Sheila Grace Young-Ochowicz (* 14. Oktober 1950 in Birmingham, Michigan) ist eine ehemalige US-amerikanische Eisschnellläuferin und Bahnradsportlerin. Sie wurde in beiden Sportarten Weltmeisterin und gewann im Eisschnelllauf drei Medaillen bei den Olympischen Winterspielen 1976, darunter die goldene im Sprint über 500 m. Auf dieser Distanz stellte sie außerdem zwischen 1973 und 1976 drei Weltrekorde auf.

Werdegang Kindheit und Jugend (bis 1968) Sheila Young stammt gebürtig aus Birmingham, einem Vorort von Detroit im US-Bundesstaat Michigan. Sie wuchs als zweites von vier Geschwisterkindern mit einer älteren Schwester und zwei jüngeren Brüdern auf.George Sullivan: Sheila Young. In: Modern Olympic Superstars, New York 1979, S. 32–47, hier S. 34. Youngs Eltern waren beide sowohl im Eisschnelllauf als auch im Radsport aktiv. Ihr Vater Clair war auf dem Rad mehrfacher Staatsmeister von Michigan und spielte eine wesentliche Rolle in der Organisation des örtlichen Wolverine Sports Clubs.Leanne Smith: Peek through time: Clair Young, 91, has been a gold-medal influence for numerous Jackson-area athletes auf mlive.com. 27. Februar 2010. Abgerufen am 19. Januar 2024. Über ihre Eltern kam Sheila Young früh mit Sport in Berührung: Als Kleinkind lernte sie Schlittschuhlaufen, mit vier Jahren fuhr sie Rad.A. Petruso: Sheila Young. In: Dana R. Barnes (Herausgeberin): Notable Sports Figures. 2004. S. 1819–1821. Erst mehrere Jahre später trat sie auf dem Eis zu Wettkämpfen an, was sie rückblickend damit erklärte, sie sei schüchtern gewesen und habe nicht gewollt, dass Leute sie bei Rennen anstarrten. 1963 starb Youngs Mutter an Krebs.Bill Dow: Following Mom’s Icy Footsteps: Medalist’s Daughter Will Skate In Torino. In: Detroit Free Press, 10. Februar 2006, S. D4. Abgerufen am 19. Januar 2024 via ProQuest. Ein anderer Bericht nennt 1962 als Todesdatum, vgl. Leanne Smith: Peek through time: Clair Young, 91, has been a gold-medal influence for numerous Jackson-area athletes auf mlive.com. 27. Februar 2010. Abgerufen am 19. Januar 2024. In den folgenden Jahren wurden Sheila Young und ihre Geschwister von ihrem Vater allein erzogen. Die Familie zog nach Detroit, wo Clair Young eine neue Stelle angetreten hatte.Judy L. Hasday: Sheila Young. In: Extraordinary Women Athletes, New York 2000, S. 106–109. Weiterhin fuhr er mit seinen Kindern in der Freizeit zu Eislauf- und Radrennen und trainierte seine Tochter während ihrer gesamten Jugend. Auf nationaler Ebene stieg Sheila Young zu den führenden Eisschnellläuferinnen auf, verpasste aber die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 1968 in Grenoble. Ebenfalls 1968 schloss sie den Besuch der Denby High School in Detroit ab.Joe Soucheray: Sheila Young, Mankato 1977, S. 23.

Weltmeistertitel und olympische Erfolge im Eisschnelllauf und Radsport (1968 bis 1982) mini|links|Sheila Young bei der Eisschnelllauf-Mehrkampfweltmeisterschaft 1974 Nach dem High-School-Abschluss zog Young nach Milwaukee in Wisconsin, wo sich mit dem Wisconsin Olympic Ice Rink in West Allis die zu ihrer aktiven Zeit einzige 400-m-Eisschnelllaufbahn in den Vereinigten Staaten befand. 1970 wurde sie zum ersten Mal nationale und nordamerikanische Eisschnelllaufmeisterin. 1971 übernahm der Niederländer Peter Schotting Youngs Eisschnelllauftraining. Unter seiner Anleitung verfolgte Young ein intensives Trainingsregime mit täglich mindestens vier Stunden Übungen.Joe Soucheray: Sheila Young, Mankato 1977, S. 18. Sie qualifizierte sich für die Olympischen Winterspiele 1972 in Sapporo und belegte dort als bestes Ergebnis Rang vier im 500-m-Rennen, das ihre Mannschaftskameradin Anne Henning für sich entschied. Young verpasste die Medaillenränge um acht Hundertstelsekunden und bezeichnete das Ergebnis als enttäuschend, gleichzeitig aber auch motivierend, weil sie nach ihrem ersten Jahr ernsthaften Trainings bei Schotting deutliche Fortschritte erkannt habe.

