mini|Video: Altarabische Gottheiten (u. a mit Hubal, al-Lāt, Al-Manât und al-ʿUzzā) Als altarabische Gottheiten werden Göttinnen und Götter der altarabischen Religion bezeichnet, die von den arabischen Stämmen verehrt wurden, bevor sie sich zum Islam bekannten. Nach islamischer Tradition waren die ersten Araber zur Zeit von Ibrahim und seinem Sohn Ismail Monotheisten. Später aber hätten sie dem wahren Gott andere Götter beigestellt () und begonnen, sie zu verehren und ihnen zu opfern. Bereits in der Sprache des Korans finden sich zwei Wörter, stets im Plural, für die Bezeichnung von Idolen: und .
Die Quellen mini|hochkant=1.7|Felszeichnungen von al-Mukattaba (ca. 3./4. Jh.) mit Götternamen in nordarabischer Schrift.
Über diese vorislamischen Gottheiten gibt es heute nur wenige archäologisch und epigraphisch verwertbare Zeugnisse. Die Primärquellen zur Dokumentation altarabischer Gottheiten auf der Arabischen Halbinsel sind die Materialsammlungen der arabischen Epigraphik, die die Namen vieler Gottheiten verzeichnen, ohne aber über ihre Funktion und Stellung im religiösen Leben der Araber Verwertbares auszusagen. Viele der Funde – meistens Felsinschriften – enthalten bildliche Darstellungen, wie dies die Zusammenstellung der Inschriften von Frederick Victor Winnett zeigt.. Paris 1887 ff.
Das älteste Zeugnis altarabischer Religion ist ein assyrischer Text des Königs Assarhaddon (681–669 v. Chr), wonach Ḥazaʾil, König der arabischen Qedar, den assyrischen König bittet, ihm seine Götterbilder zurückzusenden, die die Assyrer im Kriege erbeutet hatten. Die Götter sind Atarsamain, Dai, Nuhai, Ruldaiu, Abirilu und Atarquruma. Nur drei dieser Gottheiten tauchen in späteren Quellen auf, so in Inschriften aus Duma in der Triade h-rḍw w-nhy w-ʾtrsm (Ruḍā und Nuhay und ʿAttarsamāʾ). Der griechische Historiker Herodot († 425 v. Chr.) erwähnt in seinen Historien die arabischen Gottheiten Orotalt (III/8) und Alilat (I/131, III/8) und setzt sie mit Dionysos und Aphrodite Urania gleich.
Das „Götzenbuch“ von Ibn al-Kalbi Der wichtigste Autor, der ein Werk über die vorislamische Religion und die Idolatrie der Araber verfasst hat, ist der Historiker und Genealoge Ibn al-Kalbī (Hischam ibn Mohammed ibn as-Sa'ib al-Kalbi, * um 737; † 819 oder 821).W. Atallah: al-Kalbi. In: The Encyclopaedia of Islam. Band 4, Leiden 1978, S. 494–496. In seinem beschreibt er die altarabischen Gottheiten und die mit ihnen verbundenen Sitten überwiegend nach mündlichen Überlieferungen seiner Zeit. Die ersten Ergänzungen zum Grundwerk sind am Ende der von Ahmad Zaki Pascha erworbenen und publizierten Handschrift (s. unten) bereits im frühen 12. Jahrhundert eingetragen worden. Dieses Werk haben dann mehrere muslimische Historiker bis in das 13. Jahrhundert hinein ausgewertet, zitiert und in der uns vorliegenden Handschrift mit Randglossen versehen. Auszüge daraus – wenn auch nur paraphrasiert – sind in der Folgeliteratur ebenfalls aus dem 12. und 13. Jahrhundert erhalten. Der Geograph und Literaturhistoriker Yaqut (gest. 1229) übertrug den größten Teil des „Götzenbuches“ von Ibn al-Kalbi in sein geographisches Wörterbuch, verteilt auf die einzelnen Götternamen in der alphabetischen Anordnung seines Werkes.
Der deutsche Orientalist Julius Wellhausen hat in seinem heute noch maßgeblichen Werk Reste arabischen Heidentums die von Yaqut nach Ibn al-Kalbi zitierten Angaben zum vorislamischen Götzenkult ausgewertet und damit erstmals eine wertvolle Monographie über die altarabischen Gottheiten der vorislamischen Zeit vorgelegt. Das Original blieb allerdings weiterhin verschollen.
