mini|Johanniskirche in Rostock kurz nach der Fertigstellung 1952 mini|Lutherkirche in Mainz mini|St.-Petri-Kirche in Hannover-Döhren mini|Die Auferstehungskirche in Pforzheim mini|Martin-Luther-Kirche Würzburg mini|Lukaskirche in Worms Die Bartning-Notkirchen waren ein Kirchbauprogramm des Evangelischen Hilfswerks, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von dem Architekten Otto Bartning entwickelt wurde, um den Mangel an gottesdienstlichen Räumen, der durch die Zerstörung vieler Kirchen und den Zuzug von Flüchtlingen entstanden war, mit schnellen und einfachen Mitteln zu beseitigen.Sigrid Hoff: Ein moderner Kirchenvater. Otto Bartning war Vordenker der Bauhaus-Bewegung und maßgeblich im Kirchenbau engagiert. In: Christ in der Gegenwart. Jg. 69, 2017, S. 183.
Zweck der Notkirchen
Gleichwohl galten Bartning-Notkirchen von Anfang an keineswegs als Provisorien.Julia Ricker: Otto Bartning und seine Kirchen: Spiritualität in Serie. Monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. Ausgabe April 2016. In einigen Fällen verhinderten Denkmalschutzbehörden den geplanten Abriss einer Notkirche und den Bau eines Ersatzgebäudes.Friedenskirche Garrel. OBAK-Datenbank, Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau e. V. (OBAK).
Beschreibung Bartning, der auf seine Erfahrungen unter anderem beim Bau der Stahlkirche für die Pressa-Ausstellung in Köln (1928) zurückgreifen konnte, entwickelte einen Modellraum in Leichtbauweise aus vorgefertigten, genormten Einzelteilen. Die Notkirchen, für die Bartning auf den Entwurf der nicht realisierten Sternkirche von 1922 zurückgriff, zeichnen sich durch das Fensterband im Obergaden und das an einen Schiffsbauch erinnernde Kirchenschiff aus. Dank der Fertigbauteile und der Mitarbeit der Gemeinde kostete der Bau einer Bartning-Kirche nur etwa die Hälfte dessen, was für einen Kirchbau in Massivbauweise zu veranschlagen gewesen wäre.Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. Fakultät Architektur, TU München. München 2019, S. 18 (PDF; 33,2 MB). In den Kirchen fanden zwischen 350 und 500 Gottesdienstbesucher Platz. Integriert war meist eine Sakristei und ein abtrennbarer Gemeinderaum unter der Empore.
Das benötigte Holz für das zeltförmige Tragwerk, Einbauten und Gestühl wurde meist von Gemeinden in Skandinavien oder den USA gestiftet. Dieses tragende Gerüst aus sieben hölzernen Dreigelenkbindern wurde in wenigen Tagen auf dem von der Gemeinde zu errichtenden Fundament aufgestellt. Den Rest des Baus organisierte die Gemeinde selbst. Das Grundmodell ließ sich leicht für lokale Bedürfnisse variieren. Dabei konnten auch die Überreste kriegszerstörter Kirchen integriert werden. Für die nicht tragenden Wände konnten sogar Trümmersteine verwendet werden. Der Turm wurde meist seitlich an der symmetrischen Westfassade angesetzt.
