mini|In Räumen im zweiten Obergeschoss werden die Kunstwerke der Sammlung seit 2021 präsentiert Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle wurde von den Erben des Schweizer Waffenproduzenten Emil Georg Bührle eingerichtet, um wesentliche Teile seiner Kunstsammlung der Öffentlichkeit zu zeigen. Von 1960 bis 2015 konnten diese Werke in einem eigenen Haus in der Zollikerstrasse in Zürich besichtigt werden. Seit dem 9. Oktober 2021 werden sie im Kunsthaus Zürich in einem neu erstellten Erweiterungsbau von David Chipperfield ausgestellt. Die Präsentation der Werke im Kunsthaus führte zu einer breiten Diskussion über die Person Emil Bührles und seine Rolle als Unternehmer im Zweiten Weltkrieg sowie um die Herkunft von einem Teil der Kunstwerke aus jüdischem Besitz.

Sammlung

Der Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens bezeichnete Bührle als einen «der profiliertesten Sammler des 20. Jahrhunderts» und lobte die «durchgängig erlesene Qualität der Werke», die sich im Besitz der Stiftung Sammlung E. G. Bührle befinden.Thomas W. Gaehtgens: Der künstlerische Blick: Emil Bührles Impressionismus. In Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 13. Bührle selbst wies 1954 in seinem an der Universität Zürich gehaltenen Vortrag Vom Werden meiner Sammlung auf seine erste Begegnung mit Werken von Édouard Manet, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas und Paul Cézanne hin, die er 1913 in der Nationalgalerie in Berlin gesehen hatte. Hierbei entstand der Wunsch, solche Werke einmal selbst zu besitzen.Emil Georg Bührle: Vom Werden meiner Sammlung. Redemanuskript. In Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 304. Die ersten entsprechenden Ankäufe – eine Zeichnung von Degas und ein Stilllebengemälde von Renoir – folgten 1934, als Bührle entsprechende finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Bis zu seinem Tod 1956 gelang es Bührle, zahlreiche Werke des Impressionismus und des Spätimpressionismus zu erwerben, von denen später eine grosse Gruppe in den Besitz der Stiftung Bührle überging. Zu den herausragenden Gemälden dieser Stile gehören Degas’ Madame Camus am Klavier, Renoirs Porträt von Irène Cahen d’Anvers und Zwei Mädchen und Manets Der Selbstmörder und Im Garten der Villa Bellevue. Hinzu kommen von Cézanne das Selbstbildnis mit Palette, Madame Cézanne mit dem Fächer und Der Knabe mit der roten Weste, von Pierre Puvis de Chavannes Der verlorene Sohn, von Paul Signac Die Hutmacherinnen, von Vincent van Gogh neben dem Frühwerk Kopf einer Bäuerin die späteren Arbeiten Die Seine-Brücken von Asnières, Selbstbildnis, Kastanienzweig und Der Sämann sowie von Paul Gauguin neben dem Frühwerk Die Strasse auch das späte Südseemotiv Die Opfergabe.

Bührle entwickelte seine Sammlung später auf nachfolgende Stile weiter bis hin zu den Werken der Fauves und des Kubismus. Zu den bekannten Gemälden des 20. Jahrhunderts in der Sammlung gehören Liegender Akt von Amedeo Modigliani, Lastschiff auf der Seine bei Le Pecq von Maurice de Vlaminck, Interieur von André Derain, Das Paar in der Loge von Georges Rouault und Jahrmarkt von Raoul Dufy. Hinzu kommen Der Hafen von L’Estaque und Violinspieler von Georges Braque sowie Blumen und Zitronen und Die Italienerin von Pablo Picasso.

Die französische Malerei des 19. Jahrhunderts vor dem Impressionismus ist ebenso mit bedeutenden Werken im Bestand der Stiftung vertreten. So gibt es von Jean-Auguste-Dominique Ingres das Bildnis Hippolyte-François Devillers, von Henri Fantin-Latour ein Selbstbildnis mit Palette, von Jean-Baptiste Camille Corot Das lesende Mädchen, von Eugène Delacroix das Motiv Christus auf dem See Genezareth, von Gustave Courbet das Bildnis eines Mannes und von Honoré Daumier Die zwei Advokaten.

