Dieser Artikel beschreibt die alemannische Grammatik, insbesondere solche Merkmale, welche für die alemannischen Dialekte (einschließlich des Schweizerdeutschen) im Vergleich zum Standarddeutschen besonders charakteristisch sind.
Nomen Grammatische Kategorien Wie im Standarddeutschen unterscheiden die Deklination der alemannischen Nomina Genus, Numerus und Kasus.
Genus Ebenso wie das Standarddeutsche unterscheiden die alemannischen Dialekte die drei Genera Maskulinum, Femininum und Neutrum.
In vielen alemannischen Dialekten haben sich die Genusunterscheidungen bei den Zahlwörtern zwei und drei erhalten. Zwei kennt übereinstimmend mit dem Mittelhochdeutschen meist drei Genera (beispielsweise in der Innerschweiz aber nur zwei Genera), drei ebenfalls wie im Mittelhochdeutschen zwei Genera. In den modernen Mundarten werden sie jedoch mehr und mehr zugunsten der neutralen Form aufgegeben.Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band III, Karten 236–240. männlich weiblich sächlich ‹zwei› zwee zwoo, regional: zwee zwäi/zwöi/zwää/zwaa ‹drei› drei, drii drei, drii drüü
Numerus Ebenso wie das Standarddeutsche unterscheiden die alemannischen Dialekte die Numeri Singular und Plural in den Formen der Substantive, Adjektive, Artikel, Pronomina.
Zum Ausdruck des Plurals der Substantive wird der Umlaut öfter verwendet als im Standarddeutschen (beispielsweise Tökter ‹Doktoren› als Plural von Tokter). Überdies gibt es wegen der Apokope der Endung -e mehr Fälle, in denen der Plural alleine durch den Umlaut ausgedrückt wird (beispielsweise Böim ‹Bäume›, Sääl ‹Säle›).
Kasus Die alemannischen Dialekte unterscheiden die Kasus Nominativ, Dativ und Akkusativ. Nominativ und Akkusativ unterscheiden sich nur bei den Personalpronomen, fallen hingegen bei Artikeln, Adjektiven und Substantiven in den meisten Dialekten zusammen, ein in Analogie zum norddeutschen «Akkudativ» bisweilen «Nomakkusativ» genanntes Phänomen.
Der Genitiv tritt hauptsächlich in attributiver Stellung und besitzanzeigender Funktion, ((der) Annas Hund ‹Annas Hund›, s Vatters Huus ‹Vaters Haus›) auf, ist in dieser Funktion allerdings weitgehend veraltet. Verbreitet ist der Genitiv in partitiver Funktion in idiomatischen Ausdrücken (Hesch der Zyt? ‹Hast Du [der] Zeit?›). Am lebendigsten ist der Genitiv heute noch in den alpinen Walliser- und Walserdialekten.
In einigen Dialekten werden Dativobjekte mit einer Partikel a oder i eingeleitet, die gleichlautend ist mit den Präpositionen an bzw. in, beispielsweise i gibe’s a/i mynere Frou ‹ich gebe es meiner Frau›. Ausgangspunkt war eine Uminterpretation des Artikels gemäß (d)em Vater → (d)im Vatter.
Wie in anderen deutschen Dialekten – aber nicht im Standarddeutschen – kann eine Konstruktion aus Dativ und Possessivpronomen für die Besitzanzeige verwendet werden, beispielsweise em Adrian sy Hund ‹dem Adrian sein Hund (Adrians Hund)›.
Artikel Wie im Standarddeutschen unterscheiden die alemannischen Dialekte einen bestimmten und einen unbestimmten Artikel. Die Artikel kongruieren in Genus, Numerus und Kasus mit ihrem Bezugswort. Im Plural entfällt der unbestimmte Artikel. Im Unterschied zum Standarddeutschen hat überdies der bestimmte Artikel singular feminin bzw. plural zwei verschiedene Formen, und zwar in Abhängigkeit davon, ob ein Adjektiv folgt oder nicht, beispielsweise d Frou ‹die Frau› – di schöni Frou ‹die schöne Frau›/di Schöni ‹die Schöne›.
Anders als im Standarddeutschen unterscheidet sich der unbestimmte Artikel vom Zahlwort für ‹eins›, beispielsweise e Maa ‹ein Mann› – ei Maa ‹EIN Mann›. Ebenfalls unterscheidet sich die Verwendung des bestimmten Artikels als reiner Artikel von der Verwendung als Demonstrativum, beispielsweise ds Chind ‹das Kind› – das Chind ‹DAS Kind (da)/dieses Kind› (vergleiche niederländisches het kind, Aussprache [ət kɪnt], bzw. dat kind).
