mini|Wachturm des Vernichtungslagers Majdanek (2006) mini|Gebäude des Neuen Krematoriums im KZ Majdanek (2005) mini|Gedenkstätte Majdanek (2003)

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek, abgekürzt KZ Majdanek (offiziell KL Lublin, KZ Lublin, auch in der Schreibweise K.L. Lublin; Majdan Tatarski ist ein Vorort von Lublin), war das erste Konzentrationslager der SS-Inspektion der Konzentrationslager (IKL) im deutsch besetzten Polen (Generalgouvernement). Wie das KZ Auschwitz-Birkenau wurde das KZ Majdanek von der SS zeitweise auch als Vernichtungs-/Todeslager genutzt.

Es bestand von Oktober 1941 (zunächst als „Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS Lublin“, ab Februar 1943 als „Konzentrationslager Lublin“Tomasz Kranz 1998, S. 369.) bis zu seiner Auflösung durch die SS am 23. Juli 1944. Im Zuge des Vormarsches der Roten Armee wurde das geräumte KZ Majdanek als erstes der großen Vernichtungslager in Polen befreit. Danach erfuhr die Weltöffentlichkeit durch Bildberichte in der Presse konkret von den Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden und anderen Menschen.

Vorgeschichte Lublin war ein besonderer Ort für Juden, denn hier befand sich 1930 die damals größte Talmudschule der Welt, die Chachmei Lublin Jeschiwa. Auf dem jüdischen Friedhof der Stadt stellte das Grab von Jaakow Jizchak Horowitz einen Wallfahrtsort dar. Der Anteil der jüdischen Stadtbewohner war überdurchschnittlich hoch.

Später wurde die Stadt zu einer Zentrale der Aktion Reinhardt, d. h. der systematischen Ermordung aller Juden und Roma im Generalgouvernement. Auch das Zwangsarbeitslager Trawniki wurde in räumlicher Nähe errichtet und später als KZ-Außenlager dem KZ Majdanek unterstellt.

Planung des KZ Majdanek als Kriegsgefangenenlager Am 17. Juli 1941 erhielt Heinrich Himmler, der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, von Hitler den Auftrag zur polizeilichen Sicherung der neu besetzten Ostgebiete. Im Hinblick auf den Feldzug gegen die Sowjetunion und die damit verbundenen Vernichtungspläne bedeutete dies eine Aufgabenteilung mit der Wehrmacht.

Himmler seinerseits ernannte noch am selben Tag Brigadeführer Odilo Globocnik, den SS- und Polizeiführer Lublins, zu seinem Beauftragten für die Errichtung der SS- und Polizei-Stützpunkte im neuen Ostraum. Geplant war ein ausgedehntes Netz von militärisch befestigten SS- und Polizeistandorten, das auch Wohnbezirke für deren Familien einschließen sollte. Als Zentrum der SS- und Polizeikasernenviertel wurde Lublin ausgewählt, das einen ausgesprochen hohen Anteil an jüdischen Stadtbewohnern hatte und nun mit Reichsdeutschen besiedelt werden sollte. Zur Verwirklichung der Baupläne für ein „deutsches“ Lublin plante die SS Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ein.

Am 20. Juli 1941 besuchte Himmler Lublin und befahl Globocnik die Errichtung eines KL von 25.000 bis 50.000 Häftlingen zum Einsatz für Werkstätten und Bauten der SS und Polizei.Tomasz Kranz 1998, S. 366. Dabei gab er allem, was er unter Globocniks Regie vonstattengehen sah, den Namen „Programm Heinrich“. Die tatsächliche Bauleitung für das Konzentrationslager lag, wie sonst im Reich üblich, beim SS-Hauptamt Haushalt und Bauten (Hans Kammler). Kammler erteilte am 22. September 1941 den Baubefehl für den ersten Bauabschnitt des Konzentrationslagers zur Unterbringung von 5.000 Häftlingen. Angesichts Zehntausender sowjetischer Kriegsgefangener infolge des deutschen Siegs in der Schlacht um Kiew wurden die Planungen bereits wenige Tage später geändert. Kammlers revidierter doppelter Baubefehl für Lublin und Auschwitz-Birkenau vom 27. September 1941 lautete jetzt:

In Lublin und Auschwitz sind sofort am 1. Oktober Kriegsgefangenenlager mit einem Fassungsvermögen von je 50.000 Gefangenen gemäß den in Berlin gegebenen Weisungen und den überlassenen Zeichnungsunterlagen zu errichten.

