mini|Schild an einem Trafogebäude in der Nähe des Kernkraftwerks Zwentendorf
Das Kernkraftwerk Zwentendorf, vom Betreiber EVN Atomkraftwerk Zwentendorf genannt, wurde ab 1972 gebaut und aufgrund der entsprechenden Volksabstimmung 1978 nie in Betrieb genommen. Der Standort liegt im Tullnerfeld bei Zwentendorf an der Donau (Niederösterreich). Das Kraftwerk gilt als größte Investitionsruine der Republik Österreich, als innenpolitisches Symbol und als ein Markstein der Wirtschaftsgeschichte.
Planung und Errichtung
Am 11. November 1969 wurde der Bau des Kernkraftwerks Zwentendorf von der damaligen Bundesregierung Klaus II genehmigt. Geplant war ein Siedewasserreaktor der Baulinie 69 mit einer Nettoleistung von 692 Megawatt; er sollte rund 600 Millionen Euro kosten. Am 4. April 1972 wurde mit dem Bau begonnen.
Siemens wurde als Generalunternehmer für die Planung, Errichtung und Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes beauftragt. Den Zuschlag für die Ausführung der Bauarbeiten erhielt die Arbeitsgemeinschaft Kernkraftwerk Zwentendorf, bestehend aus den Firmen Mayreder, Porr, H. Rella & Co, Heitkamp, AST, Universale und Neue Reformbau. Des Weiteren bestand auch Beteiligung der VÖEST, speziell für die Herstellung des Sicherheitsbehälters.
Der Energieplan des Jahres 1976 sah den Bau von insgesamt drei Kernkraftwerken in Österreich an der Donau vor: Eines sollte in St. Pantaleon-Erla an der Grenze zwischen Niederösterreich und Oberösterreich errichtet werden, wofür bereits die Flächen angekauft waren, und ein weiteres im Eferdinger Becken, wo aber noch kein konkreter Standort festgelegt worden war.F. Lauscher, O. Kretschmer: Über Eisverhältnisse und Standortwahl von Kernkraftwerken an der österreichischen Donau in: Österreichische Wasserwirtschaft Jahrgang 25, Heft 11/12, 1973. S. 243–253 Ferner sollte ein Reaktor in St. Andrä in Kärnten erstellt werden. Bereits in den 1960er Jahren war in Edling ein Gebiet neben der Drau für ein Atomkraftwerk ausgewiesen worden.
Errichtet und betrieben werden sollte das Kraftwerk Zwentendorf von der Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld Ges.m.b.H. (GKT), an der der Bund und die einzelnen Bundesländer durch ihre jeweiligen Energieversorgungsunternehmen wie folgt beteiligt waren: Bund Verbund mit 50 % Bundesländer durch die Landesenergieversorger Tirol (TIWAG) mit 13,34 % Niederösterreich (EVN AG) mit 10,83 % Steiermark (Estag) mit 10 % Oberösterreich (Energie AG Oberösterreich (OKA)) mit 8,33 % Kärnten (Kelag) mit 3,33 % Salzburg (Salzburger AG für Elektrizitätswirtschaft (SAFE)) mit 2,5 % Vorarlberg (Vorarlberger Kraftwerke AG (VKW)) mit 1,67 %
Auf Drängen der Bundesländer wurde der Baubeschluss für das Kraftwerk von der Bundesregierung unter Kanzler Kreisky am 22. März 1971 gefällt. Bereits das Energiekonzept der Regierung unter Josef Klaus sah den Bau des Kraftwerks vor. Gebaut wurde der Siedewasserreaktor durch die deutsche Siemens AG. Das Containment wurde von der VOEST produziert. Der Abluftkamin hat eine Höhe von 110 Metern.
Volksabstimmung
mini|links|Stimmzettel der Volksabstimmung
Nach der Errichtung des Kernkraftwerks lehnten 50,47 Prozent der bei der Volksabstimmung am 5. November 1978 Abstimmenden (Wahlbeteiligung von 64,1 %)Abstimmungsergebnis. Innenministerium die Inbetriebnahme ab. Nach der Volksabstimmung kam es zu heftigen Diskussionen. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) hatte angekündigt, im Falle eines Votums gegen das Kraftwerk zurückzutreten. Die damalige ÖVP unter Obmann Josef Taus sah damals eine Chance, den übermächtigen Bundeskanzler Kreisky im Falle einer Niederlage zu schwächen oder zum Rücktritt zu bewegen, was allerdings trotz verlorener Abstimmung nicht eintrat: Bruno Kreisky erreichte bei der Nationalratswahl 1979 seinen größten Wahltriumph. Bis zum März 1985, als die „stille Liquidierung“ des Kernkraftwerks Zwentendorf beschlossen wurde, kostete es insgesamt 14 Milliarden Schilling, 600 Millionen Schilling davon waren allein für die Instandhaltung nötig gewesen.
