mini|Hauptgebäude auf dem Campus Merseburg (sanierter Zustand 2014)

Die Technische Hochschule Leuna-Merseburg (THLM), bei ihrer Gründung zunächst als Technische Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg (THC) bezeichnet, war eine Technische Hochschule mit Promotionsrecht in Merseburg im heutigen Land Sachsen-Anhalt. Sie entstand am 1. September 1954 und wurde 1964 nach Carl Schorlemmer benannt. Auf dem Gelände der THLM wurde 1992 die als Fachhochschule konzipierte Hochschule Merseburg gegründet. Zum 31. März 1993 erfolgte die Aufhebung der THLM.

Gründung, Entwicklung, Namensänderungen und Aufhebung Am 1. September 1954 wurde die Technische Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg (THC) mit einem Festakt in Halle (Saale) gegründet. Am 19. Oktober 1954 wurden im Klubhaus der Leuna-Werke in Leuna die ersten 207 Chemie-Studenten immatrikuliert und gleichzeitig als Gründungsrektor der Mathematiker Herbert Dallmann in sein Amt eingeführt; der Grundstein für den Campus Merseburg wurde gelegt. In der unmittelbar benachbarten Stadt Leuna gab es trotz des Namens der Hochschule jedoch niemals einen Standort, wohl aber das größte Chemiewerk der DDR.

Gründungsziel war die Schaffung einer Technischen Hochschule mit einem anwendungsorientierten Profil, das verfahrenstechnische Technologie mit Theorie und Ökonomie verbindet sowie durch Ausbildung, Weiterbildung und Forschung zur personellen und wissenschaftlichen Unterstützung der mitteldeutschen Chemieindustrie beiträgt.

Die Gründung dieser speziell auf die chemische Großindustrie zugeschnittenen Hochschule ist als eine Spätfolge der beiden Weltkriege sowie der Spaltung Deutschlands und der aktuellen Ereignisse vom 17. Juni 1953 anzusehen. Nur wenige Wochen nach diesen wirtschaftspolitisch bedingten Unruhen in der DDR, die in der Führungsspitze um Walter Ulbricht einen Schock auslösten, wurden mehrere Hochschulgründungen durch den Ministerrat der DDR im August 1953 beschlossen. Damit sollte der Industrie die fehlende Unterstützung gegeben werden, um deren Leistungsfähigkeit mittelfristig spürbar zu erhöhen und damit den Lebensstandard in Richtung auf das westdeutsche Niveau zu entwickeln.

Zu diesen Hochschulgründungen gehörten die spätere TH Karl-Marx-Stadt (heute TU Chemnitz) mit ihrem Profil Maschinenbau. Die Elektrotechnik wurde profilmäßig auf die spätere TH Ilmenau (heute TU Ilmenau) und die HfV Dresden übertragen. Auf den Schwermaschinenbau wurde die spätere TH Magdeburg (heute Otto-von-Guericke-Universität) ausgerichtet. Dem Bauwesen wurde die Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar und die Hochschule für Bauwesen Cottbus zugeordnet. Die Hochschule für Bauwesen Leipzig war ebenfalls eine Neugründung aus dem Jahre 1954, aus der dann 1977 zusammen mit mehreren Vorgängereinrichtungen die benachbarte Technische Hochschule Leipzig mit ihrem Profil Bauwesen, Polygrafie sowie Automatisierungs- und Elektrotechnik gebildet wurde.

mini|Leuna-Werke (1958) mini|Buna-Werke (1985) Als Standort für eine TH für Chemie im mitteldeutschen Chemiedreieck zwischen den Städten Leipzig, Halle/Merseburg und Dessau/Bitterfeld war ursprünglich die Großstadt Leipzig vorgesehen; dieser Vorschlag wurde aber wegen zu großer Aktivitäten bei den Unruhen vom 17. Juni wieder verworfen. Den Zuschlag bekam Merseburg als deutlich kleinere und ruhigere Stadt, die sich zwischen zwei „Chemie-Riesen“ befindet: Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ in Leuna mit damals rd. 30.000 Beschäftigten, entstanden im Ersten Weltkrieg zur Herstellung von Ammoniak nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Buna-Werke in Schkopau mit damals rd. 20.000 Beschäftigten, entstanden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zur Herstellung von Plasten und Elasten, insbesondere für Kunstkautschuk zur Reifenproduktion aus einheimischen Rohstoffen (Braunkohle).