Der Artikel wird in den meisten alemannischen Mundarten auch bei Eigennamen verwendet, ohne dass dies eine pejorative Bedeutung hätte, beispielsweise de(r) Thomas ‹[der] Thomas›. Ausgenommen hiervon sind Dialekte im mittleren und südlichen Kanton Bern, im Kanton Freiburg, im nordöstlichen Kanton Graubünden, in Teilen des Vorarlberger Rheintals und im Bregenzer Wald.Vgl. Sprachatlas der deutschen Schweiz III 141 und Vorarlbergisches Wörterbuch I 555. Im Alemannischen tragen Substantive so gut wie immer einen Artikel, also auch Markennamen (I gang zum Aldi ‹Ich gehe zu Aldi›)Uni Augsburg: zu/zum/nach und Abstrakta, beispielsweise Mach e Liecht! (‹Mach ein Licht an› würde heißen Mach ei Liecht aa). In einigen vorarlbergerischen Dialekten tragen sogar unzählbare Mengen einen Artikel. z. B. Hosch du e Gäld? (‹Hast du Geld?›)Uni Augsburg: (ein) Geld Eine Ausnahme bilden die zahlreichen idiomatisierten Wendungen des Typus z Chile, z Määrt, z Henggert usw. (‹in die Kirche›, ‹auf den Markt›, ‹zum Abendsitz›, wörtlich „zu Kirche“, „zu Markt“, „zu Abendsitz“).
Formen des bestimmten Artikels (der Genitiv wird in vielen Dialekten nicht verwendet):
maskulin feminin neutrum plural Nominativ/Akkusativ* də(r) d – di (d)s d – di Dativ əm (d)ər əm də Genitiv (d)s (d)ər (d)s (d)ər (*) Für die bestimmten Artikel im Sing. wie im Pl. wird in den meisten Mundarten nicht zwischen Nom. und Akk. unterschieden. Ausnahmen bilden einerseits einige alpine Dialekte und anderseits die Mittellanddialekte, wo Fälle wie ich gaan i/in Wald, a/an See ‹ich gehe in den Wald, an den See› ein i(n) (de)n bzw. a(n) de(n) fortsetzen. Gewisse andere Mundarten kennen wiederum einen Unterschied zwischen Nom. und Akk. im Fall des Demonstrativums, wo es mask. sing. der Maa ‹dieser Mann› und mask. akk. denn Maa ‹diesen Mann› heißt.
Formen des unbestimmten Artikels:
maskulin feminin neutrum Nominativ/Akkusativ ə(n) ə ə(s) Dativ (ə)m(ən)ə (ən)əre/rə (ə)m(ən)ə
Wo die Kurze Version des Artikels – d, s – Verwendung findet, ist diese unabhängig davon, ob das folgende Wort mit einem Konsonant oder einem Vokal beginnt. Es heißt also auch d Frau, s Meitli.
Verbindungen aus Präpositionen und Artikeln sind zahlreicher als im Standarddeutschen, beispielsweise füre Peter ‹für den Peter›, i Wald ‹in den Wald› (man beachte, dass diese Kürzungen beide auch in Dialekten verwendet werden, wo der Nominativ/Akkusativ der lautet und nicht de, so dass dort einander gegenüberstehen: i gseh der Peter ‹ich sehe den Peter› – füre Peter ‹für den Peter›).
Substantiv In den meisten Dialekten ist auslautendes -e apokopiert worden (ausgenommen einige höchstalemannische Dialekte), beispielsweise Straass/Strooss ‹Straße›, Brugg/Brügg ‹Brücke›, Sääl ‹Säle›.
Scheinbar ausgeblieben ist die Apokope in zwei Fällen. Wo erstens das Wort althochdeutsch auf -ī ausging, lautet alemannisch die Endung -i, beispielsweise Chuchi ‹Küche›, Sagi ‹Säge› (diese Feminina bilden ihren Plural auf -ənə oder -inə, beispielsweise Chuchene, Chuchine ‹Küchen›, Sagene/Sagine ‹Sägen›), Hirni ‹Hirn›, Rippi ‹Rippe› (diese Neutra bilden einen mit dem Singular identischen Plural). Wo zweitens ein alemannisches feminines Wort auf -ə endet, etwa Matte bzw. Wise ‹Wiese›, liegt keine Fortsetzung des Nominativs vor, sondern eine solche des Casus obliquus (Dativ, Akkusativ), dessen Form in den Nominativ gedrungen ist. Mit anderen Worten: alemannisch Straass/Strooss setzt den mittelhochdeutschen Nominativ strāʒʒe fort, alemannisch Matte und Wise aber den mittelhochdeutschen Dativ/Akkusativ matten, wisen (vgl. bairisch d Wisn ‹die Wiese›).
Die südwestlichen hoch- und höchstalemannischen Mundarten (gesprochen in den Kantonen Bern, Freiburg, Wallis sowie von den Walsern in Aosta, Piemont, Graubünden, Liechtenstein und Vorarlberg) bilden den unumgelauteten Plural des starken Maskulinums auf -ə oder (alpin) -a, in den anderen alemannischen Mundarten ist reguläre Apokope eingetreten, beispielsweise mehrheitsalemannisch Plural Tisch ‹Tisch› Stiil ‹Stiele›, Esel ‹Esel›, aber südwestalemannisch Tische/Tischa, Stile/Stila, Esle/Esla (Esja).
