mini|hochkant=1.5|Das erste Reichserntedankfest von 1933, Blick von der Rednertribüne hoch zum Bückeberg mit Adolf Hitler und Tross in der Bildmitte

Das Reichserntedankfest, umgangssprachlich auch Bückebergfest genannt, fand auf dem etwa fünf Kilometer südlich von Hameln gelegenen Bückeberg bei Hagenohsen in den Jahren von 1933 bis 1937, jeweils am ersten Sonntag nach dem Michaelistag (29. September), statt. Neben dem Reichsparteitag in Nürnberg und der Feier zum 1. Mai (Nationaler Feiertag des deutschen Volkes) in Berlin war es die größte Massenveranstaltung der NSDAP.

Das Reichserntedankfestgelände war eine künstlich abgeflachte Rasenfläche am Nordhang des Bückeberges von etwa 600 mal 300 Metern. An den Reichserntedankfesten nahmen zuletzt über eine Million Menschen aus dem ganzen Deutschen Reich teil. Obwohl das Fest für die Bauernschaft konzipiert wurde, waren zur Teilnahme vor allem Beamte und NSDAP-Mitglieder verpflichtet worden.Wolfhard F. Truchseß: Der Bückeberg soll „Lernort“ werden. In Dewezet, 27. September 2016 Prominente Teilnehmer waren führende Nationalsozialisten wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Reichsbauernführer Walther Darré. Nach dem Reichserntedankfest fand in Goslar der Reichsbauerntag statt, eine interne Veranstaltung des Reichsbauernrates.

Gesellschaftlicher Stellenwert der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft in Deutschland war im internationalen Vergleich wenig leistungsfähig. Agrarreformerische Maßnahmen während der Weimarer Republik hatten nicht den erhofften Erfolg. Zu Beginn der NS-Zeit 1933 war nur bei wenigen Nahrungsmitteln eine gänzliche Versorgung der Bevölkerung aus dem Inland möglich. 1937 waren noch 29 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, 9.388.000 Menschen, in der Landwirtschaft tätig. Innerhalb der Bauernschaft und ihrer Organisationen hatte die NSDAP 1930–1932 insbesondere in Norddeutschland starken Rückhalt gewonnen.

Veranstaltungsgelände

mini|Modell des Festgeländes von 1934

Das Reichspropagandaministerium beauftragte den Architekten Albert Speer mit der Ausgestaltung des Veranstaltungsgeländes.Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg. Die Bedeutung des NS-Kultortes Bückeberg. Bei geschichte-hameln.de Er sollte einen Platz für „ein bäuerliches Volksfest bisher ungeahnten Ausmaßes in der freien Natur“ gestalten.Bäuerliches Volksfest als Großkundgebung. Bei dokumentation-bueckeberg.de Als künftiger Ort für den Festplatz standen neben Hameln Gegenden um die Städte Hoya und Bückeburg zur Auswahl. Eine Kommission des Reichspropagandaministeriums entschied sich für Hameln und begründete dies ideologisch mit „ureigenstem deutschen Boden“ und „germanischem Kerngebiet“. Die tatsächlichen Gründe waren eher praktischer Natur und bestanden in günstigen Bahnverbindungen für die An- und Abreise sowie der Hanglage mit Theatercharakter. Zudem war das Gelände in staatlichem Besitz.

Der Festplatz war ein 18 Hektar großes Wiesenareal in ovaler Form, der von Fahnenmasten mit Hakenkreuzfahnen umgeben war. Mittig war er von einem 800 Meter langen und erhöhten Mittelweg durchzogen, der als „Führerweg“ bezeichnet wurde.Der Mittelweg. Bei dokumentation-bueckeberg.de Am unteren Ende des Weges stand die 40 Meter breite pyramidenähnliche Rednertribüne, am oberen Ende die etwa 100 Meter breite, 3000 Personen fassende Ehrentribüne.

Die Gestaltung des Festplatzes begann 1933 mit dem Planieren des Berges und dem Einbringen von Installationen, wie Leitungen und Beleuchtung. Bis 1937 setzten sich die Arbeiten mit Erweiterungen und Einebnungen des Geländes kontinuierlich fort. Ausgeführt wurden sie von mehreren hundert Männern des Reichsarbeitsdienstes, die in Barackenlagern im Wald des Bückeberges untergebracht waren.

Ideologie Adolf Hitler verfügte 1933, dass das Erntedankfest zentral am ersten Sonntag im Oktober gefeiert werden sollte. Der Erntedanktag, der erste Sonntag nach dem 29. September (Michaelis), galt seit der Bekanntgabe im Reichsgesetzblatt (28. Februar 1934) als einer der höchsten nationalen Feiertage des NS-Staates. Hier sollte, besonders auf der Grundlage der Blut-und-Boden-Ideologie, die Bedeutung des Bauernstandes für das Reich hervorgehoben werden.Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 4. Auflage. München 2001, S. 450, 666.