Die Planung sah zwei Typen von Kirchbauten vor: Typ A mit Spitztonnengewölbe und gemauertem Altarraum, den Bartning auf Grundlage des Entwurfs des Schweizer Ingenieurs Emil Staudacher entwickelte,Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm, 2019, S. 20. wurde aufgrund der aufwendigeren Dachkonstruktion mit der Bethanienkirche in Frankfurt am Main nur einmal in der ursprünglichen Form errichtet. Typ B, eine „Saalkirche mit Satteldach“,Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm, 2019, S. 22. wurde mit drei verschiedenen Chorabschlüssen gestaltet: mit polygonalem Altarraum mit angemauertem Altarraum ohne gesonderten Altarraum
Geplant waren ursprünglich 48 Kirchbauten, 3 des Typs A und 45 des Typs B, von denen 43, 2 Notkirchen des Typs A, neben der Frankfurter Bethanienkirche in abgewandelter Form die Schweizer Kirche in Emden, und 41 des Typs B, realisiert wurden. Zwei Kirchen des Typs B wurden später an einen anderen Ort umgesetzt.Bartnings Sakral- und Sepulkralwerk bauzeitlich-systematisch. Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau e. V. (OBAK), mit Gesamtverzeichnis der Notkirchen, abgerufen am 2. Oktober 2012. Zwei Typ-B-Kirchen (Aachen und Düsseldorf) wurden abgebrochen, von der Notkirche in Hannover-List sind nur die Binder in einer anderen Kirche wiederverwendet worden. Ein dritter Typ C wurde nicht realisiert.
In einem eigenständigen Folgeprogramm der Notkirchen wurde später eine Serie von Gemeindezentren und Diasporakapellen errichtet. Die Gemeindezentren wurden auch als Notkirchen Typ D bezeichnet.
Notkirchen der Typen A und B
Johannes-Notkirche (Aachen) (1979 abgebrannt und daraufhin abgebrochen) Offenbarungskirche (Berlin) Gethsemane-Kirche (Bochum) Andreaskirche Bremen-Gröpelingen, 1949Evangelische Andreaskirche. In: Architekturführer Bremen. Bremer Zentrum für Baukultur, abgerufen am 14. Februar 2026.Weser-Kurier. 4. April 2015, S. 23; auch zur Weltkulturerbe-Initiative. Gnadenkirche (Chemnitz) Matthäuskirche (Darmstadt) Paul-Gerhardt-Kirche (Dortmund) Friedenskirche (Dresden-Löbtau) Dankeskirche (Düsseldorf) (1960 abgebrochen) Lutherkirche (Duisburg) (heute Gemeindehaus zur Lutherkirche) Schweizer Kirche, Emden Apostel-Notkirche, Essen Johann-Sebastian-Bach-Kirche (Forst (Lausitz)) Bethanienkirche (Frankfurt am Main) Pankratiuskapelle (Gießen) St. Martinus (Hamburg-Eppendorf) (1949 zusammen mit Gerhard Langmaack) St. Markus (Hamburg-Hoheluft) Adventskirche (Hamburg-Schnelsen) St. Petri, Hannover-Döhren Matthäuskirche in Hannover-List, die Notkirche abgebrochen, Holzbinder in der Zachäuskirche in Hannover-Burg wiederverwendet Wichernkirche (Heilbronn) Friedenskirche (Karlsruhe-Weiherfeld) Zionskirche (Kassel) Vicelin-Kirche (Kiel) Luther-Kirche, Köln-Mülheim Trinitatiskirche (Leipzig)Geschichte. Evangelische Kirchengemeinde Mülheim am Rhein, abgerufen am 9. März 2018. Melanchthonkirche (Ludwigshafen am Rhein) Johanneskirche (Manfort) Lutherkirche (Mainz) Gnadenkirche (Mannheim) Kreuzkirche (München), heute Gemeindesaal Erlöserkirche (Münster) Justus-Jonas-Kirche, Nordhausen-Salza St. Leonhard, Nürnberg, heute GemeindehausWiederaufbau der Kirche St. Leonhard 1958. Nürnberg St. Leonhard – Schweinau, abgerufen am 9. März 2018. Auferstehungskirche (Pforzheim), die erste Notkirche Johanniskirche (Rostock) Friedenskirche (Stralsund) Ludwig-Hofacker-Kirche (Stuttgart)Über uns. Ludwig-Hofacker-Gemeinde Stuttgart, abgerufen am 11. April 2019. Kreuzkirche (Wehrendorf), Vlotho a. d. Weser Gnadenkirche (Wesel) Neue Kirche (Wismar) Lukaskirche (Worms) Johanneskirche (Wuppertal) Martin-Luther-Kirche, Würzburg
