mini|Erzählungen und Prosa aus dem NachlassGustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1931. Beim Bau der Chinesischen Mauer ist der Titel eines von Franz Kafka im März 1917 handschriftlich notierten Textes, der von Max Brod aus den hinterlassenen Schriften extrahiert und postum 1931 in der gleichnamigen Textsammlung herausgegeben wurde.v.Jagow/Jahrhaus S. 93. Geschildert wird die Mystifizierung des Baus der Großen Mauer durch das pflichtbewusste und von seiner Aufgabe begeisterte kollektive Volk, das von einer nicht sichtbaren, fast allwissenden Führerschaft, deren Anordnungen größtenteils unverständlich sind, und einem sehr fernen Kaisertum regiert wird.

Eingebettet in den Text ist eine Passage, die Kafka als eigenständige Geschichte namens Eine kaiserliche Botschaft im September 1917 in der Zeitschrift Selbstwehr und 1920 im Rahmen des Erzählungsbandes Ein Landarzt bereits selbst veröffentlicht hatte.

Inhalt Ein anonymer, offenbar vielseitig informierter Erzähler berichtet über den Bau der „Chinesischen Mauer“, die „zum Schutze gegen die Nordvölker gedacht“ war und die „als vollendet verkündet“ wurde.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 289. Jedoch gebe es eine „Behauptung“ über ihre Lückenhaftigkeit, die vielleicht nur zu den „vielen Legenden“Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 289. gehöre, die um den Bau entstanden sind. Er reflektiert über den Sinn des Baus, doch wegen der Größe des Landes, der unsicheren Informationsketten, der Unübersichtlichkeit des administrativen Systems und der Ferne der oberen Behörden und des Kaisers werden die berichteten, oft nicht klar von den Legenden abgrenzbaren Tatsachen sowie die darauf aufbauenden Reflexionen über die Hintergründe und die Absichten des großen Projekts immer wieder relativiert oder in Frage gestellt.

Baumethode Zunächst beschreibt der Erzähler ausführlich den Plan, die Mauer nicht kontinuierlich als zusammenhängen Bau, sondern als Mosaik einzelner Teilabschnitte aufzuführen. Verstreut über die gesamte Grenze wurden jeweils einzelne Teile gebaut. Als Grund gibt der Erzähler die „Ungeduld, den Bau in seiner Vollkommenheit endlich erstehen zu sehen“ an: „Die Hoffnungslosigkeit, solcher fleißigen, aber selbst in einem langen Menschenleben nicht zum Ziel führenden Arbeit, hätte [die Maurer] verzweifelt und vor allem wertloser für die Arbeit gemacht“.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 290. Denn am Ende einer Bauphase waren die Arbeiter erschöpft, ihre Bauführer hatten „alles Vertrauen zu sich, zum Bau, zur Welt verloren“Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 291. und mussten durch die Errichtung neuer Mauern an anderer Stelle oder der Vereinigung zweier Teilstücke neu motiviert werden. Nur so konnte ihre Begeisterung und Schaffenskraft dauerhaft erhalten werden. Durch Vorgesetzte, „die imstande waren, bis in die Herzen mitzufühlen, worum es ging“, wurde die Lust, weiter zu bauen, „unbezwinglich“. Ein Beispiel dafür ist die Parole: „Einheit! Einheit! Brust an Brust, ein Reigen des Volkes, Blut, nicht mehr eingesperrt im kärglichen Kreislauf des Körpers, sondern süß rollend und doch wiederkehrend durch das unendliche China.“Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 291.

Zur Vorbereitung des Riesenprojekts wurde das ganze Volk – sogar die kleinsten Kinder – schon jahrzehntelang vor dem Beginn auf den Mauerbau eingestimmt. Es ging um viel mehr als die Errichtung einer bautechnischen Anlage. Für die am Bau Tätigen war die Arbeit keine bloße Pflicht, sondern ein volksverbindendes Bedürfnis. Ein Gelehrter propagierte sogar, den Turm von Babel mit der Mauer als Fundament doch noch realisieren zu können.

