Die Mexikanische Chia [] (Salvia hispanica) ist eine ursprünglich fast nur in Mexiko und Zentralamerika vorkommende Pflanzenart der Gattung des Salbei (Salvia) innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae).
Etymologie Das Artepitheton hispanica bedeutet „spanisch“ und wurde von Linné irrtümlich vergeben, da die Pflanze, von Mexiko importiert, auch in Spanien kultiviert wurde. Das spanische Wort chía ist aus der Nahuatl-Sprache abgeleitet (chian oder chien) und bedeutet „ölig“.Ricardo Ayerza, Wayne Coates, S. 89 f.Ernest Small: North American Cornucopia. CRC Press, 2014, ISBN 978-1-4665-8592-8, S. 313.Georg Friederici: Amerikanistisches Wörterbuch. De Gruyter, 1947, S. 170.
Es wird auch für andere Arten gebraucht, die ähnliche Samen liefern, beispielsweise die Kalifornische Chia (Salvia columbariae) und Salvia polystachya sowie der Sangura (Hyptis suaveolens) u. a.James N. BeMiller, Roy L. Whistler: Industrial Gums: Polysaccharides and Their Derivatives. Third Edition, Academic Press, 1993, ISBN 0-12-746253-8, S. 231.Ricardo Ayerza, Wayne Coates, S. 64, 89 f.. Instituto Nacional de Investigaciones Nucleares (Mexico), abgerufen am 4. Mai 2017 (PDF-Datei; 346 kB).
Sie ist nicht zu verwechseln mit der Salbei-Art Salvia lavandulifolia, die Spanischer Salbei genannt wird und heute als Varietät von Salvia officinalis (Salvia officinalis var. lavandulifolia ) angesehen wird.
Beschreibung Salvia hispanica ist eine einjährige krautige Pflanze. Diese Pflanzenart erreicht Wuchshöhen von bis zu 1,75 Meter. Der hellgrüne Stängel ist vierrippig, kantenabgerundet, spärlich verzweigt und haarig. Die kreuzgegenständigen, einfachen, unzerteilten Laubblätter sind eiförmig, vorwärts gesägt, ausgeprägt fiedernervig, und spitz. Sie sind maigrün, mit blassgrüner, fein behaarter Unterseite und feinhaarigen Stielen. Die Blätter sind 4 bis 8 Zentimeter lang und 3 bis 5 Zentimeter breit.
Aus den anfänglich hellgrünen, später dunkleren Knospen mit zweilippigen, dicht behaarten, röhrenartigen Kelchblättern, unten zweizackig, oben kielförmig, scharf gespitzt, erscheinen die zweigeschlechtlichen, zygomorphen, violettblauen oder weißen, zweilippigen, verwachsenkronblättrigen Blüten. Die bogenförmig ausladende, zweilappige Oberlippe ist behaart, die Unterlippe ist dreilappig, mit einem größeren, ausladenden, meist zweiflügligen Mittellappen, dieser ist knapp doppelt so lang wie die Oberlippen. Typischerweise tragen die farbigen Blüten oberseits der großen Unterlippe einen weißlichen Fleck mit dunkelvioletten Punkten.
Diese stehen zu 6 oder mehr in zahlreichen Scheinquirlen,A. J. O. Anderson und C. E. Dibble: An Ethnobiography of the Nahuatl. In: The Florentine Codex. 2. Rev. Blg. Edition, University of Utah Press, 2012, Buch 10, ISBN 978-1-60781-165-7 und 11, ISBN 978-1-60781-166-4. die mehr als 20 Zentimeter lang werden können.Cecilia Baginsky, Jorge Arenas Die Staubblätter sind zweipaarig (didynamous); das obere Paar ist steril, der Fruchtknoten ist oberständig, die Narbe ist verzweigt, es sind eiförmige, spitze Tragblätter vorhanden.H. A. M. van der Vossen, B. E. Umali: Plant resources of South-East Asia. No. 14, Vegetable oils and fats. Backhuys, Leiden 2001, ISBN 90-5782-095-1, S. 120 ff, online (PDF-Datei; 12,4 MB).
Nachdem die Blüten verwelkt sind, färben sich die reifen Fruchtkapseln hellbraun, zuerst am zentralen Blütenstand; dies ist bei der Ernte problematisch. Es ist eine Kurztagpflanze (KTP).
Es werden vierteilige Klausenfrüchte (carcerulus, schizokarp) gebildet.S. L. Kochhar: Economic Botany. Fifth Edition, Cambridge University Press, 2016, ISBN 978-1-107-11294-0, S. 137. Wenn sie reif sind, teilen sie sich in sehr kleine (durchschnittlich etwa 2 Millimeter lang und 1,25 Millimeter breit), braune, graue, weiße oder schwarze; gesprenkelt und mit rissförmigen Flecken, Streifen; glatte, glänzende, ovale Pseudogetreide-Klausen (Samen) (MerikarpMerikarp = Teilfrucht einer Spaltfrucht.). Die etwas größeren und leichteren weißen Klausen werden nur von weißblütigen Pflanzen produziert.Vanesa Y. Ixtaina, Susana M. Nolasco, Mabel C. Tomás: Moisture-Dependent Physical Properties of Chia (Salvia hispanica L.) Seeds. In: Industrial Crops and Products. 28(3), 2008, S. 286–293, doi:10.1016/j.indcrop.2008.03.009.Ricardo Ayerza, Wayne Coates, S. 96.
