mini|Klaus Hurrelmann (2020)

Klaus Hurrelmann (* 10. Januar 1944 in Gotenhafen) ist ein deutscher Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Bielefeld arbeitet er seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin.

Biografie Geboren wurde Klaus Hurrelmann in Gotenhafen, heute Gdynia bei Danzig. Aufgewachsen ist er in Nordenham. Sein Abitur machte er an der Humboldtschule Bremerhaven.

Aus seiner ersten Ehe mit Bettina Hurrelmann (verstorben 2015), Professorin für Germanistik an der Universität Köln, stammen ein Sohn und eine Tochter. In zweiter Ehe ist er verheiratet mit Doris Schaeffer, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld.

Ausbildung Hurrelmann studierte an den Universitäten in Münster und Freiburg und der University of California in Berkeley (USA) Soziologie, Psychologie und Pädagogik. 1968 absolvierte er sein Diplom, 1971 die Promotion in Soziologie an der Universität Münster. Die Doktorarbeit hatte das Thema „Unterrichtsorganisation und schulische Sozialisation“. 1975 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit der Arbeit „Erziehungssystem und Gesellschaft“.Universität Bielefeld: Curriculum Vitae.

Berufsleben Von 1968 bis 1970 war Hurrelmann Projektleiter der „Arbeitsgruppe Hauptschule“ an der Pädagogischen Hochschule in Münster. Von 1970 bis 1974 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld in der Fakultät für Soziologie mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisations- und Bildungsforschung.

Nach der Habilitation übernahm er 1975 den Lehrstuhl Bildung und Sozialisation an der Universität Essen. 1980 folgte er einem Ruf der Universität Bielefeld auf den Lehrstuhl Sozialisationsforschung. Hurrelmann war erster Dekan der neu gegründeten „Fakultät für Pädagogik“. Von 1986 bis 1998 leitete er den von ihm mit begründeten Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter“.

1993 wechselte Hurrelmann an die neu gegründete Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Bielefeld. Er wurde zum Gründungsdekan gewählt und war für den Aufbau der bis heute einzigen voll ausgebauten deutschen School of Public Health verantwortlich. In der Fakultät für Gesundheitswissenschaften übernahm er die Erforschung des Gebietes Prävention und Gesundheitsförderung. Er baute im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation das Collaboration Centre for Child and Adolescent Health Promotion auf. Das Zentrum koordinierte bis 2012 die repräsentativen Gesundheitserhebungen bei 11- bis 15-jährigen Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland, die alle vier Jahre im Rahmen der europaweiten Studie Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) durchgeführt wurden. Von 1996 bis 2004 war er außerdem Direktor am Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik. Er hatte Gastprofessuren an der New York University (1998) und an der University of California in Los Angeles (1999) inne.

Seit März 2009 ist Hurrelmann Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Verbindung von Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik, um umfassende Interventionsstrategien zur Prävention von sozialen und gesundheitlichen Benachteiligungen zu entwickeln.

Parallel zu seinen theoretischen Arbeiten führt er empirische Studien zu Einstellungen, Wertorientierungen und Verhaltensweisen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch. Dazu gehörten unter anderem die von ihm initiierten World Vision Kinderstudien, die im Jahr 2002 neu konzipierten Shell Jugendstudien und vergleichende Jugendstudien in osteuropäischen Ländern. Seit 2019 ist er Koautor der Trendstudien „Jugend in Deutschland“, die in jährlichem Abstand erscheinen und von Simon Schnetzer geleitet werden.

Hurrelmann war Mitglied des Expertenrats Demografie beim Bundesminister des Innern, der von 2010 bis 2017 den Ausschuss von Staatssekretären verschiedener Bundesministerien beim Thema „Gestaltung der demografischen Entwicklung“ beriet. Er fungierte als stellvertretender Sprecher eines Expertenkreises, der 2018 den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz erstellte.

Seit 2020 arbeitet er als Senior Expert am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), das von Dieter Dohmen geleitet wird. Als wissenschaftlicher Berater verantwortet er unter anderem die seit 2021 vom FiBS regelmäßig durchgeführte Cornelsen Schulleitungsstudie.

Seit 2025 ist er stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bildungsinitiative Digital School Story (DSS).

Auszeichnungen Preis der Schweizer Margrit-Egnér-Stiftung für sein Lebenswerk (dotiert mit 25.000 Franken), 2003 Verleihung des Titels Dr. phil. h. c. durch die PH Freiburg, 2018

Wissenschaftliches Werk Das wissenschaftliche Werk von Klaus Hurrelmann lässt sich in die Bereiche Bildungsforschung, Sozialisationsforschung, Jugend- und Generationenforschung sowie Gesundheitsforschung untergliedern.

Bildungsforschung Hurrelmann startete seine wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Bildungsforschung. Dabei konzentrierte er sich darauf, die Ausgangsbedingungen für die Ungleichheit von Bildungschancen zu analysieren. In seiner Dissertation „Unterrichtsorganisation und schulische Sozialisation“ ging er in einer umfangreichen empirischen Studie der Frage nach, wie sich die Aufteilung von Schülern in Lerngruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Leistungsniveau nach unterschiedlichen Leistungsgruppen auf ihre schulische Leistung auswirkt. Die Erwartung, dass diese pädagogisch als „äußere Leistungsdifferenzierung“ bezeichnete Maßnahme die Schüler in der niveauschwächsten Gruppe aus den benachteiligten Elternhäusern stärkt und damit die Bildungsungleichheit verringert, erfüllt sich demnach nicht. Im Gegenteil fühlten sie sich durch die Trennung von den leistungsstärkeren Schülern abgesondert und stigmatisiert, und die Lehrkräfte unterforderten sie im Sinne einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. Im Endeffekt sanken ihre schulischen Leistungen ab.

