mini|300px|Hirschkuh (Alttier) mini|300px|Jungtier (Kalb) Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist eine Art der Echten Hirsche. In der Jägersprache spricht man vom Rotwild. Wie bei den meisten anderen Vertretern der Hirsche bildet nur das männliche Tier jährlich ein Geweih aus. Im mitteleuropäischen Raum ist der Rothirsch eines der größten freilebenden Wildtiere und kommt hier fast nur noch in Waldbiotopen vor. Ursprünglich war er Bewohner offener und halboffener Landschaften.

Rothirsche sind in mehreren Unterarten in Eurasien verbreitet. Der nordamerikanische Wapiti wurde lange als Unterart des Rothirsches eingeordnet, wird heute aber zusammen mit den ostasiatischen Rothirschen als eigenständige Art geführt.

Als invasive Art zählt der Rothirsch laut IUCN zu den weltweit 100 gefährlichsten Neobiota, da seine Anwesenheit Lebensräume verändert, einheimische Arten dezimiert und Schäden in der Landwirtschaft anrichtet.Global invasive species database. Cervus elaphus. IUCN Specialist Group, abgerufen am 19. Februar 2026Feral red deer. Queensland Gouvernment, abgerufen am 19. Februar 2026

Merkmale Körpergröße und Gewicht mini|Hirschkuh, Rothirsch und Kalb (von links nach rechts) Der Rothirsch ist eine der größeren Hirscharten, wobei es zwischen den Unterarten teilweise erhebliche Unterschiede bezüglich der Körpergröße gibt. In der Regel liegt die Kopf-Rumpf-Länge männlicher Tiere bei 180 bis 205 Zentimeter, die der weiblichen bei 165 bis 180 Zentimeter, hinzu kommt jeweils ein 14 bis 16 Zentimeter langer Schwanz. Entsprechend beträgt die Schulterhöhe 105 bis 130 beziehungsweise 95 bis 115 Zentimeter.S. Mattioli: Family Cervidae (Deer). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 2: Hooved Mammals. Lynx Edicions, Barcelona 2011, ISBN 978-84-96553-77-4, S. 350–443 (S. 422–423). Ebenso schwankt das Gewicht beträchtlich. Besonders kleinwüchsige Tiere leben auf Sardinien und Korsika. Sie erreichen dort nur ein Gewicht bis zu 80 Kilogramm.Ferdinand von Raesfeld, Kurt Reulecke: Das Rotwild. Paul Parey, Hamburg/Berlin 1988, ISBN 3-490-40812-8, S. 35. Die schwersten Individuen wurden bisher in den Karpaten und in Bulgarien beobachtet, hier erreichen Männchen bis zu 350 Kilogramm, Weibchen bis zu 200 Kilogramm Körpergewicht. Ausgewachsene Männchen sind in der Regel um 10 bis 15 Prozent größer und 50 bis 70 % schwerer als ausgewachsene Weibchen (Hirschkühe).Wilfried Bützler: Rotwild – Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, München 2001, ISBN 3-405-16174-6, S. 33.

Ebenso sind auch markante Gewichtsunterschiede innerhalb der in Mitteleuropa verbreiteten Populationen belegt. Im Harz, Reinhardswald und der Region Westfalen geschossene zehnjährige Tiere wogen durchschnittlich zwischen 100 und 113 Kilogramm.Ferdinand von Raesfeld, Kurt Reulecke: Das Rotwild. Paul Parey, Hamburg/Berlin 1988, ISBN 3-490-40812-8, S. 38. Im Wallis dagegen wogen gleichaltrige Individuen 148 Kilogramm und im Gebiet um Hohenbucko, Brandenburg 168 Kilogramm.Wilfried Bützler: Rotwild – Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, München 2001, ISBN 3-405-16174-6, S. 30–33. Der Rothirsch unterliegt allerdings im Jahresverlauf beträchtlichen Gewichtsunterschieden: Männliche Tiere erreichen ihr jährliches Gewichtsmaximum in der Regel kurz vor der Brunft und verlieren dann während der Brunft bis zu 25 Prozent ihres Körpergewichts.Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 35. Zu den Größen- und Gewichtsunterschieden zwischen einzelnen Populationen derselben Unterart tragen unterschiedliche Ernährungsbedingungen und Klimaeinflüsse bei. Grundsätzlich nehmen Körpergröße und Körpergewicht des Rothirsches von West- und Nordwesteuropa mit ozeanischem Klima in Richtung Ost- und Südosteuropa mit kontinentalem Klima zu. Diese Größenunterschiede entsprechen der Bergmannschen Regel, die besagt, dass warmblütige Tiere einer Art in kälterem Klima durchschnittlich größer sind.Wilfried Bützler: Rotwild – Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, München 2001, ISBN 3-405-16174-6, S. 30.