Die THC wurde zunächst dem Ministerium für Schwerindustrie unterstellt, im Dezember 1955 dann dem neu gebildeten Ministerium für Chemische Industrie. Seit Februar 1958 gehörte die THC zum Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, dem späteren Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen.

Im September 1959 fand eine Festwoche zum 5-jährigen Bestehen der THC statt. Zur Hochschule gehörten bereits 947 Studenten (davon 48 Ausländer) mit 774 Wohnheimplätzen, 35 Professoren, 115 Wissenschaftliche Mitarbeiter, insgesamt 581 Beschäftigte. Die Anzahl der Institute hatte sich auf 18 erhöht. Diese Festwoche entwickelte sich zu einem festen Bestandteil der Hochschultradition und wurde jeweils im 5-jährigen Abstand im Herbst begangen: 1964 zum 10-jährigen Bestehen der THC. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Hochschule 1.940 Studenten, 39 Professoren, 211 Wissenschaftliche Mitarbeiter sowie 25 Institute. Auf Beschluss des Präsidiums des Ministerrates wurde ihr der Name Technische Hochschule für Chemie „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg verliehen. Das 15-jährige Bestehen der THC wurde 1969 mit 2.670 Studenten sowie mit 55 Professoren und 347 Wissenschaftlichen Mitarbeitern begangen. 1974 zum 20-jährigen Bestehen hatte die THC inzwischen 2.950 Studenten, für die 4.009 Wohnheimplätze zur Verfügung standen. Die Anzahl der Professoren war auf 55 gestiegen, denen 347 Wissenschaftliche Mitarbeiter zur Seite standen.

Ab Januar 1975 führte die Hochschule die Bezeichnung Technische Hochschule „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg (THLM), der Zusatz „für Chemie“ war also entfallen. Zum 25-jährigen Jubiläum 1979 hatte die THLM eine Studentenzahl von 2.720, es standen weiterhin 4.009 Wohnheimplätze zur Verfügung. 72 Professoren und 437 Wissenschaftliche Mitarbeiter waren tätig bei einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 1.764. Die Festwoche von 1984 war dem 30-jährigen Bestehen der THLM und dem 150-jährigen Geburtstag von Carl Schorlemmer gewidmet. Die Studentenzahl hatte 3.114 erreicht mit 3.690 Wohnheimplätzen. An der Hochschule wirkten 79 Professoren und 386 Wissenschaftliche Mitarbeiter. Die Gesamtzahl der Beschäftigten betrug 1.742. Im September 1989 beging die THLM ihr 35-jähriges Bestehen. Ihr gehörten damals 2.848 Studenten, 76 Professoren und 432 Wissenschaftliche Mitarbeiter an.

Die demokratische Erneuerung wurde an der Hochschule am 30. Oktober 1989 mit einem Gespräch des amt. Rektors Hans-Joachim Aust mit den Unterzeichnern eines entsprechenden Aufrufes eingeleitet. Am 13. November sprach sich das Kollegium für die Trennung von staatlicher Leitung und SED-Parteiorganisation aus. Am 20. November wurde die Rektorin Margit T. Rätzsch von ihrer Funktion vorzeitig entbunden. Es folgten eine Reihe weiterer Schritte auf diesem Wege der Erneuerung. Am 7. Mai 1990 wählte der neue Wissenschaftliche Rat als Rektor Egon Fanghänel, als Prorektor für Wissenschaftsentwicklung Wolfgang Fratzscher und als Prorektor für Studienangelegenheiten Rolf Kümmel. Der Senat bildete im September 1990 eine Kommission zur Rehabilitation und Vergangenheitsbewältigung (Leitung: Georg C. Brack).

