mini|Flagge von Osttimor mini|Die Lage Osttimors

Die Geschichte Osttimors umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Timor-Leste von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie ist geprägt von einer langen Zeit der Fremdherrschaft. 450 Jahre beherrschten die Portugiesen große Teile der Insel Timor, ständig bedrängt von Niederländern und den Topasse. Neun Tage nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Osttimors 1975 besetzte Indonesien das Land. Infolge der indonesischen Okkupation, die 24 Jahre dauerte, kamen fast 200.000 Menschen ums Leben. Nach drei Jahren Verwaltung durch die Vereinten Nationen wurde Osttimor 2002 in die Unabhängigkeit entlassen. Damit war Osttimor der erste Staat, der im 21. Jahrhundert unabhängig wurde. Sorgten innere Konflikte in den ersten Jahren noch für neue Krisen, stabilisierte sich das Land seit dem Zusammenbruch der Rebellenbewegung im Jahr 2008. Am 31. Dezember 2012 endete die Mission der Sicherheitskräfte der Vereinten Nationen und der International Stabilization Force ISF. Internationale Truppen und Polizisten wurden abgezogen. Das Land erlebte seitdem einen deutlichen Aufschwung, der durch politische Auseinandersetzungen der Parteien getrübt wird und 2021 eine Naturkatastrophe und die COVID-19-Pandemie verkraften musste.

Mythischer Ursprung Timors mini|Das Leistenkrokodil: Mythischer Ursprung Timors

Der Legende nach half ein kleiner Junge einem Krokodilbaby, den Weg ins Meer zu finden. Zum Dank dafür nahm das Krokodil den Jungen auf lange Reisen über das Meer mit. Als das Krokodil starb, wurde aus seinem Körper die Insel Timor, die von den Nachkommen des Jungen besiedelt wurde. Noch heute hat das Krokodil in Osttimor große symbolische Bedeutung. Traditionell wird es als „Großvater“ bezeichnet und es gibt den Brauch, beim Überqueren von Flüssen „Krokodil, ich bin Dein Enkel – friss mich nicht“ zu rufen.ETAN: Legend of East Timor: The Crocodile StoryThe crocodile that became Timor. Aus Fernando Sylvans Cantolenda Maubere.

Vor der Kolonialzeit Hintergrund mini|Felsmalerei in Ile Kére Kére

Die Küstenlinie der südostasiatischen Inselwelt veränderte sich im Laufe der Jahrtausende erheblich, was einen Einfluss auf mögliche Besiedlungen durch Einwanderer hatte. Stieg der Meeresspiegel vor etwa 70.000 Jahren stark an, sank er vor ungefähr 30.000 Jahren während des Letzteiszeitlichen Maximums. Vor zirka 18.000 Jahren stieg der Meeresspiegel erneut und Landmassen, wie Sundaland und Sahul wurden wieder durch das Wasser zerteilt. Weitere starke Veränderungen der Küstenlinie fanden vor 14.500, 11.500 und 7.500 Jahren statt und schufen so die heutige Inselwelt und den von Asien getrennten Kontinent Australien. Trotz dieser wechselhaften Veränderung der Geographie blieb Timor die ganze Zeit über eine Insel ohne eine Landverbindung zum Rest der Welt. Nur die zu überwindenden Distanzen schrumpften zeitweise erheblich.Sibylle M. Gomes u. a.: Human settlement history between Sunda and Sahul: a focus on East Timor (Timor-Leste) and the Pleistocenic mtDNA diversity. In: BMC Genomics. 16, 22. Dezember 2014, S. 70. doi:10.1186/s12864-014-1201-x

Die Bevölkerung Timors kam im Rahmen der allgemeinen Besiedlung der Region auf die Insel. Anthropologen gehen davon aus, dass die Nachkommen von mindestens drei Einwanderungswellen hier leben, wodurch auch die ethnisch-kulturelle Vielfalt Timors zu erklären ist.A. Barbedo de Magalhães: Population Settlements in East Timor and Indonesia, Universität Coimbra, 24. Oktober 1994. Interessanterweise bezeichnen sich alle Volksgruppen auf Timor als Einwanderer, die ursprünglich von woanders auf die Insel zogen. Je früher die Einwanderung den Mythen nach erfolgte, desto höher war der Status in den traditionellen Machtstrukturen auf Timor.Laura Suzanne Meitzner Yoder: (PDF; 1,5 MB). Yale University, 2005, S. 43, 44.