Andererseits führt der Erzähler auch Gründe an, die das abschnittweise Bauen als unzweckmäßig erscheinen lassen: Bis zur völligen Fertigstellung kann eine lückenhafte Mauer nicht schützen und ist auch selbst gefährdet („Der Bau selbst ist in fortwährender Gefahr“) und ob sie tatsächlich jemals fertiggestellt wurde, ist ungewiss. Die Führerschaft Letzten Aufschluss über die Frage nach der Teilbau-Methode könnte nur die oberste Führerschaft geben, aber „in der Stube der Führerschaft - wo sie war und wer dort saß, weiß und wusste niemand, den ich fragte - […] kreisten wohl alle menschlichen Gedanken und Wünsche und in Gegenkreisen alle menschlichen Ziele und Erfüllungen. Durch das Fenster aber fiel der Abglanz der göttlichen Welten auf die Pläne zeichnenden Hände der Führerschaft“.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 292. Die Führerschaft scheint allwissend, es herrschte die Meinung, sie kenne jeden und wälze ungeheure Sorgen, ja sie bestünde „wohl seit jeher und der Beschluss des Mauerbaues gleichfalls“.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 294. Viele Menschen, und der Erzähler rechnet sich wiederholt zur Wir-Gruppe, hätten erst „im Nachbuchstabieren der Anordnungen der obersten Führerschaft“ sich selbst kennengelernt und gefunden, dass ohne die Führerschaft weder ihre „Schulweisheit“ noch ihr „Menschenverstand für das kleine Amt“, das sie „innerhalb des großen Ganzen hatten, ausgereicht hätte“.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 292.

Deshalb leuchtet es „dem unbestechlichen Betrachter“ nicht ein, „dass die Führerschaft, wenn sie es ernstlich gewollt hätte, nicht auch jene Schwierigkeiten hätte überwinden können, die einem zusammenhängenden Mauerbau entgegengestanden hätte. Bleibt also nur die Folgerung, dass die Führerschaft den Teilbau beabsichtigte. Aber der Teilbau war nur ein Notbehelf und unzweckmäßig. Bleibt nur die Folgerung, dass die Führerschaft etwas Unzweckmäßiges wollte – Sonderbare Folgerung!“Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 292 ff. Heute könne man „vielleicht ohne Gefahr“ über die Berechtigung dieser Gedankenkette sprechen. „Damals“ sei es jedoch „geheimer Grundsatz Vieler und sogar der Besten“ gewesen, man solle zwar mit allen Kräften, die Anordnungen der Führerschaft zu verstehen suchen, „aber nur bis zu einer gewissen Grenze“. Dann solle man mit dem Nachdenken aufhören.

Das Kaisertum Im letzten Textteil wendet sich der Erzähler mit der Bemerkung, dass auch der Mauerbau davon wesentlich betroffen sei, dem Kaisertum zu: Er habe „gefunden, dass wir Chinesen gewisse volkliche und staatliche Einrichtungen in einzigartiger Klarheit, andere wieder in einzigartiger Unklarheit besitzen“. Zu den „allerundeutlichsten Einrichtungen“ gehört das Kaisertum. Es ist durch die ungeheure Größe des Reiches so weit entfernt, dass die Bevölkerung der Provinzen weder den gegenwärtigen Kaiser noch die zugehörige Dynastie kennt. Man weiß noch nicht einmal, welcher Kaiser regiert und selbst über „den Namen der Dynastie bestehen Zweifel“- Jede Nachricht kommt viel zu spät und völlig veraltet an, wenn überhaupt. So groß ist die Unsicherheit, dass deshalb vom Volk oft längst Vergangenes für noch bestehend gehalten wird, hingegen Neuigkeiten mitunter als alte Geschichten abgetan werden.

