mini|Harry Chapin (1978) Harry Forster Chapin (* 7. Dezember 1942 in New York City; † 16. Juli 1981 in Jericho, New York) war ein US-amerikanischer Sänger, Songschreiber und Regisseur.
Leben Chapin schrieb und inszenierte 1968 den Dokumentarfilm Legendary Champions über Schwergewichtskämpfe im Boxen zwischen 1889 und 1929. Der Film wurde im Jahr darauf für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.
Nachdem Chapin, Sohn des Schlagzeugers Jim Chapin, bereits in seiner Jugend in verschiedenen Bands gespielt hatte (u. a. zusammen mit seinen Brüdern Tom und Stephen), erhielt er 1972 einen Schallplattenvertrag von Elektra Records und veröffentlichte das Album Heads and Tales, das Platz 60 der Billboard-LP-Charts erreichte.Joel Whitburn: Top LPs 1945–1972. Record Research, Menomonee Falls WI 1973, S. 29 Der daraus ausgekoppelte Song Taxi erreichte Platz 24 der Hitparade und war sein erster Singlehit.Diese und alle folgenden Singlechartnotierungen nach: Joel Whitburn: Top Pop Singles 1955–1993. Record Research, Menomonee Falls WI 1994, S. 102 Taxi erzählt die Geschichte eines heruntergekommenen und drogenabhängigen Taxifahrers, der zufällig seine ehemalige Geliebte chauffiert, die er seit Jahren nicht gesehen hat. 1972 folgte noch der kleinere Hit Sunday Morning Sunshine, der Platz 75 erreichte.
Sein erfolgreichstes Jahr war 1974, in dem er zunächst mit WOLD auf Platz 36 der Singlecharts kam. In dem Lied ruft ein Discjockey, der vor Jahren seine Familie verlassen hatte, seine Frau an, schildert, was er in den Jahren der Trennung beruflich erlebt hat. Im Laufe des Telefonats muss er feststellen, dass eine Rückkehr für ihn nicht mehr möglich ist. Von der vierten bei Elektra erschienenen LP Verities & Balderdash stammt der Hit Cat’s in the Cradle, der ein Millionenseller wurde und es im Dezember 1974 auf Platz 1 der amerikanischen Hitparade schaffte. Das Lied beschreibt die Geschichte eines Mannes, der nie Zeit für seinen Sohn hatte und nun, nachdem er alt geworden ist und der Sohn aus dem Hause ist, selber von diesem vernachlässigt wird.
Die nachfolgenden Singles konnten den Erfolg von Cat’s in the Cradle nicht wiederholen: 1975 erreichte I Wanna Learn a Lovesong Platz 44, 1976 Better Place to Be Platz 86 und 1980 Sequel, die „Fortsetzung“ seines Songs Taxi, Platz 23. Chapins Songs erzählen meist Geschichten von Menschen, die zu den Verlierern in der Gesellschaft gehören. Häufig erwecken die Texte den Eindruck, sie seien Erzählprosa, zu der Musik geschrieben wurde. Er charakterisierte seine Balladen einmal als „Geschichten über gewöhnliche Menschen und kosmische Momente in ihren nichtkosmischen Leben“.„Stories of ordinary people and cosmic moments in their non-cosmic lives“; zitiert nach: Bronson. Fred: The Billboard Book of Number One Hits. 3., überarbeitete und erweiterte Aufl. New York City, New York: Billboard Publications, 1992, S. 386
Tod Am 16. Juli 1981 war Chapin auf dem Long Island Expressway unterwegs zu einem Konzert im Eisenhower Park in Nassau County, als ein LKW auf seinen Wagen auffuhr. Chapin konnte aus dem Wrack gezogen werden, bevor es in Flammen aufging, und wurde mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. Nach vergeblichen Wiederbelebungsversuchen gab ein Sprecher des Nassau County Medical Center bekannt, dass Chapin infolge eines Herzinfarkts im Alter von 38 Jahren gestorben sei. Es konnte nicht geklärt werden, ob sich der Infarkt vor oder nach dem Unfall ereignet hatte.Beschreibung der Todesumstände im Harry Chapin ArchiveDisco, Punk, New Wave, Heavy Metal, and More: Music in the 1970s and 1980s. Britannica Educational Publishing, 2012, S. 85 Janet Podell: Annual Obituary, 1981. Verlag Thomson Gale, 1982, S. 451 Scott Stanton: The Tombstone Tourist: Musicians. Simon & Schuster, 2003, S. 39 Paul T. Hellman: Historical Gazetteer of the United States. Routledge, 2006, S. 780 Harry Chapin wurde auf dem Huntington Rural Cemetery in Huntington beigesetzt. Die Worte seiner Grabinschrift sind Auszüge aus seinem Song I Wonder What Would Happen to This World.
