Der Kynismus [] () war eine Strömung der antiken Philosophie mit den Schwerpunkten auf ethischem Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit. Der moderne Begriff Zynismus ist von dem ursprünglichen Wort abgeleitet, hat jedoch im heutigen Sprachgebrauch eine andere Bedeutung.

Die ersten und bis heute bekanntesten Kyniker waren im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. der Sokrates-Schüler Antisthenes und danach dessen Schüler Diogenes. Die philosophische Strömung verebbte bald, gab jedoch einige ihrer Vorstellungen – auch über die Diogenes-Schüler Stilpon und Krates – an die spätere Stoa weiter.

Die Grundidee der kynischen Philosophie bestand darin, jeglichen Besitz auf das Allernotwendigste zu reduzieren, um Glückseligkeit durch größtmögliche Unabhängigkeit von äußerer Hilfe zu erreichen: „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde“.William James Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Band 3 Das klassische Griechenland, Südwest, München 1978, S. 260. Die Kyniker kleideten sich (wenn überhaupt) in einfachste Gewänder, machten sich die Armut zur Regel, lebten von Almosen, zogen als Wanderprediger umher und schliefen auf der Straße oder in den Säulengängen der Tempel.

In ihrer Lehre eines „Zurück zur Natur“ verwarfen sie die Metaphysik als ebenso sinnlos wie Platons Ideenlehre. Sie betrachteten die Ethik als einzigen Leitfaden und die Natur als einzig wahres Vorbild. In letzterem Punkt gingen sie so weit, die freie Befriedigung des Geschlechtstriebes als ebenso natürlich anzusehen wie das Stillen des Hungers. Davon abgesehen finden sich viele Elemente ihrer asketischen Lebensweise später bei den Essenern Judäas oder den Mönchen des frühchristlichen Ägypten wieder.

Namensherkunft Die Bezeichnung leitete sich ursprünglich vom Kynosarges her,Diogenes Laertios: Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,13. einem Athener Gymnasion, in dem Antisthenes unterrichtete. Die Halle war an jener Stelle erbaut worden, wo sich einst das Heiligtum des Herakles Kynósarges befand. Dieses verdankte seinen Namen wiederum einer mythologischen Erzählung um den Gründer Diomos, bei der ein Hund (griechisch , Genitiv )Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. G. Freytag/Hölder-Pichler-Tempsky, München/Wien 1965, S. 460. eine maßgebliche Rolle spielte.

Obwohl die Bezeichnung also ebenso zufällig war wie bei Platons Akademie und dem Lykeion des Aristoteles, drängte sich im Volk wohl eine Assoziation mit dem „Hundeleben“ der Kyniker auf. Die Philosophen griffen das – ganz „zynisch“ – auf und spielten selbst mit dieser Zuordnung. Diogenes etwa stellte sich in dem berühmten Dialog mit Alexander („Ich bin Alexander, der große König“) mit den Worten vor: „Und ich bin Diogenes der Hund“.Diogenes Laertios: Antisthenes. Die Korinther setzten später einen Marmorhund auf sein Grab.

Einzelne moderne Philosophiehistoriker zweifeln die Namensherkunft trotzdem an.Heinrich Niehues-Pröbsting: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus

Überlieferung mini|Eine Handschrift von Diogenes Laertios' Werk Über Leben und Lehren berühmter Philosophen, 13. Jahrhundert Da von den Kynikern keinerlei Schriften hinterlassen wurden, ist ihr historisches Bild vor allem aus Berichten und Legenden geprägt. Dabei ist zu beachten, dass die Gestalt des Diogenes, aber auch die gesamte Lehre des Kynismus, bereits in der Antike sehr stark polarisierten. Die Berichte sind also entweder von einer Idealisierung des Diogenes zum unfehlbaren ethischen Vorbild geprägt, oder sie weisen seine Ansichten zurück, verzerren sie ins Lächerliche und tadeln seinen Lebenswandel als unmoralisch. Die oft nur anekdotenhaften Überlieferungen wurden dabei kaum hinterfragt, den darin klaffenden Lücken erstaunlich wenig Bedenken gewidmet. So ist z. B. lange unkritisch hingenommen worden, dass fast das gesamte antike Material über den Kynismus drei- bis fünfhundert Jahre jünger ist als die ersten Kyniker und dass nur eine geringe Zahl von Vertretern der sogenannten „kynischen Schule“ bekannt war.

