mini|Jan van Haelbeck (fl. 1600–1630): Leonardo Donà mit Umschrift „Il Serenissimo Principe di Venetia Leonardo Donado creato alli 10 Gennaro 1606“, Kupferstich, 16,5 × 12,5 cm, British Museum Leonardo Donà (latinisiert Leonardo Donato, selten Lonardo oder Leandro; * 12. Februar 1536 in Venedig; † 16. Juli 1612 ebenda) war, folgt man der staatlich kontrollierten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 90. Doge. Er regierte von 1606 bis 1612.

Donà war an den Höfen der mächtigsten Herrscher des Mittelmeerraumes und darüber hinaus als Botschafter tätig, so beim spanischen König, beim römisch-deutschen Kaiser und bei verschiedenen Päpsten. Er war Bailò in Konstantinopel, Podestà von Brescia, Prokurator von San Marco und Provveditore der Terraferma, des oberitalienischen Festlands, das Venedig unterstand. Dort war er auch im Friaul tätig.

Der Streit mit dem Papst und den ebenfalls katholischen, spanischen Habsburgern, der sich unter seinem Vorgänger Marino Grimani entzündet hatte, spitzte sich während seiner Regierungszeit bis zum Interdikt zu und konnte erst unter Mitwirkung verschiedener, auch protestantischer Mächte beigelegt werden. Dabei beharrte Donà auf der venezianischen Tradition der Unabhängigkeit von Rom, mit dem sich Venedig seit jeher als gleichwertig im Heilsplan Gottes sah. Gegen die österreichischen Habsburger verteidigte Donà den Anspruch Venedigs auf das Handelsmonopol Venedigs in der Adria.

Familie mini|Wappen des „Lionardo Donato“, frühes 17. Jahrhundert Die Donà gehörten zu den angesehensten Familien Venedigs; ihr Vermögen hatte sie aus dem Fernhandel gezogen. Von dieser Familie existierten zwei Linien oder Zweige (rami), nämlich die Donà dalle Trezze und die dalle Rose. Letzterer entstammte Leonardo Donà.

Zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert stellte die Familie drei Dogen. Außer Leonardo waren dies Francesco Donà (1545–1553) und Nicolò Donà (1618). Der vorletzte Doge von Venedig, Paolo Renier, war mit einer Donà aus dem Zweig der dalle Rose, nämlich Giustina Donà, verheiratet.

Leonardo Donà kam als Sohn des Giambattista di Andrea di Antonio und der Paola di Cristoforo Corner wahrscheinlich in der Familienresidenz, einem Haus am Rio terrà S. Marcuola, zur Welt. Sein Vater war ein vermögender Händler, der eine im Patriziat übliche Ämterlaufbahn durchlief. Dabei stieg er bis zum Statthalter von Zypern auf – ein Brief seiner Frau aus dem Jahr 1540 ist erhalten, in dem sie die Lernfortschritte Leonardos hervorhebt. Leonardos ältere Brüder kamen in den Kriegen gegen die Osmanen ums Leben. Andrea (* 1531), starb 1571 in der Seeschlacht von Lepanto, Girolamo (* 1532) war Galeerenkapitän und verlor sein Leben bereits 1558. Dabei sah Leonardo, der keinen Nachwuchs hatte, in den Kindern seines Bruders Nicolò den Fortbestand seiner Familienlinie gesichert.

Leben Vermögen, Studium und Bildung, Großer Rat (1556), Zypern (Sommer 1556 – Sommer 1558) Die Donà hatten kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts Land östlich von Padua am Brenta erworben. Kurz nach 1500 kauften sie Land im Umfang von 182 Hektar bei (Villimpenta) Alberia, in der tiefgelegenen und sumpfigen Zone der Provinz Verona. Während die Einnahmen aus dem Grundbesitz für den Vater nur eine Ergänzung für den Lebensunterhalt darstellten, konzentrierte sich Leonardo Donà, der sich als junger Mann auf den Handel gestürzt hatte, später ganz darauf. 1609 erwarb er weitere 52 Hektar in dem Gebiet. Er befasste sich mit Meliorationen und führte minutiös Buch darüber – erhalten sind vier Registerbände, die zwischen 1574 und 1612 entstanden. Seine Jahreseinnahmen drei Jahre vor der Wahl zum Dogen beliefen sich auf 1.400 Dukaten. Gegen Ende seines Lebens belief sich sein Vermögen auf etwa 85.000 Dukaten.