Die im ländlichen Raum verankerte christliche Tradition des Erntedankfestes erfuhr durch das Reichserntedankfest eine Umformung und Instrumentalisierung durch das NS-Regime. Der Nationalsozialismus verstand das Erntedankfest als ein Fest, begründet auf der Verehrung des germanischen Gottes Wotan.

Im Gegensatz zum 1. Mai 1933, an dem aus dem traditionellen Tag der Arbeiterbewegung der Tag der nationalen Arbeit wurde und am Folgetag SA und SS gewaltsam Gewerkschaftshäuser besetzten und ihre Funktionäre verhafteten, wählten die Nationalsozialisten bei der Bauernschaft, deren Organisationen bereits im Reichsnährstand gleichgeschaltet waren, den Weg der Verführung und der Manipulation. Die gigantisch angelegten Reichserntedankfeste sollten die Landbevölkerung idealistisch und emotional an das Regime binden und sind so als ein Teil des Prozesses der Machtübernahme anzusehen.Bernhard Gelderblom: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg – Die Idee zum Fest

Das evangelische Landeskirchenamt Hannover setzte dieser Vereinnahmung des kirchlichen Erntedankfestes durch die Nationalsozialisten nichts entgegen, im Gegenteil – in seinem Aufruf zum Erntedankfest im Jahre 1933 hieß es:

Vorbereitende Werbung Die Durchführung der Reichserntedankfeste hatte das Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels inne. Das Konzept des Ministeriums beinhaltete neben den Plänen zur Gestaltung des Festplatzes und zum Ablauf der Großveranstaltung auch einen vorgeschalteten Werbefeldzug mit Broschüren, Plakaten und Filmen. Presse und Rundfunk waren ebenso eingebunden wie andere Ministerien und Organisationen, insbesondere der Reichsnährstand, Bund Deutscher Mädel (BDM) und Reichsarbeitsdienst. Das Ziel, die Landbevölkerung in großer Zahl zur Teilnahme am Reichserntedankfest zu bewegen, wurde durch drei aufeinander folgende Propagandawellen erreicht, die man jeweils unter ein aussagekräftiges Motto stellte. 1935 waren dies in der ersten Phase ab Juni unter Bezug auf den Volksgemeinschafts-Gedanken „Stadt und Land – Hand in Hand“, in der zweiten Phase ab August „Unser Brot aus eigener Scholle“, was auf die angestrebte Autarkie der Versorgung anspielte, und in der dritten Phase ab September „Unterm Erntekranz“ als Assoziation zum ursprünglichen christlichen Anlass.Die Rekrutierung der Teilnehmer. Bei dokumentation-bueckeberg.de

An- und Abreiselogistik mini|Lage des Reichserntedank-Festplatzes bei Hameln mit den damaligen An- und Abreisewegen (Straße, Schiene, Fluss) mini|Der in Sandstein gemeißelte Hinweis Hellweg an der Straße von Latferde über den Bückeberg zum Festgelände Für die An- und Abreise wurden bis zu 215 Sonderzüge mit mindestens 1000 Menschen pro Zug eingesetzt, die den Hamelner Bahnhof oder einen der acht weiteren Haltepunkte in der Umgebung des Bückebergs anfuhren, so Hameln-Tündern. In den letzten Stunden vor Festbeginn hielten die Züge im Zweiminutentakt am Hamelner Bahnhof. Besucher aus ganz Deutschland reisten an, von denen die meisten aus einem Umkreis von etwa 100 km kamen. Einige Teilnehmer nahmen eine Fahrtzeit von 30 Stunden in Kauf.Woher kamen die Besucher? Bei dokumentation-bueckeberg.de

Für die mit Bussen, Kraftwagen und Pferdegespannen Anreisenden waren abgeerntete Felder in der Umgebung des Bückebergs als Großparkplätze hergerichtet. Für die Fahrzeuge der 3000 Ehrengäste standen jeweils Parkplätze unmittelbar an der Ehren- und Rednertribüne zur Verfügung. Viele Teilnehmer reisten mit Weserschiffen an, für die eigens Anlegestellen geschaffen wurden. Pioniere schlugen, zusätzlich zur festen Weserbrücke zwischen Kirchohsen und Hagenohsen, mehrere Pontonbrücken über den Strom. Schmale Zufahrtsstraßen waren als „Aufmarschwege“ extra verbreitert worden, so zum Beispiel die Reichsstraße durch das Tal der Emmer zwischen Hämelschenburg und Kirchohsen.

