Als Saavedra-Studie wird eine der bekanntesten und einflussreichsten Schachstudien bezeichnet. Die nur vier Steine enthaltende Schachkomposition erschien erstmals im Weekly Citizen am 4. Mai 1895 als Remisstudie des Franzosen Georges Emile Barbier, doch der spanische Priester Fernando Saavedra entdeckte eine von Barbier nicht erkannte Gewinnmöglichkeit für Weiß.
Die Studie Die Aufgabe war zunächst am 4. Mai 1895 als Remisstudie veröffentlicht worden, doch der Löser Fernando Saavedra machte wenige Tage nach der Veröffentlichung der Lösung am 11. Mai den Autor Barbier darauf aufmerksam, dass ein Gewinnweg möglich ist. Barbier druckte daraufhin am 18. Mai nochmals die Stellung, diesmal jedoch mit Gewinnforderung, ab und veröffentlichte deren Lösung am 25. Mai 1895.Siehe dazu die Reproduktion bei Tim Krabbé: The Discovery of the Saavedra
Das obige Diagramm zeigt die ursprüngliche Studie, das untere die seit 1902 publizierten moderne Form. Da die Studie ursprünglich einen Weg zum Remis für Schwarz zeigen sollte, wurde sie zunächst mit schwarzem Zugrecht und weißem Bauer bereits auf c7 veröffentlicht.
Es erscheint zunächst offensichtlich, dass Schwarz nur dann Remis erreicht, wenn er seinen Turm gegen den weißen Bauern abtauschen kann. Varianten, in denen der weiße Bauer unbehelligt durchläuft, führen zu einem für Weiß gewonnenen Endspiel Dame gegen Turm. Die Patt-Möglichkeit in der Variante mit 6. c8D bildet hierzu eine Ausnahme.
Nach dem Zug 1. c6–c7
kann Schwarz die Umwandlung des Bauern nur verhindern, indem er ununterbrochen Schach bietet: 1. … Td5–d6+
Der weiße König kann wegen der Fesselung 2. … Td7 die 7. Reihe nicht betreten. Auch 2. Kc5? scheidet aus wegen 2. … Td1! mit der Drohung, auf 3. c8D mit dem Spieß 3. … Tc1+ zu erobern. Auch in den folgenden Zügen ist dem weißen König der Gang auf die die c-Linie verwehrt, während bei Ausweichen des Königs auf die a-Linie der Turm sich auf die c-Linie hinter den Bauern stellt. Um auf Gewinn zu spielen, bedient sich Weiß des Potter-Manövers: 2. Kb6–b5 Td6–d5+ 3. Kb5–b4 Td5–d4+ 4. Kb4–b3 Td4–d3+
Oder 4. Kb4–c3 Td4–d1 5. Kc3–c2 Td1–d4! mit demselben Ergebnis. 5. Kb3–c2
Jetzt kann Schwarz nicht mehr mit einem Spieß drohen und auch kein Schach mehr bieten, ohne den Turm zu verlieren. Er kann jedoch noch eine Pattfalle stellen: 5. … Td3–d4!
Es droht 6. … Tc4+, und nach 6. c8D Tc4+ 7. Dxc4 ist Schwarz patt, wie ursprünglich von Barbier beabsichtigt wurde. Die Züge 6. Kb3 Td3+ oder 6. Kc3 Td1! 7. Kc2 Td4 führen zur Stellungswiederholung. Saavedra fand den Gewinnweg: 6. c7–c8T!!
Weiß führt eine Unterverwandlung in einen Turm aus und droht Matt auf a8. Obwohl ein materielles Gleichgewicht vorhanden ist, hat Schwarz keine Verteidigung mehr. Da der Turm im Gegensatz zur Dame nicht schräg ziehen kann, ist 6. … Tc4+ 7. Txc4 keine Pattstellung. Die einzige Verteidigung gegen das drohende Matt ist: 6. … Td4–a4
Mit dem Abzug des Königs von der c-Linie 7. Kc2–b3!
führt Weiß nun einen Doppelangriff herbei. Die Doppeldrohung 8. Kxa4 und 8. Tc1 matt führt zum Gewinn des schwarzen Turmes, wonach Weiß elementar gewinnt.
Neben der berühmten Endspielstudie mit dem Réti-Manöver gilt dies als eine der berühmtesten Schachkompositionen überhaupt.
Geschichte Die Urheberschaft der Studie war lange Zeit unbekannt, ehe sie vom niederländischen Schachkomponisten John Selman rekonstruiert werden konnte. Dabei stützte er sich vor allem auf die Angaben des Augenzeugen Archibald Neilson, eines irischen Schachspielers und -kolumnisten. Selman erforschte auch die Verbreitung der Studie in den Anfangsjahren.
