Henriette Amalie Lieser (geb. 4. Juli 1875 in Wien; gest. 4. oder 5. November 1943 im KZ Auschwitz;Brief von Gertrude Schneider vom 19. Juli 2014 im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. (PDF-Dokument 942 kB)Die auf einem überholten Wissensstand beruhenden Angaben zu Ort und Todesdatum (3. Dezember 1943 im Ghetto Riga – laut Eintrag für ) widersprechen den historischen Tatsachen: dieses Ghetto wurde bereits am 2. November 1943 geräumt. genannt Lilly Lieser) war eine Mäzenin der Kunstszene Wiens.
Leben mini|160px|Palais Lanna in der Argentinierstraße 20
Lilly Landau war eine Tochter des wohlhabenden jüdischen Ehepaares Albert (1829–1909) und Fanny, geborene Menkes (1845–1890). Sie heiratete im November 1896 den Mitgesellschafter der Ersten Österreichischen Hanfspinnerei und Seilerwarenfabrik Brüder Lieser & Co und Kaiserlichen Rat Justus Lieser (8. März 1868 in Fürth – 18. Juni 1927 in Neuda)Neuda, Standort der Fabrik, gehörte damals zu Pöchlarn, heute liegt es im Gemeindegebiet von Golling an der ErlaufGrabstein am Alten israelitischen Teil des Wiener Zentralfriedhofes, mit dem sie zwei Töchter, Helene (1898–1962) und Annie (1901–1972) hatte. Die Ehe wurde 1905 geschieden. Helene war 1920 die erste Frau in Österreich, die in Staatswissenschaften promoviert wurde. Annie war von 1929 bis 1943 mit dem österreichischen Staatsbeamten Hans Sidonius Becker verheiratet.
Zwischen 1910 und 1915 war Lilly Lieser mit Alma Mahler befreundet, ihre Sommerhäuser in Breitenstein grenzten aneinander. Sie reisten gemeinsam nach Scheveningen, und Lilly unterstützte Alma bei einer Abtreibung. Lieser förderte unter anderem den Komponisten Arnold Schönberg, den sie durch Alma Mahler kennengelernt hatte, und ließ ihn zwischen 1915 und 1918 mietfrei in ihrem Haus in der Gloriettegasse 43 in Wien-Hietzing leben, sie selbst wohnte noch in ihrem Stadtpalais Argentinierstraße 20Josef Lenobel (Hrsg.): Das Buch der Häuser und Hausbesitzer Wiens. 4. Bezirk. Josef Lenobel Verlagsbuchhandlung, Wien/Leipzig 1908, S. 15 (unpag.)Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger 1908, 50. Jg., Zweiter Band S. 655. Schönberg erhielt darüber hinaus von ihr 500 KronenDas entspricht laut dem Historischen Währungsrechner der OeNB etwa 2.000 € (Stand 2023). monatlich und im Juni 1916 um 3.600 Mark ein Harmonium aus dem Berliner Musikhaus Carl Simon. Schönberg zeigte sich jedoch undankbar und schrieb an Alexander von Zemlinsky neben weiteren Beschimpfungen und Pöbeleien: „Sie ist von märchenhaftem Geiz und Schmutz“.Irene Suchy: Lilly Lieser. Die verleumdete Mäzenin, in: ORF TOPOS, 23. April 2024. Abgerufen am 8. Juni 2026.
Doch die Erkenntnis verwirrte Alma Mahler, dass ihre Freundin Lilly lesbisch war und ihr den Hof machte. Mein Grauen vor perversen Personen war immer sehr groß gewesen, notierte sie damals in ihr Tagebuch.
1925 unterstützte sie Alban Berg bei der Drucklegung der Partitur zu seiner Oper „Wozzeck“ finanziell, Berg ließ das Werk dann allerdings mit der faksimilierten Widmung: „Alma Maria Mahler zugeeignet“ erscheinen.
Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurden das Vermögen der Kunstsammlerin, zu dem Möbel, Meissner Porzellan, Teppiche und Gobelins, ein Bechstein- und ein Blüthner-Flügel und Bilder des 15. und 16. Jahrhunderts, u. a. von Maurice Utrillo, gehörten sowie ihr Immobilienbesitz „arisiert“. Ihren Töchtern gelang die Flucht nach England und Amerika. Lilly Lieser wurde am 11. Jänner 1942 nach Riga deportiert.Eintrag zu Lieser Henriette im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.
Nachwirken In Joshua Sobols Simultandrama Alma – A Show Biz ans Ende tritt Henriette Amalie Lieser als Alma Mahlers Freundin „Lilly Leiser“ auf und debattiert mit ihr ihre Rolle bei der Drucklegung von Alban Bergs „Wozzeck“ und ihre lesbische Gesinnung.
Das unvollendete Bildnis Fräulein Lieser (1917) von Gustav Klimt zeigt nach neuestem Kenntnisstand ihre Tochter Helene.Irene Suchy: Lilly Lieser. Die verleumdete Mäzenin. In: ORF TOPOS, 23. April 2024. Abgerufen am 8. Juni 2026. 1925 befand es sich in Lilly Liesers Haus in der Argentinierstraße 20.Die Beschreibung des schwarz-weiß Fotos im Bildarchiv Austria lautet: Reproduktion nach einem unvollendeten Gemälde (1917/18) von Gustav Klimt. Anmerkung im Inventarbuch: "1925 in Besitz von Frau [Henriette] Lieser, IV., Argentinierstrasse 20.", Personenzuschreibung nicht geklärt, siehe auch: Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen, 4. Bde., Salzburg 1980-1989, Nr. 2588, hier Zuschreibung an: Margarethe Constanze Lieser., Damenbildnis in Originalrahmung. Abgerufen am 6. Februar 2024 Ein historisches Foto entstand wohl im Jahr 1925 für eine für das Jahr 1926 angedachte Ausstellung, die zwar durchgeführt wurde, das Bildnis Fräulein Lieser aus der Planung aber gestrichen wurde. Nach dem Auftauchen des verschollen geglaubten Gemäldes 2023 schlossen die damaligen Eigentümer freiwillig eine Vereinbarung im Sinne der Washingtoner Erklärung mit den Erben der Familie Lieser.Olga Kronsteiner: Klimts verschollenes "Fräulein Lieser" in Privatbesitz wieder aufgetaucht. In: Der Standard, 25. Januar 2024. Abgerufen am 6. Februar 2024 Im April 2024 wurde das Bildnis Fräulein Lieser im Auktionshaus im Palais Kinsky um 30 Millionen Euro versteigert. Derzeit (Stand: Juni 2026) geht die US-Amerikanerin Patricia Leahy in New York gerichtlich gegen die derzeitige österreichische Privatbesitzerin und das Auktionshaus vor.Olga Kronsteiner: Restitutionscausa. Klage auf Rückgabe des Klimt-Bildes "Fräulein Lieser" in New York eingebracht: In: Der Standard, 6. Juni 2026. Abgerufen am 8. Juni 2026.
Literatur
Irene Suchy: Lilly Lieser – eine Übersehene. Eine Co-Produzentin der Schönberg’schen Musikgeschichte. In: Österreichische Musikzeitschrift, 10/2008. Als PDF bei irenesuchy.org
Weblinks
Mäzeninnen in der Österreichischen Musikzeitschrift 10/2008 (PDF)
Einzelnachweise
Kategorie:Mäzen Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Person (Wien) Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1875 Kategorie:Gestorben 1943 Kategorie:Frau