Der Jazz prägte die Musik des vorigen Jahrhunderts. Seine Geschichte begann jedoch schon in den letzten Jahrzehnten davor.

Vorgeschichte (19. Jahrhundert)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Süden der USA eine Straßenmusik-Tradition. Die Brass Bands, schwarze aber auch weiße Marschkapellen, spielten zu vielfältigen Anlässen auf. Die schwarzen Blaskapellen waren vor allem vom Blues und kreolischer Musik beeinflusst und mischten diese Einflüsse mit europäischer Musiktradition. Die Musik dieser sogenannten „Marching Bands“ nennt man heute archaischen Jazz. Ihm fehlten die individuelle Improvisation und der Swing, obwohl auch dort schon die „leichten“ Taktzeiten (2 + 4) betont wurden. Im heutigen Oldtime Jazz hat er eine Fortsetzung gefunden, die aber – jenseits von New Orleans – vorrangig von weißen Musikern gepflegt wird. mini|Die Olympia Brass Band, eine Marching Band Um 1890 entstand der Ragtime (englisch: ragged time, „zerrissene Zeit“): Dies war ein in ausnotierten Stücken festgelegter Klavierstil, bei dem die linke Hand die Rhythmusgruppe einer Band ersetzt (Bass und Schlaggitarre). Auch dort wurde noch nicht improvisiert; aber aus der Spannung zwischen durchgehendem Viertelbeat und synkopisch „zerrissener“ Melodik entstand bereits eine Art Swing. Hauptkomponist dieses Stils war Scott Joplin, dessen bekanntester Rag – The Entertainer – durch den Film Der Clou (1973) erneut populär wurde.

Bereits weniger festgelegt und damit „jazzmäßiger“ spielte Jelly Roll Morton in New Orleans, der von sich selbst behauptete, „im Jahre 1902 den Jazz erfunden“ zu haben. Er war ein bedeutender Komponist von Blues, Blues-Songs, Ragtimes, Stomps, und ein herausragender und extravaganter Pianist, aber seine nachgewiesene Bedeutung für den Jazz hatte er mit seinen Bands in den 1920er-Jahren, nicht als Erfinder. Ebenso behauptete Nick LaRocca, der Urheber des Jazz („Creator of Jazz“) zu sein. Aber auch seine Behauptung wird von der Jazzforschung bezweifelt. Hauptrepräsentant des frühen, wahrscheinlich noch ragtimeverwandten Jazz von New Orleans war Buddy Bolden. Von seinem Vorbild ausgehend hat sich zwischen 1900 und 1915 nach herrschender Meinung der Jazz entwickelt von einer Vielzahl von Bands und Musiker-Persönlichkeiten, auch außerhalb von New Orleans, etwa auch in Memphis.

Es ist eine beliebte Frage, ob der Jazz in New Orleans erfunden wurde oder nicht. Auf diese Frage gibt es keine absolut gültige Antwort. Die Vorformen dieser Musikrichtung fanden sich Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren Teilen der Vereinigten Staaten. New Orleans bildete einen Schmelztiegel, durchzogen von Gegensätzen. Einige Jazzhistoriker sagen, der Jazz wäre in New Orleans geboren (nicht „erfunden“) und in Chicago und New York aufgewachsen.

Als um 1915 erste namhafte Bands New Orleans verließen, dürften diese dazu beigetragen haben, den Jazz auch abseits des Mississippi in den USA zu popularisieren. Möglicherweise haben bereits Bands, die um 1910 in andere Metropolen aufbrachen, jazzmäßig gespielt, aber erst ab 1914 nannten sich die Bands auch Jass- beziehungsweise Jazz-Bands, traten also mit dem Selbstbewusstsein auf, eine neue Musikrichtung zu vertreten: Zum Beispiel Pedro Stacholy’s Cuban Jazzband (evtl. bereits 1914) in Havanna, Tom Browns Band from Dixieland 1915 in Chicago oder 1916 Stein’s Dixie Jass Band, und 1915 ging das Black and Tan Orchestra mit dem Trompetenvirtuosen Buddy Petit nach Kalifornien.

