mini|hochkant|Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, Insel Verlag, Leipzig 1927 (Erstausgabe, IB 165/2) mini|hochkant|„Neue Bücher aus dem Insel Verlag zu Weihnachten 1927“, Ausschnitt mit Hinweis zur Erstausgabe von IB 165/2 Sternstunden der Menschheit ist eine Sammlung von zunächst fünf und zuletzt vierzehn historischen Miniaturen, verfasst von Stefan Zweig, die von historischen Begebenheiten erzählen, deren Auswirkungen die Geschichte der Menschheit verändert haben. Die Texte sind keine historischen Analysen, sondern novellistisch zugespitzte Erzählungen, in deren Mittelpunkt jeweils eine biografisch überhöhte Person steht. Zweig schreibt erläuternd im Vorwort:
Die Sammlung veröffentlichte Stefan Zweig erstmals mit fünf Miniaturen als Nummer 165/2Der Zweig-Titel ersetzte den zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so nachgefragten Band IB 165/1A, Friedrich Schiller: Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585, dessen 11.–15. Tausend bereits 1917 erschienen war. der Insel-Bücherei im Leipziger Insel Verlag Ende 1927Neue Bücher aus dem Insel-Verlag zu Weihnachten 1927, Insel Verlag o. J., S. 8 (Werbeschrift)., wo sie in dieser Form noch aktuell (2026) im Verlagsprogramm präsent ist, und ergänzte sie 1936 um weitere zwei Miniaturen bei der im Herbert Reichner Verlag erschienenen Ausgabe.
Umfang der Miniaturensammlungen Ausgaben zu Lebzeiten Stefan Zweigs Insel-Bücherei von 1927 bis 1935 Die in der Insel-Bücherei als Nr. 165/2 mit dem Titelzusatz Fünf historische Miniaturen erschienene Erstausgabe aus dem Jahr 1927 enthielt nur fünf Texte Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. Fünf historische Miniaturen. Insel Verlag, Leipzig 1927.: Nr. Titel Inhalt Jahr1 Die Weltminute von Waterloo Marschall Grouchys Entscheidung, Napoléon nicht zu Hilfe zu kommen (Schlacht bei Wavre) 1815 2 Die Marienbader Elegie Goethes unerfüllte Liebe zu Ulrike von Levetzow 1823 3 Die Entdeckung Eldorados Erschließung großer Teile Kaliforniens durch Johann August Sutter und Zerstörung seines Besitzes und Lebenswerkes durch den Goldrausch 1848 4 Heroischer Augenblick Fjodor Dostojewskis Begnadigung vor seiner geplanten Hinrichtung 1849 5 Der Kampf um den Südpol Robert Scotts gescheiterte Südpol-Expedition 1912
Ausgabe im Herbert Reichner Verlag Der Verleger Herbert Reichner erweiterte in Abstimmung mit Stefan Zweig den von der Insel-Bücherei übernommenen Umfang in seiner Ausgabe von 1936 um zwei weitere historische Miniaturen. Die erweiterte Miniaturensammlung erschien allerdings nur im Rahmen des Bandes Kaleidoskop mit weiteren Texten ZweigsDie Sternstunden in der Ausgabe Kaleidoskop. Herbert Reichner Verlag, 1936 (als Digitalisat der DNB Leipzig).:
Nr. Titel Inhalt Jahr 6 Die Eroberung von Byzanz Belagerung von Konstantinopel und Eroberung durch die Osmanen 1453 7 Georg Friedrich Händels Auferstehung Entstehung des Oratoriums Messias 1741
Postume Ausgabe von 1943 1943, erst nach Stefan Zweigs Tod im Februar 1942, kamen die folgenden fünf Texte hinzuStefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen. Bermann-Fischer Verlag, Stockholm 1943: Nr. Titel Inhalt Jahr 8 Flucht in die Unsterblichkeit Entdeckung des Pazifiks durch Balboa 1513 9 Das Genie einer Nacht Rouget de Lisle komponiert die Marseillaise 1792 10 Das erste Wort über den Ozean Verlegung des ersten Transatlantischen Kabels auf Initiative des New Yorker Kaufmanns Cyrus W. Field 1858 11 Die Flucht zu Gott Leo Tolstois Tod 1910 12 Der versiegelte Zug Lenins Rückkehr nach Russland 1917
Heutige Ausgaben In den heutigen Ausgaben sind zwei weitere Texte zu finden, die erstmals 1997 mit der Ausgabe im S. Fischer Verlag in dieser Zusammenstellung erschienen sindVergleiche die Katalogeinträge in der DNB für die Ausgaben bei S. Fischer von 1997 und bei Fischer-Taschenbuch von 1996 (Vorauflage noch mit 12 Miniaturen: 871.-890. Tsd.).: Nr. Titel Inhalt Jahr 13 Cicero(The Head on the Rostrum) Marcus Tullius Ciceros Einsatz für die Wiederherstellung der Republik nach der Ermordung Cäsars 43 v. Chr. 14 Wilson versagt(Wilson’s Failure) Scheitern des US-Präsidenten Woodrow Wilson bei den Verhandlungen um den Friedensvertrag von Versailles 1919
Inhalt Die Miniaturen sind in der Regel novellenartig aufgebaut und verstehen sich nicht als historische Analysen, sondern als die zugespitzte Darstellung von Ereignissen, in denen sich eine historische Persönlichkeit zu bewähren hat. Nicht immer bleibt Zweig dabei der historischen Faktenlage treu, sondern ordnet diese im Zweifelsfall seinem heroischen Geschichtsbild unter.