Ehrungen und Rezeption Chapin hatte jedes Jahr Dutzende von Konzerten für die Welthungerhilfe gegeben, wobei er von den Einnahmen dieser Konzerte den größten Teil an diese Organisation abgab. Wegen seines Engagements fand 1986 im Repräsentantenhaus der USA eine Diskussion statt, ob man nicht Chapins Einsatz zur Bekämpfung des weltweiten Hungers postum durch einen Orden der USA ehren solle. Nachdem sich Bill Ayres, der Vorsitzende der Welthungerhilfe, Marty Rogol, der Vorsitzende der Organisation USA for Africa, und zahlreiche Abgeordnete positiv zu diesem Antrag geäußert hatten, wurde mit einem Gesetz vom 1. Mai 1986 beschlossen, Chapin mit einem Orden der USA für sein Engagement zur Bekämpfung des Hungers zu ehren.House of Representatives. Ninety-Ninth Congress. Second Session on H.R. 1207. A Bill to Award a Special Gold Medal to the Family of Harry Chapin. May 1, 1986
Am 16. Juli 1991 fand zehn Jahre nach seinem Tod im Kongress der Vereinigten Staaten ein Gedenken an ihn statt. Tim Johnson, Abgeordneter aus South Dakota, hielt unter dem Tagesordnungspunkt Tribute to Harry Chapin eine Rede zu Ehren des Verstorbenen und würdigte dessen humanitäres Engagement.Tim Johnson: Tribute To Harry Chapin. Congressional Record. Tuesday, July 16, 1991, CR page E-2565
Der amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen hielt 1987 eine Laudatio zu Chapins 45. Geburtstag in der Carnegie Hall in New York und steuerte für den 1990 bei Relativity Records erschienenen Sampler Harry Chapin Tribute eine Neuauflage des Chapin-Songs Remember When the Music bei. Es gibt ebenfalls zahlreiche Neuaufnahmen des Chapin-Hits Cat’s in the Cradle, beispielsweise 1989 von Johnny Cash oder 1995 von Ricky Skaggs – die erfolgreichste Coverversion war die der Band Ugly Kid Joe aus dem Jahre 1993, die Platz 6 der Billboard-Charts erreichte.
Alben 1972–1980 Auswahlkriterium: Alle zu Harry Chapins Lebzeiten in den USA veröffentlichten Originalalben. Quellenangabe: Die Informationen wurden, sofern nicht durch eine Anmerkung eine andere Quelle angegeben ist, den Albencovern bzw. den den Alben beiliegenden Informationsbroschüren entnommen. mini|Harry Chapin (1980)
1972: Heads & Tales Text und Musik: Harry Chapin – Besetzung: Harry Chapin (Gesang, akustische Gitarre), Ron Palmer (Elektrogitarre, Hintergrundgesang), Tim Scott (Cello), John Wallace (Bass, Hintergrundgesang), Steve Chapin (Keyboard), Russ Kunkel (Schlagzeug) – Arrangement: Fred Kewley – Aufnahme: Elektra Sound Recorder’s Studio A, Los Angeles, California; Toningenieur: Bruce Morgan – Produzent: Jac Holzman A-Seite: HEADS – Could You Put Your Light on, Please (4:30), Greyhound (5:45), Everybody’s Lonely (4:07), Sometime, Somewhere Wife (4:58), Empty (2:57) B-Seite: TALES – Taxi (6:44), Any Old Kind of Day (4:56), Dogtown (7:30), Same Sad Singer (4:12) Katalognummer: US = Elektra EKS-75023 – GB (e 1976) = Elektra K 42107 US-LP Charts = # 60Die Chartnotierungen nach: Joel Whitburn: Top Pop Albums 1955–1996. Record Research, Menomonee Falls WI 1996, S. 142
Von Robert Christgau wurde das Album sehr kritisch beurteilt, er bemängelte die übertriebene Ernsthaftigkeit, mit der auf diesem Album verflossene Liebe thematisiert werde.Christgau, Robert: Rock Albums of the 70s. A Critical Guide. Da Capo Press, New York City 1981, S. 76 Ben Gerson wirft in seiner Kritik des Albums im Rolling Stone Chapin vor, dieser proletarisiere im Song Taxi die Tätigkeit des Taxifahrens und habe nur die Intention, das Leben ruhmvoller Proletarier zu schildern, um deutlich zu machen: „Harry Chapin is pop’s most recent manifestation of radical chic.“Ben Gerson: Records - Harry Chapin: Heads & Tales. In: Rolling Stone, 25. Mai 1972