In der Folge führte die Nichtinbetriebnahme im Dezember 1978 zum Atomsperrgesetz, nach welchem in Österreich auch in Zukunft keine Kernkraftwerke gebaut werden dürfen. Nach dieser ersten und bis dato (2025) einzigen fakultativen Volksabstimmung gem. Art. 43 B-VGArt. 43 B-VG, auf ris.bka.gv.at wurde von NowakManfred Nowak: Rechtswirkungen einer Volksabstimmung. ÖJZ 1980, 36. und WelanManfried Welan: Die einfache Volksgesetzgebung nach Art 43 B-VG. FS Hellbling, 1981, 429. die Rechtsmeinung vertreten, dieses Gesetz sei nur mit Volksabstimmung abzuändern, also die Inbetriebnahme von Zwentendorf beziehungsweise der Neubau eines AKWs in Österreich bedürfe einer Volksabstimmung. Dieser Rechtsmeinung wurde von anderen Kommentatoren widersprochenMayer, Kucsko-Stadlmayer, Stöger: Bundesverfassungsrecht. 11. Auflage, 2015, RZ 468 (mit weiteren Nennungen).Barfuß, Die rechtlichen Konsequenzen des Atomsperrgesetzes, 1982, 7Adamovich, Funk, Holzinger, Frank: Österreichisches Staatsrecht. Band 2, 4. Auflage 2022, RZ 21.078.Merli, Franz in Karl Korinek, Michael Holoubek, Christoph Bezemek, Claudia Fuchs, Andrea Martin, Ulrich Zellenberg (Hrsg.); Österreichisches Bundesverfassungsrecht, Kommentar, ISBN 978-3-7046-6247-7; B-VG I/2, 1999, RZ 31 zu Art 45, 46, mit weiteren Nennungen. Das heißt, auch nach der Volksabstimmung von 1978 hätte durch einfaches Bundesgesetz Zwentendorf in Betrieb gesetzt oder ein anderes AKW in Österreich gebaut und in Betrieb gesetzt werden können. Zum Zweck einer besseren Absicherung eines atomkraftfreien Österreich wurde daher 1999 das Atomsperrgesetz ersetzt (ihm wird derogiert) durch ein Gesetz in Verfassungsrang, nämlich das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 ist die Anti-Atom-Politik gesellschaftlicher und auch parteipolitisch einhelliger Konsens.
2005 wurde eine Öffnung in die doppelwandige Kondensationskammer des Kraftwerkes geschnitten, um die Kammer den Besuchern zugänglich zu machen. Damit ist eine Inbetriebnahme des Kernkraftwerks unmöglich, da an dem Durchbruch Strahlung austreten und somit das AKW keine Zulassung mehr bekommen würde. Dieser Durchbruch wird auch als „Todesstoß von Zwentendorf“ bezeichnet.
Außerdem wurde Zwentendorf – abseits der parteipolitischen Aspekte – zu einem Wendepunkt des Demokratieverständnisses in Österreich, wie auch wenige Jahre später die Ereignisse um die Besetzung der Hainburger Au.
Historische Erdbebenforschung Die Volksabstimmung wurde auch von dem Thema der Erdbebensicherheit um das AKW Zwentendorf beherrscht. Dabei spielte das historische Erdbeben von Neulengbach am 15. September 1590 mit dem vermuteten Epizentrum in Ried am Riederberg eine große Rolle. Das AKW Zwentendorf liegt 50 km entfernt und die widersprüchlichen Argumente zur Erdbebengefährdung des Standortes trugen zur allgemeinen Verunsicherung bei. Das führte dazu, dass ein neuer Wissenschaftszweig, die Historische Erdbebenforschung an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien, etabliert wurde.Ried am Riederberg 1590, auf zamg.ac.at Eine internationale anerkannte Wissenschaftsmethode entstand und führte 2012 zum europäischen Erdbebenkatalog zur Bestimmung der Erdbebengefährdung in bestimmten Gebieten und dem EUROCODE-8 Normenwerk für erdbebengerechtes Bauen in Europa.
Künstlerische Rezeption Musik
Kritische Liedermacher wie Erich Demmer, Sigi Maron, Kurt Winterstein und Martin AuerMartin Auer, aufliteraturport.de, abgerufen am 7. März 2023 engagierten sich mit eigenen Liedern gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks, ebenso die Politrockgruppe „Auflauf“ des späteren Fernsehautors Fritz Schindlecker. Im November 1998, zwanzig Jahre nach der Volksabstimmung, brachte Wolfgang Kos eine Auswahl dieser Lieder in der Ö1-Sendereihe Spielräume.