mini|Blatt aus dem „Götzenbuch“ mit Randglossen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es dem ägyptischen Forscher Ahmad Zaki Pascha, auf die bis heute einzige Handschrift von Ibn al-Kalbis „Götzenbuch“ in der Privatsammlung eines algerischen Gelehrten zu stoßen und sie durch Kauf zu erwerben. Die bis dahin unbekannte Handschrift stellte er auf dem Weltkongress der Orientalisten in Athen im Jahre 1912 erstmals der Öffentlichkeit vor.Vorwort in der 1. Auflage, S. 35–36. 1914 erschien in einer sorgfältigen Edition die erste Auflage: Ibn el Kalbi: ().In der 2. Auflage (Kairo 1924) sind Vorwort und Einleitung der nicht mehr vorhandenen 1. Auflage vom 4. Januar 1914 abgedruckt. Der Herausgeber zählt im Anhang zur Edition (S. 107–111) 49 weitere Idole auf, die bei Ibn al-Kalbi nicht erwähnt sind. Eine originalgetreue Neuausgabe als Nachdruck dieses Werkes besorgte die Orientalistin Rosa Klinke-Rosenberger mit einer deutschen Übersetzung und einem reichhaltigen Kommentar: Das Götzenbuch. Kitāb al-aṣnām des Ibn al-Kalbī. Leipzig 1941. Diesem Buch wurden die untenstehenden Zitate nach Ibn al-Kalbi entnommen.Über das Buch des Ibn al-Kalbi, einschließlich Rezensionen zur Edition, siehe: Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Brill, Leiden 1967 Bd. 1. S. 270.
Die englische Übersetzung des Werkes hat Nabih Amin Faris (Princeton 1952) mit wissenschaftlichen Anmerkungen besorgt. Wahib Atallah hat das Buch ins Französische übersetzt und kommentiert: Les Idoles de Hicham Ibn al-Kalbi. Paris 1969.
mini|Titelblatt des Werkes (Bd. I.) von al-Alusi
Die frühen Exzerpte aus Ibn al-Kalbis Werk in den Schriften arabischer Genealogen des 11. und 12. Jahrhunderts – nicht aber das von Ahmad Zaki Pascha publizierte Original – verarbeitete der irakische Gelehrte Mahmud Shukri al-Alusi († 1924)The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden, Band 1, S. 425, Nr. 10;Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Supplementband 2. S. 785–789. Brill, Leipzig 1938 (Über ihn und andere Mitglieder der Gelehrtenfamilie al-Alusi). in seinem heute nunmehr „klassischen“ , gedruckt in drei Bänden in Bagdad 1314 H. Neudruck in Kairo 1342 H (3. unveränderte Auflage), ein Werk, das heute wegen seiner Bedeutung zu den bibliographischen Raritäten im Orient zählt.
Zweifelsfrei stellt das Götzenbuch des Ibn al-Kalbi eine religionsgeschichtlich wertvolle Quelle dar. In der historisch bedeutsamen Epoche des Übergangs von der Dschāhilīya zum Islam im 7. Jahrhundert hat es .Henrik Samuel Nyberg: Bemerkungen zum Buch der Götzenbilder. In: Le Monde Oriental. Jahrgang 1939. S. 366; Rosa Klinke-Rosenberger, S. 26–27 (Einleitung). Die Darstellungen werden von zahlreichen Gedichten über die Gottheiten begleitet, deren Ursprünge nach dem heutigen Forschungsstand weit in die vorislamische Zeit zurückreichen. Das Götzenbuch ist eine grundlegende Quelle für das Verständnis ältester Religionsverhältnisse der Araber in der vorislamischen Zeit. Die vom Verfasser überlieferten Gedichte „...bieten einen Einblick in viele primitive Gebräuche des heidnischen Arabiens, die viele alte, charakteristische Formen dieser Religionsstufe überliefern.“Rosa Klinke-Rosenberger, S. 26 (Einleitung).
Ein weiteres Werk aus dem 9. Jahrhundert dürfte den vorislamischen Götzenkult, wie der Buchtitel darauf schließen lässt, ebenfalls sehr detailliert behandelt haben. Der Autor war ein gewisser 'Ali ibn al-Husain ibn Fudail und sein Buch hieß: .. New Edition. Leiden, Brill, Bd. 11, S. 176. Der Bagdader Buchhändler Ibn al-Nadim († gegen 995) verzeichnet dieses Werk noch in seinem „Index“.Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Leiden, Brill 1967. Bd. I. S. 385–388; . New Edition. Leiden, Brill, Bd. 3, S. 895.
Die Prophetenbiographie von Ibn Ishaq Die Sira von Ibn Ishāq ist das älteste Werk zur Darstellung des Lebens von Mohammed. Es enthält grundlegende Informationen vor allem über die vorislamischen Idole der Mekkaner, die in und außerhalb des Heiligtums der Kaaba in Mekka aufgestellt und in der gesamten mekkanischen Periode der Prophetie – und dann bis zur Eroberung Mekkas im Jahre 630 durch die Muslime der medinensischen Gemeinde – von den Polytheisten verehrt worden sind. Diese Berichte konzentrieren sich vor allem auf Erzählungen über die Vernichtung vorislamischer Gottheiten in Mekka und dessen Umgebung nach der Eroberung der Stadt im Januar 630.W. Montgomery Watt: . Oxford 1972 (reprint), S. 65–66.
