mini|Gottfried Traub mini|Grab von Gottfried Traub auf dem Waldfriedhof in München-Solln
Gottfried Traub (* 11. Januar 1869 in Rielingshausen; † 22. September 1956 in München) war ein deutscher Theologe und Politiker (NSV, FVg, FVP, DNVP).
Leben Studium Traub, Sohn eines evangelischen Pastors, besuchte nach der Lateinschule in Göppingen die Evangelischen Seminare Maulbronn und Blaubeuren. Von 1887 bis 1891 studierte er am Evangelischen Stift Tübingen Theologie und Philosophie. Nach seiner ersten theologischen Prüfung 1892 hatte er seine Vikariate in Wendlingen und Ebingen und war nach 1895 Repetent am Tübinger „Stift“. Daneben studierte er ab 1897 an der Universität Tübingen Nationalökonomie, was damals für einen Pfarrer eher als „etwas Unerhörtes“ und „Unerlaubtes“ galt. In dieser Zeit hielt er an der theologischen Fakultät auch eine Vorlesung über „Die materialistische Geschichtsauffassung“. Später brach er das Studium der Nationalökonomie ab und promovierte 1899 mit einer Arbeit über „Jesus und die Eigentumsverhältnisse seiner Zeit“ zum Licentiaten der Theologie.
1892–1912: Sozialliberaler Theologe und Pfarrer Traub war Teil der damaligen sozialliberalen Bewegung.
Angeregt durch das Buch 3 Monate Fabrikarbeiter von Paul Göhre, unternahm Traub 1895 eine mehrmonatige Studienreise, um die wirklichen sozialen Verhältnisse kennenzulernen. Diese Studienreise gab seinem Leben eine bleibende innere Richtung, wie er in seinen Erinnerungen schrieb.
Auf dieser Studienreise lernte er Friedrich Naumann kennen, mit dem ihn bis 1917 eine 20-jährige Zusammenarbeit und Freundschaft verband. Traub war führendes Mitglied im linksliberalen Nationalsozialen Verein von Naumann und arbeitete in dessen Zeitschrift Die Hilfe mit. Naumann bat Traub 1904, die regelmäßigen religiösen Betrachtungen für Die Hilfe zu schreiben.Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit. Siebenstern Taschenbuch, München 1968 (3. Aufl.) S. 297 Von 1904 bis 1917 schrieb Traub diese wöchentlichen Betrachtungen, die Andachten in der Hilfe.
Seine Zeit in der Universitätsstadt Tübingen und am dortigen „Stift“ endete 1900, als er zum 3. Stadtpfarrer nach Schwäbisch Hall berufen wurde.
1901, also schon ein Jahr später, zog er ins Ruhrgebiet nach Dortmund, wo er als Pfarrer an die Reinoldikirche gewählt worden war.
Im selben Jahr, 1901, wurde Traub Vorstandsmitglied im linksliberalen Nationalsozialen Verein. Er arbeitete im liberalen Protestantenverein und im Evangelisch-Sozialen Kongreß (ESK) mit.Norbert Friedrich: Gottfried Traub – ein sozialliberaler Pfarrer in Dortmund. PDF-Datei 37 kB, (abgerufen am 5. März 2012). In: Günter Brakelmann, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich (Hrsg.): Kirche im Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen 1998 (2. Auflage), ISBN 3-88474-684-7, S. 46–47. Von 1902 bis 1918 gehörte Traub zur Kongressführung des Evangelisch-Sozialen Kongresses.Christian Nottmeyer: Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890–1930. Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148154-2, S. 337 Weiter war er Vertrauensmann der Vereinigung der Freunde der christlichen Welt. 1905 übernahm Traub die Schriftleitung des Gemeindeblatts für Rheinland und Westfalen, benannte es um in Christliche Freiheit und machte die Zeitschrift zu einem wichtigen Sprachrohr des liberalen Protestantismus vor dem Ersten Weltkrieg.
1904 verfasste Traub sein Buch Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik (2. Aufl. 1909). „Dieses Werk, das vor 1914 breit rezipiert, in der weiteren Wirkungsgeschichte jedoch weitgehend vergessen wurde, ist als erste evangelische Wirtschaftsethik unter den Bedingungen industrialisierter Gesellschaften zu würdigen.“Traugott Jähnichen: Wirtschaftsethik. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-018291-2, S. 56. vor dem Ersten Weltkrieg. Eine der Forderungen Traubs aus seinen Vorträgen und Schriften, die manchmal zitiert wurde, lautet: Anhand der Beschreibung von Traubs sozialliberaler Grundposition zeigt Günter Brakelmann, dass das Geschichtsklischee vom nur sozialreaktionären Protestantismus in keiner Weise stimmt.Günter Brakelmann: PDF-Datei 170 KB, (abgerufen am 15. September 2018), S. 2–4. Aus: Frank von Auer, Franz Segbers (Hrsg.): Markt und Menschlichkeit. Kirchliche und gewerkschaftliche Beiträge zur Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft. Verlag Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-13690-2, S. 67–79.