Mit ihrer geringen Größe von etwa 1,63 m (5 ft 4) und einem Gewicht von knapp 60 Kilogramm war Young körperlich am besten für die Sprintstrecken veranlagt, bei denen es auf kraftvolle Geschwindigkeitsschübe ankommt.Joe Soucheray: Sheila Young, Mankato 1977, S. 11. Dementsprechend feierte sie den Großteil ihrer Erfolge auf den Kurzdistanzen: 1973, 1975 und 1976 wurde sie jeweils Sprintweltmeisterin im Vierkampf aus jeweils zwei Rennen über 500 m und 1000 m. (1974 stürzte sie und spielte keine Rolle bei der Medaillenvergabe.Eisschnellauf: Titelkämpfe der Merkwürdigkeiten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Februar 1974, S. 17. Abgerufen am 20. Januar 2024 im F.A.Z.-Bibliotheksportal.) Zwischen Januar 1973 und März 1976 stellte sie drei 500-m-Weltrekorde auf. Als erste Eisschnellläuferin benötigte sie weniger als 41 Sekunden für diese Distanz. Im Allround-Mehrkampf – bestehend aus jeweils einem Rennen über 500, 1000, 1500 und 3000 m – gewann Young 1975 und 1976 zwei Weltmeisterschafts-Bronzemedaillen, wobei sie jeweils die Schnellste über 500 m und 1000 m war, auf den beiden längeren Distanzen aber mehrere Sekunden auf die Gesamtsiegerinnen Karin Kessow beziehungsweise Sylvia Burka verlor. Bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck gewann Young die Goldmedaille im Eisschnelllauf über 500 m, die Bronzemedaille über 1000 m und wurde Zweite über die 1500-m-Distanz. Sie war damit die erste Sportlerin der USA, die drei Medaillen bei Olympischen Winterspielen gewann. Bei der Abschlussfeier trug sie die US-amerikanische Fahne.

Parallel zu ihrer Eislaufkarriere begann Young Anfang der 1970er-Jahre, Radfahren nicht mehr lediglich als Trainingsdisziplin zur Überbrückung der Sommermonate zu betrachten, sondern auch in dieser Sportart Wettkämpfe zu bestreiten: 1971 gewann sie als Bahnradsprinterin ihren ersten Titel bei den von der Amateur Bicycle League of America ausgerichteten nationalen Meisterschaften.Karin L. Haag: Young, Sheila. In: Anne Commire & Deborah Klezmer: Women in world history : a biographical encyclopedia, Waterford 1999, S. 86–87. Sie setzte sich dabei gegen die fünf Jahre jüngere Sue Novara durch,Ergebnis der US-Sprintmeisterschaft 1971 auf radsportseiten.net. Abgerufen am 19. Januar 2024. die im Radsprint Youngs stärkste Rivalin in den USA blieb. Sämtliche nationale Meistertitel in dieser Disziplin zwischen 1971 und 1981 gingen entweder an Young oder an Novara. Auch auf internationaler Ebene zählten beide US-Athletinnen zu den stärksten Bahnradsprinterinnen und kämpften um Weltmeistertitel.Christopher Matthews: She was the Young of Old. In: Sports Illustrated, 20. September 1976. Abgerufen am 19. Januar 2024. Young gewann 1972 WM-Bronze und wurde bei den Welttitelkämpfen 1973 in San Sebastián mit einem Sieg im Finale gegen Iva Zajíčková zum ersten Mal Radweltmeisterin. Ihren zweiten Weltmeistertitel gewann Young 1976 in Monteroni di Lecce im direkten Duell gegen ihre Teamkollegin Novara.Peter Joffre Nye: Hearts of Lions : The History of American Bicycle Racing. University of Nebraska Press, Lincoln 2020, S. 250–252. Damit wurde sie sowohl 1973 als auch 1976 im gleichen Jahr Weltmeisterin im Eisschnelllaufen und im Bahnradfahren. Sheilas jüngerer Bruder Roger Young war ebenfalls erfolgreicher Radfahrer und nahm 1972 an den Olympischen Spielen in München teil. Frauenradsport war dagegen in den 1970er-Jahren noch keine olympische Sportart. Die erste olympische Goldmedaille für Frauen im Bahnsprint wurde erst 1988 und somit nach Youngs Karriereende verliehen.Mark Beech: Sheila Young, Speed Skater. In: Sports Illustrated, 4. Februar 2002. Abgerufen am 20. Januar 2024 via vault.si.com.