Die timoresischen Völker kannten ursprünglich keine Schrift. Daher gibt es keine schriftlichen Überlieferungen von der Geschichte vor der europäischen Kolonisation. Dafür existiert eine reiche Tradition an mündlichen Überlieferungen, wie etwa beim Volk der Bunak im Zentrum der Insel. Die Geschichten wurden in wiederkehrenden Reimen und Alliterationen rezitiert. In jedem Dorf brachten die Alten den Jungen die Legenden des Clans bei, aber es gibt auch die Lian Nain (in etwa Herr der Wörter), Barden und zeremonielle Würdenträger, die stundenlang Verse rezitieren können. Meistens werden Verse aus zwei Zeilen verwendet, bei denen jede Zeile aus zwei Sätzen besteht. Der erste Satz der zweiten Zeile wiederholt dabei in anderen Wörtern den Inhalt des letzten Satzes der ersten Zeile. Die Sprachen sind reich an Metaphern und Symbolen aus der animistischen Kultur Timors. Legenden, wie der Schöpfungsmythos um das Krokodil, wurden außerdem bildlich dargestellt und dekorativ verwendet.Geoffrey C. Gunn: History of Timor, verfügbar vom Centro de Estudos sobre África, Ásia e América Latina, CEsA der TU-Lissabon (PDF-Datei; 805 kB).

Es ist teilweise nicht einfach, das einheimische Wissen über die Geschichte zu sammeln. In Oe-Cusse Ambeno gibt es traditionelle Einschränkungen zur Weitergabe geschichtlichen Wissens. Dies ist meist nur zwei oder drei Personen in jedem Dorf gestattet. Dabei dürfen sie aber nur über die Geschichte des eigenen Dorfes berichten, über die Historie anderer Dörfer darf man nichts erzählen, sofern diese überhaupt bekannt ist. Noch heute verlassen viele Einwohner Oe-Cusse Ambenos ihr Dorf fast ihr ganzes Leben nicht und kennen bestenfalls die Nachbardörfer. Folge ist auch, dass die Angaben oftmals von Dorf zu Dorf einander widersprechen. Über zwei bestimmte Dörfer in der Sonderregion darf überhaupt keine Auskunft über die Vergangenheit gegeben werden. Darüber herrscht ein Tabu. Will man Informationen über die Geschichte des hiesigen Reiches erfahren, gibt es nur wenige, die darüber Auskunft geben dürfen.Laura Suzanne Meitzner Yoder: Custom, Codification, Collaboration: Integrating the Legacies of Land and Forest Authorities in Oecusse Enclave, East Timor. 2005, S. 42, 43, 54.