Die islamische Universalgeschichte Vor allem at-Tabarī in seiner berühmten und umfassenden annalistischen Geschichte des Islams zitiert Nachrichten in der Überlieferung seiner Vorgänger über den Götzenkult der vorislamischen Araber. Sein Werk liegt heute in englischer Übersetzung vor.. State University of New York Press. Andere Kompilatoren wie al-Balādhurī im 3. und Ibn ʿAsākir im 6. muslimischen Jahrhundert (9. bzw. 12. Jahrhundert n. Chr.) haben zu den alten Inhalten nichts Neues beigetragen.
In dieser Hinsicht bilden die wertvollen Angaben des ägyptischen Historikers al-Maqrizi (1364–1442)Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Supplementband II. S. 37–38. Leiden 1938; . New Edition. Brill, Leiden, Bd. 6, S. 193. eine Ausnahme. Der Verfasser überliefert in seinem nur handschriftlich zugänglichen Werk einige Berichte über die Idole der Medinenser am Vorabend des Islam nach älteren Quellen aus der Stadtgeschichte Medinas, die Ibn al-Kalbi offenbar nicht bekannt gewesen sind. Er nennt die Namen von Idolen, die bei den Stämmen der Aus und Chazradsch und in ihren Unterstämmen verehrt worden sind. Der Kult um einige Götzen war nur auf einzelne Familien beschränkt.Michael Lecker: . In: 106 (1993), S. 331–346 (mit dem Originaltext im Anhang).
Die Stadtgeschichte von Mekka Das älteste erhaltene Werk über die Geschichte Mekkas geht auf Al-Azraqī († 837) zurück: . Es ist in der Bearbeitung seines Enkels Muḥammad ibn ʿAbdallāh ibn Aḥmad al-Azraqī († 865) erstmals vom deutschen Orientalisten Ferdinand Wüstenfeld publiziert worden.Die Chroniken der Stadt Mekka. In: Die Geschichte und Beschreibung der Stadt Mekka von al-Azraqi. Leipzig 1858; Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I. S. 344. Brill, Leiden 1967. Der Verfasser liefert über den Götzenkult zahlreiche Nachrichten, die im mekkanischen Gelehrtenleben noch in seiner Zeit kursierten, die bei Ibn al-Kalbī allerdings nicht erhalten sind. Die legendenhaften Erzählungen über den Ursprung des mekkanischen Heiligtums in der vorislamischen Zeit werden in zum Teil kontroversen Überlieferungsvarianten und aus der Sicht des islamischen Monotheismus dargestellt.J. W. Fück: Der Ahn des Azraqi. In: . Rom 1956. Bd. 1, S. 336–40; . New Edition. Brill, Leiden. Bd. 1, S. 826 (al-Azraqī).
Die Geschichte der Idolatrie bei den Arabern Da die Arabische Halbinsel, mit Ausnahme Südarabiens, archäologisch kaum erschlossen ist und die Idole beim Aufkommen des Islam schon in der Zeit Mohammeds vernichtet worden sind, kann die Entstehung des Götzenkultes nur anhand legendenhafter Berichte aus der Feder islamischer Genealogen, vor allem Ibn al-Kalbi und Ibn Ishaq aufgezeigt werden. Hinzu kommen einige Überlieferungsfragmente in der Koranexegese über diejenigen Koranverse, in denen von den vorislamischen Idolen und den heidnischen Sitten der Araber die Rede ist.
In Sure 3, Vers 96–97 ist das Gotteshaus in Mekka – die Kaaba – das ursprüngliche Zentrum des Monotheismus:
„Das erste (Gottes)haus, das den Menschen aufgestellt worden ist, ist dasjenige in Bakka (d.i. Mekka), (aufgestellt) zum Segen und Rechtleitung für die Menschen in aller Welt. In ihm liegen klare Zeichen vor. (Es ist) der (heilige) Platz Abrahams.“
Gemäß Koran und den islamischen Prophetenlegenden (qisas al-anbiyāʾ) ist der von Abraham und Ismael gegründete Monotheismus von den Arabern selbst verfälscht und in die Anbetung von Idolen umgewandelt worden. Hierfür macht die islamische Geschichtsschreibung einen gewissen 'Amr b. Luhaiy vom Stamme der Khuza'a verantwortlich, dessen Identität und Historizität allerdings nicht nachprüfbar sind.The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden, Band 1, S. 453 (ʿAmr b. Luḥayy). „Der erste, der die Religion Isma'ils (Heil sei über ihm) änderte und die Götzensteine aufstellte (…) war ʿAmr b. Rabīʿa, d. i. Luḥaij (…), und er ist der Vater von Ḫuzāʿa.“Rosa Klinke-Rosenberger, S. 33.