1905 unterstützte Traub die Arbeiter beim großen Bergarbeiterstreik, dem bis dahin größten Arbeiterausstand der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Günter Brakelmann: Ruhrgebietsprotestantismus. Luther-Verlag, Bielefeld 1987, ISBN 3-7858-0307-9. S. 70ff, S. 96ff, S. 84.
Wegen seines liberalen theologischen Standpunkts geriet Traub immer wieder in Auseinandersetzungen mit seiner vorgesetzten Behörde.
In seiner Schrift Die Wunder im Neuen Testament (1905) setzte er sich mit dem weit verbreiteten Wunderglauben im Christentum auseinander. Er bezeichnete diese Wunder als „Kinderglauben“ und gab ihnen die Bezeichnung „Mirakel“, im Unterschied zu dem wahren Wunder, der Wirklichkeit des Lebens. „Jesus ist kein Wundermann, sondern der Heiland. … Er ist Führer für alle, die ihre Seele führen lassen wollen zu Gott. Hier erleben sie dann das Wunder.“Gottfried Traub: Die Wunder im neuen Testament. In Alfred Suhl (Hrsg.): Der Wunderbegriff im Neuen Testament. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980. ISBN 3-534-05666-3. S. 176.
1911 verteidigte er gemeinsam mit dem Kieler Theologieprofessor Otto Baumgarten den Kölner Pfarrer Carl Jatho in einem Irrlehreprozess. Nachdem das Urteil der Amtsenthebung gegen Jatho ergangen war, kritisierte Traub dieses und den federführenden altpreußischen Evangelischen Oberkirchenrat unter anderem in seiner Schrift Staatschristentum oder Volkskirche. Nun wurde 1912 ein Disziplinarverfahren gegen Traub eingeleitet.Siehe auch: Theodor Heuss: Briefe, 1892–1917, Stuttgarter Ausgabe. Sauer, München 2009, ISBN 978-3-598-25123-8, S. 335 Theodor Heuss unterstützte Traub dabei publizistisch.Reiner Burger: Theodor Heuss als Journalist. LIT, Münster 1999, ISBN 3-8258-4332-7, S. 98 Heuss: Theodor Heuss: Erinnerungen 1905–1933. Wunderlich, Tübingen 1963, S. 174–175. Das Disziplinarverfahren gegen Traub endete mit dem Urteil der Amtsenthebung und zusätzlich der Aberkennung der Pension und auch seines Pfarrertitels. Damit erhielt Traub eine härtere Strafe als Jatho selbst. Auch der Protest des liberalen bildungsbürgerlichen Protestantismus und seiner Gemeinde konnten dies nicht ändern. Adolf von Harnack kritisierte das Urteil des Oberkirchenrats und unterstützte Traub mit seiner Schrift Die Dienstentlassung des Pfarrers Lic. Gottfried Traub. Erst 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde Traub schließlich rehabilitiert und wieder in den geistlichen Stand aufgenommen.
Nach seiner Amtsenthebung als Pfarrer wurde Traub 1912 Direktor des liberalen Bundes Deutscher Protestanten.Gangolf Hübinger: Kulturprotestantismus und Politik. Mohr, Tübingen 1994, ISBN 3-16-146139-8, S. 68ff.
1914 verlieh ihm die Theologische Fakultät der Universität Zürich die Ehrendoktorwürde.
1913–1933: Politiker, zuerst linksliberal, dann deutschnational Nach seiner Dienstentlassung als Pfarrer suchte Traub ein neues Betätigungsfeld, um weiter für seine sozialliberalen Gedanken wirken zu können. Er ging in die Politik und trat der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) bei. 1913 wurde er für die FVP im Wahlkreis Berlin-Teltow als Abgeordneter ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt.
Zum Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner 1913, dem ersten großen Treffen einer sich emanzipierenden Jugend in Deutschland, war Gottfried Traub als Redner eingeladen. Er hielt die einleitende Rede. Die folgenden Redner waren Knud Ahlborn, Gustav Wyneken und Ferdinand Avenarius.Erster Freideutscher Jugendtag (abgerufen am 25. Juni 2013).
