mini|Dieudonné M’bala M’bala (2009)
Dieudonné M’bala M’bala (* 11. Februar 1966 in Fontenay-aux-Roses, Département Seine) ist ein unter seinem Vornamen Dieudonné auftretender französischer Komiker, Schauspieler und politischer Aktivist.
Ursprünglich im linken politischen Spektrum tätig, wandte er sich zunehmend antisemitischen Positionen zu und gilt spätestens seit Mitte der 2010er Jahre als prominenter Vertreter des Rechtsextremismus. Dabei nahm er auch Kontakt zur rechtsextremen Partei Front National auf. Er wurde mehrfach gerichtlich für judenfeindliche Äußerungen verurteilt. Dieudonné tritt seit 1997 regelmäßig ohne Erfolg als Kandidat von Rand- oder Splitterparteien bei Parlaments- und Europawahlen an.
Persönliches Dieudonné ist der Sohn einer Soziologin aus der Bretagne, die als Malerin unter dem Namen Josiane Grué ausstellt, und eines Buchhalters aus Kamerun. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er ein Jahr alt war. Er wuchs bei seiner Mutter im Pariser Vorort Fontenay-aux-Roses auf und besuchte katholische Schulen. Dieudonné war seit 2006 in einer Beziehung mit Noémie Montagne, die als seine Produzentin arbeitete.Interdit de casino, « Dieudonné sera quand même là lundi, accompagné d'un huissier ! ». In: La Voix du Nord, 18. März 2009. Sie haben zusammen vier Kinder.IMDb Taufpate des dritten Kindes war der Vorsitzende des Front National, Jean-Marie Le Pen, getauft wurde es vom katholisch-traditionalistischen Priester und Holocaustleugner Philippe Laguérie.Le Pen : "Oui, je suis le parrain de la fille de Dieudonné". In: Le Point, 17. Juli 2008. Die Frau sprach nach Ende der Beziehung 2020 gegenüber Medien davon, Dieudonné hörig gewesen zu sein, und erstattete Anzeige gegen ihn wegen Nötigung und Betrug.
Künstlerische Tätigkeit Bühnen- und Filmkarriere Nach seinem Baccalauréat arbeitete Dieudonné als Autoverkäufer und trat unter dem Künstlernamen Dieudonné in den 1990er Jahren zusammen mit seinem Jugendfreund, dem jüdischen Komiker und Schauspieler Élie Semoun, auf Bühnen und im Fernsehen auf. 1997 löste sich das Bühnenduo Élie et Dieudonné auf und jeder widmete sich seiner Solobühnenkarriere. 1998 erschienen beide zusammen in der Filmkomödie Le Clone,IMDb die sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum ein großer Misserfolg war. Ab Mitte der 1990er Jahre war Dieudonné meistens in Nebenrollen in verschiedenen französischen Filmkomödien zu sehen. Seinen erfolgreichsten Auftritt hatte er 2002 in dem Film Asterix & Obelix: Mission Kleopatra von Alain Chabat, 2004 spielte er in Casablanca Driver von Maurice Barthélémy.
mini|Dieudonné M’bala M’bala (2005) Erfolgreiche Ein-Mann-Shows von Dieudonné waren unter anderem Pardon Judas (2000), Le divorce de Patrick („Patricks Scheidung“, 2003) und 1905 (2005). Weitere Solo-Shows waren Mes Excuses (2004), Dépôt de bilan (2006) und J’ai fait l’con (2008), die sich allesamt als Angriffe auf politische und gesellschaftliche Gegner und als Verteidigung der eigenen Standpunkte verstanden. Im Rahmen und im Umfeld dieser Inszenierungen getätigte antizionistisch-antisemitische Äußerungen führten zu heftiger Polemik und zahlreichen gerichtlichen Klagen. In: Observatoire du communautarisme, 26. Februar 2005. Nach den Unruhen in Frankreich 2005 verfasste Dieudonné ferner ein Theaterstück namens Émeutes en banlieue („Aufstände in der Vorstadt“, Februar 2006). 2009 trat er in einem skandalumwitterten Klima (siehe unten zu seinen politischen Aktivitäten) mit zwei Solo-Shows hintereinander auf: Liberté d’expression und Sandrine. Letztere war eine Fortsetzung von Le divorce de Patrick; „Sandrine“ ist die Frau, von der Patrick geschieden wird. Liberté d’expression war als Reihe von „Konferenzen“ zum Thema Meinungsfreiheit gedacht. In: Le Nouvel Observateur, 18. März 2009. 2010 präsentierte Dieudonné in seinem Theater die One-Man-Show Mahmoud (bezieht sich auf Mahmud Ahmadinedschad), in der er seine Judenfeindlichkeit offen zum Ausdruck brachte.Dieudonné de retour dans un spectacle qui s’en prend ouvertement aux juifs. In: Agence France-Presse, 18. Juni 2010.
