mini|hochkant=0.9|Ansicht vom Tabor aus
Die römisch-katholische Stadtpfarrkirche Steyr ist dem Heiligen Ägidius und dem Heiligen Koloman geweiht. Sie wurde im 15. Jahrhundert in gotischem Stil errichtet und ist das bedeutendste Sakralgebäude der Stadt Steyr (Oberösterreich).
Geschichte mini|Vermutliche Ansicht während des gotischen Umbaus. Schedelsche Weltchronik, Ausschnitt aus Bl. CCLXXVIRudolf Koch, Bernhard Prokisch: Stadtpfarrkirche Steyr. Ennsthaler 1993, ISBN 3-85068-366-4, S. 25 f.
Nach Manfred Brandl, der die frühe Entwicklung der Stadt Steyr untersuchte, lässt sich die Geschichte des ersten Kirchenbaues von Steyr bis etwa 1100 zurückverfolgen. Die namentliche Sicherstellung der Kirche erfolgt 1275 in Zusammenhang mit einem Besitzstreit. Bei einem Stadtbrand 1303 wurde die Kirche in Mitleidenschaft gezogen. Der Histograph Valentin Preuenhueber berichtet, dass um 1300 die Filialkirche zur Pfarre erhoben wurde.
mini|links|Chorgrundriss, Gewölbeentwurf von Laurenz Spenning
Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt im 15. Jahrhundert und die dadurch rasch wachsende Gemeinde bewirkten einen vollständigen Neubau der bestehenden Stadtpfarrkirche St. Ägidius und Koloman. 1443 wurde der Wiener Dombaumeister Hans Puchsbaum mit dem Neubau der spätgotischen Kirche beauftragt, unter dessen Leitung der Rohbau des Chores fertiggestellt wurde. Nach dem Tode von Puchsbaum übernahm ab 1456 sein Nachfolger Laurenz Spenning die Einwölbung des Chores und den Einbau des Turms, der in dieser Form zunächst nicht vorgesehen war.Johann Josef Böker: Der Chor der Stadtpfarrkirche von Steyr und seine Baumeister. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. LVII, 2003, S. 213–232. Gegen den nach 1477 am Bau des Langhauses beteiligten Mert Kranschach wurde 1482 eine Anklage wegen Veruntreuung von Geldern erhoben und statt seiner die Weiterführung des Baus dem Vorsitzenden der Admonter Bauhütte, Wolfgang Tenk, übertragen, dem nach seinem Tode 1513 Hans Schwettichauer folgte.
1522, im 79. Jahr nach dem Baubeginn des Chores (also nicht schon im Jahre 1479!), brannte, wie der Steyrer Chronist Valentin Preuenhueber schreibt, der noch nicht fertiggestellte und für die Wölbung vorbereitete Kirchenbau während des Stadtbrands von Steyr nieder. Ein im Stadtbad (Stadt-Baad) ausgebrochenes Feuer habe nicht nur die umliegenden Häuser zerstört, sondern sei durch „starken Wind“ auch zur Pfarrkirche getragen worden: Da gerieth dieses Feuer ins Holz und Gerüste, und verbrannte dadurch alles, das Dach in der Kirchen, die meisten Altäre, alte Epitaphia, Fenster und Gemählde; der sehr schöne und mit kunstreichen Wercken gezierte Predigt-Stuhl; Alle mit grossen Unkosten angeschaffte Glocken […]Valentin Preuenhueber: Annales Styrenses samt dessen übrigen historisch- und genealogischen Schriften. Nürnberg 1740, S. 218 (digital.slub-dresden.de).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirkten an der Stadtpfarrkirche Steyr evangelische Prediger, nachdem die Bürger der Stadt zur Lehre Martin Luthers gewechselt hatten. In den fünfzig Jahren der evangelischen Einflussnahme entstand die westliche Vorhalle, die bis an die Stadtmauer reichte. Um die Wende zum 17. Jahrhundert beherrschten Benediktinermönche aus Garsten die weitere Entwicklung der Stadtpfarrkirche. Es kam zur Barockisierung der Kirche. 1630 erhielt der Westteil der Kirche ein Stichkappengewölbe, 1655 entstand das Kirchengestühl und 1688 schuf Carl Ritter von Reslfeld das Altarbild für den Hochaltar. Nach der Aufhebung des Stiftes Garsten übernahmen Linzer Diözesanpriester die Seelsorge.
