mini|Flagge der EZLN

Die Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN, ) ist eine überwiegend aus Indigenas bestehende Organisation in Chiapas, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, die am 1. Januar 1994 mit einem bewaffneten Aufstand erstmals öffentlich in Erscheinung trat und sich seitdem mit politischen Mitteln für die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos, aber auch generell gegen neoliberale Wirtschaftspolitik und für Selbstverwaltung einsetzt.

Der Name ist eine Reverenz an Emiliano Zapata, einen der historischen Führer der mexikanischen Revolution, in dessen Tradition sich die EZLN sieht. Daher werden sie auch Zapatistas (oder deutsch Zapatisten) genannt.

Politische Bedeutung, Ausrichtung Einordnung

Die EZLN war die erste linke Guerillabewegung, die nach dem Zusammenbruch der im sogenannten Ostblock zusammengeschlossenen sozialistischen Staatengemeinschaft in Erscheinung getreten ist. In ihren Comuniqués hat sie politische Ziele formuliert, die sich von den staatssozialistischen Vorstellungen gesellschaftlicher Veränderung durch ihre Bezugnahme auf Basisdemokratie unterscheiden. Durch die Nutzung des damals noch neuen Mediums Internet verbreiteten sich die poetischen, metaphernreichen Communiqués ihres Sprechers Subcomandante Marcos vor allem in westlichen Industrienationen.

Im Gegensatz zu anderen Guerillabewegungen geht es im Diskurs der Zapatisten nicht darum, die Macht im Staat zu übernehmen. Stattdessen betonen sie ihren basisdemokratischen Anspruch und zielen auf den allmählichen Aufbau autonomer Strukturen auf kommunaler, munizipaler und regionaler Ebene.Sanchez (1999) in Gemma van der Haar (2004): "The Zapatista Uprising and the Struggle for Indigenous Autonomy", European Review of Latin American and Caribbean Studies / Revista Europea de Estudios Latinoamericanos y del Caribe No. 76 (April 2004), S. 99–108 (10 pages), Centrum voor Studie en Documentatie van Latijns Amerika (CEDLA). Das PR-Geschick des mestizischen Sprechers der Rebellen Subcomandante Marcos, mit dem der Aufbau autonomer Strukturen, indigene Basisdemokratie, Geschlechtergleichheit und Ökologie einer internationalen Öffentlichkeit nahegebracht werden, führte zur Identifikation weiter Teile der globalisierungskritischen Bewegung. Wie diese fordert die EZLN Selbstbestimmung der Menschen und ruft zum weltweiten Kampf gegen die kapitalistische Globalisierung auf.

Handlungsprinzipien alt=Holzbungalow mit rot-oranger Wandbemalung, Wellblech-Vordach und schwarzer Beschriftung auf weißem Grund sowie zapatistischen Ornamenten|mini|Gebäude des Rats der guten Regierung einer zapatistischen Gemeinde (Aufschriften auf Tzotzil und Spanisch)

Die EZLN organisiert sich in klandestinen Gremien und stellte die Autonomie der widerständigen Gemeinden (ehemals: Municipios Autónomos Rebeldes Zapatistas, MAREZ) sicher, übt jedoch keinen alltäglichen Einfluss auf die kommunale Selbstorganisation aus. Kommandeure und Mitglieder der Entscheidungsgremien der EZLN dürfen zeitgleich keine Ämter in den zapatistischen Gemeinden und Räten übernehmen.

Neozapatistas organisieren sich auf lokaler (Großfamilien, Hausgemeinschaften oder Straßenzüge), kommunaler (Dörfer) und regionaler Ebene (Landstriche, Täler) in lokalistisch-direktdemokratischen Räten. Die Gremien der regionalen Verwaltungszentren (Centros de Resistencia Autónoma y Rebeldía Zapatista, CAREZ) wurden seit 2003 auch Caracoles (Schneckenhäuser) genannt, was die radikaldemokratisch-entschleunigte, aber am sozialen Fortschritt orientierte Arbeitsweise der Governance-Struktur betonen soll. In ihnen sind die Juntas de Buen Gobierno (Räte der guten Regierung) als höchste regionale Entscheidungsgremien angesiedelt. Für Mitglieder oberer Gremienstrukturen gilt das Rotationsprinzip. Im November 2023 gab die EZLN wegen erhöhter Spannungen die Auflösung der bisherigen Selbstverwaltung bekannt, an dessen Stelle eine größere Zahl lokaler Entscheidungsstrukturen trete, die sich durch künftig mobil abgehaltene Gremien abstimmen sollen.

