mini|hochkant=1.5|Typische gewachsene Kulturlandschaft im deutschen Mittelgebirgsraum (Siegaue, Gemarkung Blankenberg) mini|hochkant=1.5|Reisterrassen auf Bali, eine alte Kulturlandschaft in Südostasien

Mit dem Begriff Kulturlandschaft wird meist die dauerhaft vom Menschen geprägte Landschaft bezeichnet. Zusammen mit dem gegensätzlichen Begriff „Naturlandschaft“ entsteht ein komplementäres Begriffspaar (Dichotomie). Je nach Definition werden z. B. Stadtlandschaft, Industrie- oder Wirtschaftslandschaft und der ländliche Raum teilweise zu den Kulturlandschaften gezählt, teilweise jedoch nicht. Kulturlandschaft wird oft verwendet, wenn der historische Bezug und die enge Verknüpfung von „gewachsener“ Landschaft und bäuerlicher Kultur betont werden soll.

Wichtige Faktoren für die Entstehung und Entwicklung der Kulturlandschaft sind die Beschaffenheit (Standortbedingungen) des Naturraums mit seiner Fauna und Flora sowie die Wechselwirkungen, die aus der anthropogenen Veränderung des Naturraums resultieren.

In der Volkskunde und in der sogenannten historischen Kulturraumforschung, einem Zweig der historischen Landeskunde, werden mit dem Terminus 'Kulturlandschaften' keine materiellen Landschaften, sondern eher Kulturräume angedeutet.

Definitionen mini|hochkant=1.5|rechts|Schematische Darstellung der drei gebräuchlichsten Definitionen von „Kulturlandschaft“ In der wissenschaftlichen Literatur der Geo- und Biowissenschaften sowie in Schriften aus Landesplanung und Naturschutz wird der Begriff „Kulturlandschaft“ in vielfältiger Weise und teilweise deutlich voneinander abweichend verwendet. Die Ursache für diese Uneinheitlichkeit liegt vor allem in der Bewertung der Hemerobie (Maß für den gesamten Einfluss des Menschen auf natürliche Ökosysteme): „Wer prägt die Landschaft stärker – Mensch oder Natur?“ lautet die „Glaubensfrage“.Suchbegriff „Kulturlandschaft“ im Geolexikon geodz.com, Arisleide Stolzenberger-Ramirez, Universidad Nacional de Jujuy – Facultad de Ciencias Agrias.

Drei grundlegende Definitionen können formuliert werden:

Der quantitative Ansatz mini|Lapplands Fjällberge: „Rentierweide-Kulturlandschaft“ oder Wildnis? Die quantitative Auslegung wird in Debatten bisweilen polemisch verwendet. „Kulturlandschaft entspricht absolut der gesamten Umwelt, die in irgendeiner Weise vom Menschen beeinflusst wird.“

Nach dieser Definition müsste heute die gesamte Landoberfläche der Erde als Kulturlandschaft betrachtet werden, da zumindest anthropogene Emissionen überall nachweisbar sind. Demnach wäre eine Unterscheidung zur Naturlandschaft obsolet.Ludwig Fischer: Kulturlandschaft – naturtheorethische und kultursoziologische Anmerkungen zu einem Konzept. In: Denkanstöße. Landschaftskult – Kulturlandschaft. Hrsg. von der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz. Heft 6, November 2007, S. 16–27.

Diese weite Auslegung hat die meisten Befürworter unter den Landschaftsplanern. Als Beispiel für anthropogene Veränderungen von Wildnis zur Kulturlandschaft wird gern das Amazonasgebiet und die dort vorkommende Terra preta angeführt, ein über Jahrhunderte anthropogen veränderter Boden, der auf großen Flächen entlang der Flussläufe vorkommt. Die weite Auslegung wird häufig kritisiert und führt zu Debatten im Sinne von „Wildnis oder Kulturlandschaft?“.Ludwig Trepl: Der Konservativismus entdeckt die Wildnis. Jungbrunnen, Asphaltdschungel und Betonwüste. scilogs.de: Landschaft und Ökologie auf der Website von Spektrum der Wissenschaft, Artikel vom 20. August 2012. So stellt sich beispielsweise die Frage, wie die Prozesse des globalen Klimawandels in diesem Zusammenhang zu bewerten sind. Kulturlandschaften erscheinen dann in mehr oder weniger großen Anteilen als nicht beabsichtigte, prozessuale Effekte menschlicher Tätigkeiten.