Entstehung des Wortes „Jazz“ und der Oldtime Jazz (seit 1900) mini|Jazz-Schallplatte aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre Das Wort „Jazz“ taucht wohl erstmals 1913 auf, als ein Zeitungsreporter über ein Spiel des Baseballteams der San Francisco Seals schrieb. Er verwendete „Jazz“ synonym für schwungvoll oder enthusiastisch: „The poor old Seals have lost their ‘jazz’ and don’t know where to find it“ (Die bemitleidenswerten Seals haben ihren ‚Jazz‘ verloren und können ihn nicht wiederfinden).E.T. „Scoop“ Gleason, San Francisco Bulletin, 29. März 1913 Wenige Tage später reflektierte ein Redakteur derselben Zeitung die Attribute des Jazz: „Dieses bemerkenswerte … Wort … bedeutet so etwas wie Leben, Kraft, Energie, Aufbrausen des Geistes, Spaß, Schwung, Anziehungskraft, Elan, Männlichkeit, Mut, Glück. Oh, worum geht’s? – JAZZ.“Ernest J. Hopkins, San Francisco Bulletin, 5. April 1913 Der erste musikalische Nachweis für das Wort Jazz findet sich in der Chicago Daily Tribune vom 11. Juli 1915 im Zusammenhang mit einem synkopierten Rag von Art Hickman.Paul Dickson: The Dickson Baseball Dictionary. 3. Auflage, 2011, S. 466 f.

Die Kategorisierung verschiedener Jazzstile und deren zeitliche Zuordnung ist kaum möglich. Die Grenzen zwischen den Stilen des Hot oder Oldtime Jazz sind fließend, der Zeitpunkt ihrer Entstehung meist nicht eindeutig zu definieren. Es ist in vielen Fällen auch kaum möglich, von der Dominanz eines Stiles während einer bestimmten Periode zu sprechen. Die nachfolgende Auflistung bietet daher nur einige grobe Anhaltspunkte: mini|hochkant|Sidney Bechet 1900: New-Orleans-Jazz 1910: Dixieland 1920: Chicago-Jazz 1940er Jahre: Revival von New Orleans-Jazz und Dixieland in den USA, später auch in Europa.

Wilbur Sweatmans Down Home Rag wurde 1916 in zwei Versionen aufgenommen, die bereits einige Charakteristika des Jazz zeigen: The Versatile Four, die der Banjospieler Gus Haston leitete, nahmen das Stück im Januar 1916 (in England) auf; im Dezember 1916 folgte Sweatman mit seiner eigenen Aufnahme. Am 26. Februar 1917 spielte die aus weißen Musikern bestehende Original Dixieland Jass Band des Trompeters Nick LaRocca die Aufnahmen ein, die im Bewusstsein der Öffentlichkeit 1917 als erste Jazzplatte galten. Neben Trittbrettfahrern wie dem Borbee’s Jass Orchestra folgten mit Arthur Fields, Sweatman und Earl Fuller rasch weitere Interpreten. Am 12. November 1925 machen Louis Armstrong and His Hot Five die ersten Aufnahmen: Dabei lösten Soli der Instrumentalisten die Kollektivimprovisation des frühen Jazz teilweise ab.

Der („weiße“) Dixieland wurde im Allgemeinen etwas schneller und mit mehr Noten und Akzentuierungen in den Melodien gespielt als der („afroamerikanische“) New Orleans Jazz. In beiden Jazzstilen gibt es langsame und ruhige Stücke. Das beste Beispiel dafür ist die Aufnahme West End Blues aus dem Jahre 1928. Das Stück wurde von Joe King Oliver geschrieben und von Louis Armstrong und seiner neu gebildeten Studioband, den Hot Five, interpretiert. In den 1920er Jahren entstand auch die Stilrichtung Chicago-Jazz. Lokale Amateure spielten den New Orleans Jazz der Profis aus dem Süden nach. Dabei wurde er den Fähigkeiten entsprechend umgeformt. Hier erhielt zum ersten Mal das 1840 erfundene Saxophon eine wichtige Rolle im Jazz.

Bereits 1928 ist der Jazz auch in Europa so populär, dass das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main die erste Jazz-Klasse weltweit gründete; ihr Lehrer wird Mátyás Seiber. Nach 1950 entsteht, insbesondere in Großbritannien, aus einer lebendigen Pflege der traditionellen Spielarten des Jazz der Traditional Jazz. Dieses Dixieland Revival ist u. a. mit den Namen Chris Barber, Acker Bilk, Ken Colyer, Rod Mason, Monty Sunshine und der Dutch Swing College Band verbunden.