Entstehung Ausgangspunkt für die Studie war eine Partie zwischen Richard Fenton (Weiß) und William Potter. Bei der Vorgabepartie, in der Potter den Bauern f7 und einen Zug vorgegeben hatte, entstand nach 56 ZügenPartieverlauf mit Vorgabe von Bf7 und zwei Zügen: 1. e4 2. d4 e6 3. Ld3 De7 4. Se2 d6 5. Sc3 Sc6 6. a3 g6 7. 0–0 Lg7 8. Le3 Sf6 9. h3 a6 10. f4 d5 11. e5 Sd7 12. f5 gxf5 13. Lxf5 exf5 14. Sxd5 Dd8 15. Sef4 Sdxe5 16. dxe5 0–0 17. Dh5 Lxe5 18. Tad1 De8 19. Dh4 Tf7 20. Tfe1 Df8 21. b4 b6 22. c4 Ld7 23. Sd3 Dg7 24. Lf4 Lxf4 25.S3xf4 Se5 26. Sf6+ Dxf6 27. Dxf6 Txf6 28. Txe5 Lc6 29. Kf2 Tf7 30. Td3 Le4 31. Td4 Lc6 32. g3 Taf8 33. Sh5 Te8 34. Txe8 Lxe8 35. Sf4 Ld7 36. Sd3 Te7 37. Kf3 Kg7 38. c5 Lb5 39. cxb6 cxb6 40. Kf4 Lxd3 41. Txd3 Tf7 42. Ke5 Kg6 43. Td6+ Kg5 44. Txb6 f4 45. gxf4+ Txf4 46. Txa6 Th4 47. b5 Txh3 48. a4 h5 49. b6 Tb3 50. a5 h4 51. Ta8 h3 52. Kd6 Kg4 53. Th8 Tb5 54. Txh3 Kxh3 55. Kc6 Txa5 56. b7 Ta6+. Remis vereinbart. eine Stellung, die als remis vereinbart wurde, obwohl das Potter-Manöver gewonnen hätte.Grondijs, S. 31–32. Barbier war Zuschauer bei dieser Partie.
Die Kontrahenten hatten nach 56. … Ta6+, oder anderen Angaben zufolge bereits in dieser Stellung, Remis vereinbart, obwohl das aus einer Studie von Kling und Horwitz bekannte Manöver gewonnen hätte (siehe Vorläufer): 56. … Ta6+ 57. Kc5 Ta5+ 58. Kc4 Ta4+ 59. Kc3 Ta3+ 60. Kb2 gewann, wie Johannes Zukertort im City of London Chess Magazine nachwies.
Nach Potters Tod am 13. März 1895 verfasste Barbier einen Nachruf, den er am 27. April 1895 veröffentlichte. Dabei gab er auch diese Partiestellung an, jedoch mit fehlerhaften Details. Insbesondere stand der Bauer nun eine Reihe weiter rechts, König und Turm hatten die Linien getauscht. Das tat der Lösung mit dem Potter-Manöver indessen keinen Abbruch. Laut Selman hatte Barbier die Stellung selbst fehlerhaft aus dem Gedächtnis rekonstruiert; später stellte sich jedoch heraus, dass dieses Diagramm bereits sieben Wochen zuvor von H. W. Hawks in seiner Kolumne im Newcastle Weekly Courant vom 9. März 1895 als die Partiestellung angegeben wurde.Edward Winter: Saavedra. Chess Notes, item 5796. 12. Oktober 2008.
Beim Analysieren der Stellung bemerkte Barbier eine Pattmöglichkeit für Schwarz, wenn der schwarze König auf a1 steht, statt auf h6 wie im fehlerhaft rekonstruierten Diagramm. Er veröffentlichte diese Stellung am 4. Mai 1895 mit Aufgabenstellung, dass Schwarz Remis halten möge, und bezeichnete sie zu Recht als eigene Komposition auf Basis der Partie Fenton–Potter.
Einer der Leser von Barbiers Schachkolumne war der spanischstämmige Reverend Fernando Saavedra, der zwischen der Publikation am 4. Mai 1895 und dem Erscheinen der Lösung am 11. Mai 1895 die Studie löste, sie jedoch ein paar Tage später nochmals ansah und dabei den Gewinnzug entdeckte. Kurze Zeit nach dem 11. Mai 1895 (in einem späteren Artikelentwurf gab Selman aus psychologischen Erwägungen den 13. Mai 1895 als wahrscheinliches Datum an)Grondijs, S. 359–360. ging Saavedra in den Glasgower Schachklub und zeigte den drei anwesenden Mitgliedern Archibald Johnson Neilson, Georges Emile Barbier und Hector Rey den Gewinnweg. Barbier druckte am 18. Mai die Aufgabe mit der Gewinnforderung für Weiß nochmals ab und nannte dabei Saavedra als Finder der Gewinnführung. Am 25. Mai publizierte er die Lösung.