1972: Sniper and Other Love Songs Text und Musik: Harry Chapin – Besetzung: Harry Chapin (Gesang, akustische Gitarre), Ron Palmer (Elektrogitarre, Hintergrundgesang), Tim Scott (Cello), John Wallace (Bass, Hintergrundgesang) – Produzent: Fred Kewley A-Seite: Sunday Morning Sunshine (3:30), Sniper (9:50), And the Baby Never Cries (5:00), Burning Herself (3:45) B-Seite: Barefoot Boy (2:30), Better Place to Be (7:35), Circle (3:20), Woman Child (5:15), Winter Song (2:30) Katalognummer: US = Elektra EKS-75042 – GB (e 1976) = Elektra K 42125
1973: Short Stories Text und Musik: Harry Chapin – Besetzung: Harry Chapin (Gesang, akustische Gitarre), Ron Palmer (Elektrogitarre, Gesang), Michael Masters (Cello), John Wallace (Bass, Gesang), Buddy Salzman, Bobby Carlin und Jim Chapin (Schlagzeug), Dave Armstrong (Mundharmonika), Jeanne French, Tommi Lee Bradley, Rob White, Jeb Hart (Hintergrundgesang), Orchester Irving Spice – Aufnahme: Connecticut Recording Studios in Bridgeport, Conn. – Arrangeur und Produzent: Paul Leka A-Seite: Short Stories (4:35), WOLD (5:15), Song for Myself (5:00), Song Man (3:13), Changes (4:32) B-Seite: They Call Her Easy (4:03), Mr. Tanner (5:08), Mail Order Annie (4:52), There’s a Lot of Lonely People Tonight (3:39), Old College Avenue (4:25) Katalognummer: US = Elektra EKS-75065 – GB (e 1976) = Elektra K 42155 US-LP Charts = # 61
In seiner Beurteilung des Albums meint Robert Christgau, Chapin habe ein Problem, er wolle Lieder über das Schicksal „realer Menschen“ schreiben, aber er träfe kaum „reale Menschen“, wisse also nichts von deren Leben. Auch die zum Teil krampfhaften Versuche des Reimens kritisierte Christgau ebenso wie zum Teil sachliche Fehler in WOLD, darüber hinaus seien die Lieder oft sehr langatmig.Christgau, Robert: Rock Albums of the 70s. A Critical Guide. New York City, New York: Da Capo Press Inc., 1981, S. 76f
Aus dem Album wurde der Titel WOLD als Single ausgekoppelt. Sie wurde im Januar 1974 erstmals in den US-Singles-Charts notiert, erreichte Platz 36 und blieb 13 Wochen unter den Hot 100. Der Inhalt des Songs ist ein Dialog in einem Telefongespräch des Lyrischen Ichs mit seiner Frau, wobei nur die Redeanteile des Ichs wiedergegeben werden. Nach Jahren der Trennung ruft er seine Frau an, um sie zu fragen, was sie gedacht habe, als sie ihn wieder im Radio hörte, und wie die Kinder darauf reagiert hätten, ihren Vater im Radio zu hören. Vor Jahren hatte er seine Familie verlassen, um eine Karriere als Discjockey zu machen. Nach wechselnden Engagements bekam er nun, inzwischen alkoholabhängig und längst kein Star der Musikbranche mehr, eine Anstellung bei dem Regionalsender seiner ursprünglichen Heimat. Als er über das Telefongespräch austestet, ob er zu seiner Familie zurückkehren könne, erfährt er, dass seine Frau längst einen anderen Lebenspartner hat.„O.K. honey, I see - guess he’s better than me.“ Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich abschließend in seine Lebenslüge zu flüchten: „Sure, old girl, I understand – don’t have to worry: I’m such a happy man“.
Song for Myself ist Chapins Abgesang an die Protestsong- und Hippiebewegung der 1960er Jahre und gleichzeitig ein Aufruf, eine neue politische Liedkultur zu entwickeln. Dies sei ein Song für ihn selbst, man müsse nicht zuhören. Seit er seine Frau habe, mache er sich Sorgen um die Zukunft. Antworten in Liedern wie Blowin’ in the Wind glaube er schon lange nicht mehr, auch nicht, dass ein bisschen mehr Liebe alle Probleme dieser Welt beenden werde. Er könne nur noch an das glauben, was er selbst tue – und das sei, ein ganz klein wenig Gutes zu tun für die, die ihm am Herzen lägen. Seit 1963 habe niemand mehr einen Protestsong geschrieben und alle sängen nur noch Let It Be. Seine Generation solle mehr sagen, sich äußern zu den Problemen dieser Welt und nicht nur lächelnd in der Ecke sitzen und zuschauen, wie sich die Erde dreht.