Im Mai 2012 durfte der vom iranischen Documentary and Experimental Film Center produzierte Film L’Antisémite, in dem Dieudonné erstmals Regie führte, in Cannes während des Filmfestivals nicht beim Marché du film gezeigt werden. Neben Dieudonné, der in der Hauptrolle einen als Nazi-Offizier verkleideten gewalttätigen Alkoholiker spielt, treten auch der Neonazi und Holocaustleugner Robert Faurisson sowie der rechtsextreme Essayist Alain Soral auf; beteiligt an dem Film war auch die Regisseurin und Holocaustleugnerin María Poumier.Stephan Grigat: „Von der Delegitimierung zum eliminatorischen Antizionismus.“ In: Samuel Salzborn: Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen. Nomos, Baden-Baden 2019, S. 333
Als Theaterbesitzer und Produzent Dieudonné nutzte bis 2018 das Théâtre de la Main d’Or im Pariser Quartier de la Roquette, auf dessen Bühne er sowohl schauspielerisch als auch politisch agierte und seine Freunde und Verbündeten auftreten ließ, darunter früher auch den afrikanisch-nationalistischen und militant antisemitischen Tribu Ka.Les provocs de la Tribu KA. In: Le Nouvel Observateur, 8. Juni 2006.Dieudonné réclame la grâce de Kémi Séba. In: Prochoix, 26. Februar 2007. Im Rahmen der Vorbereitungen auf die Präsidentschaftswahlen 2007 wurde das Theater vom Front National zur Kaderschulung benutzt; als Gegenleistung erhielt Dieudonné 60.000 Euro.Le généreux coup de pouce de Le Pen à Dieudonné. In: Le Parisien, undatiert (nach 2007)
Dieudonnés Produktionsfirma fungierte zuerst unter dem Namen „Bonnie Productions“ und heute unter dem Namen „Les productions de la Plume“.
Politische Aktivitäten Anfänge Dieudonné betätigte sich anfänglich im linken anti-rassistischen Spektrum. Bei der Parlamentswahl in Frankreich 1997 trat er mit seiner Partei Les Utopistes in Dreux gegen die Kandidatin des Front National, Marie-France Stirbois, an und erhielt 8 % der Stimmen. In: voir.ca (nachgedruckt bei Vigile.net), 14. Juni 2007. Verbal und in Demonstrationen setzte er sich daneben zunehmend für Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung (die sog. sans papiers) sowie für die Palästinenser ein.
2002–2006 Seit 2002 fiel Dieudonné durch diverse polemische Äußerungen auf: So bezeichnete er im Januar jenes Jahres in einem Interview für die Zeitschrift Lyon Capitale die Juden als „eine Sekte, ein[en] Betrug, und zwar den schlimmsten von allen, weil es der erste war“, und erklärte, er ziehe „das Charisma Bin Ladens dem von Bush vor“.Dieudonné jugé raciste en cassation. In: L’Express, 25. Oktober 2007. Es gelang ihm in der Folge nicht, seine Kandidatur bei der französischen Präsidentschaftswahl 2002 aufrechtzuerhalten.Et si Dieudonné n'avait jamais existé… In: desourcesure.com, 24. März 2009. Am 1. Dezember 2003 trat er in einer Fernsehsendung live als orthodoxer Jude verkleidet auf, der den Hitlergruß macht und „Isra-Heil“ brüllt.Dieudonné, la promo par le pire. In: 24 heures, 7. Januar 2009. Bei der Europawahl 2004 war Dieudonné Kandidat der Partei Euro-Palestine, verließ diese jedoch einige Monate nach der Wahl aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit deren jüdischen Leitern. In: Euro-Palestine, 29. Oktober 2004.
