mini|Stephen Harper (2014) mini|klasse=skin-invert-image|Stephen Harpers Unterschrift Stephen Joseph Harper, CC, PC (* 30. April 1959 in Toronto) ist ein kanadischer Politiker. Von 2006 bis 2015 war er der 22. Premierminister Kanadas. Harper war eines der Gründungsmitglieder der Reformpartei. Ab 1993 war er Abgeordneter des Wahlkreises Calgary West im Unterhaus. Nach internen Auseinandersetzungen trat Harper 1997 aus der Reformpartei aus und gab sein Parlamentsmandat auf. 2002 wurde er zum Vorsitzenden der Kanadischen Allianz gewählt und zog als Oppositionsführer wieder ins Unterhaus ein, in dem er seither den Wahlkreis Calgary Southwest vertritt. 2003 vereinbarte er mit dem Vorsitzenden der Progressiv-konservativen Partei die Fusion beider Parteien und wurde im März 2004 zum Vorsitzenden der neu gegründeten Konservativen Partei gewählt.
Bei der Unterhauswahl 2006 stiegen die Konservativen zur stärksten Kraft auf und bildeten am 6. Februar 2006 unter Harpers Führung eine Minderheitsregierung. Zwei Jahre später vergrößerten sie ihren Wähleranteil, verpassten aber die absolute Mehrheit der Sitze erneut. Dies gelang schließlich bei der Unterhauswahl 2011. Nach der Wahlniederlage bei der Unterhauswahl 2015 gab Harper den Parteivorsitz auf, das Amt des Premierministers trat er am 4. November an Justin Trudeau von der Liberalen Partei ab. 2016 verzichtete er auf sein Parlamentsmandat und zog sich aus der kanadischen Politik zurück. Seit 2018 ist er Vorsitzender der International Democrat Union, einem Dachverband konservativer Parteien.
Hintergrund und frühe politische Karriere Harper ist der älteste von drei Söhnen von Margaret (geborene Johnston) und Joseph Harper, einem Buchhalter bei Imperial Oil. Er wuchs in Leaside auf, einem Vorort von Toronto.Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 5. Seine Vorfahren stammten aus der englischen Grafschaft Yorkshire und waren 1784 nach Nova Scotia ausgewandert.
Harper ging in Etobicoke in der Provinz Ontario zur Schule. 1978 schrieb er sich an der University of Toronto ein, unterbrach aber nach nur zwei Monaten sein Studium und zog nach Calgary in der Provinz Alberta, um bei Imperial Oil zu arbeiten.Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 12. Er war zunächst in der internen Postverteilung beschäftigt, später arbeitete er am Computersystem des Unternehmens. 1981 nahm er sein Wirtschaftsstudium an der University of Calgary wieder auf. Er schloss 1985 als Bachelor ab und erwarb 1991 den Master of Arts. Später war er oft Gastdozent an seiner früheren Universität. 1993 heiratete er Laureen Teskey, das Paar hat zwei Kinder.
Bereits zu Universitätszeiten engagierte sich Harper politisch, und zwar im Young Liberals Club, der Jugendabteilung der Liberalen Partei. Da er mit der Energiepolitik von Premierminister Pierre Trudeau nicht einverstanden war, wechselte er später zur Progressiv-konservativen Partei.Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 19. 1985 war er Assistent des Unterhausabgeordneten Jim Hawkes. Enttäuscht über die seiner Ansicht nach unverantwortliche Finanzpolitik des damaligen Premierministers Brian Mulroney, trat er 1986 aus der Partei aus. Auf Einladung von Preston Manning beteiligte er sich am Gründungskongress der Reformpartei. Dabei handelte es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Interessengruppen aus Westkanada, die unzufrieden mit der mangelnden Berücksichtigung westkanadischer Interessen waren. Beim Verfassen des Wahlprogramms für die Unterhauswahl 1988 spielte Harper eine führende Rolle.
1988 trat Harper im Wahlkreis Calgary West gegen seinen früheren Arbeitgeber Hawkes an, unterlag aber deutlich mit nur 16,6 % der Stimmen. Die Reformpartei gewann keinen einzigen Sitz. Nachdem Deborah Grey im März 1989 eine Nachwahl gewonnen hatte und der Reformpartei damit den ersten Wahlerfolg beschert hatte, war Harper bis 1993 ihr Chefassistent, Berater und Redenschreiber.Geoff White: Ottawa will be hearing from Reform MP. In: Calgary Herald. 21. April 1989, S. A5. Er war darüber hinaus bis Oktober 1992 Hauptverantwortlicher für das Parteiprogramm der Reformpartei, zerstritt sich dann aber mit dem Parteivorsitzenden Preston Manning wegen unterschiedlicher Ansichten zum Charlottetown Accord (Harper lehnte diesen grundsätzlich ab, während Manning anfänglich kompromissbereit war).Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 179–183.