Von der Novellenform weichen zwei Texte ab: Heroischer Augenblick ist als dramatisches Gedicht geschrieben, Die Flucht zu Gott als ein Epilog zu Und das Licht scheinet in der Finsternis, einem Dramafragment Tolstois.
Die Weltminute von Waterloo mini|hochkant|Emmanuel de Grouchy Untertitel: Napoleon Datum: 18. Juni 1815 Gliederung Grouchy Die Nacht in Caillou Der Morgen von Waterloo Der Fehlgang Grouchys Weltgeschichte in einem Augenblick Der Nachmittag von Waterloo Die Entscheidung Rücksturz ins Tägliche
Marschall Emmanuel de Grouchys vergeblicher Versuch, Napoléon Bonaparte zu Hilfe zu kommen, ist der Moment am 18. Juni 1815, als sich Grouchy stur an seine Befehle hielt, statt kühn loszureiten und Napoléon zu retten.
Er befolgte wie befohlen seinen Auftrag, den preußischen Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher zu verfolgen und eilte nicht nach Waterloo, wo Kanonendonner zu hören war. So kam er dem bedrängten Napoléon nicht zur Hilfe und suchte Blücher vergebens, der schon längst in Waterloo eingetroffen war.
Der Schriftsteller Arnold Bauer schreibt in seiner Zweig-Biografie zu dieser Miniatur:
Die Marienbader Elegie mini|hochkant|Ulrike von Levetzow Untertitel: Goethe zwischen Karlsbad und Weimar Datum: 5. September 1823
Die Marienbader Elegie ist ein Liebesgedicht, welches Goethes unerfüllte Liebe zu Ulrike von Levetzow behandelt.
Die Geschichte beginnt mit Goethe in der Kutsche zwischen Karlsbad und Weimar am 5. September 1823. Diese späte Liebe Goethes mit Mitte 70 kann als Scheitelpunkt seines Schaffens bezeichnet werden, die ihn zu seinem Alterswerk animierte.
Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,Der ich noch erst den Göttern Liebling war;Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,So reich an Gütern, reicher an Gefahr;Sie drängten mich zum gabeseligen Munde, Sie trennen mich, und richten mich zugrunde. (Auszug aus der Marienbader Elegie)
Die Entdeckung Eldorados mini|hochkant|Johann August Sutter Untertitel: J. A. Suter [sic], Kalifornien Datum: Januar 1848
Gliederung Der Europamüde Der Marsch nach Kalifornien Neu-Helvetien Der verhängnisvolle Spatenstich Der Rush Der Prozess Das Ende
Dieses Kapitel handelt von der Erschließung großer Teile Kaliforniens durch Johann August Sutter und die Zerstörung seines Besitzes durch den Kalifornischen Goldrausch.
Beim Bau der Sägemühle Sutter’s Mill im Januar 1848 finden Arbeiter um James W. Marshall Gold im Sand der Baugrube. Eigentlich gehört Sutter alles Land rund um den Fundort, doch werden seine Rechte von den aus den ganzen USA hinzuströmenden Goldsuchern ignoriert.
Sutter verliert alles und verarmt völlig. Ihm gelingt zwar vor Gericht die Durchsetzung eines Rechtsanspruches auf Schadenersatz, aber zu dessen tatsächlicher Erfüllung kommt es nie.
In der ersten Fassung der Ausgabe der Insel-Bücherei (IB 165/2) führte Zweig eine Mitgliedschaft Sutters in der Herrnhuter Brüdergemeine im Rahmen seiner Gerichtsverfahren an, der er seine Ansprüche vermacht haben soll. Zweig hatte diesen Umstand ungeprüft dem 1925 erschienenen Werk L’or, La merveilleuse histoire du général August Suter von Blaise Cendrars entnommen. Nach dem zutreffenden Hinweis der Gemeinde, dass Sutter zu keinem Zeitpunkt Gemeindemitglied warOliver Matuschek und Klemens Renoldner (Hrsg.): Anton Kippenberg. Stefan Zweig. Briefwechsel 1905,-1937. Insel Verlag, Berlin 2022, S. 576 f., wurde die Passage auf Seite 45 der IB-Ausgabe ab 1929 (101.–130.) berichtigt. Kurioserweise tauchte die unrichtige Angabe in den drei Nachkriegsauflagen im Leipziger Verlagshaus von 1948, 1952 und 1953 sowie den Wiesbadener Ausgaben von 1949 bis 1952 erneut auf. Erst ab dem 457. Tausend aus Wiesbaden verblieb es bis zur aktuellen Ausgabe der Insel-Bücherei im Jahre 2023 bei der korrigierten Fassung.