Literatur
Der Stimmenroman „Damals und dort“ (2010) des Autors Reinhard WegerthSisyphus-Verlag 2010, ISBN 978-3-901960-50-5 enthält zwei Episoden zum Kernkraftwerk Zwentendorf. Die eine schildert, was Bundeskanzler Bruno Kreisky bewogen haben könnte, eine Volksabstimmung abzuhalten; die andere, warum bei dieser auch Befürworter der Kernkraft mit „Nein“ stimmten.
1000-Schilling-Schein
Am 7. Jänner 2026 berichtete die Kronenzeitung, dass in einem Archiv Unterlagen gefunden wurden, die zeigen, dass es Überlegungen gab, die Rückseite der 1983 ausgegebenen Banknote mit dem Physiker Erwin Schrödinger mit einem Motiv des AKW-Gebäudes zu gestalten. Eine Entwurfszeichnung von damals stammt laut Nationalbank von AKW-Architekt Rudolf Nitsch.
Ersatz durch Kohlekraftwerk Im Jahr 1987 wurde das Kohlekraftwerk Dürnrohr in Betrieb genommen. Der Standort wurde so gewählt, dass die Stromleitungen des Kraftwerks Zwentendorf genutzt werden konnten.
Von 1983 bis 1996 diente die GK Dürnrohr (Nennübertragungsleistung 550 MW) dem Energieaustausch zwischen Österreich und der damaligen Tschechoslowakei. Seit 1983 kann auch über die vom Umspannwerk Dürnrohr nach Tschechien führende Hochspannungsleitung zum Sammelumspannwerk Slavětice des Kernkraftwerks Dukovany Strom importiert und exportiert werden.
Nachnutzung der Anlage
mini|hochkant|Das Kernkraftwerk Zwentendorf während der Verleihung der Save the World Awards 2009
Der Siedewasserreaktor diente gelegentlich als Ersatzteilspender für eines der drei baugleichen deutschen Kernkraftwerke Isar 1, Brunsbüttel oder Philippsburg 1; diese drei wurden 2011 stillgelegt. Er wurde zu Ausbildungszwecken für die deutsche Kraftwerksschule e. V. in Essen genutzt. – Schulungen im KKW Zwentendorf Das KKW Zwentendorf kann seit Juni 2010Zwentenforf: Führungen durch das alte AKW orf.at, 26. Mai 2010, abgerufen am 24. Mai 2022. von jedermann nach Voranmeldung besichtigt werden.Anmeldung für den Besuch im Atomkraftwerk Zwentendorf, auf zwentendorf.com, abgerufen am 7. März 2023
Die EVN AG kaufte im Jahr 2005 das Kraftwerk und richtete ein Sicherheitstrainingszentrum ein.„Schlangenroboter“ in Zwentendorf getestet. ORF.at vom 18. Mai 2013. Auf dem Gelände wurde eine Photovoltaikanlage aus 2.300 an der Fassade und im Freigelände installierten Solarmodulen mit einer Nennleistung von 450 kW errichtet und am 25. Juni 2009 in Betrieb genommen.Zwentendorf wird zum „Sonnenkraftwerk“. ORF Niederösterreich, 25. Juni 2009, abgerufen am 26. Juni 2009. Investitionssumme: rund 1,2 Millionen Euro. 1.300 Module davon werden als Bürgerbeteiligungsprojekt betrieben.
Im Jahr 2010 wurde gemeinsam mit der Technischen Universität Wien das Photovoltaik-Forschungszentrum Zwentendorf gegründet. Damit verbunden ist eine 190-Kilowatt-Photovoltaikanlage. Diese besteht aus zwei Modulen mit Nachführung.
Daneben waren in der Anlage auch andere Einrichtungen untergebracht:
Bis 2001 war in dem Verwaltungsgebäude eine Gendarmerieschule. Das Areal wurde als Übungsgelände für Einsatzorganisationen im Bereich Katastrophenschutz genutzt. 2002 war darin die Dependance der örtlichen Zwentendorfer Hauptschule. Im Schuljahr 2009/10 diente es der Zwentendorfer Volksschule als Ausweichquartier, da deren Schulgebäude generalsaniert wurde., auf vszwentendorf.ac.at
Es wurden auch umweltpolitische Aktionen gesetzt, die die Prominenz des Ortes und seine Nähe zum heutigen Natura-2000-Gebiet Tullnerfelder Donau-Auen nutzten:
Am 24. Juli 2009 wurden auf dem AKW-Gelände die Save the World Awards verliehen.Zwentendorf: Umweltpreis feiert vor Atomkraftwerk seine Premiere. derstandard.at, 23. Juli 2009.
Nutzungen für kulturelle Zwecke
In den Jahren 1999 bis 2002 diente das Gelände auch als Austragungsort des Nuke Musikfestivals. Der Reaktor diente als Kulisse für einen Film mit dem schwedischen Schauspieler Dolph Lundgren. Der Film kam allerdings nie ins Kino.Übungsplatz und Filmkulisse Die Presse, 13. Oktober 2008, abgerufen am 5. November 2008.