Besondere Merkmale des Körperbaus mini|Auge und Voraugendrüse des Rothirsches Der Rothirsch weist eine breite Brust, einen verhältnismäßig langen, schlanken Hals sowie einen nach vorn verschmälerten Kopf auf. Der Schwanz verschmälert sich zur Spitze hin. Der Rothirsch hat mittelgroße Augen, zugespitzte Ohren von halber Kopflänge und hohe schlanke Füße. Die Afterklauen berühren bei normaler Fortbewegung den Boden nicht. Die Wirbelsäule ist gerade gestreckt und weist den Rothirsch als Läufertypus aus, während das nicht zu den Echten Hirschen (Cervini), doch ebenfalls zur Familie Hirsche (Cervidae) zählende Reh mit seiner leicht gekrümmten und nach vorn abfallenden Wirbelsäule im Vergleich dazu dem Schlüpfertypus zuzurechnen ist. Rotwild, das sich bedroht fühlt, flüchtet in schnellem und ausdauerndem Lauf. Die Tiere galoppieren nur über kurze Strecken. Die normale Laufform auf der Flucht ist ein weitausgreifender und kräfteschonender Trab. Wagenknecht, S. 47.

Das Rothirschgebiss besteht aus 34 Zähnen. Im oberen Gebiss fehlen die Schneidezähne. Dort finden sich auf jeder Kieferseite je ein Eckzahn, drei Vormahlzähne, die sogenannten Prämolare, und drei Mahlzähne, die Molare. Zwischen den Eck- und den Backenzähnen besteht eine Lücke, das sogenannte Diastema. Das untere Gebiss entspricht im Aufbau dem oberen. Hier bestehen zusätzlich je Gebisshälfte aber noch drei Schneidezähne.Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 48, S. 51 und S. 52.

Der Rothirsch weist eine Reihe von Duftdrüsen auf, deren Duftsignale im Sozialleben eine Rolle spielen. Auffällig ist die Voraugendrüse (auch Tränengruben oder Anorbitalorgan), die allen geweihtragenden Hirschen zu eigen ist. Voraugendrüsen sondern besonders zur Brunftzeit ein markant riechendes, bräunliches Sekret ab, die sogenannten Hirschtränen, welche die Tiere durch Reiben an Bäumen oder Sträuchern zur Markierung abstreifen. Eine weitere Duftdrüse ist das Metatarsalorgan, das sich an der Außenseite der Hinterläufe dicht unter dem Sprunggelenk befindet. Das Sekret dieser Drüse wird am niedrigen Bodenbewuchs abgestreift, so dass die Tiere eine Duftfährte hinterlassen. Das Circumcaudalorgan oder Wedeldrüse sitzt beim Rothirsch in der Nähe der Schwanzwurzel. Es schwillt während der Brunft stark an. Durch Beknabbern und Belecken verteilen die Tiere das Sekret dieser Drüse in ihrem Haarkleid.Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 42. Auch das noch mit Bast überzogene Geweih besitzt zahlreiche Duftdrüsen, die ein gelblich-braunes Sekret absondern. Dieses Sekret wird an Zweigen und Grashalmen abgestreift und hinterlässt eine sehr dauerhafte Duftfährte.Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 105.

Haarkleid mini|hochkant|Spiegel einer Hirschkuh Die Färbung des Haarkleides variiert in Abhängigkeit von Jahreszeit, Geschlecht und Alter. Von den Tasthaaren am Maul abgesehen, werden sämtliche Haare zweimal jährlich gewechselt.Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 39.

In Mitteleuropa setzt das Wachstum des Sommerfells im Mai bis Juni ein. Es hat einen, für den Rothirsch charakteristischen, rotbraunen Haselnusston. Im September bis Oktober wechselt die Mehrzahl der Tiere zu einem graugelben bis graubraunen Winterfell. Bei älteren Individuen kann dieser Fellwechsel auch schon im August einsetzen. Das Winterfell ist im Vergleich zum Sommerfell struppiger und besitzt unter den Grannenhaaren ein dichteres Wollhaar. Winterhaare sind im Durchschnitt doppelt so lang wie die Sommerhaare. Während Sommerhaare einen ovalen Querschnitt haben, ist dieser beim Winterhaar rund und hohl, wodurch eine wärmende Luftpolsterung entsteht.Wilfried Bützler: Rotwild – Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, München 2001, ISBN 3-405-16174-6, S. 33 und Raesfeld, S. 46.