Adalbert Stifter förderte als Denkmalpfleger des Landes die neugotische Überarbeitung des Inneren. Die barocke Ausstattung wurde dabei weitgehend entfernt, um dem gotischen Charakter der Formensprache zu entsprechen. Nach dem Brand des Turmhelmes 1876 wurde nach Plänen des Wiener Dombaumeisters und dem Erbauer des Wiener Rathauses Friedrich von Schmidt der heutige neugotische Aufsatz 1889 aus Steinquadern ausgeführt. Das alte Kreuz ist seit 1961 am Kirchturm aufgestellt.Manfred Brandl: Neue Geschichte von Steyr. Vom Biedermeier bis Heute. Ennsthaler, Steyr 1980, ISBN 3-85068-093-2, S. 67. Das Kriegerdenkmal an der Außenseite der westlich gelegenen Vorhalle entwarf Franz Koppelhuber, die Bronzefigur des Erzengels Michael ist ein Entwurf Josef Franz Riedels,Christina Seidl: Das Kriegerdenkmal an der Stadtpfarrkirche von Steyr. In: Rudolf Koch und Bernhard Prokisch (Hrsg.): Stadtpfarrkirche Steyr. Ennsthaler 1993, ISBN 3-85068-366-4, S. 307 ff. ihre Herstellung übernahm Adolf Wagner von der Mühl. Die feierliche Enthüllung war am 7. Mai 1933.Neue Geschichte von Steyr. S. 74. Seit 1982 erinnert ein vor dem Denkmal aufgestellter Kubus des lokalen Steinmetzes Helmut Buric auch an die Opfer des Zweiten Weltkrieges.Stadtpfarrkirche Steyr. Personenregister: Eintrag Buric, Helmut.
In den Jahren 1983 bis 1993 wurde die Kirche außen restauriert und das Erscheinungsbild der ehemaligen Friedhofsmauer mit den vielen Epitaphen verbessert. Nach Bestandsaufnahmen ab 2007 begann die Innenrestaurierung 2009/10.Josef Wallner: Kleine Schwester des Wiener Stephansdoms wird renoviert. Artikel in der Kirchenzeitung der Diözese Linz Nr. 15, 15. April 2010 S. 9 (aufgerufen am 6. April 2016). Diese betraf die Sakristei, die Glasfenster, den historischen Dachstuhl und die gotischen Joche. Der Innenraum erhielt, wie schon im 19. Jahrhundert, eine Färbelung in Weiß- und Gelbtönen. Diese Arbeiten waren bis Ende November 2015 vorerst abgeschlossen.Paul Stütz: Geldmangel machte bei der Kirchensanierung erfinderisch. Artikel in der Kirchenzeitung der Diözese Linz Nr. 49, 2. Dezember 2015 (aufgerufen am 6. April 2016)
Anton Bruckner Ab 1884 hielt sich Anton Bruckner den Sommer über in Steyr auf und wohnte im Alten Pfarrhof. Dort komponierte er 1886 bis 1894 Teile der 8. und 9. Sinfonie,Neue Geschichte von Steyr. S. 281. daran erinnert eine 1908 angebrachte Gedenktafel. Auf Bruckner geht auch der Umbau der damaligen, aus den Jahren 1774 bis 78 stammenden Chrismannorgel zurück.Neue Geschichte von Steyr. S. 66. Das Brucknerdenkmal vor der Kirche stammt aus dem Jahr 1898 – Steyr setzte damit dem Komponisten das erste Denkmal. Die Büste führte Victor Tilgner aus, den Sockel und das übrige Beiwerk Fritz Zerritsch. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Denkmal entfernt und im September 1945 wieder aufgestellt.
Baubeschreibung mini|hochkant|Das Mittelschiff mit Blick zum Hochaltar
Der Eintritt in die Kirche über die dunkle Vorhalle in die sich weit öffnende erhabene gotische Konstruktion des Innenraumes, lässt den baukünstlerischen und kunsthistorischen Reichtum der Anlage erahnen. Besonders eindrucksvoll stellt sich die Konzeption des Altarraumes von Hanns Puchspaum dar.
Die dreischiffige Hallenkirche mit fast gleich breiten Seitenschiffen besitzt kein Querhaus. Das 4-jochige Langhaus mit dem westlichen Emporenjoch im Mittelschiff ist mit einer spitzen Stichkappentonne überwölbt, die Seitenschiffe tragen Kreuzgewölbe. An das Langhaus schließt übergangslos der dreischiffige, dreijochige Chor mit einem reichen Netzrippengewölbe. Die Chorabschlüsse sind im Mittelschiff mit einem 5/8, in den Seitenschiffen mit einem 3/8 Schluss ausgeführt. Durchgehende Bündelpfeiler mit Statuenkonsolen tragen die Einwölbung des Hauses.
