mini|Elisabeth Käsemann (um 1975)

Elisabeth Käsemann (* 11. Mai 1947 in Gelsenkirchen; † 24. Mai 1977 in Monte Grande, Argentinien) war eine politische Aktivistin der deutschen Studentenbewegung im Freundeskreis Rudi Dutschkes. Sie setzte sich für die revolutionären Bewegungen Lateinamerikas ein und übersiedelte 1970 nach Argentinien, wo sie sich sozial und politisch engagierte und nach dem Putsch 1976 im Untergrund arbeitete. Sie wurde am 24. Mai 1977 als Gegnerin der Diktatur ermordet. Eine internationale Kampagne für ihre Freilassung hatte keinen Erfolg, wofür auch der mangelnde Einsatz der deutschen Behörden verantwortlich gemacht wird. Der Mordfall erregte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit und machte sie zu dem in Deutschland bekanntesten der 30.000 Opfer der argentinischen Militärdiktatur.

Jugend und Studium in Berlin Elisabeth Käsemann war das vierte und jüngste Kind des prominenten Universitätsprofessors für Evangelische Theologie Ernst Käsemann und Margrit Käsemann, geb. Wizemann. Sie war von 1954 bis 1966 Schülerin in Göttingen und Tübingen. Schon damals war sie politisch interessiert und engagiert, beispielsweise als Schülersprecherin und Gründerin eines politischen Arbeitskreises,Esteban Cuya und Carolina Kern: (PDF), in: Justicia y Verdad vom Mai 2007, abgerufen am 11. Juli 2014 und übte Kritik an der obligatorischen Klassenfahrt nach Berlin. 1966 legte sie am Wildermuth-Gymnasium Tübingen das Abitur ab.

Ab dem Wintersemester 1966/67 studierte sie Soziologie und Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, wo sie Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes wurde und bald zum Freundeskreis ihres Kommilitonen Rudi Dutschke gehörte, des marxistischen Anführers der dortigen Studentenbewegung. Mit ihm und anderen Studenten gehörte sie zum politischen Gesprächskreis um den Theologieprofessor Helmut Gollwitzer, der seit den 1960er Jahren auch Aktionen militanter Gruppen mit dem Ziel „demokratischer und sozialistischer Revolutionen“ in Lateinamerika befürwortet hatte.Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt, S. 224f. und 273 Neben dem Vietnamkrieg wurden die revolutionären Bewegungen Lateinamerikas für Elisabeth Käsemann zu einem besonderen Interessensschwerpunkt. Sie beteiligte sich an der Organisation von politischen Demonstrationen und Teach-ins.Matthias Fink: in: Sonntagsblatt Ausgabe 9/2002, abgerufen am 9. Juli 2014 Sie fuhr häufig nach Ost-Berlin, um dort preisgünstige Literatur linksgerichteter Autoren zu kaufen. 1967/68 beteiligte sie sich an der von Dutschke geleiteten SDS-Projektgruppe „Metropole und Dritte Welt (Konkrete Zusammenarbeit mit der Befreiungsbewegung der Dritten Welt)“, die neben theoretischer Schulung ursprünglich auch „direkte Aktionen gegen Marionettenkonsulate etc.“ vorsah.Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt, S. 278f. 1968 war sie mit Dutschke und Wolfgang Schöller Herausgeberin einer Textsammlung zur lateinamerikanischen Revolutionstheorie von Fidel Castro, Régis Debray, K. S. Karol und Gisela Mandel mit einem gemeinsam verfassten Vorwort,Dorothee Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt: Der Internationalismus der Studentenbewegung von 1968 in der Bundesrepublik Deutschland. Dissertation, V&R unipress, Göttingen 2012, S. 328 in dem die Hoffnung zum Ausdruck kam, der auf Kuba begonnene revolutionäre Prozess könne durch Guerillakriege auch auf andere Teile Lateinamerikas ausgeweitet werden.Wolfgang Kraushaar: Denkmodelle der 68er, im Dossier Die 68er-Bewegung, auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung vom 9. Januar 2008, abgerufen am 11. Juli 2014 Sie reiste mit Dutschke und dessen Frau Gretchen Dutschke-Klotz im März 1968 nach Prag, um die sozialistische Reformbewegung des „Prager Frühlings“ aus erster Hand zu erfahren.Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt, S. 328f.