Unterhausabgeordneter und Lobbyist Bei der Unterhauswahl 1993 trat Harper in Calgary West erneut gegen Hawkes an und gewann mit großem Vorsprung (52,2 % der Stimmen). Die Reformpartei profitierte vom totalen Einbruch der bisher regierenden Progressiv-konservativen Partei und etablierte sich als drittstärkste Kraft. Während seiner ersten Amtszeit als Unterhausabgeordneter beschäftigte sich Harper hauptsächlich mit Finanzfragen und Verfassungsreformen. Zwar gehörte er nicht dem radikalen Flügel der Reformpartei an, vertrat jedoch in einzelnen Bereichen sozialkonservative Ansichten.
Harper versuchte, den wachsenden Einfluss des populistischen Flügels auf den Kurs der Reformpartei zu verringern und kritisierte öffentlich Mitglieder der eigenen Partei. Da der Vorsitzende Preston Manning nicht gewillt war, in dieser Angelegenheit einzugreifen, verließ Harper die Partei. Er gab am 14. Januar 1997 sein Parlamentsmandat auf und wurde noch am selben Tag zum Vizepräsidenten der National Citizens Coalition gewählt.Stephen Harper named A NCC Vice-President. In: Canada NewsWire. 14. Januar 1997. Wenige Monate später war er Präsident dieser konservativen Lobbygruppe. Unter anderem trat er für die Privatisierung der kanadischen Gesundheitsfürsorge und für einen konservativen Kurswandel in der Gesellschaftspolitik ein.
Vorsitzender der Kanadischen Allianz Als sich Jean Charest 1998 aus der Bundespolitik zurückzog, erwog Harper, für den Vorsitz der Progressiv-konservativen Partei zu kandidieren. Zu jenen, die eine mögliche Kandidatur Harpers unterstützten, gehörten Regierungsberater von Ontarios Premierminister Mike Harris.Jack Aubry: Battle lines being drawn up for ideological heart of Tories. In: The Hamilton Spectator. 7. April 1998, S. C3. Er entschied sich aber letztlich dagegen, weil er dadurch „zu viele Brücken zu jenen Personen in der Reformpartei abreißen“ würde, mit denen er jahrelang gearbeitet hatte. Außerdem würde dadurch das Projekt gefährdet, die Parteien des rechten Spektrums zu einer Allianz zusammenzuführen.Scott Feschuk: Harper rejects run at Tory leadership. In: The Globe and Mail. 10. April 1998, S. A1. 2000 entstand als Nachfolgerin der Reformpartei die Kanadische Allianz, die weniger populistisch ausgerichtet war. Doch der neuen, von Stockwell Day angeführten Partei gelang es bei der Unterhauswahl 2000 nicht, ihren Einfluss über Westkanada hinaus auszudehnen, sodass die Liberale Partei weiterhin an der Macht blieb.
Nach dem Tod von Pierre Trudeau schrieb Harper im Oktober 2000 einen Leitartikel in der National Post. Er kritisierte Trudeaus Politik, da sie sich auf Westkanada weiterhin negativ auswirke. Harper zufolge habe sich Trudeau „die modischen Themen seiner Zeit zu eigen gemacht, mit einem schwankenden Maß an Enthusiasmus und unterschiedlichen Ergebnissen“. Er habe aber „darauf verzichtet, sich um jene Dinge zu kümmern, die wirklich dieses Land definieren“.Stephen Harper: On second thought. In: National Post. 5. Oktober 2000, S. A18. Daraufhin beschuldigte Harper Trudeau, „unverfrorenen Sozialismus“ unterstützt zu haben, und behauptete, kanadische Regierungen zwischen 1972 und 2002 hätten das Wirtschaftswachstum mittels „Staatskorporatismus“ beschränkt.Stephen Harper: Get the state out of the economy. In: National Post. 8. Februar 2002, S. A14.