Notkirchen Typ D und Diasporakapelle mini|Video: Versöhnungskirche Overathmini|Pauluskirche (Bilshausen)
Sondertypen Johanngeorgenstadt, Typ Haus der Kirche (1951, verändert) Schlema, Typ Haus der Kirche (1952, nach Schneeberg und später nach Aue versetzt) Haselünne, Dreifaltigkeitskirche, Anbau (1951, erhalten) Zarnekow, Gemeindehaus (1951, substantiell verändert) Sassnitz (Rügen), Söderblomhaus (1952, erhalten)
Notkirchen sollen Weltkulturerbe werden Die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau, das EU-Projekt „Otto Bartning in Europa“, das Otto-Bartning-Archiv an der Technischen Universität Darmstadt, das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst der EKD und örtliche Initiativen fordern, die Notkirchen zum UNESCO-Weltkulturerbe zu ernennen.In einem Atemzug mit der „Akropolis“ genannt – „Notkirchen“ sollen Weltkulturerbe werden – Arbeitskreis in Dalum unterstützt die Initiative. In: Evangelische Zeitung, Zwischen Weser & Ems, 30. September 2012, S. 39 N Dieser Forderung hat sich 2017 u. a. die Johanneskirche in Leverkusen (Typ B mit Anbau) angeschlossen.
Siehe auch Kirchenbauprogramme in der DDR
Literatur Otto Bartning: Die 48 Notkirchen. (Entwurf u. Leitung: Hilfswerk der Ev. Kirchen in Deutschland, Bauabteilung Neckarsteinach). Schneider, Heidelberg 1949. Chris Gerbing: Die Auferstehungskirche in Pforzheim (1945–1948). Otto Bartnings Kirchenbau im Spannungsfeld zwischen Moderne und Traditionalismus. Schnell & Steiner, Regensburg 2001, ISBN 3-7954-1428-8. Christoph Schneider: Das Notkirchenprogramm von Otto Bartning. (= Edition Wissenschaft, Reihe Kunstgeschichte. Band 7). Tectum Verlag, Marburg 1997, ISBN 3-8288-0089-0. Svenja Schrickel: Die Notkirchen von Otto Bartning – eine serielle Kirchenbauproduktion der Nachkriegszeit. Überlieferte Zeichen eines Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Band 34, 2005, Nr. 4, S. 201–213, . Michael Flock: Der Notkirchenbau von Otto Bartning. Studienarbeit im Fachbereich Architektur der SRH Hochschule Heidelberg, Heidelberg 2008 (PDF; 1,7 MB). Julia Ricker: Spiritualität in Serie. Otto Bartning und seine Kirchen. In: Monumente. Nr. 2, 2016, S. 66–73, . Werner Durth, Wolfgang Pehnt, Sandra Wagner-Conzelmann: Otto Bartning, Architekt einer sozialen Moderne. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-87390-393-7. Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. Fakultät Architektur, TU München, München 2019 (PDF; 33,2 MB).
Weblinks
Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau (OBAK) Karte: Bartning-Kirchen in Deutschland bei der OBAK Standorte von Diasporakapellen (Liste nach Immo Wittig 2009). Cyriakkapelle in Erfurt Otto-Bartning-Archiv der TU Darmstadt Offenbarungskirche – Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, zum Erhalt der Kirche Julia Ricker: Otto Bartning und seine Kirchen: Spiritualität in Serie. Monumente, Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, April 2016
Einzelnachweise
Kategorie:Protestantische Architektur Kategorie:Geschichte des Protestantismus in Deutschland Kategorie:Christentum (deutsche Nachkriegszeit)
Kategorie:Geschichte des Kirchenbaus Kategorie:Wikipedia:Artikel mit Video