mini|Jäger der Hadza im afrikanischen Tansania, eines der letzten Völker, die als traditionelle Jäger und Sammler leben (2013) mini|Für viele nordische Indigene ist die Jagd eine wichtige zusätzliche Selbstversorgung (Grönland-Inuit, 2007) mini|Zur Selbstversorgung dient auch die Sammeltätigkeit, häufig von Frauen ausgeführt (Chanten in Westsibirien, 2013)
Als Jäger und Sammler, Wildbeuter oder auch Wild- und Feldbeuter werden in der Anthropologie und Ethnologie (Völkerkunde) lokale Gemeinschaften und indigene Völker bezeichnet, die ihre Nahrung größtenteils durch die Jagd auf Wildtiere, den Fischfang sowie durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen oder Kleintieren erwirtschaften. Karl-Heinz Kohl betrachtet die Bezeichnung Wildbeuter als abwertende Bezeichnung (lässt „Ausbeutung“ anklingen), auf die zu verzichten sei.Karl-Heinz Kohl: Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden: Eine Einführung. 3., neubearbeitete Auflage. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-46835-3, S. 80–81. Tatsächlich erfordert diese Lebensweise ein hohes Maß an Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und speziellen Kenntnissen.Mark Münzel: Wildbeuter In: Bernhard Streck (Hrsg.): Wörterbuch der Ethnologie. 2. und erweiterte Auflage. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000, ISBN 3-87294-857-1, S. 295–299.
Häufig wird eine Unterscheidung zwischen unspezialisierten (auch einfachen) und spezialisierten (auch komplexen oder differenzierten) Jäger- und Sammlerkulturen vorgenommen. Die Erstgenannten nutzen ein sehr breites, jedoch variierendes Nahrungsangebot in sehr großen Schweifgebieten, in denen sie in kleinen Horden saisonal nomadisieren.Klaus E. Müller: Die bessere und die schlechtere Hälfte. Ethnologie des Geschlechterkonflikts. Campus, Frankfurt am Main/New York 1984, ISBN 3-593-33360-0, S. 28–29 und 35–36. Die Letztgenannten nutzen vor allem eine oder mehrere bestimmte, lokal häufig vorkommende Arten, die größere Gruppen und längere Sesshaftigkeit ermöglichen.Rolf Peter Sieferle: Lehren aus der Vergangenheit. In: Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Externe Expertise für das WBGU-Hauptgutachten, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, St. Gallen/Berlin 2010, ISBN 978-3-936191-36-3, S. 1–2.Elisabeth Noll: Ethnoarchäologische Studien an Muschelhaufen. In: Tübinger Schriften zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie. Nr. 7, Waxmann Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8309-1210-2, S. 57–62.
Die Subsistenzform des Jagens, Fischens und Sammelns – eine aneignende oder „extraktive“ Lebensweise, durch die die Reproduktion der natürlichen Ressourcen nicht gezielt und bewusst beeinflusst wird – ist die älteste traditionelle Wirtschaftsform der Menschheit. Das heißt nicht, dass die Jäger und Sammler im Laufe langer Zeiträume keinen relevanten Einfluss auf das ökologische System ihres Lebensraumes hatten.
Die Zuordnung der einzelnen Wirtschaftsweisen ist in der Literatur nicht einheitlich: So unterscheiden etwa Lomax und ArensbergAlan Lomax und Conrad M. Arensberg: A Worldwide Evolutionary Classification of Cultures by Subsistence Systems. In: Current Anthropology 18,4 (1977) 659–708. „Jäger und Fischer“ von „Sammlern“ und Hans-Peter Müller separiert die „Fischer“ von den „Jägern und Sammlern“, wenn sie überwiegend von Fisch leben.Hans-Peter Müller: Kapitel: 4. Nicht-agrarische Subsistenztypen. In: EthnoMaps.ch. Zürich/Bern, abgerufen am 17. April 2020.
Die Lebensweise vieler Jäger- und Sammlergesellschaften lässt sich heute nur noch aus archäologischen Funden rekonstruieren. Die schriftlichen Berichte früher Expeditionen sind nicht immer zuverlässig. So ist in vielen konkreten Fällen die Beantwortung der Frage schwierig oder auch strittig, ob es sich bei der Lebensweise untergegangener wie auch bestehender Wildbeuterkulturen um eine autonome und ursprüngliche, oder eine durch Kulturkontakte übernommene, oder durch vorteilhaften Austausch entstandene spezialisierte Lebensweise, oder gar um ein durch Isolation und Abdrängung von Völkern in Wüsten und Halbwüsten entstandenes Sekundärphänomen der nach-neolithischen Periode handelt.Zur Diskussion um die Entstehung der Lebensweise der San siehe Später, S. (2004): Die Expeditionen der Familie Marshall: eine Untersuchung zur ethnologischen Erforschung der Nyae Nyae !Kung. Münster 2004, S. 26–28.
