mini|Jeanne Rij-Rousseau 1929

Jeanne Rij-Rousseau (* 10. Juni 1870 in Candé; † 22. Oktober 1956 in Savigny-sur-Braye) war eine französische Malerin, Künstlerin des Kubismus und Kunsttheoretikerin.

Leben und Werk Jeanne Rij-Rousseau wird 1870 als Jeanne Caffier in Candé (Département Maine-et-Loire) Frankreich geboren. Sie stammt aus einer kinderreichen Familie, die sie schon mit 15 Jahren verlässt, um in Paris ihr Glück zu suchen. Über eine Tante findet sie dort eine Stelle als Gehilfin in einem Modeatelier. 1894 lernt sie einen vermögenden älteren Weinhändler kennen, Jean Auguste Rousseau, der sie dazu bringt, von der Näherei zur Malerei zu wechseln. Sie heiratete ihn im Jahre 1900. Zunächst stellt sie ihre Werke unter dem Namen Jeanne Rousseau aus oder auch Jeanne Rousseau-Caffier. Nach dem Tode ihres Mannes legt sie sich den Künstlernamen Jeanne Rij-Rousseau zu und behält ihn bis zum Ende ihres Schaffens bei, obwohl sie durch ihre zweite Heirat mit Loiseau zu Jeanne Loiseau geworden ist.

Wegbereiterin einer neuen Malerei Schon zu Beginn ihrer Malerei versucht sie sich in der Kunst, mit großen farbigen Flächen zu malen – eine der Künstlergruppe Nabis verwandte Technik – und bevorzugt Farben, die den Geist anregen: das Gelbe vom orangefarbenen Cadmium und das Kobaltblau in Berührung mit einem intensiven Rot. Als um 1907 der Kubismus aufkommt, will sie sich diesem Trend nicht einfach nur anschließen, sondern etwas Eigenes kreieren. Sie fängt an, ihre Gemälde und Zeichnungen mit Dreiecken zu füllen und steigert dieses System, indem sie häufig das ganze Bild in Dreiecke aufteilt oder mit diagonalen Linien durchkreuzt, mit starker Dominanz von reinen hellen und dunklen, sehr intensiven, glänzenden Farben. So entstehen ihre abstrakten Kompositionen, ihre Landschaften und Stillleben: durch die Technik der Triangulation (Dreiecksbildung).Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année – N° 1505, 8. März 1975, S. 1.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass sie als WegbereiterinEdmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année – N° 1504, 1. März 1975, S. 1 einer neuen Malerei betrachtet werden muss. Mit einer klaren und unversehrten Vision, die sie auf brutale Art zur Schau stellt, mit der Zerlegung ihrer Bilder durch Dreiecke, überwindet Rij-Rousseau spielend und mit einer unglaublichen Leichtigkeit die damals geltenden Konventionen der Malerei. Blickt man zurück, muss man ihr Werk neu einordnen. Für die klassische Moderne erscheint sie wie ein unerlässliches Glied in einer Kette.

Montmartre Zahlreich sind diejenigen, die sich von ihr inspirieren lassen.Pogu, Guy. Le Vibrisme. In: Rij-Rousseau. Egérie du Cubisme. Le Vibrisme. Paris 1958. S. 21. Rij-Rousseau ist z. B. mit Juan Gris (1887–1927) befreundet. Sie lernt ihn im Bateau-Lavoir in Montmartre kennen und beeinflusst ihn besonders in den Jahren 1906–1907.Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année – N° 1505, 8. März 1975, S. 1. Nach Meinung von Guillaume Apollinaire ist es umgekehrt, es sei Rij-Rousseau, die den Spuren von Juan Gris folge.Guillaume Apollinaire in: L’Intransigeant, 3. März 1914, S.2 (Salon des Indépendants). An anderer Stelle nennt Apollinaire sie eine „Sucherin“. Vgl. Biographie Rij-Rousseau. Über meine Arbeit. In: Elga Kern (Hrsg.): Führende Frauen Europas. München 1930. S. 127–128 Zweifellos haben sich beide Künstler gegenseitig beeinflusst. Sie treffen sich nicht nur in Paris, sondern immer wieder auch in Céret, Südfrankreich, dem „Mekka des Kubismus“, im Grand CaféVgl. Zeichnung von Juan Gris. „Rij-Rousseau. Céret 1924“. In: Rouillac: Cheverny. 06./07.6.2004. Catalogue Lot 79 und „Guitar. 1913“, gewidmet Rij-Rousseau. In: Kosinski: D. Cooper und die Meister des Kubismus. Basel/London. Basel 1987. S. 91. oder beim spanischen Bildhauer und Maler Manolo (1872–1945). Zusammen mit Manolo, dem Freund von Georges Braque (1855–1911) und Pablo Picasso (1881–1973), hat sie 1910 eine kleine Ausstellung in einem Café von Montrouge. 1912 besucht sie ihn zum ersten Mal in Céret. Auch zu anderen Künstlern des Bateau-Lavoir in Montmartre pflegt sie einen regen Kontakt.Warnod, Jeanine. Le Bateau-Lavoir. Paris 1975. S. 18.