Als Bührle seine Sammlung aufbaute, wurden Altmeistergemälde deutlich höher bewertet als Werke des Impressionismus und nachfolgender Stile. Die hohen Preise und auch die geringe Verfügbarkeit der Werke auf dem Kunstmarkt führten dazu, dass der Sammler erst spät und in geringer Zahl Werke älterer Malerei erwarb. Sein besonderes Interesse galt niederländischen Barockmalern wie Frans Hals und Rembrandt van Rijn. Während er von Hals ein bedeutendes Herrenbildnis erwerben konnte, das sich heute im Bestand der Stiftung befindet, schlugen seine Bemühungen bei Rembrandt mehrmals fehl. Ein seinerzeit von Experten gelobtes und von Bührle 1945 hochbezahltes Selbstbildnis RembrandtsDer genaue Betrag lässt sich nicht mehr feststellen. Angenommen werden mindestens 500'000 Franken. Siehe Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 262. erwies sich wenige Jahre später als falsche Zuschreibung. Das Bild gehört heute zum Bestand der Stiftung, wird dort jedoch als zu verkaufendes Werk geführt.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 301. Weiterhin befindet sich in der Sammlung ein als «Rembrandt» bezeichnetes Jagdstillleben mit Rohrdommel sowie vom Rembrandt-Schüler Govert Flinck das Bildnis Dame in orientalischem Kostüm. Hinzu kommen Gemälde von anderen holländischen sowie flämischen Künstlern der Zeit wie Das Innere von St. Baco in Haarlem von Pieter Jansz. Saenredam, Gewitter über Dordrecht von Aelbert Cuyp, Landschaft mit rastendem Wanderer von Philips Koninck, Der Besuch von Gerard ter Borch und Flussufer mit Dorf von Salomon van Ruysdael. Weitere Werke älterer Kunst in der Sammlung der Stiftung sind die Geburt Mariä von Jorge Manuel Theotokopoulos und Das Bad der Diana von Giambattista Tiepolo. Des Weiteren gibt es die Venedig-Ansichten Die Bucht von San Marco von Francesco Guardi sowie Santa Maria della Salute und Canal Grande von Canaletto. Der befreundete deutsch-britische Kunsthändler Arthur Kauffmann beriet ihn schliesslich beim Kauf von spätmittelalterlichen Skulpturen, von denen sich eine Gruppe im Bestand der Stiftung befindet.

Geschichte Gründung der Bührle-Stiftung Emil Bührle starb 1956, ohne ein Testament oder eine entsprechende Verfügung zu hinterlassen. Der seinerzeit reichste Schweizer hinterliess einen Nachlass, der auf 250 Millionen Franken geschätzt wurde.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle: Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke, S. 213. Hierzu gehörte eine bedeutende Kunstsammlung, die er für etwa 38,5 Millionen Franken erworben hatte. Sie machte demnach nur einen kleinen Teil des Vermögens aus. Erst später entwickelten sich am Kunstmarkt enorme Preissteigerungen, sodass sich der Wert der Kunstsammlung in den Folgejahrzehnten vervielfachte. Die umfangreiche Kunstsammlung erbten seine Ehefrau Charlotte Bührle sowie seine Kinder Dieter Bührle und Hortense Anda-Bührle. Es blieb zunächst unklar, was nach Bührles Tod mit seiner Kunstsammlung geschehen sollte.