Die ersten Siedler mini|Steingravuren in der HöhleLene Hara

Die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung auf Timor sind Stand 2024 zwischen 43.000 und 44.000 Jahre alt. Sie wurden in der Höhle Laili bei Laleia (Gemeinde Manatuto) entdeckt.Hawkins, Stuart & O’Connor, Sue & Maloney, Tim & Litster, Mirani & Kealy, Shimona & N. Fenner, Jack & Aplin, Ken & Boulanger, Clara & Brockwell, Sally & Willan, Richard & Piotto, Elena & Louys, Julien: Oldest human occupation of Wallacea at Laili Cave, Timor-Leste, shows broad-spectrum foraging responses to late Pleistocene environments, (2017). Quaternary Science Reviews. 171. 58-72. 10.1016/j.quascirev.2017.07.008. In derselben Höhle fanden sich auch Sedimentschichten, die zwischen 59.000 und 54.000 Jahre alt sind. In diesen fehlen menschliche Spuren, was vermuten lässt, dass Timor zuvor nicht besiedelt wurde. Dies würde wiederum die Theorie einer Besiedlung Australiens über Timor widersprechen, wo die ältesten Funde menschlicher Herkunft inzwischen auf ein Alter von 65.000 Jahren geschätzt werden. Die Besiedlung Australiens fand demnach wahrscheinlich über Neuguinea statt und Timor erreichten die ersten Siedler erst später von Osten aus.A rare find in ancient Timorese mud may rewrite the history of human settlement in Australasia, 22. Mai 2024, abgerufen am 23. Mai 2024. 2006 wurden bereits in der Kalksteinhöhle Jerimalai nahe Tutuala im äußersten Osten Timors 42.000 Jahre alte Spuren gefunden. Neben Steinwerkzeugen und Muschelschalen, die als Schmuck verwendet wurden, fand man die Überreste von Schildkröten, Thunfischen und Riesenratten, die den Höhlenbewohnern als Nahrung gedient hatten. Von dieser Besiedlungswelle scheinen keine Spuren mehr in der heutigen Bevölkerung Timors zu existieren.Sue O’Connor: New evidence from East Timor contributes to our understanding of earliest modern human colonisation east of the Sunda Shelf. Antiquity 81, 2007, S. 523–535. Die Überreste der Fische stammen zur Hälfte von Arten, die nur in der Hochsee leben. Dies belegt erstmals, dass Menschen bereits vor 42.000 Jahren weitab der Küste auf Fischfang gehen konnten. Zudem fand man einen etwa vier Zentimeter langen Angelhaken, der aus einer Schale einer Meeresschnecke hergestellt wurde. Er wird auf ein Alter zwischen 16.000 und 23.000 Jahre geschätzt und ist damit der älteste bekannte Angelhaken der Welt. Der Haken diente zum Fang von Fischen in den Küstengewässern, die zu dieser Zeit durch die Bildung der Korallenriffe fischreicher wurden.Sue O’Connor u. a.:Pelagic Fishing at 42,000 Years Before the Present and the Maritime Skills of Modern Humans. In: Science. Band 334, 2011, S. 1117.Adelaide Now: World's first anglers hooked in Timor. 26. November 2011. 38.000 bis 42.000 Jahre alt sind kleine Plättchen mit gebohrten Löchern aus der Schale des Gemeinen Perlboots (Nautilus pompilius), die ältesten bekannten Schmuckstücke Ostasiens und des pazifischen Raums.Michelle C. Langley, Sue O’Connor, Elena Piotto: 42,000-year-old worked and pigment-stained Nautilus shell from Jerimalai (Timor-Leste): Evidence for an early coastal adaptation in ISEA, abgerufen am 21. August 2016.New Scientist: Painted 37,000-year-old shell is East Asia’s oldest jewellery. 17. August 2016, abgerufen am 21. August 2016.

In Matja Kuru wurde ein 35.000 Jahre altes Knochenstück gefunden, das zur Befestigung von Harpunenspitzen am hölzernen Schaft diente. Es ist der älteste Nachweis dieser komplexen Bindungstechnik, die zwar in ganz Australien und Melanesien bekannt ist, deren älteste Zeugnisse bisher allerdings nur wenige hundert Jahre alt waren.S. O’Connor, G. Robertson, K.P. Aplin: Are osseous artefacts a window to perishable material culture? Implications of an unusually complex bone tool from the Late Pleistocene of East Timor in Journal of Human Evolution, 15. Januar 2014, abgerufen am 23. Januar 2014. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Januar 2014, abgerufen am 23. Januar 2014.

mini|Felsmalerei einer „Sonne“ inIle Kére Kére

Auch in anderen Höhlen nahe Tutuala wurden Archäologen fündig. Besiedlungsreste fanden sich in der Höhle Lene Hara, die auf 41.000 bis 43.000 Jahre datiert wurden.Christopher D. Standish, Marcos García-Diez, Sue O’Connor, Nuno Vasco Oliveira: Hand stencil discoveries at Lene Hara Cave hint at Pleistocene age for the earliest painted art in Timor-Leste, Archaeological Research in Asia, 18. März 2020. Die mehrfarbigen Wandmalereien, die Boote, Tiere und geometrische Strukturen zeigen, sind nur 2000 Jahre alt. Auf 5000 Jahre werden die Malereien in den Höhlen O Hi und Ile Kére Kére geschätzt,Lene Hara die Steingravuren, die Gesichter zeigen, sogar auf 10.000 Jahre.ABConline, 11. Februar 2011, Scientists find 10,000-year-old stone carvings Weitere Felsmalereien finden sich an den Steilküsten von Tutuala und Tunu Taraleu, in Lene Kici, Lene Cécé und Vérulu (alle nahe Tutuala), in Uai Bobo (in Venilale, Gemeinde Baucau), Lie Siri, Lie Kere, Lie Kere 2 und Lie Baai (auf dem Hochplateau von Baucau)Sue O’Connor: Nine New Painted Rock Art Sites from East Timor in the Context of the Western Pacific Region, S. 19 ff., Asia Perspectives, Vol.42, No.1, 2003, abgerufen am 6. April 2020. und in der Region von Baguia (ebenfalls Gemeinde Baucau).SAPO: .