Die Klausen sind sehr leicht; die Schüttdichte beträgt 0,667–0,722 g/cm³, die Tausendkornmasse beträgt nur ca. 1,3–2 g bei 10 % Feuchtigkeitsgehalt und liegt damit im Bereich von Quinoa und Amarant.Rashid A. Suleiman, Kun Xie, Kurt A. Rosentrater: Physical and Thermal Properties of Chia, Kañiwa, Triticale and Farro as a Function of Moisture Content. ASABE Annual International Meeting, New Orleans, Louisiana, 26–29 Juli, 2015, doi:10.13140/RG.2.1.2933.7445, online (PDF-Datei; 932 kB). Die Klausen können mehr als das Zehnfache ihres Gewichts an Wasser absorbieren.Jack L. Shepard: The Amazing Chia Seed. California State Science Fair Project Summary, 2013, Project Number J 1929, online (PDF-Datei; 14 kB).
Die Chromosomenzahl ist 2n = 12.
Vorkommen Die Art kommt ursprünglich vom südlichen Mexiko bis Ecuador vor.Rafaël Govaerts (Hrsg.): Salvia – World Checklist of Selected Plant Families des Royal Botanic Gardens, Kew. Zuletzt abgerufen am 14. Januar 2018. Sie wurde aber in mehrere Länder Mittelamerikas, Südamerikas und Europas eingeführt. Sie bevorzugt gut durchlässige, gut belüftete, stickstoffhaltige, nährstoffreiche, nicht zu salzige, sandige, sandig-lehmige, nicht zu nasse Böden und eine geschützte, sonnige Lage. Sie wächst in tropischen bis subtropischen Regionen, ist frostempfindlich, aber trockenheitsresistent und kann in ariden Zonen gedeihen. Der pH-Bereich der Böden sollte von 5 bis 8,5 liegen, der Temperaturbereich liegt zwischen 11 °C und 36 °C, wobei 16 °C bis 26 °C optimal ist. Sie gedeiht gut in Höhenlagen von 400 bis 2500 Metern.Rocco Bochicchio, Tim D. Philips u. a.: Innovative Crop Productions for Healthy Food: The Case of Chia (Salvia hispanica L.). In: Antonella Vastola: The Sustainability of Agro-Food and Natural Resource Systems in the Mediterranean Basin. Springer, 2015, ISBN 978-3-319-16356-7, S. 29–45, , (PDF-Datei; 317 kB).Cecilia Baginsky, Jorge ArenasGenovevo Ramírez-Jaramillo, Mónica Guadalupe Lozano-Contreras: Potential for Growing Salvia hispanica L., Areas under Rainfed Conditions in Mexico. In: Agricultural Sciences. 6, 2015, S. 1048–1057, doi:10.4236/as.2015.69100, (PDF-Datei; 6,5 MB). Der Ertrag liegt im Durchschnitt bei ca. 1000–1500 kg/ha.
Taxonomie Salvia hispanica wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 1 Seite 25–26 erstbeschrieben.
Kultivierung Geschichte In vorspanischer Zeit war Salvia hispanica in Mexiko ein bedeutendes Agrarerzeugnis, das als Nahrungsmittel, zu medizinischen Zwecken und zur Ölgewinnung genutzt wurde. Nach Einschätzung von Wirtschaftshistorikern war Chia als Grundnahrungsmittel ebenso bedeutsam wie Mais, örtlich auch von größerer Bedeutung. Es wurde vor den Bewohnern von den Teotihuacán und dann später von den Tolteken angebaut, aber interessanterweise nicht von den Mayas.Ricardo Ayerza, Wayne Coates, S. 63, 73 f.
Aztekencodices aus dem 16. Jahrhundert wie der Codex Mendoza und der Codex Florentinus geben umfangreiche Auskunft über die Nutzung von Chia und weisen darauf hin, dass Ackerland in großem Umfang für seinen Anbau genutzt wurde. 21 der zuletzt 38 Tributprovinzen des Aztekenreiches lieferten Chia als Abgabe; nach der Unterwerfung der Azteken durch die spanischen Eroberer brach der Chiaanbau jedoch rasch ein.
Eine ethnobotanische Auswertung von Quellen aus dem 16. und späteren Jahrhunderten deutet darauf hin, dass der Primärnutzen von Chia überwiegend medizinischer Natur war; hierbei wird Chia (überwiegend die Samen, nur vereinzelt andere Pflanzenteile) als Bestandteil bzw. Zutat eines Rezeptes beschrieben. Die damit zu behandelnden Leiden werden oft nur ungenau beschrieben und lassen sich keiner modernen Diagnose zuordnen. Es wurden auch Götterbildnisse aus Chiateig hergestellt, die nach den Zeremonien gegessen wurden.