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover im Juni 1967 erfuhr sie von der Möglichkeit, ein im Rahmen ihres Politologiestudiums vorgesehenes Pflichtpraktikum in Lateinamerika zu absolvieren. Nach Abschluss ihres Vordiploms reiste sie nach Bolivien und arbeitete ab September 1968 für ein halbes Jahr als Praktikantin in einer Sozialstation in La Paz.

Auswanderung nach Südamerika mini|Elisabeth Käsemann, 1974/75 Nach einer einjährigen Rundreise durch Lateinamerika entschloss sie sich zu bleiben. Eine Rückkehr nach Deutschland konnte sie sich nicht mehr vorstellen, nachdem sie Armut und Ungerechtigkeit in Lateinamerika erlebt hatte. Sie wollte einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse leisten. Im Juli 1969 schrieb sie an ihre Eltern: (PDF-Datei; 2,70 MB) Ausstellungsbroschüre, Koalition gegen Straflosigkeit, Nürnberg, Mai 2007, S. 2Uschi Entenmann: Der Tod und das Mädchen, in: Focus vom 2. Februar 2004, abgerufen am 12. Juli 2014

Niederlassung in Argentinien Seit 1970 lebte sie in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, die für sie interessanter war als das vom relativ geringen Bildungsniveau der Bevölkerung geprägte und von ihr Anfang 1969 als „mit der Zeit langweilig“ bezeichnete La Paz.Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt, S. 341, Fn. 1699 Sie erwarb zunächst die argentinische Hochschulreife, verdiente sich als mehrsprachige Sekretärin und Übersetzerin ihren Lebensunterhalt und studierte ab April 1975 Volkswirtschaft. Sie beteiligte sich als Freiwillige an linken Sozialprojekten in den Armenvierteln der Hauptstadt, etwa mit Erwachsenenbildung und Alphabetisierungskursen.Ulrich Käsemann: (PDF) zur Eröffnung der Ausstellung „Elisabeth Käsemann – Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerika“, auf der Webseite des Vereins der Freunde und Freundinnen des Otto-Suhr-Instituts, abgerufen am 11. Juli 2014

Käsemann engagierte sich politisch in kommunistischen Organisationen. Dazu gehörten auch revolutionäre Gruppen, die den bewaffneten Kampf führten,Esteban Echevarría: Alemania y Monte Grande unidas por la memoria, in: AUNO vom 10. Dezember 2013, abgerufen am 9. Juli 2014 (spanisch)Alejandra Dandan: Una vida por la libertad y la justicia, in: Página/12 vom 15. September 2010, abgerufen am 9. Juli 2014 (spanisch) auch wenn es keine Hinweise auf eine Mitwirkung Käsemanns an Gewalttaten gibt.Alejandro Rebossio: Argentina condena a siete criminales de la dictadura, in: El País vom 15. Juli 2011, abgerufen am 8. Juli 2014 (spanisch)Jürgen Vogt: Ermordete Elisabeth Käsemann: Die Guerillera, in: taz.de vom 8. Juli 2014 Eine dieser Gruppen war die trotzkistische Organización Comunista Poder Obrero (OCPO, „Arbeitermacht“),Cámara de Diputados de la Nación: Resolutionsentwurf des Argentinischen Parlaments vom 16. März 2011, abgerufen am 12. Juli 2014 (spanisch) die nach der Revolutionären Arbeiterpartei (PRT) mit ihrem bewaffneten Arm Revolutionäres Volksheer (ERP) zweitgrößte unter den einen gewaltsamen Umsturz anstrebenden marxistischen Gruppen der 1970er Jahre war.Violeta Ayles Tortolini: (PDF), in: Cuadernos de Marte Jg. 1, Nr. 2, Oktober 2011, S. 124, Fn. 4 (spanisch) Der von einem damaligen Geheimdienstoffizier zur Rechtfertigung ihrer späteren Verhaftung ohne Belege aufgestellten Behauptung, Käsemann sei Mitglied der ebenfalls linksrevolutionären, sich aber auf Juan Perón berufenden Stadtguerilla Montoneros gewesen, ist dagegen ausdrücklich widersprochen worden.Osvaldo Bayer: El casi mayor Peirano, in: Página/12 vom 6. März 2000, abgerufen am 12. Juli 2014 (spanisch)