Einer der Grundgedanken der EZLN ist das „gehorchende Befehlen“ (mandar obedeciendo), das Treffen von Entscheidungen im Sinne des Willens des Volkes. Die Doktrin besteht aus sieben Prinzipien, nach denen sich Vertreter aller Gremienebenen richten sollen:

Schlage etwas vor, aber zwinge nichts auf. Repräsentiere, aber ersetze nicht. Baue, aber zerstöre nicht. Befolge, aber diktiere nicht. Begegne auf Augenhöhe, dominiere nicht. Überzeuge, aber bezwinge nicht. Diene anderen, nicht dir selbst.

Das kollektive Arbeiten, mit einer in Teilen aufgelösten oder demokratisch rückversicherten Arbeitsteilung und einem gemeinschaftlichen Verständnis von Wertschöpfung, wird gemeinhin als Annäherung an das sozialistische Leistungsprinzip Karl Marx’ („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“) verstanden. Das Motto „Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben“ drückt die Verbundenheit zu polyzentrischen und pluriversalen Einstellungen aus. Ein anderes Motto lautet „Fragend gehen wir voran“ und bezeichnet ihre Sicht des Verhältnisses von Theorie und Praxis.

Mythologie und Schöpfungserzählung Handlungsprinzipien und Werte der Neozapatistas spiegeln sich in zahlreichen Erzählungen wider, die zum Teil starke Beziehungen zu lokalen Traditionen wie den Tzeltal aufweisen: Viele Abbildungen in zapatistischen Gemeinden beziehen sich auf die Aussage „Wir sind Mais“, nach denen die Götter zunächst Menschen aus Gold schufen, die die beweglicheren Menschen aus Holz zur Arbeit zwangen und ausbeuteten. Erst die Schöpfung der Menschen aus Mais, den Hautfarben nach bunt wie die verschiedenen Sorten der Pflanze, habe eine Gemeinschaft Gleichberechtigter zur Folge gehabt. Mais, Bohnen und Kürbisse sind bis heute zentrale Bestandteile der zapatistischen Subsistenzwirtschaft (milpa). Kaffee wird gemeinhin als externe Einnahmequelle angebaut.

Das Ch'ulel beschreibt Bewusstseinsebenen, die die kollektive Verbundenheit und gegenseitige Wertschätzung und Aufmerksamkeit im Gespräch, aber auch die historische Verwurzelung umfassen. Sie werden als wesentlich für die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung und Selbstorganisation in den Gemeinden erachtet. Eng verbunden mit der zapatistischen Erinnerungskultur ist das xWaychinel Lum-K'inal (Vorahnung des Möglichen), das kollektive Utopien und Entwicklungspfade als Synthese von Einzelerfahrungen und Konsensen der Vergangenheit sowie den realen Rahmenbedingungen aufwerfen soll.

Geschichte Gründung 1983 Die EZLN wurde am 17. November 1983 von mexikanischen Metropolenlinken, drei Mestizos und drei Indígenas, in der Selva Lacandona, einem Urwaldgebiet an der Südostgrenze Mexikos als klassisch marxistische und maoistische Befreiungsarmee gegründet, verschmolz aber innerhalb der ersten zehn Jahre ihres Bestehens unterschiedliche Elemente, so dass sie als „Guerilla neuen Typs“ wahrgenommen wurde. Ihre Basis fand die EZLN bei Angehörigen verschiedener Maya-Ethnien der Selva Lacandona, so etwa der Tzotzil, die später in diese Region eingewandert waren. Die für die Region namensgebenden Lacandonen, die in den 1970er Jahren Landtitel von der mexikanischen Regierung erhalten hatten, standen der EZLN hingegen ablehnend gegenüber und sahen die Tzotzil als Bedrohung an.chiapas.at

Chiapas-Konflikt 1994

Die EZLN wurde erstmals am 1. Januar 1994 der breiten Öffentlichkeit bekannt, dem Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA. Maskierte Kämpfer besetzten gleichzeitig fünf Bezirkshauptstädte im Osten von Chiapas, erklärten der mexikanischen Regierung den Krieg und ihren Willen, bis nach Mexiko-Stadt zu marschieren, um dort die Regierung zu stürzen. Allerdings verfehlten sie das Ziel, eine landesweite Revolution auszulösen. Nach einigen Tagen des Kampfes zogen sich die Zapatisten aus den Städten in die schwer zugänglichen Dschungeltäler zurück, in denen die sie unterstützende indigene Bevölkerung lebt.