Diogenes Laertios hat die Namen von Schriften der Kyniker überliefert; welche davon es tatsächlich gegeben hat, ist unklar. Von Antisthenes zählt er beispielsweise über 70 Titel auf.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,15-18.

Ein Zugang zum historischen Kynismus ist daher nur schwer zu gewinnen. Der Großteil der Quellen über den Kynismus stammt aus dritter Hand, von Marcus Tullius Cicero und Diogenes Laertios (3. Jahrhundert), der im 6. der 10 Bücher seines Werks Über Leben und Lehren berühmter Philosophen die Kyniker behandelt. Des Weiteren haben wir ebenfalls als wichtige Quelle den stoischen Philosophen Epiktet, der im dritten Buch in den von Arrian aufgeschriebenen Unterredungen den Kynismus aus stoischer Sichtweise behandelt (Vom Kynismus)Unterredungen, Buch III, Kapitel 22 - Vom Kynismus. Dass vom Kynismus nur wenig Material erhalten ist, hat mehrere Gründe. Zum einen liegt es daran, dass man dem Kynismus bereits im Altertum den Charakter einer echten Philosophenschule abgesprochen hat, da es sich eher um eine Lebensform handle. Tatsächlich gibt es aber einige wenige Kyniker, die sich sehr ausführlich mit der Literatur beschäftigten. Zu ihnen gehören Monimos und Krates, die – ganz im Gegensatz zu Diogenes – vor allem durch ihre schriftstellerische Tätigkeit als Satiriker und Moralisten bekannt wurden. Krates schrieb parodistische Tragödien, Hymnen, Elegien und Briefe, die allesamt verloren gegangen sind. Aber auch Antisthenes soll ein zehnbändiges Werk über die Lehren des Kynismus verfasst haben (von dem allerdings nur mehr Fragmente erhalten sind). Der Großteil ist im Laufe der Zeit verloren gegangen und nur wenige Werke sind teilweise erhalten geblieben (siehe auch Bücherverluste in der Spätantike).

Lehre Wegen der schlechten Überlieferungslage werden die Lehren der Kyniker aus den Anekdoten oft unter Rückgriff auf die verwandte Lehre der Stoa rekonstruiert. Zwar hat der Kynismus starken Einfluss auf die Stoa ausgeübt, doch philosophiehistorisch führt die Vermischung leicht zur Chimäre eines „kynisierenden Stoizismus“.So der Vorwurf von Heinrich Nihues-Pröbsting, Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus

Ethik Höchstes Ziel ist für die Kyniker, wie für die meisten anderen nachsokratischen Schulen, das Erreichen des Glücks des Einzelnen. Der Weg dahin, den die Kyniker beschreiten wollen, ist dem der Stoiker sehr ähnlich: Nach der kynischen Lehre beruht Glück auf innerer Unabhängigkeit und Autarkie. Diese innere Freiheit wiederum könne man durch Tugend erreichen, die somit für sich selbst ausreichend zum Glück sei. Sie sei der einzig wahre Wert; alle anderen vermeintlichen Güter seien in Wirklichkeit Übel oder zumindest unwichtig für ein glückseliges Leben. Abweichend von den Stoikern weisen sie eine Verstrickung in das Streben nach anderen Gütern aktiv zurück, während die Stoiker passive Zurückhaltung empfehlen.

Worin die eigentliche Tugend besteht, scheinen die Kyniker nicht näher definiert zu haben. Am ehesten finden wir eine Antwort in den Anekdoten, die über die Kyniker verfasst worden sind: Primär ist die kynische Tugend als Vermeidung des Übels und Bedürfnislosigkeit zu verstehen. Letztere sichert die innere Freiheit und führt zu einem weiteren Grundsatz des Kynismus: der Orientierung an der Natur. Was natürlich ist, könne weder schlecht sein, noch ein Grund, sich dafür zu schämen. Somit ist für die Kyniker beispielsweise das öffentliche Leben des Diogenes oder die offene Tür von Krates und Hipparchia nicht skandalös, sondern natürlich und normal. Eine Art Vorbild stellten die Tiere dar, da sie einerseits Ansätze zur Kritik an der menschlichen Gesellschaft bieten, andererseits aber auch – so waren die Kyniker überzeugt – eine positive Anleitung zu einem glücklichen und richtigen, naturgemäßen Leben brachten.