Adjektiv Wie im Standarddeutschen, so kongruiert auch in den alemannischen Dialekten das Adjektiv mit Genus, Numerus, Kasus und Bestimmtheit. Innerhalb des Alemannischen zeigt das Paradigma jedoch beträchtliche typologische Unterschiede, vergleiche etwa traditionelles Berndeutsch der schön Maa, di schöni Frou, ds schöne Ching mit drei verschiedenen Endungen gegenüber traditionelles Zürichdeutsch de schön Maa, di schön Frau, s schön Chind mit Einheitsendung.
Adjektivendungen bei unbestimmtem Bezugswort:
maskulin feminin neutrum plural Nominativ/Akkusativ ə(n) schönə/ər ‹ein schöner› ə schöni/ə ‹eine schöne› ə(s) schön(s) ‹ein schönes› schön(i/-ə) ‹schöne› Dativ (ə)m(ən)ə schönə ‹einem schönen› (ən)əre/rə schönə ‹einer schönen› (ə)m(ən)ə schönə ‹einem schönen› schönə ‹schönen›
Formen bei bestimmtem Bezugswort:
maskulin feminin neutrum plural Nominativ/Akkusativ də(r) schön(i/ə) ‹der schöne› d(i) schön(i/ə) ‹die schöne› (d)s schön(ə) ‹das schöne› d(i) schönə ‹die schönen› Dativ əm schönə ‹dem schönen› (d)ər schönə ‹der schönen› əm schönə ‹dem schönen› də schönə ‹den schönen›
Prädikative Adjektive werden in einigen höchstalemannischen Dialekten ebenfalls dekliniert, beispielsweise si isch schöni ‹sie ist schön›.
Personalpronomen Im Unterschied zum Standarddeutschen unterscheiden die alemannischen Dialekte zwischen betonten Formen der Personalpronomina und unbetonten, die enklitisch an Verben oder an Konjunktionen angehängt werden, beispielsweise mer singe bald ‹wir singen bald› – mir singe bald ‹WIR singen bald›.
Verben Wie im Standarddeutschen, so werden auch in den alemannischen Dialekten die Verben konjugiert nach Person, Numerus, Tempus und Modus.
Grammatische Kategorien Person und Numerus Die alemannischen Dialekte unterscheiden sich hinsichtlich der Differenzierung im Plural der Verben:
Die östlichen Dialekte (z. B. das Zürichdeutsche) weisen nur eine einzige Pluralendung in allen drei Personen auf, beispielsweise mir/ihr/si maled. Die westlichen Dialekte (z. B. das Berndeutsche) unterscheiden zwei verschiedene Pluralendungen so wie das Standarddeutsche, beispielsweise mir/si male – (d)ihr maled. Einige höchstalemannische Dialekte unterscheiden drei Pluralendungen, beispielsweise wir male(n) – ihr malet – si malend.
Das durch den kombinatorischen Lautwandel entstandene /i/ ist auch in der ersten Person singular erhalten geblieben, wo es im Standarddeutschen durch Analogie zu einem /e/ geworden ist, beispielsweise i(ch) nime ‹ich nehme›, i(ch) gibe ‹ich gebe›, i(ch) wirde ‹ich werde› (vgl. mit den Formen du nimmst/gibst/wirst, sie nimmt/gibt/wird, wo dieses /i/ auch im Standarddeutschen auftritt).
Tempus Wie in allen süddeutschen Dialekten gibt es auch im Alemannischen kein Präteritum. Stattdessen wird stets das Perfekt verwendet. Zum Ausdruck der Vorvergangenheit dient das doppelte Perfekt, beispielsweise i ha’s gmacht gha ‹ich habe es gemacht gehabt (ich hatte es gemacht)›.
In einer einzigen, heute ausgestorbenen Mundart war das Präteritum noch bis in das 20. Jahrhundert lebendig, nämlich in der höchstalemannischen von Salecchio/Saley (heute zur Gemeinde Premia gehörig). Beispiele sind ich plìb „blieb“ (1. Ablautklasse), flùg „flog“ (2. Ablautklasse), spùn „spann“ (3. Ablautklasse), braach „brach“ (4. Ablautklasse), aass „aß“ (5. Ablautklasse), griäb „grub“ (6. Ablautklasse), fiäl „fiel“ (7. Ablautklasse), satzt „setzte“ (1. schwache Klasse), ärmiädät (2. schwache Klasse), wärchùt (3. schwache Klasse), chont „konnte“ (Modalverb), hat „hatte“, wass „war“, tet „tat“.Gertrud Frei: Walserdeutsch in Saley. Wortinhaltliche Untersuchung zu Mundart und Weltsicht der altertümlichen Siedlung Salecchio/Saley (Antigoriotal) (= Sprache und Dichtung. Sonderreihe Berner Arbeiten zur Dialektologie und Volkskunde. Band 18). Haupt, Bern/Stuttgart 1970, S. 393–405.