Leonardo Donà, der nie heiratete, studierte an den Universitäten Padua und Bologna Moralphilosophie, Geschichte und alte Sprachen, doch erlangte er keinen Doktortitel – wie es in seinem Stand üblich war. Seine hohe Bildung erweist sich nicht zuletzt in der umfangreichen Bibliothek, die er besaß, und für die er eigenhändig und überaus sorgfältig ein Inventar anlegte. Vor allem handelte es sich, abgesehen von einigen Manuskripten, um Druckwerke, insbesondere zu Geschichte und Theologie. Hinzu kamen juristische Werke, wie die Pandekten und die Institutionen, zahllose Statuten aus dem venezianischen Oberitalien und aus Venedig selbst, vor allem aber Kartenwerke, die auch die Neue Welt erfassten, ebenso wie Asien und Afrika. mini|Karte Zyperns, Kupferstich, Giovanni Francesco Camocio: Isole famose, Venedig 1566 (eine andere Karte vom selben Drucker: Digitalisat) Schon im Alter von 14 Jahren arbeitete er mit seinem Vater, zu dieser Zeit Savio alla Mercanzia, zusammen, denn er unterstützte ihn bei der Amtskorrespondenz. Durch das Losverfahren der Balla d’oro gelangte er vorzeitig, nämlich bereits mit 20 Jahren in den Großen Rat, die Generalversammlung des stadtvenezianischen Adels. Seine ersten Amtserfahrungen machte er jedoch auf Zypern, denn sein Vater wurde als Statthalter auf die Insel berufen. So hielt sich Leonardo dort zwischen dem Sommer 1556 und dem Sommer 1558 auf. Dabei notierte er sich alles, was ihm im Zusammenhang mit der Agrarwirtschaft, aber auch der Verteidigung der Insel gegen die Osmanen wichtig zu sein schien. Er selbst machte sich die Worte eines früheren Statthalters zu eigen, der gesagt hatte, die Insel sei der notwendigste und der wichtigste Ort des Kolonialreiches.

Ämterlaufbahn (ab 1561) Am 29. März 1561 wurde Donà im Großen Rat in sein erstes Amt gewählt, denn er wurde zum Savio agli Ordini erhoben. Im September wurde er in das Collegio dei dodici gewählt; er konzentrierte sich auf Rechts- und Verwaltungsaufgaben. Im April 1562 wurde er Ufficiale al Cattaver, eine Einrichtung, die seit ihrer Gründung am 26. Juni 1280 zunächst für Schmuggelbekämpfung und den Schutz des Abgabensystems, schließlich aber vor allem für die Juden und die Überwachung des Wuchers zuständig war. Dann übernahm er im Oktober 1567 das Amt alle Cazude, er war also vorrangig für die Eintreibung von Steuerschulden verantwortlich.

Schließlich wurde er im April 1569 im Großen Rat in den einflussreichen Posten eines Provveditore di comun gewählt. In dieser Position sollte das öffentliche Interesse bei den Behördenvorgängen gewahrt werden, was die Aufgaben äußerst heterogen machte. Dabei setzte er seine Notizen über alles, was ihn interessierte fort. Dies schloss etwa die Strafgerichtsbarkeit in Schifffahrts- und Handelsangelegenheiten ein, in die Handels- und Handwerkskorporationen, sogar in die Lebensmittelversorgung und die Ärzte und Heiler, aber auch in die städtische Infrastruktur bis zum Brandschutz. Von Nutzen war dabei seine Redegewandtheit, seine Ernsthaftigkeit, sein Sitz im Senat. Normalerweise blieb man 16 Monate in dieser Stellung.

Botschafter am spanischen Hof (1569–1573) mini|Alonso Sánchez Coello: Porträt König Philipp II., um 1570, Kunsthistorisches Museum Wien Doch am 29. Juli 1569, im Alter von kaum 33 Jahren, wurde er zum Botschafter beim spanischen König Philipp II. nominiert. Kurz nach seiner Abreise erreichte eine osmanische Gesandtschaft Venedig, die die Abtretung von Zypern verlangte. Schon im Juli landete eine Flotte auf der Insel, die Eroberer fanden erst vor Famagusta starken Widerstand. Nun wurde über ein Bündnis zwischen Venedig, dem Papst und Spanien sowie weiteren katholischen Mächten gegen die Osmanen verhandelt, vor allem in Rom. Donà war gezwungen, dem König, der permanent seinen Aufenthaltsort wechselte, hinterherzureisen. Dabei erfolgten aus Venedig praktisch keine Weisungen, so dass er unter hohem Risiko, eine Fehlentscheidung zu treffen, auf sich angewiesen war. Anfang März 1571 sprach Donà klar über die bevorstehenden Verluste Venedigs und seines Kolonialreiches, doch glaubte er, die Republik sei stark genug, die Gebiete zurückzuholen. Am 25. Mai 1571 kam es zu einem formalen Bündnis mit Madrid und Rom. Am 7. Oktober des Jahres siegte die vereinigte Flotte der Allianz vor Lepanto. Donà drängte darauf, den Sieg zu nutzen und zu verhindern, dass sich die Osmanen erholten. Doch es geschah nichts, Philipp und der Papst verfolgten ihren eigenen Interessen. Der Rat der Zehn und die Zonta schlossen, ohne Wissen des kriegsbereiten Senats, am 7. März 1573 einen Separatfrieden – unter Verzicht auf Zypern. Die Nachricht vom Friedensschluss erreichte Donà am 17. Mai in Madrid.