Unmittelbar nach der Wiedervereinigung wurde die Hochschulbibliothek als erste in den Neuen Bundesländern an das Wissenschaftsnetz der BRD geschaltet und ein STN-Schulungszentrum an der THLM eröffnet (Leitung: Bibliotheksdirektor Klaus Krug). Die 162. Hochschulrektorenkonferenz nahm die THLM im November 1990 als Mitglied auf. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt hatte Anfang Dezember die Abwicklung der THLM beschlossen. Im März 1991 erfolgte die Evaluierung der THLM durch eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats mit dem im Juli veröffentlichten Ergebnis, dass die drei leistungsstarken und konkurrenzfähigen Fachbereiche Chemie, Verfahrenstechnik sowie Werkstoff- und Verarbeitungstechnik mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) vereinigt werden sollten. Hierzu wurde eine paritätische Integrationskommission gebildet, die diesen Vereinigungsprozess vorbereitete und begleitete. Die Angliederung wurde im ersten Hochschulstrukturgesetz Sachsen-Anhalts geregelt.Erstes Hochschulstrukturgesetz des Landes Sachsen-Anhalt (Errichtung von Fachhochschulen, Aufhebung von Hochschulen) vom 10. März 1992. Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Sachsen-Anhalt, 3. Jg., Nr. 9 vom 12. März 1992 (§ 2, Abs. 4). Im September 1991 waren nur noch 1.854 Studenten an der THLM eingeschrieben, für die 3.579 Wohnheimplätze zur Verfügung standen. Die Gesamtzahl der Beschäftigten betrug 1.450, davon 71 Professoren und 398 Wissenschaftliche Mitarbeiter; es bestanden 30 Institute. Das erste Hochschulstrukturgesetz (HSG) des Landes Sachsen-Anhalt vom 28. Februar 1992 legte die Aufhebung der THLM fest. Zum 31. März 1993 erfolgte dann die juristische Aufhebung der Technischen Hochschule „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg. Letzter Rektor war der Mathematiker Alfred Göpfert, der dieses Amt erst am 14. Dezember 1992 übernommen hatte. Sein Aufhebungsbeauftragter war der promovierte Chemiker P. Schumacher. Das benachbarte Land Sachsen folgte ebenfalls den Empfehlungen des Wissenschaftsrates und hat fünf Technische Hochschulen geschlossen: Technische Hochschule Leipzig, HfV Dresden, IH Mittweida, TH Zittau, TH Zwickau. An ihrer Stelle wurden weniger kostenintensive Fachhochschulen neu gegründet.

Rektoren Das Rektorat der THLM wurde insgesamt von 11 Rektoren geleitet, die vom Akademischen Senat der Hochschule gewählt wurden:

Herbert Dallmann (1909–1996), Mathematiker, Gründungsrektor von 1954 bis 1955 Eberhard Leibnitz (1910–1986), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1955 bis 1961, Rektor von 1955 bis 1958 Heinz Schmellenmeier (1909–1994), Physiker, Lehrtätigkeit und Rektor von 1958 bis 1961 Elmar Profft (1905–1978), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1956 bis 1961, Rektor vom März 1961 bis zum Dezember 1961 Rolf Landsberg (1920–2003), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1955 bis 1964, Rektor von 1962 bis 1964 Hans-Joachim Bittrich (1923–2010), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1961 bis 1988, Rektor von 1964 bis 1968 Hans-Heinz Emons (* 1930), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1964 bis 1975, Dekan der Chemischen Fakultät von 1966 bis 1968, Rektor von 1968 bis 1975 Gert Naue (* 1934), Strömungstechniker, Lehrtätigkeit von 1965 bis 1992, Rektor von 1975 bis 1981 Margit T. Rätzsch (1934–2016), Physikochemikerin, Lehrtätigkeit von 1959 bis 1993, Rektorin von 1981 bis 1990 Egon Fanghänel (1935–2023), Chemiker, Lehrtätigkeit von 1968 bis 1993, Rektor von 1990 bis 1992 (MLU: bis 2000) Alfred Göpfert (1934–2023), Mathematiker, Lehrtätigkeit von 1974 bis 1993, Rektor von 1992 bis 1993 (MLU: bis 1999).

Prorektorate