In jedem Fall wird davon ausgegangen, dass in vielen Regionen (beispielsweise Zentralafrika, Südamerika, Indien) jahrtausendelang rege Austauschbeziehungen zwischen Wildbeutern und Pflanzern bestanden (etwa Wildbret oder Hilfeleistungen gegen landwirtschaftliche Produkte), so dass eine isolierte Betrachtung der extraktiven Lebensweise irreführend sein kann.
Um 1500 n. Chr. war noch etwa die Hälfte der bewohnbaren Landfläche der Erde von Jägern und Sammlern besiedelt.Bernd Marquardt: Universalgeschichte des Staates. Berlin 2009, S. 14. Zur gleichen Zeit lag ihr Anteil an der Weltbevölkerung jedoch nur bei geschätzten 1 Prozent – gegenwärtig sind es weniger als 0,001 Prozent: geschätzte 50.000 bis 60.000 Menschen, mit rückläufiger Tendenz.
Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen heute weltweit von Jagd- und Sammelwirtschaft leben, da gegenwärtig vielfach zusätzliche Subsistenz- und Erwerbsformen genutzt werden. Die Anzahl der Menschen, deren Lebensgrundlage zum größten Teil auf extraktiven Tätigkeiten beruht, liegt maximal bei 3,8 Millionen.Peter P. Schweitzer, Megan Biesele, Robert K. Hitchcock (Hrsg.): Hunters and Gatherers in the Modern World: Conflict, Resistance, and Self-determination. Nachdruck, Berghahn Books, New York, Oxford 2006, ISBN 1-57181-102-8, S. 4–11, insbesondere S. 5. (s. Anmerkung) Für die 2020er Jahre gehen Ethnologen von höchstens fünf bis zehn weitgehend intakten Wildbeutergesellschaften ohne westliche Einflüsse und Technologien aus.
Soziale Organisation mini|hochkant=1.5|San-Gemeinschaft aus dem südlichen Afrika. Wie alle unspezialisierten Wildbeuter leben die San in kleinen Gruppen von rund 30 bis 40 Menschen. mini|hochkant=1.5|Die Prärie-Indianer waren auf den Bison spezialisierte Wildbeuter, die durch die Einführung des Pferdes auch zu den Pastoralisten gerechnet werden. (Ausschnitt aus dem Gemälde Fighting Meat von Charles M. Russell)
Meist haben die mobilen unspezialisierten Jäger- und Sammlergruppen 20 bis maximal 50 Mitglieder. Die Anthropologie geht davon aus, dass die Stärke solcher Gruppen auch in der Vorgeschichte immer unter 100 Köpfen lag. Für die sesshaften spezialisierten Wild-, Fisch- und Feldbeuter lagen die Zahlen deutlich höher (Beispiele: Blackfoot – berittene Bisonjäger: 80 bis 160 Personen,Lee und Daly, S. 39. Cowlitz – Fischer: > 1.300 Personen, In: Database for Indigenous Cultural Evolution (DICE), University of Missouri, abgerufen am 18. Juli 2015. Calusa – Fischer in Florida: < 2.000 Personen)
Die Gruppen sind in Kleinfamilien gegliedert, die saisonal auch getrennt auf Nahrungssuche gehen. Viele Wildbeuter-Gesellschaften leben und arbeiten als akephale „Horden“ ohne dauerhaft institutionalisierte zentrale HerrschaftsinstanzJennifer Hasty, David G. Lewis, Marjorie M. Snipes: Acephalous Societies: Bands and Tribes. In: Introduction to Anthropology. OpenStax, Houston 2022.James Woodburn: Egalitarian Societies. In: Man. Band 17, Nr. 3, 1982, S. 431–451. und sind häufig in einzelnen Segmenten organisiert, beispielsweise gebunden an verwandtschaftliche Clan-Linien. Bei günstigen Umweltbedingungen schließen sich mehrere Horden manchmal zeitweilig zu größeren Einheiten zusammen.
Der Einfluss des Einzelnen beruht auf Tüchtigkeit und Fähigkeit. Vollzeitspezialisten für einzelne Tätigkeiten sind unbekannt, obgleich es gewisse Personen mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten gibt (vor allem die Medizinleute). Bei unspezialisierten Wildbeutern wird Wild in der Regel auf alle Gruppenmitglieder aufgeteilt, während Sammelnahrung zumeist nur der eigenen Familie zugutekommt.