mini|Subcomandante Marcos (links) mit Comandante Tacho in Chiapas (1999)

Nach zwölf Tagen bewaffneter Kämpfe im Januar 1994 wurde auf Druck der Zivilgesellschaft in den mexikanischen Großstädten ein Waffenstillstand erreicht. Unter Vermittlung des katholischen Bischofs Samuel Ruiz kam es zu Verhandlungen, die zwei Jahre später zur Unterzeichnung der Verträge von San Andrés führten, die die Aufnahme von Autonomierechten für die indigene Bevölkerung in die mexikanische Verfassung vorsahen. Allerdings wurden diese Verträge trotz einer massiven Kampagne seitens der zapatistischen Rebellen und Teilen der internationalen Zivilgesellschaft nie in die Verfassung aufgenommen. Daher setzte die EZLN im Osten von Chiapas eine De-facto-Autonomie um.

Gegenmaßnahmen der mexikanischen Armee Am 9. Februar 1995 folgte ein Überraschungsangriff der mexikanischen Armee, der zum Verlust der territorialen Kontrolle der Regionen Las Cañadas und Selva Lacandona durch die Rebellen führte. Parallel zur Stationierung von mehreren zehntausend Soldaten der mexikanischen Armee entlang der wichtigsten Stichstraßen wurden massiv staatliche Gelder für Infrastruktur- und Entwicklungsprogramme bewilligt, die allerdings nur den regierungstreuen Bewohnern der Region zugutekamen. Die ebenfalls im Rahmen einer groß angelegten Aufstandsbekämpfungsstrategie ins Leben gerufenen paramilitärischen Gruppen haben seitdem immer wieder blutige Überfälle auf zapatistische und sympathisierende Gemeinden durchgeführt. Diese gipfelten im Überfall rechtsgerichteter Paramilitärs in Acteal (Municipio Chenalhó) am 22. Dezember 1997 auf eine zum Gottesdienst versammelte Gemeinde. Die Gottesdienstteilnehmer waren Angehörige der pazifistischen christlichen Tzotzil-Organisation Abejas („Bienen“) und keine Mitglieder der EZLN. Bei dem als Massaker von Acteal bekannten Überfall töteten die Angreifer 45 Menschen, darunter Kinder und schwangere Frauen. Diese Angriffe gehören zur Strategie des „Krieges niederer Intensität“ (Guerra de Baja Intensidad bzw. Low Intensity Warfare), durch welche die EZLN aufgerieben werden sollte.

Internationale Treffen Die EZLN lud zweimal zu Interkontinentalen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit. Zu ihrem ersten Treffen 1996 kamen ca. 3000 Teilnehmer aus mindestens 54 Ländern nach Chiapas, (PDF; 48& kB) In: Christine Buchholz, Anne Karrass, Oliver Nachtwey, Ingo Schmidt (Hrsg.): Unsere Welt ist keine Ware. Handbuch für Globalisierungskritiker, Kiepenheuer & Witsch 2002, S. 22–44, ISBN 978-3-462-03164-5. das zweite Treffen fand 1997 in Spanien statt.

Mit ihrem Aufruf „ein kollektives Netzwerk all unserer Teilkämpfe und Widerständigkeiten zu schaffen, welches Unterschiedlichkeiten respektiert und Ähnlichkeiten anerkennt“ und so die Welt neu zu erschaffen, fanden die Zapatistas weltweit ebenso Widerhall bei neueren Bewegungen wie mit ihrem radikalen, jedoch auf Gewaltvermeidung bedachten Vorgehen.

Die dort geknüpften Kontakte hatten im Februar 1998 die Gründung von Peoples Global Action (PGA), einem weltweiten Netzwerk zum Informationsaustausch und zur Aktionskoordination zur Folge.

Entwicklung ab 2000 In den vergangenen Jahren war die EZLN bemüht, ihrer zivilen Basis immer mehr Verantwortung zu übertragen und die militärische Struktur, die nach wie vor für die Sicherheit der Basisgemeinden zuständig ist, von den zivilen Verwaltungsstrukturen abzukoppeln.