Die Bauarbeiten der beiden Kriegsgefangenenlager Auschwitz-Birkenau und Lublin begannen gleichzeitig. Anfang November erweiterte Kammler die Planung des Kriegsgefangenenlagers auf 125.000, im Dezember auf 150.000, im März 1942 gar für 250.000 sowjetische Kriegsgefangene.Tomasz Kranz 1998, S. 368. Realisiert wurde davon nur ein Bruchteil. Mitte Dezember 1941 waren Baracken für rund 20.000 Kriegsgefangene fertiggestellt. Unter mörderischen Bedingungen waren die Bauarbeiten bis dahin von etwa 2000 sowjetischen Kriegsgefangenen verrichtet worden. Von ihnen waren Mitte November nur noch 500 am Leben, davon waren mindestens 30 Prozent arbeitsunfähig. Ab Mitte Dezember wurden 150 Juden aus dem von Globocnik geführten Arbeitslager an der Ulica Lipowa in Lublin eingesetzt. Etwa gleichzeitig brach hier eine Flecktyphusepidemie aus. Im Januar/Februar 1942 war die Baustelle unbesetzt: sämtliche sowjetischen Kriegsgefangenen und das jüdische Arbeitskommando waren tot.

Funktionen des Lagers Der Historiker Tomasz Kranz stuft das Lager ein als ein „multifunktionales Provisorium ohne eindeutige Bestimmung und klare Zielsetzung“. Von Juli 1942 bis zum Jahresende wurden überwiegend Juden und Polen als Opfer der Aussiedlungspolitik und von Vergeltungsaktionen eingeliefert. 1943 war Majdanek Konzentrations- und Arbeitslager für polnische politische Häftlinge und Juden sowie Sammelstelle für deportierte Landbevölkerung aus Polen und der UdSSR. In diesem Jahr fanden im Lager die größten Vernichtungsaktionen statt. So wurden am 3./4. November bei der so genannten Aktion Erntefest über 9000 Juden aus Lublin und dem Zwangsarbeiterlager Lublin-Lipowastraße nach Majdanek verschleppt und zusammen mit weiteren 8000 dort inhaftierten jüdischen Zwangsarbeitern erschossen. Ab der Jahreswende 1943/1944 erfüllte Majdanek die „Funktion einer Mordstätte“ für kranke Häftlinge anderer Lager und deportierte polnische Zivilisten.Tomasz Kranz 1998, S. 370.

Jüdische Arbeitskräfte aus Majdanek wurden ab Frühjahr 1942 zu Bauarbeiten im nahe gelegenen ehemaligen Flugplatz eingesetzt. Dort entstand unter SS-Verwaltung ein Bekleidungswerk, in dem das „aus Sonderaktionen anfallenden Material“,Barbara Schwindt 2005, ISBN 3-8260-3123-7, S. 116, Zitat aus Pohls Schreiben vom 16. Mai 1942. Schuhe und Kleidung der bei der „Aktion Reinhardt“ ermordeten Juden, sortiert, geflickt und desinfiziert werden sollte. Pläne für ein zentrales Nachschublager wurden nicht umgesetzt. Für die Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) wurden im Lager unter anderem Fensterrahmen, Munitionskisten, Dachpappe und Schuhe hergestellt; Majdanek erzielte 1942 den höchsten Umsatz aller DAW-Betriebe.Barbara Schwindt 2005, S. 154.

Größe des Stammlagers mini|hochkant=1.2|Plan des Geländes in der Gedenkstätte

Die Gesamtfläche des Stammlagers betrug 270 Hektar.Lagerplan s. Tomasz Kranz: Lublin-Majdanek – Stammlager. S. 38. Das Lager war zuletzt in sechs umzäunte Lagerabschnitte („Felder“ genannt) unterteilt, von denen fünf mit Häftlingsunterkünften, insgesamt mehr als 100 Baracken, belegt waren. Ein Wirtschaftskomplex umfasste landwirtschaftliche Nutzflächen, Gewächshäuser und Werkstätten wie Tischlerei, Schneiderei oder Schuhmacherwerkstatt.

Wegen immerwährend nur provisorisch eingerichteter Unterkünfte, schlechter Wasserversorgung und mangelnder sanitärer Verhältnisse war eine ungewöhnlich hohe Sterblichkeitsrate zu verzeichnen. Die Zahl der im Lager untergebrachten Häftlinge schwankte meist zwischen 10.000 und 15.000 und erreichte erst im Sommer 1943 eine Zahl von 25.000.

Lagerpersonal

Die Größe der Belegschaft wuchs mit dem Ausbau des Lagers und dem Anschluss von einigen Außenlagern. Ende 1943 bestand das Lagerpersonal aus 1.258 Personen, darunter 261 im Kommandanturstab. Drei der Kommandanten waren wegen Veruntreuung und Unterschlagung vorbestraft; Koch wurde wegen einer Korruptionsaffäre später verurteilt und auf Befehl Himmlers hingerichtet.Tomasz Kranz: Lublin-Majdanek – Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Bd. 7, München 2008, S. 43. Innerhalb von drei Jahren waren fünf verschiedene Kommandanten für das Lager verantwortlich, das selbst unter SS-Männern einen schlechten Ruf mit „unleidlichen Zuständen“ hatte.Tomasz Kranz 1998, S. 370 f.