Die Partnerwahl erfolgt außerhalb der Horde (exogam), jedoch zumeist innerhalb der eigenen Ethnie, die sich zur Wiedererkennung nicht selten in totemistische Clans gliedert. Bis auf Ausnahmen, die im Allgemeinen durch Akkulturation erklärt wurden, ziehen die Frauen zur Horde des Mannes (Patrilokalität).
Seit Ende der 1960er Jahre wird allerdings die These, dass die Jäger und Sammler isoliert und stationär wirtschaften, als Resultat von Untersuchungsmethoden angesehen, die vor allem die sozialen Exklusionsmechanismen wie Exogamie und Patrilokalität betrachten. So gehen Richard Fox und Nurit H. Bird-David davon aus, dass die räumlichen und sozialen Grenzen vieler lokaler Gemeinschaften gegenüber benachbarten Ethnien weitaus offener sind, als vormals angenommen wurde, und dass ihre Wirtschaftsweise oft sogar auf Austausch angelegt ist.Richard Fox: Professional primitives: Hunters and gatherers of nuclear south Asia. In: Man in India, 49. Jg. (1969), S. 139–160; Nurit H. Bird-David: Hunters-gatherers and other people: A re-examination. In: Tim Ingold, David Riches, James Woodburn (Hrsg.): Hunters and Gatherers. Band 1: History, Evolution and Social Change. Berg, Oxford/Washington 1991, ISBN 0-85496-153-4, S. 17–30 (englisch, erstveröffentlicht 1988).
Arbeitsteilung Bei fast allen heutigen Wildbeutern wurde eine Aufteilung der Arbeit nach Alter und nach Geschlecht festgestellt und ethnographisch beschrieben. Das bis heute in der medialen Öffentlichkeit häufig gezeichnete Bild vom jagenden Mann und der sammelnden Frau ist jedoch ein Rollenklischee, das so nicht stimmt und das in der Wissenschaft längst überholt ist. Es wurde früher von Forschern des englischen Sprachraumes gestützt, indem sie – selbst bei denselben (kleinen) Beutetieren – bei Männern den Ausdruck hunt (jagen) verwendeten und bei Frauen „nur“ von collect (sammeln) sprachen. Dabei ist allerdings meistens unklar, ob diese Unterscheidung von den Ethnographen oder den Befragten stammte.Lee und Daly, S. 412–414.
Eine Auswertung der Aufzeichnungen über Jäger- und Sammlergemeinschaften der Erde über die letzten 100 Jahre zeigte 2023, dass Frauen in 79 Prozent der untersuchten Gruppen aktiv an der Jagd beteiligt waren. Dabei muss allerdings offen bleiben, wie groß der Anteil der Jägerinnen an den Gemeinschaften war. Außerdem gaben sie vielfach Jagdwissen an die Kinder weiter und nutzten eine größere Zahl verschiedener Waffen und Jagdtechniken als die Männer. Aufgrund der körperlichen Unterschiede – ohne Betrachtung möglicher sozialer Rollenverteilungen – ist jedoch davon auszugehen, dass Männer eher jagten und Frauen eher sammelten.
Bereits in der Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers von 1999 wurde ein differenziertes Bild vermittelt: In Kulturen, die vorwiegend von Sammelwirtschaft leben, wird diese Tätigkeit meistens von Frauen ausgeführt. Eine soziale Festlegung darauf ist jedoch nur in manchen Kulturen zu finden. Häufig sammeln auch die Männer, in der Regel jedoch in der Summe weniger als die Frauen. Der Anteil der Männer an den Jagden ist daher meistens größer. Auffallend ist die Tatsache, dass die Jagdwaffen von Männern und Frauen in aller Regel unterschiedlich sind.
Häufig wird in der Literatur beschrieben, dass Männer überwiegend für die Jagd großer Land- und Wassertiere verantwortlich sind; während Frauen, Kinder und teilweise Jugendliche sich auf das Erlegen kleiner Tiere konzentrieren, sowie das Sammeln von pflanzlicher Nahrung und beim Treiben und bei der Verarbeitung des erjagten Großwilds helfen. Eine Ausnahme bilden die Aeta auf den Philippinen: Dort sind die Frauen die vorrangigen Jägerinnen. mini|Die Versorgung der Kinder schränkt die Mobilität der Frauen zwangsläufig ein (Yanomami-Frau mit Kind) mini|Bei den nordischen Völkern (hier Micmac aus Kanada) drehten sich die Aufgaben der Frauen vor allem um die Versorgung mit Brennmaterial und Wasser und die Herstellung von Kleidung und Geräten