Das Haarkleid der Kälber ist rotbräunlich mit dichten weißen Fleckenreihen. Diese sogenannten Kälberflecken werden im Verlauf der Sommermonate durch nachwachsende Haare überdeckt.

Häufig zieht sich ein Aalstrich vom Nacken bis zum Ansatz des Schwanzes. Für den Rothirsch ist es zudem charakteristisch, dass sich die Hinterseite des Oberschenkels deutlich von der übrigen Fellfarbe unterscheidet. Die Färbung dieses Spiegels ist grauweiß bis gelblich-weiß. Der Spiegel ist von schwärzlichen Haaren umrahmt und damit deutlich gegen die übrige Rückenpartie abgesetzt. Beim Rothirsch ist der Hodensack häufig ebenfalls sehr hell gefärbt. Angeführt vom weiblichen Leittier geht vom Spiegel bei Flucht eine Signalwirkung aus, die das Rudel zusammenhält.

Den in West- und Nordeuropa beheimateten männlichen Individuen wächst vor der Brunft eine Halsmähne, die am Vorderhals bis zu fünfzehn Zentimeter lang werden kann. Diese Tiere werden unabhängig von ihren Unterarten dem sogenannten elaphoiden Typ zugerechnet. Der in Südosteuropa beheimatete Rothirsch des maraloiden Typs ist dagegen fast oder völlig mähnenlos.Wilfried Bützler: Rotwild – Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, München 2001, ISBN 3-405-16174-6, S. 34 und Raesfeld, S. 24. Männliche Tiere weisen außerdem ein dunkles, gekräuseltes oder gewelltes Stirnhaar auf.

mini|Blesswild (Rothirsch im Wildpark Eekholt) Abweichende Fellfärbungen treten auch in freier Wildbahn auf. Die weiße Fleckung, wie sie für Kälber typisch ist, bleibt gelegentlich deutlich abgeschwächt bei adulten Individuen erhalten. In einigen Populationen weisen einige der Tiere am Kopf eine weiße Blesse auf, oder sie sind an den Fesseln weiß gefärbt.

Auch rein weiße Tiere sind in seltenen Fällen in freier Wildbahn zu beobachten. In Wildgehegen und -gattern werden solche Farbmutationen, die auch als Blesswild bezeichnet werden, mitunter gezielt gepflegt. Anders als beim Reh oder Damhirsch, wo Tiere mit einem schwarzen Haarkleid häufiger zu beobachten sind, ist Melanismus beim Rothirsch äußerst selten.Ferdinand von Raesfeld, Kurt Reulecke: Das Rotwild. Paul Parey, Hamburg/Berlin 1988, ISBN 3-490-40812-8, S. 49.

Im Reinhardswald im Norden Hessens sind geschätzt 50 Tiere in der 1000 Individuen zählenden Rothirschpopulation weiß. Genetische Untersuchungen zeigen, dass in zwei Gebieten 16 bzw. 26 Prozent das „weiße Gen“ in sich tragen. Nur wenn es beide Eltern tragen, wird das Junge weiß, was pro Jahr etwa zweimal vorkommt. Die weißen Tiere sind zwar nicht geschützt, werden aber aus jägerischem AberglaubenIlse Haseder, Gerhard Stinglwagner: Knaurs Großes Jagdlexikon, Weltbild, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-1579-5, S. 448 Stichwort: Jägeraberglaube. heraus nicht geschossen.Rätsel um weiße Hirsche gelöst orf.at, 6. Juli 2017, abgerufen am 6. Juli 2017.

Geweih mini|hochkant|Rothirsch mit ungefegtem Geweih. Folgende jagdliche Bezeichnungen sind beim Rothirschgeweih üblich: 1 – Krone; 2 – Mittelsprosse; 3 – Eissprosse; 4 – Augsprosse; 5 – Rosen; 6 – Geweihstange mini|Rothirsch mit Rosenstock einen Tag nach dem Geweihabwurf; im Hintergrund einige Hirschkühe.