksschule des Theaters; Nationalsozialistische Massenspiele, Paderborn 2019, zitiert nach: Stefanie Samida: Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945. Zwischen Verfall, Aneignung und Umdeutung. In: Joachim Otto Habeck, Frank Schmitz (Hrsg.): Ruinen und vergessene Orte. Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8394-6222-5, S. 213–226
Geplant waren zwischen 200 und 400 Thingstätten; fertiggestellt wurden nur etwa 40, 50 oder 60. Sie waren zeitweise eines der größten architektonischen Bauprojekte der NS-Zeit und das größte Freilichttheater-Bauprogramm seit der Antike.
Die gezeigten Stücke kamen nicht an und die Bauvorhaben stockten; bei der örtlichen Bevölkerung und auch innerhalb der NSDAP setzte sich der beabsichtigte Thing-Kult nicht durch. Joseph Goebbels verbot im Herbst 1935 den Begriff Thing. Von da an hießen sie Feierstätte, Weihestätte oder Freilichtbühne. Ein Teil der Bauvorhaben wurde nach 1935 fertiggestellt bzw. eingeweiht.
Nur wenige Thingstätten werden noch genutzt; sie dienen als Freilichtbühnen oder für Musikveranstaltungen. In der Öffentlichkeit ist ihre ursprüngliche Verwendung oft wenig bekannt.
Architekten von Thingstätten Fritz Schaller, maßgeblicher Entwerfer von Thingplätzen Hermann Alker, Architekt der Thingstätte (Heidelberg) und Entwurf einer Thingstätte für Karlsruhe Georg Buchner, Architekt der Thingstätte an der Theresienwiese (zusammen mit German Bestelmeyer) Wilhelm Hübotter, Thingstätte Sachsenhain zugeschrieben Wilhelm Jost, Thingstätte (Halle (Saale)) Werner March, Architekt der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne, Berlin Ludwig Moshamer, Architekt von Thingstätten, unter anderem in Freyburg (Unstrut), Halle (Saale), Passau, Bad Schmiedeberg und Jülich, 1934–1938 Walter Tießler, Thingstätte (Halle (Saale)) Robert Tischler, Landschaftsarchitekt, Architekt der Feierstätte der Schlesier in Oberschlesien, von 1926 bis 1959 Chefarchitekt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Liste von Thingstätten
Ort Thingplatz Koordinaten Bild Bad Segeberg Kalkbergstadion, heute die Bühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg 200x200px Bergen auf Rügen auf dem Rugard Berlin als Dietrich-Eckart-Freilichtbühne 1936 eingeweiht, Teil des Reichssportfeldes für die Olympischen Sommerspiele 1936, heute Berliner Waldbühne 200x200px Berlin 1936 eingeweiht. Heute Freiluftkino im Volkspark Rehberge 200x200px Borna Volksplatz Borna,volksplatz.de restaurierte Anlage 200x200px Braunschweig am Nußberg: Thingstätte (Braunschweig), heute verfallen 200x200px Eichstätt auf einer Anhöhe nördlich von Eichstätt mit Blick auf die Willibaldsburg, heute trotz der natürlichen Einflüsse noch gut zu erkennen steinerne-zeitzeugen.deNazikult in Eichstätt – Die Geschichte der Thingstätte. youtube 200x200px Ganderkesee NS-Kultstätte im Rahmen der Thingbewegung, heute Freilichtbühne Stedingsehre 200x200px Halle (Saale) Thingstätte (Halle (Saale)), „erste Thingstätte des Reiches“ in den Brandbergen, eingeweiht am 5. Juni 1934Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Aufl., de Gruyter, Berlin; New York 2007, ISBN 978-3-11-019549-1Rainer Stommer, Die inszenierte Volksgemeinschaft. Die Thing Bewegung im Dritten Reich, Jonas, Marburg 1985, ISBN 3-922561-31-4 200x200px Hameln „Reichsthingplatz“ auf dem Bückeberg, Ort des „Reichserntedankfestes“ 200x200px Heidelberg Thingstätte (Heidelberg) - am 22. Juni 1935 nach Plänen von Hermann Alker unter dem Namen „Feierstätte Heiligenberg“Peter Marzolff: Der Heiligenberg. In: Elmar Mittler (Hrsg.): Heidelberg. Geschichte und Gestalt. Winter, Heidelberg 1996. ISBN 3-921524-46-6, S. 38–45, insbesondere S. 44f. (Marzolff überhöht nachträglich die „Ausströmungen“ der Himmelsnähe des Platzes) von Joseph Goebbels eröffnet. 