Der Begriff Afrikanische Philosophie ist umstritten und wird von verschiedenen Philosophen zudem auch ganz unterschiedlich verwendet. Obwohl aus Afrika stammende oder dort lehrende Philosophen auch in vielen westlich-traditionellen Gebieten der Philosophie schreiben und forschen (etwa zu den Fragen der Metaphysik, Erkenntnistheorie, Moralphilosophie und Politischen Philosophie), beschäftigt sich ein großer Teil der dort erscheinenden Literatur aber auch mit dem Wesen der afrikanischen Philosophie selbst.

Einer der zentralen Punkte der Diskussion befasst sich mit der Frage, was genau mit dem Begriff „afrikanisch“ gemeint ist: der Inhalt der dortigen Philosophie oder die Identität der dortigen Philosophen. Nach der ersten Ansicht wird eine Philosophie dann afrikanisch heißen, wenn sie sich mit spezifisch afrikanischen Themen und Begriffen auseinandersetzt oder dort entwickelte Methoden verwendet; nach der zweiten Meinung umfasst afrikanische Philosophie einfach denjenigen Teil der Philosophie, der von afrikanischen Philosophen (oder noch allgemeiner von Menschen afrikanischer Abstammung) erbracht wird.

Im Folgenden wird afrikanische Philosophie vor allem unter der ersten der oben aufgeführten Rücksichten betrachtet, da dadurch ihre vorhandenen Eigenheiten besonders klar und deutlich zum Ausdruck gebracht werden können. Zudem würde ein Wechsel der Perspektive auch keine wesentliche Änderung in den Resultaten bedeuten, da faktisch afrikanische Philosophie im ersten Sinn mit solcher im zweiten Sinn (noch) zusammenfällt.

Der nun folgende historische Abriss wird zunächst personenzentriert vorgehen und Philosophen beleuchten, die auf dem afrikanischen Kontinent geboren worden sind; mit Beginn der Moderne sollen dann mehr und mehr der Inhalt und die Methode afrikanischer Philosophie im Vordergrund stehen. Zunächst aber eine kurze Darstellung zur Entwicklung der afrikanischen Philosophie in der Antike.

Antike bis Neuzeit Die Geschichte der Philosophie im vormodernen Afrika kann anhand der geographischen Gegebenheiten in zwei große Gebiete eingeteilt werden: Entwicklungen im südlichen und im nördlichen Afrika. Diese Unterteilung gründet sich wiederum auf zwei zueinander in Beziehung stehenden Faktoren: dem Austausch mit anderen kulturellen und religiösen Traditionen wie etwa dem Judentum, Christentum und dem Islam und der Entwicklung einer Schriftsprache.

Zunächst kann eine weitere Unterscheidung vorgenommen werden, namentlich die zwischen den Philosophen einer- und der Philosophie andererseits: Paulin J. Hountondji hat einmal angemerkt, dass ohne eine Schriftsprache

„thousands of Socrates could never have given birth to Greek philosophy... so thousands of philosophers without written works could never have given birth to an African philosophy“Hountondji, 1983, S. 106; zitiert nach Kwame, 1995, Einleitung, S. xx.

Selbst wenn hier also eine eher breit angelegte Definition des Begriffs „Philosoph“ vorausgesetzt wird – so hat etwa Joseph I. Omoregebe vorgeschlagen, ein Philosoph sei jemand

„who devotes a good deal of his time reflecting on [fundamental questions about human life or the physical universe] and who frequently and habitually does this“Omoregbe, 1998, S. 4. –,

besteht immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen der zusammenhanglosen Menge einzelner Gedanken eines solchen Denkers, und der Kontinuität eines Denkens, das die Bezeichnung „philosophische Tradition“ verdient. Einfacher gewendet: Selbst wenn es afrikanische Philosophen gibt und gegeben hat, führt das noch nicht notwendigerweise zur Etablierung einer eigenständigen afrikanischen Philosophie.

Die zweite Sichtweise setzt mit einem alternativen Begriff von Philosophie ein: Wenn wir annehmen, dass jede Philosophie als eine kohärente Menge von Annahmen über Natur, Welt sowie den Platz des Menschen darin beschrieben werden kann, kann man bei fast allen Kulturen eine Art von philosophischem Denken nachweisen. Ein solcher Begriff von Philosophie hängt dann auch nicht mehr vom Vorhandensein von Menschen ab, die im Sinne des obigen Omoregbe’schen Vorschlags philosophieren; so wird eine afrikanische Philosophie auch ohne afrikanische Philosophen denkbar.

Eine fehlende Fähigkeit der afrikanischen Einwohner zu philosophischem Denken wird heutzutage von niemanden mehr ernsthaft vorgebracht und wäre wohl auch schwierig zu begründen. Nach der gängigen Ansicht muss für das Entstehen von philosophischem (oder noch allgemeiner wissenschaftlichem) Denken wahrscheinlich eine bestimmte Art von sozialer Struktur vorliegen (dass etwa wenigstens ein Teil der Gesellschaft ausreichend Zeit und Muße zum Nachdenken und Diskutieren hat); auch andere Faktoren werden genannt. Selbst wenn man nun aber annehmen würde, dass sich im alten Afrika keinerlei philosophisches Denken herausgebildet hätte, so wäre das lediglich ein Hinweis darauf, dass einer oder mehrere dieser kontingenten Faktoren dort eben nicht vorlagen; die Fähigkeit seiner Einwohner zum Philosophieren kann dadurch aber kaum in Zweifel gezogen werden.