1914 begann der Erste Weltkrieg. Wie für alle Liberalen galt es für Traub nun zuerst, das Vaterland zu retten. Die Innenpolitik und das Sozialliberale traten zurück. Im Lauf des Ersten Weltkriegs und bis zu seinem Ende trat Traub für einen Siegfrieden ein. Im Juli 1917 stimmte die Mehrheit des Reichstags unter Beteiligung von Traubs Fraktion der FVP für einen Verständigungsfrieden. Darauf gründeten Wolfgang Kapp und Alfred von Tirpitz im September 1917 die Deutsche Vaterlandspartei (DVaP), die weiter einen Siegfrieden anstrebte und der sich Traub sofort anschloss. Da Traubs Position und die Position seiner Fraktion der FVP nun nicht mehr zusammenpassten, musste er sich im Oktober 1917 von der FVP trennen. 1918 war er bis Kriegsende Vorstandsmitglied der Deutschen Vaterlandspartei.
Aufsehen erregte eine am 6. Juni 1918 gehaltene Rede Traubs im Abgeordnetenhaus, in der er den deutschen Katholiken den Rat gab, sich nicht mehr römisch-katholisch, sondern deutsch-katholisch zu nennen, weil dann eine Verständigung zwischen den christlichen Konfessionen leichter sei.„Römisch-katholisch“ oder „deutsch-katholisch“?, in: Kölnische Volkszeitung Nr. 481, 20. Juni 1918, S. 1.
Nach Kriegsende, im November 1918, beteiligte Traub sich an der Gründung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), in deren Vorstand er gewählt wurde. Für die DNVP wurde er von seinem alten Wahlkreis Berlin-Teltow als Abgeordneter in die Weimarer Nationalversammlung gewählt (1919–1920).
Ebenfalls im November 1918 wurde Traub, noch auf Anregung des Kaisers, vom evangelischen Oberkirchenrat rehabilitiert und wieder in die Rechte des geistlichen Standes eingesetzt. Er wurde in das Vertrauensmännerkollegium des evangelischen Oberkirchenrats berufen. Traub trat für eine Urwahl der verfassungsgebenden Kirchenversammlung ein, was jedoch wegen der konservativen Mehrheit nicht mehrheitsfähig war.Traugott Jähnichen: Die Kreissynode Dortmund in den Epochejahren 1918/19–1933/34–1945/46. In Helmut Geck (Hrsg.): Kirchenkreisgeschichte und große Politik. LIT, Berlin 2006, ISBN 3-8258-9421-5, S. 98–107.
Im März 1920 nahm Traub am Kapp-Putsch teil. Kapp wünschte Traub als Kultusminister, Traub hatte jedoch Bedenken. Die Entscheidung wurde zurückgestellt, da die Kabinettsbildung erst später stattfinden sollte. Zeitungen meldeten jedoch schon eine Kabinettsliste mit Traub als Kultusminister. Willi Henrichs: Gottfried Traub (1869–1956), liberaler Theologe und extremer Nationalprotestant. Spenner-Verlag, 2001, ISBN 3-933688-58-2. S. 307–311 Nach dem Scheitern des Putsches flüchtete Traub nach Österreich. Im Oktober 1920 kehrte er nach der Amnestie nach Deutschland zurück.
1921 übernahm Traub im Auftrag Alfred Hugenbergs die Leitung der München-Augsburger Abendzeitung, die er bis zum Ende der Zeitung 1934 innehatte.Josef Mancal: München-Augsburger Abendzeitung. In: Historisches Lexikon Bayerns. (abgerufen am 2. Mai 2012)
Von 1919 bis zum Verbot 1939 gab er außerdem die christlich-nationale Zeitschrift Eiserne Blätter heraus.
In seiner Schrift Recht auf Obrigkeit (1924) wendete sich Traub gegen die damals im Christentum verbreitete Auffassung, dass nach der Bibel (Röm 13) jeder Obrigkeit Gehorsam zu leisten sei. In der Luther-Übersetzung heißt es in Röm 13: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Traub schrieb, dies gelte nur für eine Regierung, die „das Recht auf Obrigkeit“ hat. Dagegen müsse einer Regierung oder Macht, die kein Recht hat, Obrigkeit zu sein, kein Gehorsam geleistet werden, zum Beispiel einer fremden Besatzungsmacht wie einst Napoleon in Preußen. Das Buch wurde in der Deutschen Demokratischen Republik auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-t.html
Nach 1933: Gegner des Nationalsozialismus