Die Zersetzung und die Interpretation des Objekts unter dem Blickwinkel der Triangulation beeindruckt nach Ansicht von Zeiger-Viallet besonders den Maler Jacques Villon (1875–1963), der sich stark von dieser Technik inspirieren lässt.

Rij-Rousseau studiert bei Maurice Denis (1870–1943) und Paul Sérusier (1863–1927). Für ihn steht sie auch Modell in Paris und in Pont-Aven in der Bretagne.Guicheteau, Marcel. Paul Sérusier. Paris 1976. P138 ; 181 Mit Maurice Denis trifft sie sich zum Malen in Feucherolles und Saint Germain-en-Laye. Alle drei Künstler gehören zur Académie Ranson (Paul Ranson 1864–1909), deren Räume sich ab 1911 in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befinden: Rue Joseph-Bara, Nr. 7. Als Mitglied der Académie Ranson reist Rij-Rousseau zum Beispiel im Jahre 1911 nach Mailand.

Große Achtung hegt die Künstlerin für den Maler Marc Mouclier (1865–1948); einen bedeutenden Impressionisten, der viel zur Entstehung der Nabis beigetragen hat. Im Salon des Indépendants verkehrt sie mit Paul Signac (1863–1935), doch ihr Verhältnis bleibt eher distanziert.

In ihrer Malerei zeigt Rij-Rousseau eine stürmische Sensibilität. Große Gefühle, starke Kontraste, grelle Farben sind ihr eine absolute Notwendigkeit, um ihre eigene Poesie auszudrücken. Ihr Prinzip der Dreiecksbildung (Triangulation) ist eine Symphonie der Linien, wo Schärfe und Freiheit der Striche sich auf der Leinwand gegenseitig ergänzen. Durch ihre Fülle und ihre Ausdrucksleidenschaft erreicht sie einen konvergierenden Punkt, wo die Zeichenkunst die Malerei völlig beherrscht und alle anderen Maltechniken dominiert.

Obwohl sie zur Avantgarde gehört, verliert sie nie ganz die Beschäftigung mit dem Gegenständlichen, was sie daran hindert, systematisch zum Absurden zu gelangen. Ihre Ausdrucksfreiheit bleibt stets an der äußersten Grenze des abgeleiteten Gegenständlichen, der scheinbaren Wirklichkeit. Rij-Rousseau ist in den Augen von Zeiger-Viallet keine Theoretikerin. Sie male urtümlich und mit großer Natürlichkeit. Sie folge eher ihrem Instinkt als dem Kalkül: „sie machte Dreiecke, um nicht – wie andere – Kuben zu machen“.Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année – N° 1505, 8. März 1975, S. 1.

Ganz anders sieht das Guy Pogu, der Rij-Rousseau als Wegbereiterin des synthetischen Kubismus feiert. Er spricht von einer Theorie des Vibrismus, die sie entwickelt habe und die ihren Gemälden zugrunde läge.Als Nachweis zitiert Pogu die Malerin. Leider bezieht er sich dabei auf Dokumente, die verschollen sind. Pogu, Guy. Le Vibrisme. In: Rij-Rousseau. Egérie du Cubisme. Le Vibrisme. Paris 1958. S. 19–22 Ähnlich sehen das auch Raymond CharmetCharmet, Raymond. Rij Rousseau cubiste oubliée. In: Revue Arts et Lettres, du 26 mars au 1er avril 1958. Paris, Faubourg Saint-Honoré und Jean Sutter. Sutter meint, sie habe mit den Theoretikern von Pont-Aven, Paul Sérusier und Maurice Denis, gelebt und diskutiert, sie habe den Vibrismus gegründet und an der Schaffung des Kubismus mitgearbeitet. Aus all diesen Diskussionen und Versuchen sei ein originelles Werk entstanden, das man als „experimentell“ bezeichnen könne und das die Techniker der Malerei und ihre Liebhaber zum Nachdenken bringen werde.Sutter, Jean. Introduction. In: Rij-Rousseau. Egérie du Cubisme. Le Vibrisme. Paris 1958. S. 4.