1976 heiratete Sheila Young den Radsportler Jim Ochowicz, wurde kurz danach zum ersten Mal Mutter und unterbrach ihre sportliche Laufbahn für mehrere Jahre. Die Familie Young-Ochowicz zog in dieser Zeit nach Lake Placid, wo Sheila Young für das Organisationskomitee der dort stattfindenden Olympischen Winterspiele 1980 arbeitete.George Sullivan: Sheila Young. In: Modern Olympic Superstars, New York 1979, S. 32–47, hier S. 47. Für ABC kommentierte sie die olympischen Eisschnelllaufrennen in Lake Placid.Jack Craig: ABC’s Olympic Team. In: Boston Globe, 10. Februar 1980, S. 1. Abgerufen am 20. Januar 2024 via ProQuest. Young begann 1980 wieder sowohl mit dem Rad- als auch mit dem Eisschnelllauftraining. Auf dem Rad errang sie 1981 ihren vierten nationalen Meistertitel (nach 1971, 1973 und 1976) sowie bei der WM in Brünn ihren dritten Weltmeistertitel. Im Eisschnelllauf verpasste sie als Siebte beziehungsweise Dreizehnte bei den Sprintweltmeisterschaften 1981 und 1982 weitere Medaillen. Infolge ihrer zweiten Schwangerschaft zog sie sich anschließend mit Anfang 30 vom aktiven Sport zurück.

Nach der aktiven Laufbahn Sheila Young-Ochowicz schloss nach dem Ende ihrer Sportkarriere ein sportpädagogisches Bachelorstudium an der University of Wisconsin–Milwaukee ab. Sie arbeitete danach als Sportlehrerin, erst in Milwaukee, später in Menlo Park in Kalifornien.Linda Hubbard: 1976 Winter Olympic speed skating champion Sheila Ochowicz keeps competitive juices flowing auf inmenlo.com. 9. April 2014. Abgerufen am 20. Januar 2024. Mit ihrem Ehemann Jim Ochowicz (der von 2002 bis 2006 Präsident des US-amerikanischen Radsportverbandes USA Cycling war) hat sie drei Kinder. Ihre zweite Tochter Elli Ochowicz (* 1983), die sie bis 1997 trainierte, nahm zwischen 2002 und 2010 als Eisschnellläuferin an drei Olympischen Winterspielen teil.

Öffentliches Bild und Würdigung Zu Sheila Youngs aktiver Zeit in den 1970er-Jahren genossen weder Eisschnelllauf noch Radsport große öffentliche Aufmerksamkeit in den Vereinigten Staaten. Während Young in Europa gemäß eigener Aussage nach ihren Weltmeistertiteln und Weltrekorden bekannt war, wurden in den USA ausschließlich ihre Leistungen bei Olympischen Spielen wahrgenommen.Steve Friess: Metro Detroit Native Sheila Young-Ochowicz on the Olympics & Winning Gold. In: Hour Detroit, 2. Februar 2022. Abgerufen am 20. Januar 2024 via hourdetroit.com. „In Europe, I was very famous. But then, in the U.S., maybe not so much. In the U.S., every four years, you would see speedskating. That was about it.“ 1976 war sie auf dem Titelblatt der olympischen Vorschau des US-Fachmagazins Sports Illustrated für die Winterspiele in Innsbruck abgebildet.Cover der Sports Illustrated-Ausgabe vom 2. Februar 1976, abgerufen am 20. Januar 2024 via sicovers.com. Nach Einschätzung der Sportjournalistin Janice Kaplan aus dem Jahr 1979 war Youngs Auftreten – auch bedingt durch ihren Ganzkörperanzug – für das amerikanische Publikum zu distanziert (im Original: „too unneeding of affection“), Young erschien demnach „unverwundbar“. Weil man sie zwar bewundert, nicht aber geliebt habe, sei sie entgegen der Erwartungen einiger Beobachter nicht zum absoluten Medienstar aufgestiegen.Janice Kaplan: Women and Sports, New York 1979, S. 55, zitiert nach Wendy Olson: Beyond Title IX: Toward an Agenda for Women and Sports in the 1990's. In: Yale JL & Feminism, 1990, 3. Jahrgang, S. 105–151, hier. S. 121.