Verbreitung mini|links|Emanuel Lasker mini|Richard Teichmann
Die Saavedra-Studie wurde um 1902 einer breiteren Schachöffentlichkeit bekannt, als Richard Teichmann sie beim Meisterturnier zu Monte Carlo demonstrierte und Emanuel Lasker die Aufgabe im selben Jahr in Vorträgen verwendete, weshalb sie oftmals Lasker zugesprochen wurde. Dieser gab bei seinen Vorträgen jedoch den Glasgow Weekly Herald als Quelle an.British Chess Magazine, November 1902, S. 481–482. Auszugsweise nachgedruckt in Grondijs, S. 284. Die Wiener Schachzeitung druckte im zweiten Teil eines zweiteiligen BeitragsSammlung aller Studien und Endspiele aus dem Zeitraume 1900 bis 1903. Wiener Schachzeitung, Ausgabe 8/1903, August 1903, S. 189 und Ausgabe 9–10/1903, September–Oktober 1903, S. 229–230. die Saavedra-Studie mit dem weißen Bauern auf c6 und der Überschrift Aus einer Partie Potter – Fenton ab. In einer Fußnote gab sie an, dass Saavedra den Gewinn der als remis gegebenen Partiestellung gezeigt habe, die im Glasgow Weekly Citizen 1895 gedruckt wurde.
Am 25. September 1910 und am 11. Juni 1911 wurde ein von Otto Dehler verfasster Artikel in den Hamburger Nachrichten (1910) respektive in der Wiener Schachzeitung publiziert.Otto Dehler: Die Entwicklung eines Endspiels. Hamburger Nachrichten, 25. September 1910 sowie Wiener Schachzeitung 09/1911; nachgedruckt in: Grondijs, S. 335–338. In dem Artikel schreibt Dehler: Die 'Wiener Schachzeitung' will den Namen anzugeben wissen und nennt einen Rev. Saavedra, der diese Gewinnführung in einer Partie, welche Remis gegeben wurde, nachgewiesen hat. In einer Fußnote dazu wies Georg Marco beim Abdruck in der Wiener Schachzeitung auf den obengenannten Artikel hin. Dabei gab er zusätzlich an, dass Emanuel Lasker dies bei einem Vortrag im Manhattaner Schachklub als Quelle genannt hatte. Am 15. Juni 1929 veröffentlichte Henri Weenink einen kurzen Artikel in der 50. Ausgabe seiner Kolumne über bekannte Schachstudien, in dem er Saavedra als schwedischen Vikar bezeichnete. Auch er benannte die Saavedra-Studie als Partiestellung zwischen Potter und Fenton, machte jedoch keine weiteren Quellenangaben.H. G. M. Weenink: Popular Endgame Studies (L). Oprechte Haarlemsche Courant, 15. Juni 1929. Nachdruck in: Grondijs, S. 339.
Recherche von Selman Nach intensiven Recherchen gelang es John Selman, die Geschichte der Saavedra-Studie zu rekonstruieren. In einem im November 1940 veröffentlichten ArtikelJ. Selman Jr.: Wie was Saavedra?. Tijdschrift van de Koniklijken Nederlandschen Schaakbond 48, Nr. 11 (November 1940). Ins Englische übersetzt und nachgedruckt in: Grondijs, S. 344–353. beschrieb er diese detailliert. Selman gibt an, die Studie bereits lange gekannt zu haben, doch bei der gemeinsam mit Cornelis Jan de Feijter begonnenen Sammlung von Studien mit Unterverwandlungen, die für spätere Veröffentlichungen konzipiert war, ein besonderes Interesse an der Studie gefunden zu haben. Dies lag vor allem daran, dass der Autor mit Ausnahme dieser Studie in der Schachwelt sowohl als Komponist als auch als Spieler völlig unbekannt war. Selbst die Quelle der Studie galt nicht als gesichert, da verschiedene Angaben kursierten. Stutzig wurde Selman dadurch, dass die Studie zwar schottisch sein sollte, Saavedra jedoch ein spanischer Name ist, den unter anderem der Don-Quixote-Autor Miguel de Cervantes Saavedra trug. Nach Recherchen und einem Brief an den Glasgower Schachklub, der sich nach Selmans Angaben als blind gefeuerter Glückstreffer erwies, wurde Selman mit Archibald Johnson Neilson bekanntgemacht, der im Mai 1895, als Saavedra die Gewinnführung demonstrierte, im Glasgower Schachklub anwesend war. Neilson, jahrelanger Sachbearbeiter einer Schachspalte im Falkirk Herald, war der erste echte Augenzeuge, den Selman finden konnte. Nach der Klarstellung einiger Fehlinformationen über Saavedra fährt Selman damit fort, dass es 1875 einen Zweikampf zwischen dem mit Meisterstärke spielenden William Norwood Potter und Vivian Fenton oder Richard Falkland Fenton gab. Potter, der einen Bauern und einen bzw. zwei Züge vorgab, gewann den Vorgabekampf mit fünf Siegen und vier Unentschieden aus neun Partien. Eine der Remispartien endete wie bei der Entstehung beschrieben, die Selman anschließend anführte.