Harper war sich bewusst, dass nur die Vereinigung aller konservativen Kräfte einen Machtwechsel ermöglichen würde. Um dieses Ziel zu erreichen, trat er der Kanadischen Allianz bei und erklärte am 3. Dezember 2001, dass er für den Parteivorsitz kandidieren werde. Der Ton zwischen ihm und seinem Hauptkonkurrenten Day wurde schärfer, als Harper die Leitung der Partei als „amateurhaft“ bezeichneteNo more Mr. Nice Guy in Alliance leadership race. In: Kitchener-Waterloo Record. 4. Februar 2002, S. A3. und Day bezichtigte, eine zu schmale Parteibasis um die religiöse Rechte aufzubauen.Robert Fife: Day accused of courting evangelicals. In: National Post. 3. Februar 2002, S. A6. Day wiederum warf Harper vor, er greife ethnische und religiöse Minderheiten an.Campbell Clark: Harper attacking minorities, Day leadership camp charges. In: The Globe and Mail. 12. Februar 2002, S. A12. Am 20. März 2002 setzte sich Harper bei der parteiinternen Wahl gegen Day durch, indem er sich bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit von 55 % sicherte.
Nach der Wahl zum Parteivorsitzenden kündigte Harper an, dass er am 13. Mai 2002 zur Nachwahl im Wahlkreis Calgary Southwest antreten werde (dieser Sitz war nach dem Rücktritt von Preston Manning frei geworden). Die Liberalen stellten keinen Gegenkandidaten auf und folgten damit einer parlamentarischen Tradition, den Vorsitzenden einer oppositionellen Partei nicht zu konkurrieren; Jim Prentice von den Progressiv-Konservativen zog seine Kandidatur zurück.Alliance leader won't face Tories in byelection bid. In: Winnipeg Free Press. 31. März 2002, S. A8. Harper erzielte 71,7 % der Stimmen und setzte sich damit deutlich gegen den Kandidaten der NDP durch.
Oppositionsführer und Vorsitzender der Konservativen Partei Harper zog zum zweiten Mal ins Unterhaus ein und wurde Oppositionsführer. Er überwand seine Differenzen mit Stockwell Day und schrieb im März 2003 mit ihm zusammen einen Leserbrief an das Wall Street Journal. Darin verurteilten sie den Widerwillen der kanadischen Regierung, sich an der Invasion des Iraks zu beteiligen. Inzwischen hatten geheime Verhandlungen mit der Führung der Progressiv-Konservativen über einen Zusammenschluss begonnen. Stephen Harper und Peter MacKay, die beiden Parteivorsitzenden, gaben am 16. Oktober 2003 die bevorstehende Fusion bekannt. Am 5. Dezember stimmten die Mitglieder der Kanadischen Allianz mit 96 % für den Zusammenschluss, am 6. Dezember jene der Progressiv-Konservativen mit 90 %. Zwei Tage später wurde die neu gebildete Konservativen Partei offiziell registriert. Erstmals seit 16 Jahren war es damit gelungen, die konservativen Kräfte im kanadischen Parteienspektrum unter einem Dach zu bündeln.
Am 20. März 2004 kandidierte Harper für das Amt des Vorsitzenden der Konservativen Partei und gewann gleich im ersten Wahlgang mit 56,2 % der Stimmen; dabei setzte er sich gegen Belinda Stronach und Tony Clement durch. Bei der nachfolgenden Unterhauswahl am 28. Juni 2004 wurden die Konservativen zweitstärkste Partei, auch wenn der Wähleranteil kleiner ausfiel als jener der Vorgängerparteien zusammen. Gleichwohl waren die regierenden Liberalen von Premierminister Paul Martin zur Bildung einer Minderheitsregierung gezwungen, wobei Harper weiterhin Oppositionsführer blieb. Die Liberale Partei war durch den so genannten Sponsoring-Skandal geschwächt und ihr Ansehen sank laufend, als die parlamentarische Untersuchungskommission neue Enthüllungen publik machte.
Am 24. November 2005 brachte Harper ein Misstrauensvotum ein und sagte vor den Abgeordneten, dass „diese Regierung das Vertrauen des Unterhauses verloren hat und beseitigt“ werden müsse. Die Liberale Partei konnte nicht mehr auf die Unterstützung der sozialdemokratischen NDP zählen, da sie deren Plan zur Verhinderung der Teilprivatisierung des Gesundheitswesens abgelehnt hatte. Das Misstrauensvotum war mit 171 zu 133 Stimmen erfolgreich (das erste Mal überhaupt in der Geschichte Kanadas). Als Folge davon löste Generalgouverneurin Michaëlle Jean das Parlament auf und setzte für den 23. Januar 2006 eine vorgezogene Neuwahl an.
mini|Harper nach dem Wahlsieg 2006