Für Leonardo Donà war dies eine äußerst schwierige Situation, denn einerseits musste er das Regierungshandeln bei Hof rechtfertigen, was er mit der Isolierung Venedigs und der Schwere der Probleme tat, vor denen Venedig stand, andererseits war er weder mit der Entscheidung noch dem Vorgehen einverstanden. Schon als Gerüchte um einen Separatfrieden aufkamen, verfasste Donà einen Brief an die drei Capi des Rates der Zehn, die drei führenden Männer des machtvollen Gremiums. Er habe ja nie im Rat der Zehn gesessen, denn würde er dort auf den Grund des Vaterlandes gesehen haben, so schloss er, würde er vielleicht anders reden.

Gegen die Allmacht des Rates der Zehn und die Rom-Orientierung wandten sich die giovani, die Jungen, deren Sprachrohr später Donà wurde. In dieser wachsenden Gruppe sammelten sich die Kritiker der weltlichen Macht der Kirche, der Korruption, die Befürworter von Reformen, der Unabhängigkeit Venedigs und seiner Kirchen von Rom. Auch wandten sie sich gegen die Verflechtungen, die Pfründe und Präbenden venezianischer Patrizier, deren Zahl seit den Dogen des 15. Jahrhunderts, also Gregor XII., Eugen IV. und Paul II., stark zugenommen hatte. Zugleich bewunderte Donà die Dominanz des spanischen Königs, der Kleriker einsetzte als sei er der Papst („come se fusse pontefice“).Mario Brunetti, Eligio Vitale (Hrsg.): La corrispondenza da Madrid dell’ambasciatore Leonardo Donà (1570–1573), Venedig/Rom 1963 (Introduzione von Vitale, Bd. I, S. LVIII). Venedig hingegen hatte schon seit der Niederlage in der Schlacht von Agnadello, also seit 1509, das Recht verloren, seine Bischöfe einfach dem Papst vorzuschlagen.

Ämter innerhalb Venedigs, im inneren Kreis (ab 1576), Gesandter am Hof Rudolfs II. mini|Kaiser Rudolf II. auf einer Medaille des Jahres 1576 Nach seiner Rückkehr vom spanischen Hof am 18. November 1573 wurde Donà bereits am 28. Dezember zum Savio di Terraferma gewählt. Nun folgte eine ganze Kaskade von Ämtern im Rahmen der sich immer weiter auffächernden Beaufsichtigungs-, Kontroll- und Steuerungssysteme im Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftsbereich. Am 19. Oktober 1574 wurde er zum Provveditore sopra i Beni comunali, war also mit den Gütern der Kommune befasst, dann am 12. Dezember desselben Jahres zum Procuratore sopra gli Atti del sopracastaldo. Damit war er anstelle der Procuratori di San Marco dafür eingesetzt, über Berufungen im Zusammenhang mit der Vollstreckung von Zivilurteilen zu urteilen, für die die Magistratur des Sopragastaldo zuständig – dieser war für die Vollstreckung von Hinrichtungen zuständig, aber auch für die Aufbewahrung von entsprechenden Urkunden und Notariatsakten zuständig. Zum Savio di Terraferma wurde er am 29. September 1575 gewählt, um schließlich am 27. Dezember 1576 als Consigliere dei Dieci und am nächsten Tag als Savio del Consiglio in den Kern der Macht vorzustoßen. Donà selbst war überaus stolz darauf, wie er einem seiner Register anvertraute.

Ein ähnlich großer Erfolg gelang ihm mit der Wahl zum Sonderbotschafter am Hof Rudolfs. II von Habsburg. Er sollte dem Kaiser zu seiner neuen Würde gratulieren, wobei Donà eine lebhafte Schilderung dieser Reise hinterließ.

Podestà von Brescia (1578–1580), Botschafter in Rom, Aquileia