56 Zuschauerreihen, 25 Meter ansteigend.Im Heidelberger Volksblatt vom 24. Juni 1935, Nr. 144. U. a: Darin fanden maximal bei der Eröffnung angeblich 20.000 Menschen Platz. 200x200px Herchen Thingplatz (Herchen) 200x200px Holzminden weitgehend erhaltener Thingplatz im Stadtpark, heute Grill- und Spielplatz Jülich ehem. Thingplatz im Brückenkopf Jülich, von dem einige Teile erhalten blieben, so z. B. die Fundamente der ehemaligen Bühne zwischen Mittel- und Zoobastion bis zur Oberfläche des Festungsgrabens Kamenz Thingplatz auf dem Hutberg, heute „Hutbergbühne“, erhalten blieben auch Stümpfe der fünf ehemaligen Säulen 200x200px Koblenz Vorplatz des Kurfürstlichen Schlosses (im Zweiten Weltkrieg zerstört), in: Landeshauptarchiv Koblenz die Bäume an den Seiten der ehemaligen Eingangspylone blieben erhalten Northeim Freilichtbühne Gesundbrunnen, heute „Waldbühne“ 200x200px Passau an der Veste Oberhaus Rathen Felsenbühne Rathen Rostock Barnstorfer Wald am heutigen „Platz der Jugend“ (weitgehend umgestaltet, u. a. zum Spielplatz)Martin Kaule: Ostseeküste 1933–1945. Der historische Reiseführer. Berlin 2009, S. 62. Sankt Annaberg (Polen) Feierstätte der Schlesier 200x200px Sankt Goarshausen heutige Freilichtbühne Loreley, 1934–1939 erbaut, heute genutzt für Rock-u. Popkonzerte 200x200px Schleiden in der Ordensburg Vogelsang 200x200px Schwarzenberg „Grenzlandfeierstätte Erzgebirge“, heutige Waldbühne Schwarzenberg 200x200px Tecklenburg Umbau der Tecklenburg zur NS-Thingstätte, heute Freilichtspiele Tecklenburg 200x200px Verden (Aller) Thingstätte Sachsenhain 200x200px Wattenscheid 1936 angelegt, heute Freilichtbühne Wattenscheid auf: bochum.de 200x200px Wittstock/Dosse Thingplatz Kuhlmühle, Zustand unklar ?
Siehe auch Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus Thing, die romantisierte Vorlage der Thingstättenbewegung. Reichsparteitagsgelände, Nürnberg Goethe-Freilichtbühne Porta Westfalica
Weblinks
Aufzählung einiger Thingplätze mit zeitgeschichtlichen Fotos (englisch) Thingstätten, architekturgeschichtliches und künstlerisches Projekt Kult(ur)orte. Vergangenheit und Gegenwart der NS-Thingstätten. Virtuelle Ausstellung der Deutschen Digitale Bibliothek (2024)
Literatur Katharina Bosse (Hrsg.): Thingstätten. Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart. Kerber, Bielefeld und Berlin 2020, ISBN 978-3-7356-0693-8, englische Fassung: ISBN 978-3-7356-0699-0 Uwe Degreif: „Zeugnisse opferfreudiger Gemeinschaftsarbeit“. NS-Thing-Stätten in Württemberg. In: Schwäbische Heimat, 71. Jg. 2020, Heft 4, S. 420–426 Solveig Grothe: Das Thing ging schief, Der Spiegel, 8. Oktober 2020 Jürgen Oppermann: Das Drama „Der Wanderer“ von Joseph Goebbels: Frühformen nationalsozialistischer Literatur. Dissertation. Karlsruhe 2005, S. 198–203: Nationalsozialistische Kampfbühnen. Stefanie Samida: Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945. Zwischen Verfall, Aneignung und Umdeutung. In: Joachim Otto Habeck, Frank Schmitz (Hrsg.): Ruinen und vergessene Orte. Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8394-6222-5, S. 213–226
Einzelnachweise
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