Der wertneutrale Ansatz mini|Alpenländische Kulturlandschaft „Eine Kulturlandschaft ist ein Raum, dessen Gestalt deutlich durch die menschliche Landnutzung geprägt wurde und wird. Kulturlandschaften sind nicht nur ökologisch besonders wertvolle oder „schöne“ Landschaften – jedoch Orte, zu dem die Menschen eine innige Beziehung unterhalten.“Gerhard Curdes: Kulturlandschaft als ‚weicher Standortfaktor‘. Regionalentwicklung durch Landschaftsgestaltung. In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 5/6, 1999.H. Job und G. Stiens: Erhaltung und Entwicklung gewachsener Kulturlandschaften als Auftrag der Raumordnung. Einführung. In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 5/6, 1999.

In diesem Sinne werden die unbewohnbare Anökumene der Erde (Inlandeis, Gletscher, vegetationslose Wüsten), aber auch die nicht dauerhaft besiedelten Teile der Subökumene den Naturlandschaften zugerechnet. Das wären beispielsweise Naturräume wie die Primärwälder der feuchten Tropen oder die Steppen und Tundren Asiens, die traditionell nur zeitweise und extensiv genutzt werden. Selbst durch Raubbau zerstörte Ökosysteme in den Wildnisregionen rechnet man nach dieser Definition nicht zu den Kulturlandschaften. Die gesamte Ökumene – vom ländlichen Raum über die Siedlungs- oder Stadtlandschaften bis hin zu den Industrie- und Wirtschaftslandschaften – wird hier den Kulturlandschaften zugerechnet. Das schließt auch alle „verwilderten“ Gebiete innerhalb der Ökumene ein, die historisch vom Menschen geprägt wurden. Auch Reste von Hutewäldern oder sehr alte Schutzgebiete gehören demnach dazu, da sie als inselhafte Relikte im besiedelten Raum nicht abseits „deutlicher Beeinflussungen“ liegen. Genannt seien in diesem Zusammenhang häufige Besucher, die ihre Spuren hinterlassen und den Naturhaushalt stören, und die nicht mehr existierende europäische Megafauna (z. B. Wisent, Auerochse, Elch, Braunbär), deren landschaftsgestaltende Rolle unbesetzt bleibt. Je nach Betrachtungsweise kann man Anfang des 21. Jahrhunderts rund 50 bis 70 % der Landoberfläche diesen anthropogenen Landschaften zurechnen.Hubertus Breuer: Korridore des Lebens. In: Die Zeit, Nr. 52/2002.

Diese Vorstellung wird gemeinhin von Geographen und Landschaftsökologen verwendet. Sie fand, nicht zuletzt durch die geographische Schule Carl Ortwin Sauers (Berkeley School) über die amerikanische Geographie einzug in die internationale wissenschaftliche Debatte.

Beispiel aus dem Wörterbuch der Allgemeinen Geographie: „Die Kulturlandschaft entsteht durch die dauerhafte Beeinflussung, insbesondere auch die wirtschaftliche und siedlungsmäßige Nutzung der ursprünglichen Naturlandschaft durch menschliche Gruppen und Gesellschaften im Rahmen der Ausübung ihrer Grunddaseinsfunktionen. Ihre regional differenzierte Ausprägung ist nicht durch die Natur determiniert, wohl aber von ihr beeinflusst und zwar um so stärker, je geringer die technologische Entwicklung der die Kulturlandschaft gestaltenden Gruppe ist. Die Kulturlandschaft erhält ihre regionale Ausprägung insbesondere durch die Wohnfunktion (Art und Verteilung der menschlichen Siedlungen), die Art der wirtschaftlichen Tätigkeit (agrarische Landnutzung, Rohstoffgewinnung, Industrie und Gewerbe) und die Ausbildung des Verkehrsnetzes.“Diercke. Wörterbuch der Allgemeinen Geographie. Braunschweig 1984, ISBN 978-3-423-03422-7.

Der Geograph Martin Schwind fügt aus kulturgeographischer Sicht an, dass jede Kulturlandschaft als Ausdruck der menschlichen Geisteshaltung gesehen werden muss: „Jede Untersuchung eines landschaftlichen Realgebildes wird über dessen gegenständliche Bedeutung hinaus einen irrealen Hintergrund freilegen können: den Geist, der jene Dinge trägt. Dieser Geist ist zu allen Zeiten ein anderer gewesen und hat auch jeweils andere Fragen an die überkommene Landschaft gestellt.“Martin Schwind: Kulturlandschaft als objektivierter Geist. In: Deutsche Geographische Blätter 46, 1951, S. 4–5.