Emil Bührle war in verschiedener Weise mit dem Kunsthaus Zürich verbunden. Seit Mai 1953 war er Vizepräsident der Kunsthausgesellschaft und Präsident der Sammlungskommission.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 194. Bereits zu Lebzeiten hatte er zwar dem Kunsthaus Zürich verschiedene Kunstwerke geschenkt, so 1949 einen Bronzeguss des Höllentors von Auguste Rodin, 1952 die beiden grossen Seerosenbilder von Claude Monet und 1956 ein vormals Tizian und nunmehr Callisto Piazza zugeschriebenes Bildnis eines Herrn mit Hund, eine Schenkungsabsicht bezüglich seiner Sammlung an das Kunsthaus ist hingegen nicht bekannt. In einem Vortrag von 1954 hatte er jedoch erklärt, dass zur Eröffnung des von ihm mit sieben Millionen FrankenLukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 210. finanzierten Anbaus des Kunsthauses dort seine Kunstsammlung gezeigt werden solle.Emil Georg Bührle: Vom Werden meiner Sammlung. Redemanuskript. In Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 305. 1958 wurde der Anbau entsprechend mit einer Schau von 321 Werken der Sammlung Bührle eröffnet. Anschliessend gingen die Werke an die Erben zurück.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 203. Zur Zürcher Ausstellung erschien im deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel ein Artikel über Bührle und seine Sammlung. Darin wurde seine Rolle als Rüstungsindustrieller zusammenfassend beschrieben: «Bührle lieferte seine Kanonen während des Zweiten Weltkrieges an jeden, der sie bezahlen konnte, sowohl an die Achsenmächte als auch an die Alliierten.» Zudem wies der Artikel bei einigen Altmeistergemälden auf problematische Zuschreibungen hin.Große Kaliber. In: Der Spiegel. 22. Juli 1958. Vor dem Hintergrund des Artikels waren zwei im selben Jahr in Deutschland geplante Ausstellungen mit Werken der Sammlung zunächst gefährdet, entsprechende Bedenken konnten aber nach Kontakten zwischen der Familie und dem Berliner Museumsdirektor Leopold Reidemeister sowie Senator Joachim Tiburtius ausgeräumt werden. Schliesslich zeigte die Familie eine Auswahl von 77 Werken im Berliner Schloss Charlottenburg und anschliessend eine Auswahl von 180 Werken im Münchner Haus der Kunst.

Schwerpunkt der Sammlung Bührle waren Werke ausländischer Künstler vom Barock bis zum 20. Jahrhundert. Weiterhin sammelte er spätmittelalterliche Skulpturen. Allein in diesen Sammelgebieten erwarb er 633 Kunstwerke, den Grossteil davon im Zeitraum von 1951 bis 1956.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 35. Hinzu kamen rund 100 Werke von Schweizer KünstlernLukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 36. sowie Arbeiten des Kunsthandwerks und antike ObjekteEine Auswahl von Antiken war in der Ausstellung im Kunsthaus Zürich 1958 zu sehen, darunter sumerische, altägyptische, griechische und etruskische Objekte. Siehe Kunsthaus Zürich (Hrsg.): Sammlung Emil G. Bührle. Ausstellungskatalog. 1958, S. 35–41., die jedoch nicht Eingang in die spätere Bührle-Stiftung fanden. Zwischenzeitlich erworbene 110 Altmeistergemälde der Sammlung Han Coray hatte Bührle von der Sammlung getrennt und bis 1949 wieder verkauft.Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 253.

Die Erben verkauften in den ersten Jahren nach Bührles Tod einige Werke, so von Paul Signac das bedeutende Bildnis Felix Fénéon (heute Museum of Modern Art, New York) und ein Seerosenbild von Claude Monet (Privatbesitz), kauften aber im Gegenzug drei Altmeistergemälde hinzu. Von den 633 Werken ausländischer Kunst und mittelalterlicher Skulpturen waren nach Veräusserungen, Tauschgeschäften und Schenkungen durch Emil Bührle und seine Erben noch 563 Werke im Bestand, als 1960 die Stiftung Sammlung E. G. Bührle gegründet wurde. Die Erben einigten sich auf eine Aufteilung der Sammlung zwischen der Familie und der neuen Stiftung. Hierbei wurde die Familie vom Kunsthändler Arthur Kauffmann beraten. Die Werke der Stiftung sollten dabei «den Charakter der von Herrn Emil Georg Bührle geschaffenen Sammlung in konzentrierter Form wiedergeben».Auszug aus der Stiftungsurkunde. In Lukas Gloor: Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke. S. 213. Insgesamt erhielt die Stiftung 225 Kunstwerke, davon galten 198 als unveräusserlich, 27 Werke sollten als verkäufliche Werke dem Unterhalt der Stiftung dienen. Die Erbengemeinschaft erhielt 338 Objekte. Quantitativ machte der Anteil der Werke der Stiftung zwei Fünftel aus, gemäss den Schätzungen von Kauffmann betrug der Wert jedoch 60 Prozent der Sammlung. Bis 2016 verkaufte die Stiftung 25 der dafür vorgesehenen Kunstwerke, zudem auch einige von den zunächst als unveräusserlich geltenden Werken. Die Erben überliessen der Stiftung darüber hinaus in den Folgejahren weitere Werke zum Verkauf. Dem stehen drei Werke gegenüber, die die Stiftung mit vorherigen Verkaufserlösen auf dem Kunstmarkt hinzugekauft hat.