Swing (seit 1928)

Die Swing-Ära von Ende der 1920er bis in die Mitte der 1940er Jahre (in Europa bis in die späten 1940er Jahre) ist die beim Publikum erfolgreichste Zeit des Jazz. Der neu entstandene Swing hatte in den 1930er Jahren seinen Durchbruch. Nach dem Schwarzen Freitag 1929 sanken die Verkaufszahlen der Plattenindustrie von 100 Mio. Stück pro Jahr auf 6 Millionen. Dafür hielt aber das Medium Radio Einzug in den USA und mit ihm der Swing. Bands mit weißen Musikern machten jene Musik beliebt, die schon Jahre zuvor von Afroamerikanern gespielt und gehört wurde. Der wichtigste dazugehörige afroamerikanische Swing-Tanz hieß Lindy Hop. Die amerikanische Jugend war verrückt nach diesem ausgeflippten Tanzstil und dem schnellen Swing. Während der Wirtschaftsdepression der 1930er Jahre blühte dadurch eine noch nie dagewesene und von der älteren Generation unverstandene Jugendkultur der Fröhlichkeit und der Freiheit auf. Der Musikstil wurde so zur vorherrschenden Populär- und Unterhaltungsmusik. mini|hochkant|Django Reinhardt und Duke Ellington im November 1946. Foto: William P. Gottlieb Bandleader wie Duke Ellington, Count Basie, Benny Goodman und Artie Shaw wurden zu Stars. Duke Ellington und sein Orchester hatten jahrelang ein festes Engagement im Cotton Club. Die Auftritte der Big Bands zogen ein riesiges Publikum an; Swing war die populäre Tanzmusik dieser Zeit. Aus einer besonderen Spielform des Swing, dem Kansas City Jazz, entwickelte sich letztlich der Rhythm & Blues. Mit der Gründung des Quintette du Hot Club de France durch Django Reinhardt mischte seit 1934 auch Europa in der Jazzgeschichte mit. Bis heute pflegt das Pasadena Roof Orchestra als authentischer Vertreter des Swing diese Epoche mit der Interpretation von Original Arrangements.

Ungefähr ab Anfang der 1950er Jahre machte der Swingjazz eine Wandlung durch, die teilweise auf der Ablehnung der neueren Jazzstile, teilweise aber auch auf der Einbeziehung und Verarbeitung von einigen Elementen aus diesen beruhte; während ein Teil der Musiker die alten Jazzstile mehr oder weniger in Originalform weiter pflegte, begannen andere insbesondere in Jamsessions eine Mischform aus älteren Stilen und neuen zu entwickeln, die Mainstream Jazz genannt wurde (wobei dieser Begriff im Lauf der Zeit mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen wurde). Musiker wie Oscar Peterson, Ruby Braff und Scott Hamilton stehen exemplarisch für diesen Stil.

Modern Jazz (seit 1940)

mini|hochkant|Ella Fitzgerald (1940)

Mit dem Bebop beginnt der Modern Jazz. Um die Entstehungsgeschichte des Bebop ranken sich allerlei Mythen und Legenden. Fest steht jedoch, dass zu einer Zeit, als viele Big Bands des Swing ihren Zenit erreicht oder bereits überschritten hatten und ihre Musik immer formelhafter wurde, junge Musiker unter anderem im Harlemer Club Minton’s Playhouse mit neuen musikalischen Formen experimentierten. Die Unzufriedenheit mit den stereotypen Klischees des kommerziellen Swing, das Zusammentreffen einiger kreativer Musikerpersönlichkeiten und ein erwachendes Selbstbewusstsein dieser meist schwarzen Musiker führte letztendlich zur Entstehung eines neuen Stils. Als „Gründerväter“ des Bebop gelten Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Charlie Christian und Kenny Clarke. Die Musiker versuchten, eine Musik zu entwickeln, die nicht mehr primär als Tanz- oder Unterhaltungsmusik fungierte und gegenüber den vorherigen Stilen eine erweiterte Harmonik hatte.

Durch die Verbindung des Bebops mit Elementen der latein-amerikanischen Musik entstand der Afro Cuban Jazz. Auslöser hierfür war die Zusammenarbeit Dizzy Gillespies mit dem Kubanischen Perkussionisten Chano Pozo Mitte der 1940er Jahre. Stan Kenton entwickelte in der zweiten Hälfte der 1940er mit Hilfe spätromantischer Arrangements, aber auch anspruchsvollen Kompositionen den Progressive Jazz. Unabhängig davon entstand – ebenfalls als früher Cross-Over mit der klassischen Musik – die Third-Stream-Bewegung, zu der beispielsweise John Lewis, J. J. Johnson, Charles Mingus und Gunther Schuller mit ihren Kompositionen und Arrangements beitrugen.