Anfang der 1970er Jahre freundete Käsemann sich mit dem Franzosen Raymond Molinier (1904–1994) an, einem früheren Privatsekretär Leo Trotzkis im türkischen und im französischen Exil und Führungsfigur der Vierten Internationalen – der 1972 als Rechtsanwalt für Oppositionelle tätige spätere argentinische Präsident Eduardo Duhalde erwähnte 1990, Käsemann habe damals mit Molinier in Monte Grande als dessen Partnerin gelebt.Eduardo Capello: A 40 años del asesinato de un Araucense en la Masacre de Trelew, in: Diario Sur Digital vom 22. August 2012, abgerufen am 10. Juli 2014 (spanisch) Vor dem Hintergrund eskalierender Gewalt zwischen linksextremen Revolutionären und rechtsextremen regierungsnahen TodesschwadronenArgentinien: Tod durch AAA, in: Spiegel vom 4. November 1974, abgerufen am 15. Juli 2014 verhalf Molinier zahlreichen Politaktivisten mit gefälschten Pässen zur Flucht aus Argentinien.Silvina Friera: El sentido de la palabra solidaridad, in: Página/12 vom 20. März 2014, abgerufen am 11. Juli 2014 (spanisch) Käsemann beteiligte sich aktiv an diesem Netzwerk zur Unterstützung verfolgter Genossen. Gemäß der Schilderung von Sergio Bufano, der 1976 ihr Lebensgefährte war, engagierte sie sich auch in der militanten Untergrundorganisation PRT-ERP und war unter anderem an der Wiedereinschleusung eines zuvor aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Rawson ausgebrochenen und ins Ausland geflohenen Guerillakämpfers beteiligt.

Verfolgung und Kampf gegen die Diktatur Im März 1976 putschte das Militär und etablierte eine Militärdiktatur, unter der die Verfolgung der linksgerichteten Opposition noch stark zunahm. Käsemanns Eltern besuchten ihre Tochter zuletzt im April 1976 in Buenos Aires. Sie lebte danach im Untergrund und nutzte den Decknamen „Cristina.“ Sie lernte Bufano nach seiner Darstellung bei einem konspirativen Treffen der PRT-ERP kennen, zu dem beide mit verbundenen Augen gelangt waren, und das zur Vorbereitung eines Mordanschlags auf einen als Folterer identifizierten Militär abgehalten wurde. Käsemann und Bufano verliebten sich ineinander, ohne ihre wahren Namen zu kennen, und Käsemann ließ sich als Vorsichtsmaßnahme von ihm nur mit verschlossenen Augen zu Besuchen in seine Wohnung führen, um selbst unter Folter seine Adresse nicht verraten zu können. Laut Bufano hatten beide die Organisation um tödliche Tabletten gebeten, um sich einer Verhaftung im Notfall durch Selbstmord entziehen zu können, diese jedoch nicht erhalten. Aus Käsemanns Bekanntenkreis verschwanden nun häufig Menschen spurlos.

Käsemann und Bufano entschieden sich später gemeinsam gegen die Durchführung des von beiden nach weiteren Vorbereitungen schließlich als unmenschlich bewerteten Mordanschlags, da sie zwar den bewaffneten Kampf befürwortet hätten, aber nicht zu töten bereit gewesen seien.Sergio Bufano: Kasemann, pacifista o revolucionaria („Käsemann: Pazifistin oder Revolutionärin“), in: Página/12 vom 24. Juni 2014, abgerufen am 8. Juli 2014 (spanisch) Bufano wurde daraufhin wegen Ungehorsams aus der Guerillaorganisation ausgestoßen und kurz darauf von der Polizei verhaftet, konnte aber nach drei Tagen entkommen. Im Gegensatz zu Bufano, der sich nun gegen ihren Willen zur Flucht ins Ausland entschied, bei der sie ihm jedoch mit einem von ihr gefälschten mexikanischen Reisepass behilflich war, bestand sie darauf, den Kampf in Argentinien fortzusetzen, das sie laut Bufano als Schlüsselland für die Revolution in Lateinamerika sah. In der gefährlichen Situation ihre Freunde und Mitarbeiter zu verlassen, sah sie als Verrat an. Beim Abschied von Bufano sagte sie ihm im Dezember 1976: „Die Arbeiterklasse geht nicht ins Exil.“

Laut Bufano trennte sich Käsemann aufgrund politischer Differenzen gemeinsam mit weiteren Genossen von der PRT-ERP, blieb jedoch in einer anderen bewaffneten Untergrundorganisation aktiv. Auch wenn sie selbst praktisch keine Erfahrungen im Waffengebrauch hatte, so sei sie keine Pazifistin gewesen, sondern als Revolutionärin zum Einsatz von Gewalt bereit gewesen – „innerhalb der vom moralischen Gewissen gesetzten Grenzen“.