Montparnasse Bereits ihre erste Ehe mit dem Weinhändler Jean Auguste Rousseau (1852–1916) ermöglicht ihr ein unbeschwertes Leben als Frau in der Kunst, sodass sie sich ohne finanzielle Sorgen ganz ihren Wünschen und Neigungen hingeben kann. Dazu zählen auch immer wieder Reisen in den Süden Frankreichs zu anderen Künstlern, oder ins Ausland, zum Beispiel nach Italien oder in die Schweiz.

Schon bald nach dem Tode ihres ersten Ehemannes lernt sie ihren zweiten kennen: Raoul Loiseau, geschieden, geboren 1859 in Abbeville (Somme), wohnhaft in Montigny-sur-Loing; ein angesehener Rechtsanwalt und ehemaliger Generalsekretär des Ministerpräsidenten Pierre Waldeck-Rousseau, der auch sein Cousin ist. Maître Loiseau bringt ihr wieder einmal Wohlstand und Bewunderung für ihre Malerei; und er verschafft ihr Eingang in die gehobene Pariser Gesellschaft.

1922 heiraten sie, und Maître Loiseau führt seine Frau in die angesehensten Restaurants des Boulevard Montparnasse „Chez Joelle“ oder „Clos Cécile“. Damit seine Frau ihre kostbare Zeit nicht mit dem Kochen verbringen muss, isst das Paar mittags und abends im Restaurant. Maître Loiseau ist ausgesprochen großzügig. Er ermöglicht Rij-Rousseau einen vornehmen Lebensstil, den diese durchaus zur Schau stellt, auch durch ihre exklusive Kleidung, wodurch sie allerdings den Neid anderer Malerinnen im Viertel Montparnasse hervorruft.

Rij-Rousseau besitzt die Freiheit, sich voll und ganz ihrer Malerei widmen zu können, ohne von ihr leben zu müssen. Sie hat ihr Atelier bis Mitte der Dreißigerjahre in der Rue Notre-Dame-des-Champs, Nr. 86, im sechsten Arrondissement. Es befindet sich im zweiten Stock direkt über dem von Fernand Léger (1881–1955), und ihre Wohnung ist im vierten Stock.Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année – N° 1506, 15. März 1975, S. 1 Im selben Haus hat auch Marcel Lenoir (Jules Oury) (1872–1931) sein Atelier, welches zuvor einmal den berühmten Maler James Whistler (1834–1903) beherbergte. Zu ihrem Freundeskreis gehört u. a. auch der russische Künstler Albert Weinbaum (Winebaum, Vaynboym) (1890–1943 ermordet in Auschwitz).

Rij-Rousseau ist vom Dämon der Malerei besessen, konzipiert ihre Bilder immer wieder neu, und steht sogar nachts wieder auf, um an einem Gemälde weiter zu arbeiten. Alles muss daran glauben: ihre Möbel, ihr Geschirr, ihre Heizkörper sind bemalt, total bunt, bis zu den Türen ihrer Wohnung, alles verwandelt, als wäre es ein Kaleidoskop. Nebenan in der Rue Joseph Bara Nr. 7 arbeiten Sérusier (1862–1927), Felix Vallotton (1875–1925) und Edouard Vuillard (1868–1940) in der Académie Ranson. Gegenüber wohnt Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994), der Rij-Rousseau fast 30 Jahre in ihrer Malerei begleitet und eine Biografie über sie geschrieben hat.

Er beschreibt sie als eine „starke Frau, von kleiner Statur, mit löwenartigem Profil, dichtem rotblonden Haar, frisiert a la Paderewski, und mit einer Habichtsnase. Sie hat feine Gesichtszüge, eine zarte, aber vibrierende Stimme, helle, graue, kalte Augen. Immer mit besonderer Eleganz gekleidet, zeigt Rij-Rousseau eine vornehme, ganz persönliche Haltung.“ (Edmond-Henri Zeiger-Viallet (1895–1994): Rij-Rousseau. Artiste peintre novateur. In: Sisteron-Journal, 75me Année N° 1504, 1. März 1975, S. 1)

War Rij-Rousseau vor 1910 die Muse von zahlreichen Künstlern in Montmartre, so wird sie in den zwanziger Jahren eine angesehene Bürgerin des Montparnasse und ein wichtiger Teil der Pariser Kunstszene, die sich in den vornehmen Lokalen des Montparnasse trifft: La Rotonde, Le Dôme, La Coupole,La Coupole. 102, Bd du Montparnasse, 75 014 Paris, Pilier Nr. 12 wo sie zur Eröffnung 1927, wie viele andere Künstler auch, einen Pfeiler bemalen darf.

Die zwanziger Jahre mini|Umschlag des Ausstellungsbeihefts in der Galerie Carmine 1924: Rij Rousseau. Exposition de tableaux, tapis haute-lisse, tapisseries haute-lisse.