In seiner Habilitationsschrift „Erziehungssystem und Gesellschaft“ hat Hurrelmann diese Erkenntnis auf die Struktur des gesamten Schulsystems übertragen. Seine Analyse zeigt, dass die in Deutschland übliche Aufteilung der Schülerschaft nach der Grundschule auf die drei unterschiedlichen Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium mit unterschiedlichem Leistungsniveau und unterschiedlichen Abschlussperspektiven die Bildungsungleichheit verstärkt. Ein selektives Erziehungssystem wirkt demnach als „Vehikel der Reproduktion sozialer Ungleichheit“.

Seit den 1980er Jahren plädiert Hurrelmann für ein integriertes Schulsystem mit mehreren Bildungsgängen. In einem Offenen Brief an die 16 Schulministerien, veröffentlicht in der Wochenzeitung Die Zeit, hat er 1990 aus Anlass der Wiedervereinigung als ersten Reformschritt ein „Zwei-Wege-Modell für die Sekundarschule“ gefordert. Nach der Grundschule soll es demnach nur noch die Wahl zwischen zwei Schulformen geben: Die eine Schulform ist das Gymnasium, die zweite die integrierte Sekundarschule. Beide Schulformen sollen zu allen Schulabschlüssen einschließlich des Abiturs führen, aber dabei unterschiedliche pädagogische und didaktische Konzeptionen verfolgen.

Viele dieser Forderungen sind inzwischen politisch umgesetzt worden. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Hauptschule in keinem der ostdeutschen Bundesländer als eigenständige Schulform eingeführt; in mehreren westdeutschen Bundesländern wurde sie inzwischen abgeschafft. An ihre Stelle sind Sekundarschulen mit mehreren Bildungsgängen getreten, in die vielfach auch die früheren Realschulen aufgegangen sind. Ein wachsender Teil dieser Sekundarschulen verfügt über eine gymnasiale Oberstufe. Mit dieser Entwicklung hat sich das Sekundarschulsystem bundesweit strukturell verändert. Abgesehen von den Förderschulen zeichnet sich zunehmend eine Zweigliedrigkeit ab, bei der das Gymnasium neben einer integrierten Schulform mit mehreren Bildungsgängen steht. Die damit verbundenen Erwartungen, zugleich die im internationalen Vergleich ausgeprägte Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft zu verringern, haben sich bislang jedoch nur teilweise erfüllt. Die vorgenommenen Strukturreformen haben die starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft bisher nicht grundlegend reduzieren können.

Hurrelmann setzt sich für eine Intensivierung der Kooperation von Elternhaus, Kindergarten und Schule ein. Um eine gleichberechtigte „Bildungspartnerschaft“ zu erreichen, hält er ein strukturell in Kitas und Schulen verankertes „Elterntraining“ für sinnvoll, das mit einem symbolischen „Elternführerschein“ und anderen Anreizen belohnt werden soll. Er hat an verschiedenen Programmen des Elterntrainings mitgewirkt. Dazu gehören die Trainingsprogramme „Systematisches Training für Eltern und Pädagogen“ STEP und „Gesetze des Schulerfolgs“ GdS. Letzteres orientiert sich an der Typologie der Erziehungsstile mit dem „Magischen Erziehungsdreieck“ von Hurrelmann, bei dem es um die angemessene Dosierung der drei Impulse „Anerkennung“, „Anregung“ und „Anleitung“ geht.

Sozialisationsforschung Im Mittelpunkt von Hurrelmanns Sozialisationstheorie steht das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Er definiert Sozialisation als Persönlichkeitsentwicklung des Individuums, die sich aus der produktiven Verarbeitung der inneren und äußeren Realität ergibt. Die innere Realität eines Individuums wird durch körperliche und geistige Dispositionen und Eigenschaften gebildet, die äußere Realität durch die Eigenschaften der sozialen und physischen Umwelt. Die Verarbeitung der Realität ist produktiv, weil der Einzelne sein Leben aktiv lebt und versucht, die Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, denen er sich im Laufe seines Lebens stellen muss.

1983 konzipierte er dafür das „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“ (abgekürzt MpR), das den konzeptionellen Rahmen für die Auswahl von Einzeltheorien aus Soziologie, Psychologie, Gesundheits- und Neurowissenschaften setzt.Das Modell des produktiv realitätverarbeitenden Subjekts in der Sozialisationsforschung. Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 3, 1983, S. 91–103 Dieses Modell dient als Ausgangspunkt für seine Forschung im Bereich von Kindheit, Jugend, jungem Erwachsenenalter und Generationenbeziehungen. Kernannahme dieses Modells ist, dass sich die Persönlichkeit nicht unabhängig von der Gesellschaft in ihren Funktionen und Dimensionen ausbildet, sondern in einer konkreten, historisch vermittelten Lebenswelt über die gesamte Lebensspanne hinweg kontinuierlich gestaltet wird. Der Mensch als autonomes Subjekt hat die lebenslange Aufgabe, die Prozesse der sozialen Integration und der persönlichen Individualisierung in Einklang zu bringen. Über die gesamte Lebensspanne hinweg bewältigt das Individuum diese Aufgabe in altersgemäßen, seinem Entwicklungsstand entsprechenden Schritten. Diese „Entwicklungsaufgaben“ sind: Bildung/Qualifikation, Bindung/Soziale Kontakte, Konsum/Regeneration und Partizipation/Wertorientierung. In diesem Sinne besteht die Sozialisation in einer komplexen kontinuierlichen Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Sie kann gelingen, aber unter ungünstigen Bedingungen auch scheitern. Das Scheitern führt zu Problemen mit der Identität, der Persönlichkeit und der Gesundheit.