LagerkommandantZeitraumKarl Otto KochSeptember 1941 bis August 1942Max KoegelAugust 1942 bis November 1942Hermann FlorstedtNovember 1942 bis Oktober 1943Martin Gottfried WeißNovember 1943 bis Mai 1944Arthur LiebehenschelMai 1944 bis Juli 1944

Außenlager

Die Außenlager befanden sich im Umkreis des KZ Majdanek. Beispielsweise in einem Steinbruch verrichteten die Häftlinge Zwangsarbeit, auch in Rüstungsbetrieben und Werkstätten.

Majdaneks Anteil am Holocaust Majdanek wird wegen der Opferzahlen, die anfangs um ein Vielfaches überhöht eingeschätzt wurden,Thomas Sandkühler: Rezension. In: Historische Literatur, 9. Band, 2011, Heft 3, S. 152, Fußnote 3, edoc.hu-berlin.de (PDF) auch als Vernichtungslager bezeichnet. Es gilt heute als ungeklärt, ob Majdanek in die Planung des systematischen Massenmordes an den Juden einbezogen wurde. Der Direktor des Staatlichen Museums in Majdanek, Tomasz Kranz, kommt zum Ergebnis, dass hier die „direkte Vernichtung“ von eher sekundärer Bedeutung war und dabei „so etwas wie eine ‚Begleitfunktion’ erfüllte und enger mit den wirtschaftlichen Aspekten dieses Verbrechens als seinen Vernichtungsmechanismen verbunden“ war.Tomasz Kranz 1998, S. 373. Die Historikerin Barbara Schwindt bezieht sich auf die Massenvernichtungen im Frühjahr bis Herbst 1943 und spricht zumindest für diesen Zeitraum von „Majdanek als Vernichtungslager“.Barbara Schwindt 2005, S. 205, books.google.de

Vermutlich kamen 60 Prozent der Opfer durch Auszehrung, Zwangsarbeit, schlechte Behandlung und Krankheiten um.Tomasz Kranz 1998, S. 381. Massenhinrichtungen wurden Anfang 1942, im November 1943 und im ersten Halbjahr 1944 durch Erschießen durchgeführt. Darüber hinaus gilt als „sehr wahrscheinlich“, dass auch drei Gaskammern in der Zeit zwischen September 1942 bis Oktober 1943 zur Massentötung verwendet wurden (SS-Oberscharführer und SDG Anton Endres und Hans Perschon), wobei der Schwerpunkt auf der Ermordung von Juden aus Warschau und Białystok im Sommer 1943 lag.Tomasz Kranz 1998, S. 379.

Gaskammern Siehe auch: Die Gaskammern von Majdanek

Die dürftige Quellenlage erlaubt weder sichere Angaben darüber, wie lange diese Gaskammern betrieben wurden, noch wie viele Opfer darin ermordet wurden. Anders als in den Vernichtungslagern der Aktion Reinhardt wurden Vergasungen in Majdanek nicht durch Motorabgase durchgeführt.

Strittig ist, ob hier Zyklon B eingesetzt wurde. Jean-Claude Pressac bezweifelte 1989, dass in diesen Gaskammern Menschen durch Einwirkung von Blausäuregas ermordet wurden.Jean-Claude Pressac: Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, 1989, S. 555. Tomasz Kranz hingegen beruft sich neben Indizien auf einen Augenzeugen, der von einer Vergasungsaktion mit Zyklon B berichtet.Tomasz Kranz 1998, S. 379 f. Auch Barbara Schwindt geht davon aus, dass Zyklon B „zumindest zeitweise“ in Majdanek zur Tötung verwendet wurde; doch lassen sich Häufigkeit und Zeitpunkt solcher Aktionen nicht ableiten.Barbara Schwindt 2005, S. 161.

Übereinstimmend stellen Schwindt wie auch Kranz dar, dass in den Gaskammern von Majdanek außerdem Kohlenstoffmonoxid aus Stahlflaschen zur Tötung von Menschen eingesetzt wurde.Barbara Schwindt 2005, S. 161 f. Diese Methode war in den Tötungsanstalten der Aktion T4 praktiziert worden und wurde anfänglich auch im Vernichtungslager Belzec erprobt.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden; die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939; die Jahre der Vernichtung 1939 – 1945. München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 739. Ab 17. März 1942 wurde in Belzec der Massenmord mit Dieselmotor-Abgasen betrieben. (siehe: Massenmord im Lager Belzec)

Krematorien mini|Rotarmisten an den Öfen des Neuen Krematoriums in Majdanek (Juli 1944)