Südlich der Sahara So gibt es auch wenigstens ein sicheres Beispiel für einen vormodernen, aus dem südlichen Afrika stammenden Philosophen im Omoregbe’schen Sinn: Anton Wilhelm Amo wurde als Sklave aus dem afrikanischen Awukenu (etwa das heutige Ghana) nach Europa verschleppt, wuchs dort auf und erhielt eine fundierte Ausbildung: Er erwarb akademische Grade in den Fächern Rechtswissenschaft und Philosophie und wurde schließlich Professor an den Universitäten in Halle und Jena.

Zusätzlich kann noch Zär’a Yaqob (1599–1693) genannt werden, der zwar nicht weiter rezipiert wurde, dafür ein Beispiel für äthiopische Philosophie im 17. Jahrhundert liefert.

Nördliches Afrika Die Philosophie in Nordafrika hat eine reiche und wechselvolle Geschichte vorzuweisen: Beginnend im vordynastischen Ägypten und dann weiter vorangetrieben durch den Hellenismus, jüdische Philosophie in Alexandria und die Geburt von Christentum und Islam. Ein zentrales Thema im antiken Ägypten war der Begriff des maat, was sich ungefähr mit „Gerechtigkeit“, „Wahrheit“ oder einfach auch „das, was richtig ist“ wiedergeben lässt. Eines der frühesten Werke der politischen Philosophie stellt die Lehre des Ptahhotep dar, welche die Lerngrundlage von Generationen von ägyptischen Schulkindern bildeten. Hermetische Philosophen wie etwa Giordano Bruno sahen ihre denkerischen Wurzeln in der altägyptischen Philosophie, und tatsächlich finden sich in seinem Werk viele Verweise zu griechischen Philosophen, die in Ägypten studiert haben. Einige Kommentatoren, z. B. George James, vertreten die Ansicht, dass weite Teile der griechischen Philosophie ursprünglich aus Ägypten stammen, und Martin Bernal meint in seinem Buch Black Athena gar, dass ein aus der ägyptischen Philosophie stammender vor-aufklärerischer Ansatz später einer eurozentrischen Sichtweise weichen musste, welche die dort gewonnenen Befunde ablehnte.

Innerhalb der christlichen Tradition kann der aus Africa stammende Philosoph Augustinus von Hippo als einer der bedeutendsten Vertreter früher christlicher Philosophie und Theologie betrachtet werden. Er lebte von 354 bis 430 n. Chr. und schrieb unter anderem sein vielleicht bekanntestes Werk De civitate dei (Der Gottesstaat) in Hippo Regius (heute Annaba in Algerien). Darin greift er eine Reihe anderer christlicher Glaubenslehren wie den Arianismus an und führt Begriffe und Theoreme wie die Ursünde und die Gnadenlehre in die christliche Theologie ein, die für ihren weiteren Verlauf von entscheidender Bedeutung sind.

In der islamischen Tradition stehen Philosophen wie Ibn Baja, der im 12. Jahrhundert lebte und seinen philosophischen Ausgangspunkt im Neuplatonismus nahm. Nach Baja ist der Zweck des menschlichen Lebens die Erlangung wahrer Glückseligkeit. Diese kann über die Schau der Universalien erreicht werden. Dabei stellen Vernunft und Philosophie die hierfür notwendigen Bedingungen dar, wohingegen die etablierten Religionen eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Ibn Ruschd (Averroes, Begründer des Averroismus) entwickelte eine demgegenüber eher aristotelisch inspirierte Philosophie. Er vertrat die Ansicht, dass es keinen wirklichen Konflikt zwischen Religion und Philosophie geben muss, dass beide zwar verschiedene, dabei jedoch gleichermaßen zulässige Wege zu Gott darstellen. Während der Philosoph als Freund des Denkens frei den Weg der Vernunft wählen kann, ist die Masse der einfachen Menschen dazu nicht in der Lage und entscheidet sich daher für den Weg des Glaubens.

Ibn Sab'in griff diese Lehre an und argumentierte, dass die aristotelische Philosophie nutzlos für das Verstehen des Universums sei, da es ihr nicht gelänge, die grundlegende Einheit der Welt mit sich selbst und Gott widerzuspiegeln. Daher würde ein wahres Verstehen eine gänzlich davon verschiedene Methode des Denkens erfordern.

Vier mögliche Kandidaten moderner afrikanischer Philosophie Der kenianische Philosoph Henry Odera Oruka hat vier verschiedene Spielarten der modernen afrikanischen Philosophie benannt: Ethnophilosophie, Philosophische Weisheit, nationalistische oder ideologische Philosophie und akademische Philosophie. Es ist vielleicht auch möglich, sie als „Bewerber“ für eine bestimmte Richtung in der afrikanischen Philosophie zu betrachten, wobei die Möglichkeit offenbleibt, dass mehr als nur einer deren Anforderungen gerecht werden kann.

Ethnophilosophie und philosophische Weisheit Ethnophilosophie umfasst die Aufnahme von in afrikanischen Kulturen vertretenen Überzeugungen. Ein solcher Ansatz behandelt die afrikanische Philosophie als eine Menge gemeinsam geteilter Voraussetzungen, Werte, Kategorien und Annahmen die in Sprache, Denken und Handeln aller afrikanischen Kulturen implizit vorliegen; kurzgefasst versucht sie eine spezifisch afrikanische Weltsicht zu beschreiben. Damit wird sie eher als Gegenstand gemeinsamen Besitzes denn als Tätigkeit, die von einem Individuum ausgeht, begriffen.

Ein Vertreter dieser Denkrichtung, Placide Tempels hat in seinem Buch Bantu Philosophy darzulegen versucht, dass die metaphysischen Kategorien des Bantu-Volks in ihren linguistischen Kategorien widergespiegelt werden. Folgt man dieser Ansicht, kann die afrikanische Philosophie am besten als Wiedergabe der fundamentalen Annahmen über die Realität, wie sie sich in den afrikanischen Sprachen niederschlägt, verstanden werden.