Der Begriff Anthropogene Landschaft wird zuweilen synonym für diese Definition verwendet. Diese bildet beispielsweise auch die Grundlage für das Konzept der Anthropogenen Biome nach Ellis und Ramankutty.Erle C. Ellis, Navin Ramankutty: Putting people in the map: anthropogenic biomes of the world. The Ecological Society of America, Washington D.C. 2008, S. 439–450, hier 441 f.

Der qualitative Ansatz mini|Heidegebiete in Mitteleuropa sind nach jeder Definition zweifelsfrei Kulturlandschaften. mini|Urwald Sababurg: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts Hutewald-Kulturlandschaft, seitdem ungenutzt: Heute Ziel von „Urwald“-Besuchern, morgen wieder Naturlandschaft? „Eine Kulturlandschaft ist ein Raum, der durch eine vor- und frühmoderne bäuerliche Nutzung geprägt wurde und noch heute entsprechende Pflanzenformationen und Strukturen aufweist. Solche Kulturlandschaften sind artenreich und daher aus Naturschutzsicht erhaltenswert.“Thomas Gunzelmann: Denkmallandschaft und Kulturlandschaft – die Landschaft in der Denkmalpflege. Tagungstext zu Denkmalschutz und Naturschutz – Voneinanderlernen und Synergien nutzen zur Erhaltung des Natur- und Kulturerbes (Veranstalter: Bundesamt für Naturschutz – Internationale Naturschutzakademie in Kooperation mit der Akademie für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein), Insel Vilm, 25.–27. Oktober 2007.Definition Kulturlandschaft auf der Website der Universität Kassel, abgerufen am 4. Februar 2014.Dietrich Denecke: Kulturlandschaft, Siedlungsgeographie, Kulturgeographie. In: Klaus Fehn und Anngret Simms (Hrsg.): Wege der historischen Geographie und Kulturlandsforschung. Steiner, Stuttgart 2005.

Diese enge Betrachtung orientiert sich an subjektiven Vorstellungen von „wünschenswerten Landschaften“ und spielt insbesondere im Naturschutz eine wichtige Rolle. Zur Abgrenzung von anderen Definitionen wird zuweilen von historischen Kulturlandschaften oder auf bestimmte Gebiete bezogene Kulturlandschaften gesprochen. Etwa 15 Prozent der weltweiten Landfläche können als „Siedlungsnahe Kulturlandschaften“ (Residential irrigated- und Residential rainfed mosaic cropland nach Erle C. Ellis und Navin Ramankutty) betrachtet werden.

Beispielsweise wird unter der mitteleuropäischen Kulturlandschaft ein durch landwirtschaftliche Nutzung geprägtes Gebiet verstanden, bei der die Nutzung ein bestimmtes Intensivitätsniveau nicht überschritten hat. So entstanden bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr artenreiche Biotope (beispielsweise Feuchtwiesen, Heiden, Streuobstwiesen), die danach im Zuge der weiteren Intensivierung der Landwirtschaft zu großen Teilen wieder verschwunden sind. Solche historische Kulturlandschaften Europas sind artenreicher (→ Biodiversität) als eine natürlich entstandene Klimaxvegetation. Aufgrund ihrer Eigenarten lassen sich verschiedene Kulturlandschaften voneinander abgrenzen.Reinhard Piechocki: Landschaft – Heimat – Wildnis. München 2010, ISBN 978-3-406-54152-0.

Auch der qualitative Ansatz wird wiederum in verschiedenen „Spielarten“ ausgedrückt. Zwei Beispiele:

Hans Hermann Wöbse: „Kulturlandschaften sind vom Menschen gestaltete Landschaften, deren ökonomische, ökologische, ästhetische und kulturelle Leistungen und Gegebenheiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, die eine kontinuierliche Entwicklungsdynamik gewährleisten und langfristig geeignet sind, Menschen als Heimat zu dienen.“Hans Hermann Wöbse: “Kulturlandschaft” und “historische Kulturlandschaft”. In: Informationen zur Raumentwicklung Heft 5/6, 1999.Hans Hermann Wöbse: Landschaftsästhetik. Über das Wesen, die Bedeutung und den Umgang mit landschaftlicher Schönheit. Ulmer, Stuttgart 2002. Gottfried Briemle: „Eine vom Menschen zwar intensiv genutzte, jedoch durch kleinräumige Wirtschaftsweisen geprägte Agrarlandschaft, deren Haushalt durch eine Vielzahl von Landschaftselementen ökologisch relativ stabil ist und in ihrer Physiognomie naturräumliche Verschiedenheiten wahrt.“Gottfried Briemle: Flurbereinigung – Bereicherung oder Verarmung der Kulturlandschaft? In: Schwäbische Heimat 29, 1978, Heft 4, S. 226–233.