Am 16. Februar 2005 erklärte er im Laufe einer Pressekonferenz in Algier, der französische Zentralrat der Juden CRIF (Conseil représentatif des institutions juives de France) sei eine „Mafia“, die eine „totale Kontrolle über die französische Politik“ ausübe, nannte das Gedenken an den Holocaust „Gedächtnispornographie“ (pornographie mémorielle) und behauptete, die „Zionisten vom Centre national de la cinématographie“ hinderten ihn daran, einen Film über den Sklavenhandel zu drehen. In: aidh.org, Februar 2005. Dieudonné trat auch als angeblicher Sprecher der französischen Schwarzen auf, traf dabei aber, nach anfänglichen Sympathiebekundungen, unter anderem von der Schriftstellerin Calixthe Beyala, den Journalisten Antoine Garnier und Claudy Siar sowie von den Gründungsmitgliedern des Conseil représentatif des associations noires (CRAN), zunehmend auf deren Zurückweisung.Stephen Smith, Géraldine Faes: Noir et Français!, Éditions du Panama, April 2006, ISBN 2-7557-0106-4;
In den Jahren 2005 und 2006 zeigte sich Dieudonné öfter in Gesellschaft der hochrangigen Front-National-Mitglieder Bruno Gollnisch, In: amnistia.info, 21 December 2006. Frédéric Châtillon und Marc George (auch bekannt als Marc Robert), sein zukünftiger Wahlkampfleiter 2007 und 2009.. In: Libération, 2. Januar 2009. Dieudonné trat ebenfalls mehrmals in Gesellschaft des Journalisten und VerschwörungstheoretikersVenner, Fiammetta: L’Effroyable Imposteur. Quelques vérités sur Thierry Meyssan, Grasset & Fasquelle, April 2004, ISBN 978-2-246-65671-5.Dasquié, Guillaume und Guisnel, Jean: L’effroyable mensonge, La Découverte, Juni 2002, ISBN 978-2-7071-3825-5. Thierry Meyssan und des ehemaligen Marxisten und späteren FN-Mitglieds Alain Soral auf, eines Vertrauten von Marine und Jean-Marie Le Pen.; In: Amnistia.net, 28. Februar 2005 und 4. Dezember 2006. Unter dem Einfluss von Sorals Schriften und Polemiken übernahm Dieudonné zunehmend dessen militanten Antisemitismus französisch-nationalistischer Prägung. Im Mai 2006 gab er der rechtsextremistischen Zeitschrift Le Choc du Mois ein langes Interview.
Im demonstrativen Schulterschluss mit dem Islamismus reiste er Ende August 2006 mit Châtillon, Meyssan und Soral in den Libanon, um Abgeordnete und Kämpfer der Hisbollah zu treffen. Am 2. März 2005 wurde Dieudonné von vier jungen französischen Juden auf Martinique zusammengeschlagen. Die Angreifer erhielten einen Monat Haft. Im Mai 2006 prügelte er sich in Paris auf offener Straße mit zwei jüdischen Teenagern, von denen er einen mit Tränengas besprühte. Dieudonné behauptete, die beiden Jugendlichen hätten ihn zuerst angegriffen; beide Parteien reichten folgenlos Klage ein., 2. März 2005; eingesehen am 31. Januar 2014 über wayback.archuve.org In der internationalen Presse wurde Dieudonné zunehmend als Extremist einer in Europa noch neuen Sorte wahrgenommen, die britische Tageszeitung The Independent nannte ihn „einen französischen Louis Farrakhan“. In: The Independent, 22. März 2006.
Seit 2007 Diese ständig radikalisierten Positionen wollte Dieudonné schließlich politisch bei den Präsidentschaftswahlen 2007 vertreten, konnte seine Kandidatur aus logistischen Gründen jedoch nicht aufrechterhalten. Für seine Wahlkampfwebseite schrieben unter anderem der gerichtlich verurteilte Holocaustleugner Serge Thion unter dem Pseudonym „Serge Noith“ sowie die langjährige Sekretärin des Holocaustleugners Roger Garaudy, Maria Poumier. Nach Aufgabe seiner Kandidatur zeigte er sich mehrfach öffentlich in Gesellschaft von Jean-Marie Le Pen und reiste mit dessen Frau Jany nach Kamerun,Dieudonné guide de Mme Le Pen au Cameroun. In: grioo.com, 16. März 2007. rief jedoch zur Wahl des linken Globalisierungskritikers José Bové auf, was sich dieser allerdings verbat.Dieudonné soutient Bové, qui le récuse. In: L’Express, 16. Januar 2007. Seine Kontakte zum Front National stellte Dieudonné als „Provokation“ dar, weil dieser vom Rest der Gesellschaft „verteufelt“ werde, und als Versuch, mit einem politischen Gegner ins Gespräch zu kommen und Gemeinsamkeiten zu finden, betonte aber die inhaltlichen Unterschiede.Christophe Forcari: . In: Libération, 20. November 2006. . In: Libération, 14. November 2006.