Heroischer Augenblick mini|hochkant|Fjodor Dostojewski, 1872 Untertitel: Dostojewski, Petersburg, Semenowskplatz Datum: 22. Dezember 1849
Heroischer Augenblick handelt von Fjodor Dostojewskis Begnadigung vor seiner geplanten Hinrichtung.
Zweig beschreibt Dostojewskis Verhaftung: Nachts haben sie ihn aus dem Schlaf gerissen,Säbel durchklirren die Kasematten.Stimmen befehlen; im UngewissenZucken gespenstisch drohende Schatten. Dostojewski steht auf dem Semenowskplatz in Sankt Petersburg bereits vor dem Erschießungskommando, als das Todesurteil in letzter Sekunde durch Zar Nikolaus I. zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, mit anschließender Militärdienstpflicht abgewandelt wird.
Durch die Begnadigung konnte Dostojewski seine Werke schreiben und seinen Einfluss auf die Literatur ausüben. Zweig vergleicht diese Grenzerfahrung mit der Situation Jesu am Kreuz: Und ihm wird klar,Dass er in dieser einen SekundeJener andere war,Der vor tausend Jahren am Kreuze stand, Und dass er, wie Er, Seit jenem brennenden Todeskuss Um des Leidens das Leben liebhaben muss.
Der Kampf um den Südpol mini|Robert Scott mit seinen Leuten am Südpol Untertitel: Kapitän Scott, 90. Breitengrad Datum: 16. Januar 1912
Gliederung Der Kampf um die Erde Scott Universitas antarctica Aufbruch zum Pol Der Südpol Der sechzehnte Januar Der Zusammenbruch Die Briefe des Sterbenden Die Antwort
Der Kampf um den Südpol erzählt von Robert Scotts tragisch gescheiterter Südpol-Expedition. Als Scott am 16. Januar 1912 den Pol erreicht, muss er feststellen, dass er nur Zweiter ist. Vor ihm war schon der Norweger Roald Amundsen am Südpol. Zweig beschreibt den Mann als Sinnbild des zu spät Gekommenen und dessen tragischen Tod „in einer Menschheit, für die der erste alles ist und der zweite nichts“.
Flucht in die Unsterblichkeit mini|hochkant|Statue Balboas in Madrid Untertitel: Die Entdeckung des Pazifischen Ozeans Datum: 25. September 1513
Gliederung Ein Schiff wird ausgerüstet Der Mann in der Kiste Gefährlicher Aufstieg Flucht in die Unsterblichkeit Unvergänglicher Augenblick Gold und Perlen Selten gewähren die Götter… Der Untergang
Flucht in die Unsterblichkeit erzählt von der „Entdeckung“ des Pazifiks durch den Abenteurer Vasco Núñez de Balboa, der über die Einheimischen von einem im Westen liegenden Ozean erfuhr. 190 Soldaten erklärten sich bereit, ihm zu folgen. Unter ihnen befand sich auch Francisco Pizarro. Nach drei Wochen waren von den 190 Soldaten nur noch 69 übrig.
Tatsächlich gelang es ihm am 25. September 1513 von einem Bergrücken in Panama eine große Wasserfläche zu erblicken. Keiner sollte ihm folgen, denn diesen ersten Blick auf den unbekannten Ozean wollte er mit keinem teilen. Er war damit der erste Europäer, der Atlantik und Pazifik gleichzeitig sah.
Die Eroberung von Byzanz mini|Fausto Zonaro: Mehmed II. befiehlt, die Schiffe über das Land in die Meerengen zu bringen Datum: 29. Mai 1453
Gliederung Erkenntnis der Gefahr Die Messe der Versöhnung Der Krieg beginnt Die Mauern und die Kanonen Noch einmal Hoffnung Die Flotte wandert über den Berg Europa, hilf! Die Nacht vor dem Sturm Die letzte Messe in Hagia Sophia Kerkaporta, die vergessene Tür Das Kreuz stürzt nieder
Die Eroberung von Byzanz erzählt von der Belagerung von Konstantinopel und Eroberung durch die Osmanen unter Sultan Mehmed II. am 29. Mai 1453, die durch eine vergessene Pforte in die Stadt eindringen konnten, die allen offenen Angriffen widerstanden hatte. Zweig gibt Resteuropa die Schuld, Byzanz im Stich gelassen zu haben.