Hier flicht der Erzähler die Sage von der kaiserlichen Botschaft ein, die diese unüberwindliche Distanz zwischen dem sterbenden Kaiser und einem auf seine Botschaft wartenden Menschen ausdrückt: „Niemand dringt hier durch“. Deshalb sehe sein Volk den Kaiser „hoffnungslos und hoffnungsvoll“.Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 296. Im Grunde, so meint der Erzähler, hat das Volk gar keinen Kaiser und führt ein „gewissermaßen freies und unbeherrschtes Leben“,Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 298. das sich nichtsdestotrotz durch strikte Kaisertreue und Sittenreinheit auszeichnet, wenngleich es „unter keinem gegenwärtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns herüberreicht“. Die Schuld für die Unklarheit des Kaiserbildes sieht der Erzähler nicht nur bei den Regierungen, sondern auch in der „Schwäche der Vorstellungs- oder Glaubenskraft beim Volke, welche nicht dazu gelangt, das Kaisertum […] in all seiner Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit an seine Untertanenbrust zu ziehen, die doch nichts besseres will, als einmal diese Berührung zu fühlen und an ihr zu vergehen.“ Doch diese Schwäche sei „geradezu der Boden, auf dem wir leben.“Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe (Hrsg.). Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1970, S. 298 ff.

Entstehung mini|Die Hungermauer in Prag Den Anstoß zu seiner Erzählung erhielt Kafka von der Hungermauer, die Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert auf der Prager Kleinseite bauen ließ.

Die Beschreibung des bruchstückhaften Mauerbaues lässt an Kafkas Schaffensprozess mit seinen vielen Fragmenten denken.Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer Verlag 2008, S. 496. Besonders der Roman Der Process ist ähnlich entstanden: Zunächst das erste und das letzte Kapitel, später locker verbundene weitere Kapitel. Kafka notierte im Laufe seines Lebens unzählige Entwürfe literarischer Texte und diverse sonstige Bemerkungen fortlaufend in Schreibheften oder auf losen Blättern. Das Spektrum dieser Notizen reicht von zusammenhanglosen einzelnen Worten bis zu druckreif anmutenden Geschichten. Eine unbekannte Menge solcher Ideenskizzen hat Kafka nach eigenem Bekunden vernichtet, nur einen geringen Teil bearbeitete er weiter bis zur Veröffentlichung. Nach Kafkas Tod bewahrte und sichtete Max Brod das noch vorhandene Material, griff Textpassagen heraus, die nach seiner Einschätzung „das Merkmal der künstlerischen Geschlossenheit und Vollendung“Max Brod: Nachwort zu Max Brod und Hans-Joachim Schoeps (Hrsg.): Franz Kafka. Beim Bau der chinesischen Mauer. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, 1931, zitiert in: Klaus Hermsdorf (Hrsg.): Franz Kafka. Das erzählerische Werk I. Rütten & Loening, Berlin, 1983, S. 632. aufwiesen, und veröffentlichte sie gemeinsam mit Hans-Joachim Schoeps als „ungedruckte Erzählungen und Prosa aus dem Nachlaß“ – so der Untertitel des ersten Sammelbandes.

Das handschriftliche Original der auf diese Weise etablierten Geschichte vom Bau der chinesischen Mauer findet sich zwischen anderen Texten im dritten der acht sogenannten Oktavhefte, die Kafka von 1916 bis 1918 für Niederschriften der oben genannten Art benutzte. Im Nachwort zur ersten gedruckten Fassung, die 1930 in der Zeitschrift „Der Morgen“ erschien, bemerkt H.-J. Schoeps dazu folgendes: „Beim Bau der chinesischen Mauer“ stammt aus den Jahren 1918/19. Die endgültige Fassung der umfangreichen Novelle hat das Schicksal zahlreicher anderer Werke geteilt, von ihrem Dichter verbrannt worden zu sein. Ein glücklicher Zufall bewahrte ein kleines Skizzenheft vor diesem Geschick, das ich im Nachlaß fand und das wenigstens noch einige geschlossene Partien der ersten Niederschrift enthielt. Die beiden hier veröffentlichten Erzählungen sind in sich abgeschlossene Teile aus der als Ganzes verlorenen Novelle.Hans-Joachim Schoeps: Nachwort zu Aus dem Nachlaß Franz Kafkas. Ein Fragment. Beim Bau der chinesischen Mauer. In: Der Morgen. Zweimonatsschrift, Jahrgang 6, No. 3, Philo Verlag Berlin, August 1930, S. 230 (Scan)