Doch auch wenn die Bedürfnislosigkeit die Autarkie sichert, so führt sie zur Negation der althergebrachten Sitten, Normen und Gesetzen, der Kultur, Kunst und Familie, bis hin zur Erregung des öffentlichen Ärgernisses. Dieses muss in Kauf genommen, ja sogar erwartet werden: Durch die Bedürfnislosigkeit wird dem Schicksal aber möglichst wenig Angriffsfläche geboten: wer nichts besitzt, kann auch nicht enttäuscht werden, weil er nichts verlieren kann. Deswegen sind die größten Hindernisse auf dem Weg zum Glück Begierde, Angst (z. B. vor Schicksalsschlägen) und Unwissenheit. Denn nur durch Wissen sei Tugend erlernbar, wenn man auch bereit ist, das Erlernte umzusetzen. Der Kynismus ist in seinen Lehren und seiner Umsetzung also sehr radikal: alle äußerlichen, weltlichen Dinge sollen abgelegt werden, weil sie unglücklich machen und wider die Natur sind.

Die Mittel, mit denen die Kyniker „zubeißen“, um die bestehende Ordnung durch ein „natürlicheres“ Leben zu ersetzen, sind das Vorleben der Armut, Provokation und Satire und Spott in Form von heftigen Bußpredigten, die durch einen aggressiven Stil des Vortrags, auffällige, extreme Bildersprache und derbe Anschaulichkeit gekennzeichnet sind, die sogenannte Diatribe (). Diese verwenden auch Stoiker, besonders Seneca, und transformieren sie in eine lockere, im volkstümlichen Ton gehaltene moralphilosophische Rede. Diese wendete sich an ein breites Laienpublikum, um es durch unterhaltsame Belehrung zu erziehen und beeinflusste im Stil auch die frühchristliche Predigt sehr stark. Häufig waren die Kyniker auch darauf aus, durch Skandale Aufmerksamkeit zu erregen, um ihrem Protest gegen die bestehenden Verhältnisse Nachdruck zu verleihen.

Während der hellenistische Kynismus also sehr individualistisch ausgerichtet war, so änderte sich dies im Laufe der Jahrhunderte. Der Kynismus der römischen Kaiserzeit – ganz im Gegensatz zum Kynismus des Diogenes – trug fast schon religiöse Züge. Das Gemeinschaftswesen spielte nun eine große Rolle. Das Einzige, das sich nicht veränderte, waren die kompromisslosen Einstellungen in Bezug auf Askese und Bedürfnislosigkeit. So ist es auch kaum verwunderlich, dass der Kynismus mit dem Ende der Antike als eigenständige Philosophierichtung verschwand. Nur im Stoizismus lebten einige Grundgedanken weiter.

Kynismus und Stoa

Die Stoa folgt denselben ethischen Maximen wie der Kynismus. Während aber für die Kyniker das naturgemäße Leben, das mit Bedürfnislosigkeit einhergeht, ein Weg ist, um dem Schicksal, der Ananke, so weit es geht zu entfliehen, bedeutet für die Stoiker (Zenon), dass das Leben von Vernunft bestimmt ist, da sie uns erkennen lässt, dass Reichtum oder Ansehen nur vermeintliches Glück sind. Nicht die Vermeidung des Schicksals durch eine Trennung von natürlichen und unnatürlichen Bedürfnissen, sondern eine apathische Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen ist das Ziel, nicht die Vermeidung des Schicksals, sondern die Hinnahme der Pflichten und Aufgaben, die sich aus den Zufällen von Geburt und Eignung ergeben.

Der Versuch der Kyniker, der öffentlichen Welt zu entrinnen, wird von der Stoa dafür kritisiert, dass so das eigene Ego, das noch immer mit Problemen, Sorgen und Ängsten kämpft, dem Glück im Weg steht.

Kosmopolitismus Das altgriechische Wort für Kosmopolitismus taucht das erste Mal im Zusammenhang mit dem Kyniker Diogenes von Sinope auf.A. Horstmann: Kosmopolit, Kosmopolitismus. In: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4, Schwabe, Basel 1976, Sp. 1155–1167, hier: Sp. 1156. Auf die Frage woher er komme, soll er geantwortet haben, er sei Weltbürger ().Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,63. Dieser Ausspruch soll wohl einen Gegensatz zu den zeitgenössischen Ansichten aufzeigen, denen gemäß jeder freie Mensch erstens Bürger einer Polis und zweitens Grieche (im Unterschied zu den nicht-griechischen Barbaren) war.

Geschichte des Kynismus Als Vertreter des Kynismus gelten im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Antisthenes, im 4. Jahrhundert v. Chr. Diogenes von Sinope,