Die Nationalsozialisten waren bestrebt, die großen Aufmarschplätze des NS-Regimes für die An- und Abreise der Besuchermassen durch Autobahnen zu erschließen. 1938 bestanden Planungen, den Bückeberg als Südspange an die Reichsautobahn Dortmund-Hannover-Berlin, die heutige Bundesautobahn 2, anzuschließen.Bernhard Gelderblom: Eine Autobahn für den Bückeberg in Dewezet vom 23. Mai 2021 Die Strecke sollte von Westen durch das Tal der Humme führen, wurde aber kriegsbedingt nicht realisiert.Zukunftsplanungen zum Ausbau der Verkehrswege Bei dokumentation-bueckeberg.de

Die Teilnehmer, die übernachteten, fanden Quartier in Hameln oder in riesigen Zeltlagern rund um den Bückeberg.Unterbringung und Verpflegung. Bei dokumentation-bueckeberg.de Alle Besucher wurden am Veranstaltungstag bei ihrer Ankunft an den Bahnstationen und Schiffsanlegern über Lautsprecher begrüßt und zu Sammelplätzen geleitet, von wo aus sie den teilweise weiten Weg zum Festplatz gemeinsam antraten.

Obwohl das Reichserntedankfest ein Fest des Bauernstandes sein sollte, waren Bauern zahlenmäßig in der Minderheit. Um dies zu kaschieren, waren Trachtengruppen optisch überrepräsentiert. Ein Großteil der Besucher stammte aus Städten, wie Hannover, Braunschweig, Minden und Herford. Einen relativ großen Anteil am Publikum hatten Frauen und Kinder, die ausdrücklich zur Teilnahme aufgefordert waren. Dadurch unterschied sich das Reichserntedankfest von anderen NS-Massenveranstaltungen, bei denen Männer dominierten.Wer waren die Besucher? Bei dokumentation-bueckeberg.de

Hitlers Propagandafahrt durch Hameln 1933 bis 1935 wählte Hitler zur Anreise den Luftweg von Berlin nach Hannover. 1933 nahm er dann zunächst an der Versammlung des Reichsnährstands in Goslar teil, um dann im Triumphzug in offenem Pkw über Hameln zum Bückeberg zu fahren. 1934 und 1935 gelangte er von Hannover aus direkt nach Hameln, wiederum triumphmäßig in offenem Pkw, und erst nach Abschluss des Reichserntedankfestes nach Goslar, das mittlerweile zur Reichsbauernstadt erhoben worden war. Die Fahrten durch das damals 28.000 Einwohner zählende Hameln wurden von der dortigen Verwaltung gründlich vorbereitet. Die Aufforderung an die Hamelner Bürger durch Oberbürgermeister Detlef Schmidt und Kreisleiter Ahlswede lautete:

Die Stadt stellte kostenlos 1000 Wagenladungen Birkengrün zur Ausschmückung der Häuser zur Verfügung. Auf dem Bahnhofsvorplatz war eine riesige Erntekrone aufgehängt mit dem umlaufenden Schriftzug „Der deutsche Bauer – Deutschlands Stärke – Dem Volke Brot – Dem Führer Treue“. Transparente waren über die Straßen der Stadt gespannt mit den Aufschriften „Das Bauerntum ist der Lebensquell des deutschen Volkes!“, „Ein starkes Bauerngeschlecht – durch das neue Erbhofrecht!“, „Die schwielige Bauernhand – schafft Brot für jeden Stand!“, „Spendet für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes!“ und „Stadt und Land – Hand in Hand!“

Ab 1936 benutzte Hitler zur An- und Abreise seinen Sonderzug, der direkt in Hagenohsen hielt. Damit entfiel die Pkw-Triumphfahrt nach und durch Hameln, was auf den Unbill der Stadtoberen stieß.

Ablauf der Reichserntedankfeste mini|Der Mittelweg heute mini|Adolf Hitler in der Menge mini|Entbieten des Hitlergrußes durch die Festteilnehmer

Am Morgen des Reichserntedankfestes schwebten über dem Gelände Fesselballone der Wehrmacht, um den Besuchern den Weg zu weisen. Sie gelangten auf breiten Straßen zum Festplatz, der von Fahnen umstanden war. Von dem an der Weser liegenden Ort Hagenohsen führte ein Treppenweg hoch zum Festgelände, auf dem die Besucher zu sechst nebeneinander im Gleichschritt hinaufmarschierten. Nach dem Vorprogramm mit Trachtengruppen und Formationen der SA und des Reichsarbeitsdienstes schritt die Prominenz des NS-Staates mit zahlreichen Mitgliedern des Diplomatischen Korps den dammartig erhöhten Mittelweg zur Ehrentribüne hinauf.