Zur Ernährung wurden die Samen ganz und gemahlen sowie als Samenschleim und Öl genutzt. Gängig war es in vorspanischer Zeit, die Samen zu rösten und zu einem Mehl namens Chianpinolli zu mahlen, vergleichbar mit der Verarbeitung von Mais, mit dem Chia auch zusammen verarbeitet wurde. Das Mehl wurde zur Herstellung von Tortillas, Tzoalli (Tamales) und verschiedenen Getränken, Chianatolli,Ricardo Ayerza, Wayne Coates, S. 65 f. genutzt. Nach 1600 nahm die Beliebtheit eines aus den ganzen Samen gewonnenen Erfrischungsgetränkes zu. Auf dem Höhepunkt seiner Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert wurde es von Straßenverkäufern und Wirtsleuten in ganz Mexiko angeboten. Im Gegensatz zu den medizinisch bestimmten Getränken ist dabei der Wasseranteil höher, die Konsistenz dünnflüssiger; Zitrone und Zucker oder Fruchtsaft werden dazugegeben. Diese Zubereitung ist heute noch als „Agua de Chia“ oder „Chia fresca“ (auch Iskiate) bekannt. Der Konsum von gemahlenem Chia ist dagegen allgemein außer Gebrauch gekommen. Dadurch sind viele der ehemaligen Varietäten verschwunden.
Es kam erst 1997 durch den 52-jährigen Tarahumara-Indianer Cirildo Chacarito, der einen 100-Meilen-Lauf in den USA gewann, wieder ins Bewusstsein. Der Amerikaner Christopher McDougall veröffentlichte daraufhin das Buch Born to Run, das den Chia-Boom auslöste.Susanna Bingemer: Chia. Gräfe und Unzer, 2016, ISBN 978-3-8338-5686-0.Dr. Günter Harnisch: Chia. Mankau, 2016, ISBN 978-3-86374-202-7, S. 21 f.
Chiaöl wurde zu kosmetischen und künstlerischen Zwecken gebraucht. Insbesondere wurden – und werden bis heute – handgearbeitete Gefäße zur Herstellung einer glänzenden Oberfläche mit einem Firnis aus Chiaöl behandelt. Auch für Körperbemalung war Chiaöl der Grundstoff.
Heutiger Anbau Kultiviert wird Chia inzwischen nicht nur in Zentralmexiko und Guatemala, sondern in mehreren Ländern Südamerikas – Bolivien, Kolumbien, Peru und Argentinien –, im Süden der USA und in Australien. Centre for the Promotion of Imports from developing countries, Ministerie van Buitenlandse Zaken (Niederlande), 31. Oktober 2016, abgerufen am 29. April 2017. sowie zum Beispiel auch in Kenia.. In: Daily Nation (Kenia), 5. Dezember 2015. Die Pflanze wird wegen der Gefahr von Fäulnis nur in Gegenden ohne übermäßigen Regenfall kultiviert.
Inzwischen wird die Pflanze auch in Deutschland und in der SchweizSechs Bauern in Flawil bauen Chiapflanzen an. In: Tagblatt. 14. September 2019, abgerufen am 28. Juli 2026. in kleinen Mengen angebaut, einzelne landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen und in Süddeutschland nutzen dazu neue, besonders tagneutrale Sortenzüchtungen, die den Anbau auch bei deutschen Klimaverhältnissen zulassen.
Bei den Azteken war Chia eine wichtige Nahrungspflanze, sie geriet aber bei den Nachkommen fast wieder in Vergessenheit. Chiasamen sind nicht nur für den Menschen ein Lieferant von Omega-3-Fettsäuren und Antioxidantien; sie werden auch als Futter für Hühner verwendet, um deren Eier mit Omega-3-Fettsäuren anzureichern. Die Samen können 120–180 Tage nach der Aussaat geerntet werden. Der durchschnittliche Ertrag liegt bei ca. 600 kg/ha, er kann aber mehr als 2900 kg/ha betragen.Cecilia Baginsky, Jorge ArenasWayne Coates, Ricardo Ayerza: Commercial production of chia in Northwestern Argentina. In: Journal of the American Oil Chemists Society. Bd. 75, Nr. 10, 1998, S. 1417–1420, doi:10.1007/s11746-998-0192-7. Der Pflanzungsabstand beträgt 0,5–0,8 m.
mini|Chia-Samen mini|Chia-Samen vergrößert, Länge eines Samens ca. 2 mm
Nahrungsmittel Zubereitung Seit Jahrhunderten werden in Nord- und Mittelamerika von Ureinwohnern die Samen des Chia roh oder getrocknet gegessen und in Soßen oder als Verdickungsmittel benutzt. Wenn sie in Wasser eingelegt werden, bilden die Samen eine schleimige Polysaccharidschicht. Auch die Sprossen sind essbar.
Inhaltsstoffe