Der 80 Meter hohe sechsseitige Nordturm verbindet Langhaus und Chor. Er trägt einen neugotischen Turm und strebt von einer sternrippengewölbten Turmhalle in die Höhe. Am Chor bilden reich abgetreppte Strebepfeiler ein statisches Tragwerk. Der quer gelagerte Westbau nimmt die breite Durchgangshalle, die 1522 errichtet wurde, auf. Von ihr führen zwei Eingangstore in den Kirchenraum mit der Orgelempore im Obergeschoß. Die Eingangstore sind von Vorhangbogen in Rundbogen eingeschrieben. In den zwei westlichen Jochen des nördlichen Seitenschiffes tragen Konsolen eine Empore.
An der nördlichen Kirchenaußenseite, zur Pfarrgasse gerichtet, liegt eine fünfseitige Vorhalle mit Doppelportal mit einem netzrippengewölbten Baldachinvorbau. Die abgetreppten reich profilierten spitzbogigen Tore werden von Türrahmungen mit Vorhangbogen gefasst. Über dem linken Portal befindet sich ein Tympanonrelief aus Aflenzer Kalksandstein von um 1526 mit Tod und Krönung Mariens. Der Raum über dem rechten Portal ist leer. In den baldachinbekrönten Nischen stehen Sandsteinfiguren der Heiligen Agnes, des hl. Jakob und der hl. Dorothea, (ebenfalls Aflenzer Kalksandstein) diese sind um 1410 entstanden und dem Meister von Großlobming zugeschrieben. Die Figur des hl. Johannes ist eine neugotische Arbeit Franz Erlers von 1900.Johann Nimmrichter: Zur Polychromie des Nordportales der Steyrer Stadtpfarrkirche. In: Rudolf Koch, Bernhard Prokisch: Stadtpfarrkirche Steyr. Verlag W. Ennsthaler, Steyr, 1993 S. 327–329 (Tympanonrelief und Heiligenfiguren). Weitere Eingänge bilden zwei gotische Südtore. Das westliche befindet sich in einer netzrippengewölbten Vorhalle, das östliche führt zum Chor und besitzt ebenfalls eine Vorhalle.
Ausstattung Die Stadtpfarrkirche ist reich an Kunstschätzen, diese reichen von den bemerkenswerten Glasfenstern, dem reich verzierten Sakramentshäuschen, den wertvollen Eisenarbeiten, dem Taufbecken bis zum Kirchengestühl. Altar, Kanzel, Seitenaltäre und Pfeilerstatuen stammen aus der Zeit der Regotisierung zwischen 1854 und 1857 (Entwurf und Ausführung u. a. Engelbert Westreicher).
Der neugotische Hochaltar von Fidelis Schönlaub aus München (wohl nach Plänen von Adolf Guggenberger) entstand ab 1854.Susanne Hegele: Anselm Sickinger (1807–1873). Ein Beitrag zur „Münchner Gotik“ im 19. Jahrhundert. Dissertation Ludwig-Maximilians-Universität München 2013, S. 102. (Digitalisat auf edoc.ub.uni-muenchen.de, abgerufen am 2. Januar 2026; nur Text, ohne Abbildungsteil) Er war vor seinem Abtransport nach Österreich im August 1857 im Münchner Glaspalast ausgestellt worden. Durch die neue Konzeption des Altares entstand die Einbindung des gotischen Sakramentshäuschen an der linken Seite der mittleren Apsis. Bemerkenswert ist das mit sechs verschiedenen durchbrochenen Wirbelmustern ausgestattete Türchen des Sakramenthäuschens. Gegenüber steht die Priesterbank mit dem gotischen Baldachin. Auf der Westempore befand sich die von Franz Xaver Krismann gebaute Orgel, an der auch Anton Bruckner gespielt hat. In linken Seitenschiff befindet sich an der Rückwand ein Bild des Heiligen Sebastian von Carl Ritter von Reslfeld. An der Wand über der Taufkapelle hängt das vom selben Künstler für den Hochaltar geschaffene Altarbild mit der Darstellung der Anbetung der Weisen. Zentrum der Taufkapelle in der Turmhalle ist das Taufbecken, das aus Zinnplatten über einem Holzkern mit Relief und reichem Ornament gearbeitet ist. Die Sakristeitür ist eine Arbeit aus Nürnberg aus dem Jahr 1470 mit dem Wappen der Stadt Nürnberg, dem Reichsadler mit gekröntem Löwen.
Eine Besonderheit ist das spätbarocke eiserne Sonnenblumenepitaph, das sich ehemals in der Westgruft befand. Es erinnert an die Pockenepidemie 1703.
Orgel mini|Orgel der Stadtpfarrkirche mini|hochkant|Das alte Barockgehäuse der Orgel in Reichenthal
Eine erste große Orgel stammte vom Meister Hans Lauss (1478) und verblieb bis zum Brand 1522 in der Kirche. Die Nachfolgerin des kaiserlichen Orgelbauers Jacob (1544) wurde mehrmals umgebaut, bis sie ab 1774 durch die Orgel Franz Xaver Krismanns ersetzt wurde.